Von Verdun bis Auschwitz

 

Zum heutigen Holocaust-Gedenktag, der an die Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau am 27.1.1945 erinnert, sprach im Deutschen Bundestag Dr. h.c. Charlotte Knobloch. Sie ist seit 1985 PrĂ€sidentin der Israelitischen Kultusgemeinde MĂŒnchen und Oberbayern. Von 2006 bis 2010 war sie PrĂ€sidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland.

Ich hörte diese Ansprache eher zufĂ€llig in der Fernseh-DirektĂŒbertragung – und war tief beeindruckt und bewegt. Ich mĂŒsste sehr lange zurĂŒckdenken, um mich an eine andere, solch fulminante Rede zu erinnern.

Dabei ist das Konzept einfach: Charlotte Knobloch, 1932 geboren, erzĂ€hlt einfach aus ihrem Leben – schnörkellos, nĂŒchtern, ungeschminkt. Von den unfassbaren Leiden, welche sie schon als kleines Kind prĂ€gten. Und sie appelliert an die Demokraten: „Passen Sie auf auf unser Land!“ 

Ich fasse die Rede zusammen (mit kursiven Originalzitaten):

Ich stehe vor Ihnen – als stolze Deutsche.

Wie einst meine Großmutter Albertine Neuland, seligen Angedenkens. Mit meinem Großvater treu ihrer deutschen Heimat verbunden. Hoch angesehen in der Bayreuther Kaufmannsgesellschaft. Passionierte Wagnerianerin. Ermordet in Theresienstadt im Januar 1944.

Von meiner Großmutter habe ich die Liebe zu den Menschen geerbt – trotz der Menschen.

Ich stehe als stolze Deutsche vor Ihnen.

Charlotte Knobloch berichtet von ihrem Vater, einem dekorierten Veteran des Ersten Weltkriegs, der fĂŒr Deutschland gekĂ€mpft hat. Seine LoyalitĂ€t schĂŒtzte ihn nicht vor den Schikanen der Nationalsozialisten.

Sie erzĂ€hlt nun von ihrem eigenen Leben: Drei Monate ist sie alt, als Hitler an die Macht kommt. Mit vier Jahren erlebt sie den Weggang ihrer Mutter. Diese war zum jĂŒdischen Glauben konvertiert und hielt dem Druck, mit einem Juden verheiratet zu sein, nicht mehr Stand. Die Großmutter erzieht sie nun. Das kleine MĂ€dchen erlebt hautnah die wachsenden EinschrĂ€nkungen und Verunglimpfungen:

Eines Nachmittags will ich zum Spielen raus. Im Hof gegenĂŒber treffe ich mich oft mit MĂ€dchen und Buben aus der Nachbarschaft. Heute ist das Gatter verschlossen. Ich rufe. Sie drehen sich weg. Von hinten raunt mich die Hausmeisterfrau an: »Judenkinder dĂŒrfen hier nicht spielen!«

Ab 1938 geht die ErzĂ€hlerin auf die jĂŒdische Schule. Sie hatte sich darauf gefreut. Nun sitzt die Furcht mit im Klassenzimmer. Der Schulweg ist ein Spießrutenlauf.

Die „Arisierung“ ist nun in vollem Gange. GeschĂ€ftliche und berufliche Existenzen werden vernichtet. Ihr Vater verliert die Anwaltszulassung.

Unser Leben findet nur noch zu Hause statt. Aber PrivatsphĂ€re gibt es nicht mehr: Meist abends – wenn es dunkel und Juden verboten ist, das Haus zu verlassen – klingelt es Sturm. MĂ€nner in langen MĂ€nteln streifen durch die Wohnung, als sei es die ihre. Porzellan, Teppiche, Besteck, Bilder, AntiquitĂ€ten, Leuchter – sie bedienen sich nach Belieben und quittieren, akkurat. Deutschland. 

Schikanen, Bedrohungen und nicht nur psychische Gewalt sind nun an der Tagesordnung. Das kleine MĂ€dchen erlebt, wie man ihren Vater von seiner Hand wegreißt und in ein Auto zerrt. Nach Stunden kommt er wieder zurĂŒck. GlĂŒck gehabt – noch.

Charlotte Knobloch macht nun eine aktuelle Zwischenbemerkung, die ich fĂŒr sehr wichtig halte:

Lassen Sie es mich hier klar sagen: Wer Corona-Maßnahmen mit der nationalsozialistischen Judenpolitik vergleicht, verharmlost den antisemitischen Staatsterror und die Schoa. Das ist inakzeptabel!

Ab November 1941 erlebt die damals NeunjĂ€hrige die Deportationen in den Osten. Freunde und Bekannte verschwinden fĂŒr immer. Schließlich trifft es auch ihre Familie: Entweder die Großmutter oder die Enkelin mĂŒssen auf einen Transport. Die Oma zögert keine Sekunde – sie fahre nun „zur Kur“. Auch das kleine MĂ€dchen weiß, was das bedeutet… 

Der Vater versteckt sie auf einem frĂ€nkischen Dorf, wo sie als „Lotte Hummel“ beim ehemaligen DienstmĂ€dchen von Verwandten die Nazizeit ĂŒberlebt. Auch ihren Vater sieht sie wieder – von Misshandlungen gesundheitlich schwer geschĂ€digt.

Ich will nicht zurĂŒck nach MĂŒnchen! ZurĂŒck zu den Leuten, die uns beleidigt, bespuckt, uns in jeder Form gezeigt haben, wie sehr sie uns plötzlich hassten!

Aber ich habe keine Wahl. Und so begegne ich ihnen allen. Ich will weg aus dieser Stadt, aus diesem Land. 

