Der Weg zur Milonga-Reife
Derzeit macht in Bloggerkreisen ein Text der Tango Canada Academy die Runde, in dem behauptet wird, ein völliger Anfänger ohne jegliche Tanzerfahrung brauche nur 3-4 Monate, um sich mit verschiedenen Partnerinnen auf einer Milonga sicher zu bewegen.
Hier zum Nachlesen: https://tangocanada.ca/how-long-to-learn-argentine-tango/
Der Kollege Helge Schütt meint dazu:
„Faszinierend. Also irgendwas habe ich (und alle meine Lehrer und auch alle Tänzer, die ich persönlich kenne) komplett falsch gemacht. Ich habe Jahre (und nicht Wochen) gebraucht, um alle diese Dinge zu lernen. Und auch heute kenne ich nur einen Bruchteil dessen, was man im Tango wissen kann, und lerne jeden Tag dazu.“
Er sei für jeden Tipp zu solcher Beschleunigung dankbar:
https://helgestangoblog.blogspot.com/2026/06/kurznotiz-46-tango-fast-track.html
Auch Klaus Wendel, der König der Tango-Expertise, ist da mehr als skeptisch: In einem Artikel, für den 23 Minuten Lesezeit („Gut Ding will Weile haben“) angedroht werden (den Original-Text mitgerechnet), legt er umfangreich dar, wie lang und steil der Weg zum Tanz vom La Plata ist. Etwa neunzig Prozent der Neulinge benötigten mindestens ein Jahr, bis eine halbwegs belastbare Grundlage entstehe.
Nach vielen Jahren Unterricht würde er jedoch sagen: Vielleicht zehn bis dreißig Prozent seien wirklich bereit, sich auf einen intensiven Lernprozess einzulassen. „Der Rest möchte schon lernen, aber bitte in einem angenehmen Rahmen. Einmal pro Woche Kurs, ein bisschen Spaß, ein bisschen Abwechslung, nicht zu viel Wiederholung, nicht zu viel Korrektur, nicht zu viel Frust.“
Das Titelbild zeigt typischerweise einen redenden Tangolehrer, dem die Lernenden andächtig lauschen.
https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-56-teil/
Ich möchte dem, was die beiden Kollegen schreiben, nicht grundsätzlich widersprechen. Ich kenne genügend Leute, bei denen sich ein solcher „Lernprozess“ sogar über Jahre hinschleppt, ohne dass dabei etwas Tangoähnliches herauskommt. Dennoch besuchen einige davon Milongas und haben Spaß. Gut so – sie sollten sich nur nicht über die mangelnde „Ronda-Disziplin“ beklagen, welche sie beim Herumtappen stört!
Ich kenne aber auch ganz andere Fälle:
Beispielsweise eine Tangofreundin, die nie einen Kurs von innen gesehen hat und dennoch wundervoll tanzt, so dass sie sich auf den Veranstaltungen vor Aufforderungen kaum retten kann. Und führen kann sie auch noch.
Eine andere mir gut bekannte Dame rannte nach der ersten Kursstunde sofort auf eine Milonga, obwohl ihr Tangolehrer dringend davon abgeraten hatte. Auch sie wurde schnell zu einer höchst begehrten Tanzpartnerin – natürlich ebenfalls führend.
Beide Frauen tanzen seit ihrer Kinder- bzw. Jugendzeit.
Ich kann mich noch gut an eine ausgebildete Ballett-Tänzerin erinnern, die zum ersten Mal eine Milonga besuchte. Die üblichen Tangobewegungen hatte sie nach einer Minute Tanzen drauf – es war mir ein Vergnügen, mit ihr eine Tanda zu gestalten!
Zu einem ähnlichen Ergebnis kam es mit meiner früheren Trainerin in den lateinamerikanischen Tänzen, die nach eigenem Bekunden das erste Mal auf einer Milonga war. Ich bat sie zum Tanz – und innerhalb einer Runde beherrschte sie die üblichen Tangobewegungen!
All diesen Beispielen ist eins gemeinsam: Die betreffenden Damen konnten zwar anfangs keinen Tango, dafür aber etwas viel Wichtigeres: tanzen.
