Was man an den Früchten erkennt
„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Von Dornen erntet man keine Trauben und von Disteln keine Feigen.“ (Matthäus 7,16)
Im veröffentlichten Tango hat die Bibel oft nicht recht. Seit langer Zeit und immer wieder nerve ich mit der Frage, warum Tangolehrkräfte in unzähligen Videos zwar gerne vormachen, was sie selber können, aber sehr selten tanzende Schülerinnen und Schüler zeigen. Damit zusammen hängt das Thema, dass die Instruktoren wenig mit den Lernenden tanzen. Jedenfalls in den veröffentlichten Bildern.
Dies hat Blogger-Kollege Helge Schütt nun heftig bestritten: In seinem Erfahrungsbereich gebe es eine Reihe von Lehrerpaaren, welche mit ihrer Kundschaft tanzten. Etwas uncharmant spricht er über meine Behauptungen von „Unsinn“.
Na prima, ist doch schön, wenn es anders wäre! Persönlich habe ich das aber relativ selten erlebt. Und auf Videos ist es fast nie zu sehen.
Tanzende Kursteilnehmende zeigen? Das lehnt Klaus Wendel in einem Kommentar mit Donnergrollen ab. Auch in dieser Frage gehe mir das Fingerspitzengefühl völlig ab:
„Nicht jeder Tanzschüler möchte sich den Blicken eines anonymen Internet-Publikums aussetzen. Schon gar nicht in einer Phase, in der neue Fähigkeiten gerade erst entstehen, noch unsicher sind und eben nicht perfekt aussehen können. Unterricht ist ein geschützter Lernraum. Wer dort lernt, ist nicht automatisch Material für die Öffentlichkeitsarbeit seines Lehrers.“
Na ja, wer von „großmäuligen Forderungen“ schreibt, die ich „in den Äther schieße“, arbeitet eher mit dem Vorschlaghammer denn mit Fingerspitzen… aber sei’s drum.
https://helgestangoblog.blogspot.com/2026/05/kurznotiz-44-nachrichten-aus-einem.html
Klar, wer seine Kundschaft beim Tanzen zeigt, muss die selbstverständlich um Erlaubnis bitten, wenn er es veröffentlichen will. Ich kenne eine Vielzahl von Milonga-Aufnahmen, die tanzende Gäste zeigen. Hat man die nicht gefragt oder waren sie gar einverstanden?
Ich war auf etlichen Milongas zu Gast, wo man zu Beginn ansagte, es würden Aufnahmen gemacht. Wer das nicht wolle, solle sich melden. Man würde sie oder ihn dann aussparen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass es größere Rückmeldungen gab.
Bei unseren Tanzvideos haben wir oft nur die Beine gezeigt, um meine Tanzpartnerinnen vor unflätigen Angriffen zu schützen. Auch das wäre eine Option.
„Wer etwas will, findet Wege. Wer etwas nicht will, findet Gründe.“ (Harald Kostial)
Zur Weigerung habe ich einen schrecklichen Verdacht: Filmt man Tanzpaare auf öffentlichen Veranstaltungen, sieht man ja normalerweise nicht, wo die gelernt haben. Bei Tanzschulaufnahmen schon…
Im 53. Teil seiner „Gedanken über Tangounterricht“ erklärt Klaus Wendel aktuell und wortreich, „Warum Unterricht ohne Vorgaben nicht funktioniert“. Dazu eine Abbildung der tänzerischen Apokalypse im Stil von Hieronymus Bosch. Damit‘s auch der größte Depp kapiert…
Dem Meisten, was der Autor da ziemlich redundant abhandelt, stimme ich gerne zu: Nur durch Selbstentdeckung, durch freies Rumprobieren lernt kaum jemand Tango. Zumal man sich heute einer Kundschaft gegenübersieht, die vorher überhaupt noch nie irgendwas getanzt hat. Klar sind Vorgaben und Anleitungen nötig.
Es ist halt die Frage, wie weit man die treibt. Sicher nicht bis zum anderen Extrem, für das unzählige Videos von Tangoschulen werben: dem Runtertanzen eingelernter Schrittfolgen. Aber das will Wendel ja auch nicht.
Wieder einmal habe ich den Eindruck, dass der Kollege alles daransetzt, Gräben aufzureißen und aufrechtzuerhalten. So schreibt er in einer „persönlichen Diagnose“: „Wer Korrektur nicht als Hilfe, sondern als Kränkung erlebt, wer methodische Hinweise nicht umsetzen kann und daraus Frustration entwickelt, der kann daraus leicht eine grundsätzliche Abneigung gegen Lehrpersonal, Methode und didaktische Struktur machen.“
https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-53-teil/
Sorry, ich kenne niemanden, der das so sieht. Aber manchmal erkennt man nicht nur die Früchte, sondern auch die Früchtchen.
Ich habe genügend Tangolehrende erlebt, die ihre persönliche Tanzweise für alleinseligmachend hielten und die Lernenden zu kleinen Kopien machen wollten – die so geradezu verhinderten, dass sich ein eigener Tanzstil entwickeln konnte. In einer Vielzahl von YouTube-Videos werden ausschließlich Schritte vorgeturnt. Es braucht aber Freiheiten statt engmaschiger Belehrung. Sonst bleibt der Tango argentino der 11. Standardtanz. Schon heute gleicht der übliche Tangounterricht immer mehr dem der normalen Tanzschulen.
Und ja, darauf werde ich, wenn nötig, noch oft hinweisen: Tango lernt man am besten im Zweier-Kontakt mit einem erfahreneren Partner. Die üblichen Gruppenkurse und Práctica bringen herzlich wenig. Wenn, dann würde ich auf jeden Fall Einzelstunden nehmen – in der Hoffnung, dass die Lehrkraft wenigstens da mit mir tanzt. Tango lernt man nicht vom schönen Reden, sondern durch den Körperkontakt, durch die Führung der Musik.
Zur Info, liebe Tangolehrer: Musik ist das, was ihr im Kurs immer leiser dreht, weil man sonst eure Erklärungen nicht hört!
Kurz und knapp: Euer ganzes Gedöns überzeugt mich nicht, solange ich nicht eure Schülerinnen und Schüler tanzen sehe – gerne auch mit euch.
Diese Früchte würde ich anerkennen.![]() |
| Katzbeceo |


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