Auf vollen Pisten
„Tausende standen an den Hängen und Pisten.“ (Heinz Maegerlein, Sportjournalist und Quizmaster, 1965 bei der Übertragung eines Skirennens)
Ohne Zweifel: Glaubt man dem Internet, ist Tango untrennbar mit Platzmangel verbunden! Ganze 15-mal beschwört Kollege Wendel in seinem Magnum Opus zu meiner Person die Enge des Raums:
„auf begrenztem Raum“ (S. 19)
„volle soziale Tanzfläche“ (S. 19)
„auf voller Fläche“ (S.19)
„eine volle soziale Tanzfläche“ (S. 20)
„Rücksicht auf volle Tanzflächen“ (S. 22)
„begrenztem Platz“ (S. 22)
„auf einer vollen Piste“ (S. 22)
„auf voller Piste“ (S. 23)
„weniger Raum“ (S.23)
„mit voller Piste“ (S. 23)
„Eine volle Piste“ S. 23)
„volle Pisten“ (S. 24)
„…wird sie voller. Sobald sie voller wird…“ (S. 25)
„auf voller Piste“ (S. 25)
„auf einer vollen Piste“ (S. 26)
Klar – man kann es ja nicht oft genug sagen!
Wir waren erst gestern zu Gast auf der Milonga einer Tanzschule mit einem sehr geräumigen Parkett, auf dem sich höchstens sechs oder sieben Paare tummelten. Jede Menge Platz also. Und ich kenne mehrere solcher Veranstaltungen, die ich schon aus diesem Grund gern besuche. Die Musik war bunt gemischt.
Warum machen viele einen Bogen um diese Gelegenheit, in durchaus komfortablen Räumlichkeiten mit einer sehr netten Gastgeberin zu tanzen? Fallweise sogar zu EdO-Einspielungen?
Ich sehe den Hauptgrund darin, dass man dank des freien Raums ganz gut sehen kann, wer wirklich Tango beherrscht – es ist ja Platz genug für größere Aktionen. Wenn man sie denn hinbekäme…
Die „vollen Pisten“ müssen heute als Begründung für sparsamste Bewegungen aus einem sehr übersichtlichen Repertoire herhalten. Ein Segen auch für den Unterricht, der dann die Mär verbreitet, Tango sei „nur Gehen“. Und wenn kein Platz ist, geht’s eben nicht!
Ersatzweise wird die glückselige Umarmung gepriesen – je enger, desto platzsparender. Das ist doch ein Wort!
Ich weiß, dass ich diese Frage schon oft gestellt habe, ohne jemals eine vernünftige Antwort zu erhalten: Warum kann man Besucherzahlen nicht so regeln wie in Theatern oder bei Konzerten? Also mit Voranmeldungen oder Eintrittskarten? Ab einer bestimmten Besucherzahl ist dann halt Schluss!
Nur im Tango scheint das unmöglich zu sein: Je mehr Gäste, desto heftiger rollt der Rubel. Ob sich die Leute auf einer gesteckt vollen Piste noch halbwegs komfortabel bewegen können, scheint den Organisatoren egal zu sein. Und die Tangolehrenden sind bei dem Wahnsinn gerne behilflich und vermitteln Sparsamst-Bewegungen, die als neues Tango-Ideal beworben werden.
Ich weiß nicht, ob man es mir verübeln kann, darauf mit Satire zu reagieren. Mir fällt da wirklich nichts anderes mehr ein!
Nicht nur bei Tango-Bloggern gibt es Meister der Formulierung. Und ja – Lachen entspannt, wenn es schon auf der Piste keinen Spaß mehr macht. Daher noch ein hinreißendes Zitat, das ebenfalls Heinz Maegerlein zugeschrieben wird – diesmal zum Schwimmsport:
„Und nun wickeln die Damen Ihre 100 Meter Brust ab."
https://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_Maegerlein
Eine kurze Rückblende auf vergangene Fernsehzeiten:
https://www.youtube.com/watch?v=r5FlZNNYQTs
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