Mit 16 lernt sie ihren spĂ€teren Mann Samuel Knobloch kennen. Seine Mutter und fĂŒnf seiner Geschwister wurden im Ghetto ermordet – seinen Vater erschoss man vor seinen Augen.

Sie wollen in die USA auswandern – und bleiben schließlich doch in Deutschland. Sie erleben, dass man sich dort in den 1960-er und 70-er Jahren endlich mit der Aufarbeitung der Naziverbrechen befasst. Charlotte Knobloch engagiert sich – in der eigenen Kultusgemeinde und der Politik. JĂŒdisches Leben habe hierzulande wieder eine Perspektive. Aber:

„Ich muss Ihnen nicht die Chronologie antisemitischer VorfĂ€lle in unserem Land darlegen. Sie erfolgen offen, ungeniert – beinahe tĂ€glich.

Verschwörungsmythen erfahren immer mehr Zuspruch. Judenfeindliches Denken und Reden bringt wieder Stimmen. Ist wieder salonfĂ€hig – von der Schule bis zur Corona-Demo. Und natĂŒrlich: im Internet – dem Durchlauferhitzer fĂŒr Hass und Hetze aller Art.“

Der Antisemitismus sei nicht nur fester Bestandteil des Rechtsextremismus, sondern auch in der extremen Linken verwurzelt – und im radikalen Islam. Knobloch erinnert an den Artikel 18 des Grundgesetzes: Wer Grundrechte dazu benĂŒtzt, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu bekĂ€mpfen, verwirkt sie.

Auf keinen Fall darf auf dem RĂŒcken der Polizei ausgetragen werden, was Legislative und Judikative liegen lassen. 

Ihr wichtigster Appell gilt den jungen Menschen: 

„Es gibt keinen besseren Kompass als Euer Herz. Lasst euch von niemandem einreden, wen Ihr zu lieben und wen Ihr zu hassen habt!“

Aber auch fĂŒr die vor ihr sitzende AfD-Fraktion des Bundestags hat sie eine Botschaft: 

„Ich spreche Sie nicht pauschal an! Vielleicht ist die eine oder der andere noch bereit zu erkennen, an welche Tradition da angeknĂŒpft wird. Zu den ĂŒbrigen in Ihrer »Bewegung«: Sie werden weiter fĂŒr Ihr Deutschland kĂ€mpfen. Und wir werden weiter fĂŒr unser Deutschland kĂ€mpfen. Ich sage Ihnen: Sie haben Ihren Kampf vor 76 Jahren verloren!“ 

Wirklich? 

Auf der Facebook-Seite von t-online wurde heute an den Holocaust-Gedenktag erinnert. Darunter fanden sich dann Kommentare wie diese:

Der Sinn des Gedenktages ist, uns weiter das Geld aus der Tasche zu ziehen“

„Ja und den Opfern des 30 jĂ€hrigen Krieges ich fĂŒhl mich so schuldig.“

„Auf ewig schuldig, oder wie? Ich kann es nicht mehr hören!“

Sorry, aber weitere Zitate mag ich nicht bringen – ich kotze sonst auf die Tastatur. Nichts dazugelernt?

Kurt Tucholsky schrieb zur Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht 1919 durch nationalistische Freikorps-Soldaten:  Wir wollen bis zum letzten Atemzuge dafĂŒr kĂ€mpfen, dass diese Brut nicht wieder hochkommt.“

Seine Generation hat es nicht geschafft. Vergeblich war seine flammende Warnung, die er 1924 nach einem Besuch der GedenkstĂ€tten von Verdun verfasste, wo im Ersten Weltkrieg ĂŒber eine halbe Million französische und deutsche Soldaten fielen:

Ist es vorbei –? 

SĂŒhne, Buße, Absolution? Gibt es eine Zeitung, die heute noch, immer wieder, ausruft: »Wir haben geirrt! Wir haben uns belĂŒgen lassen!«? (…) Gibt es auch nur eine, die nun den Lesern jahrelang das wahre Gesicht des Krieges eingetrommelt hĂ€tte, so, wie sie ihnen jahrelang diese widerwĂ€rtige Mordbegeisterung eingeblĂ€ut hat? (…) Habt ihr einmal, ein einziges Mal nur, wenigstens nachher die volle, nackte, verlaustblutige Wahrheit gezeigt? Nachrichten wollen die Zeitungen, Nachrichten wollen sie alle. Die Wahrheit will keine.

Und aus dem Grau des Himmels taucht mir eine riesige Gestalt auf, ein schlanker und ranker Offizier, mit ungeheuer langen Beinen, Wickelgamaschen, einer schnittigen Figur, den Scherben im Auge. Er feixt. Und krĂ€ht mit einer Stimme, die leicht ĂŒberschnappt, mit einer Stimme, die auf den Kasernenhöfen halb Deutschland angepfiffen hat, und vor der sich eine Welt schĂŒttelt in Entsetzen:

»Nochmal! Nochmal! Nochmal –!«

https://www.textlog.de/tucholsky-vor-verdun.html 

Heute schwenkt man – sogar vor dem Bundestag – wieder Reichskriegsflaggen. Und wer öffentlich eine Kippa trĂ€gt, ist sehr mutig. Passen wir wirklich gut auf unser Land auf?

Ich meine, wir haben bislang vor allem GlĂŒck gehabt.

P.S. Hier das Video der Rede:

https://www.youtube.com/watch?v=EF2mdHj5gKk 

Die Textfassung dazu:

https://www.juedische-allgemeine.de/politik/ich-stehe-vor-ihnen-als-stolze-deutsche/

Kommentare

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