Die Mehrzahl der Leute, die sich heute in der Szene tummeln, haben erst in reiferem Alter mit dem Tango begonnen. Bis dahin war offenbar Tanz für sie kein Thema. Manche, beispielsweise der Tangoblogger-Urahn Cassiel, beschreiben sogar die Qualen, die ihnen der Schüler-Tanzkurs sintemalen bescherte. In einem Artikel bekannte er einmal, er übe gerade das „angstfreie Drehen“. Tja…
Ich glaube, tänzerische Begabung zeigt sich schon einmal darin, dass man sich beim Erklingen von Musik dazu bewegen möchte. Viele Kinder tun das spontan – bis zum Erwachsensein verliert es die Mehrzahl vor allem der Männer. Vielleicht, weil Tanzen bei uns heute nicht mehr die soziale Bedeutung hat wie noch vor 50 und mehr Jahren.
Meines Erachtens lautet die unbequeme, aber nötige Frage an diese Population: Wenn euch Tango so viel bedeutet – wieso habt ihr dann nicht spätestens im Teenager-Alter mit dem Tanzen begonnen? Hat es nie in den Füßen gejuckt, euch zur Musik zu bewegen?
Nach meiner Erfahrung haben fast alle, deren Fähigkeiten auf dem Parkett ich ernstnehme, eine tänzerische Vorgeschichte, die oft bis ins frühe Kindesalter zurückreicht.
Nach dem, was man über die Gründerjahre des Tango weiß, wurden einst schon die Kleinen mit auf die Milongas genommen – oder sie schlichen sich heimlich hinein. Wohl deshalb, weil sie über das „Zum Tanzen-Gen“ verfügten. Heute dagegen fangen Menschen mit dem Tango an, die befürchten, die nächste Partnerin könnte der Rollator sein…
Als Begleitmusik erklingt das ewige Mantra der Tango-Lehrbranche, alle könnten diesen Tanz erlernen. Na ja, kommt halt drauf an, was man unter „Lernen“ versteht…
Bei der „Milonga-Reife“ sollte man auch bedenken, dass es ganz unterschiedliche Arten von Veranstaltungen gibt. Ich würde Neulingen dringend davon abraten, überfüllte Milongas zu besuchen und dann in dem Gewusel auf dem Parkett völlig den Überblick zu verlieren. Ebenso giftig wirken Events mit einer herben Hierarchie, welche den Zugang zu erlauchten Zirkeln nur auf allen Vieren gestattet. Eine wirksame Methode, um vom Tango abzuschrecken!
Ich kenne aber einige Veranstaltungen, auf denen Platz genug ist, auf denen man freundlich auf Anfängerinnen und Anfänger zugeht, sie nicht zum Opfer der Selbstinszenierung arroganter Gockel (und Gockelinnen) macht. Solche Events kann man gar nicht früh genug besuchen!
Klaus Wendel schreibt aber völlig zutreffend: „Bei den meisten normalen Kursteilnehmern sieht die Sache anders aus. Sie kommen einmal pro Woche, manchmal auch nur alle zwei Wochen. Dann ist Urlaub, Krankheit, Arbeit, Familie, schlechte Laune, schönes Wetter oder irgendein anderer Grund. Das ist völlig normal. Aber dann darf man sich auch nicht wundern, wenn Tango nicht nach drei Monaten sitzt.“ Oder nach einem Jahrzehnt...
Im Gegensatz zu meinen Kollegen wage ich daher keine Zeitangaben. Ich warne nur vor dem Konjunktiv: Mit „eigentlich möchte ich schon ganz gerne den Tango versuchen“ wird das nichts. Auch nicht in hundert Jahren!
Als Appetithappen heute ein Langsamer Walzer von Friedrich Schröder und Hans Fritz Beckmann aus dem Jahr 1937. Und wenn es noch eines Argumentes bedürfte: Selbst Max Raabe hat dazu getanzt!
https://www.youtube.com/watch?v=34KMvemTgE4&list=RD34KMvemTgE4&start_radio=1
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Den Original-Text eben doch mit mitgerechnet.
AntwortenLöschenSorry, dann kam es mir nur so lang vor. Ich habe den Text geändert.
LöschenKlaus Wendel hat zu meinem Artikel nun einen längeren Kommentar veröffentlicht. Wie üblich geht er auf meine Argumente nur oberflächlich ein und bemüht sich, alles misszuverstehen, was irgendwie so hingestellt werden könnte:
AntwortenLöschenhttps://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-56-teil/#comments
Natürlich benutzt er wieder Kraftausdrücke wie "Klugscheißerei".