Von fiktiven Mehrheiten
Mit besonderem Interesse habe ich den 23. Teil von Klaus Wendels PDF über „Gerhard Riedl und die Debatte als Bühne“ gelesen. Darin prangt auch ein bearbeitetes Foto von mir. Ich nehme an, er hat die Nutzungsrechte dafür erworben.
Der Autor verbreitet sich in dem Kapitel über die „private Wunschblase als Maßstab für alle“.
Immerhin, so stelle ich zu meiner Freude fest, wird nun den Anhängern des modernen Tango eine Art Minderheiten-Schutz gewährt:
In einer „kleinen, privaten, experimentellen Gruppe“ könne man „schrägere Musik spielen, mehr Platz brauchen, größere Bewegungen ausprobieren, auf Ronda weniger achten, Piazzolla oder moderne Orchester einstreuen, Tango Nuevo anders interpretieren und den Abend nach eigenen Vorlieben gestalten. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden.“
Na, da bin ich aber froh! Ich hatte in all den Jahren schon befürchtet, irgendwann könnte in Pörnbach die „Tango-Pozilei“ klingeln und unsere Bose-Anlage beschlagnahmen…
Im November des vergangenen Jahres klang das noch anders:
„Neulich hab ich einen Blog gelesen, in dem jemand von seiner ‚Wohnzimmer-Milonga‘ schwärmte. Überschrift: Musik aus dem (Hintertupfinger) Wohnzimmer. (…) Und dem gewissen Blogger aus Hintertupfingen möchte ich mal einen Musikalitäts-Workshop ans Herz legen, damit er endlich mal versteht, warum die Mehrheit der Tango-Szene lieber zu Musik der EdO-Zeit tanzt als zu Susana Rinaldi.“
https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-29-teil/
Ohne zertifizierten Musikalitäts-Nachweis (und bei meiner „Selbstüberschätzung“) hätte ich möglicherweise gar keine Gäste einladen dürfen!
Wendel operiert in seinem Text immer wieder mit der „Mehrheit“, die halt die traditionelle Beschallung wolle. Die stimme eben mit den Füßen ab.
Der Kollege kann das vermutlich nicht wissen, weil er vielleicht vor lauter Bloggen und Unterrichten selber kaum Milongas besucht: Es gibt viele Gründe, warum Menschen an Tangoveranstaltungen teilnehmen – und nicht alle haben etwas mit der dort gebotenen Musik zu tun:
Da spielt die leichte Erreichbarkeit eine Rolle, der finanzielle Aufwand, die Atmosphäre, die vertrauten Menschen, die man trifft (siehe „Bubble“) – und für Frauen die Erwartung, dass man dort öfters mal aufgefordert wird statt den ganzen Abendlang herumzusitzen. Die Männer erwarten, dass ihnen keine komplizierten Bewegungen abverlangt werden, sondern die Partnerin das mittanzt, was ihnen einfällt – und das ist selten viel.
Ob Neo oder Tradi: Auf die Musik hören eh die wenigsten: Da wird, oft mit dem Rücken zur Tanzfläche, fröhlich geplaudert, getrunken und gegessen. Die Musik blendet das Hörzentrum erst ein, wenn man aufgefordert wird – und dann ist man beruhigt, wenn es so klingt wie immer.
Der Autor meint, ich wolle „attraktive Milongas besuchen, die nicht völlig leer“ seien. Na ja – wenn ich mit meiner Partnerin da bin, ist es ja nicht völlig leer! Ansonsten bin ich oft froh, wenn wenig Gäste kommen – dann besteht die Hoffnung, dass wir halbwegs Platz zum Tanzen haben.
Ich würde „gemeinsamen Konsens mit von oben herab erteilten Handlungsanweisungen“ verwechseln. Sicher – nicht überall wachen „Pisten-Aufseher“ über die Befolgung der Codigos (obwohl es solche Fälle gab). Aber wenn mehrere direkt auffordernde Männer von einer Ideologie-Bewahrerin weggeschickt werden, spricht sich das herum. Dann bildet sich sehr schnell ein sozialer Trend, dem man schlecht entkommen kann.
Wendel spricht gerne von „Sonderwünschen“, denen eine „Mehrheit“ nicht nachkommen müsse. Wie man eine solche Majorität nachweisen kann, sagt er nicht. Wenn es in zumutbarer Entfernung nur traditionelle Veranstaltungen gibt, sagt deren Besuch darüber wenig bis nichts. Man geht eher hin, um überhaupt Tango tanzen zu können. Und vor allem, um Gesellschaft zu haben.
Auch in autoritären politischen Systemen sind Mehrheiten oft nicht das Papier wert, auf dem sie stehen. Um sie zu erreichen, muss man nicht gleich mit Gefängnis drohen. Es reicht eventuell schon, das Volk propagandistisch zuzuschütten. Und Andersdenkende mit verlogenen Vorwürfen, persönlichem Hohn und Spott runterzumachen. Als Blogger kennt man solche Mechanismen.
Ich habe öfters erlebt, wie man Milongas „umdrehen“ kann. Es reicht, wenn sich eine sehr aktive Gruppe in eine Tangoszene einmischt. Bald erreicht man Spitzenpositionen, und in kurzer Zeit wird der Laden ohne viel Federlesen auf „rechts“ gedreht. Ein paar Widersetzlinge ekelt man raus, und dem Rest ist es eh wurscht: Hauptsache Tango.
Mehrheiten? Hat man mal abstimmen lassen? Nein – lieber nicht!
Für wirklich unverfroren halte ich die Behauptung, man sei nicht verpflichtet, „die persönliche Wunschmischung eines Einzelnen zu bedienen.“
Nein, natürlich nicht! Aber die Darstellung, ich sei wirklich der Einzige in der gesamten Tangoszene, dem buntere Musikmischungen gefallen würden, ist schon eine intellektuelle Zumutung! Beruft Wendel sich da auf Umfragen oder Statistiken? Aber Quellen waren noch nie seine Stärke.
Er nennt meinen Freiheitsbegriff „problematisch“. Na gut – ich habe wenigstens einen. Und ich brauche keine Belehrung darüber, dass Freiheit auch immer die Freiheit der anderen ist.
Doch gehen wir lieber gleich zum nächsten Kapitel über, dessen Überschrift lautet: „Diskussionen mit Gerhard Riedl sind sinnlos“.
Mag ja sein, wenn man sie so führt…
Kehren wir denn nochmal zu Susana Rinaldi zurück. Die inzwischen 90-Jährige ist für mich die größte noch lebende Tangosängerin. Auf deutschen Milongas spielt sie keinerlei Rolle – außer in Pörnbach:
https://www.youtube.com/watch?v=bkZL9pKPHIU
Quelle: https://www.tangocompas.co/wp-content/uploads/2026/05/Gerhard-Riedl-und-die-Debatte-als-Buehne-02.05.2026.pdf
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