Vom Zwang zum Weiterkommen

„Gerettet ist das edle Glied

Der Geisterwelt vom Bösen,

Wer immer strebend sich bemüht,

Den können wir erlösen.“

(Goethe, Faust II, 5. Akt: Bergschluchten, Chor seliger Knaben)

Beginnen wir mit der erfreulichen Nachricht: Kollege Wendel hat seine über fünfwöchige Schreibpause nun beendet und wartet gleich mit einem 3700 Wörter-Text auf!

Ich habe dazu einmal die KI befragt: Natürlich gebe es für die Länge von Blogartikeln keine starre Regel, aber als übliches Maß könne man 800 bis 1500 Wörter annehmen. Tiefergreifende Recherchen dürften 1500 bis 2500 Wörter haben.

Da bin ich doch froh und glücklich mit der KI: Bei eigenen Texten bemühe ich mich stets, nicht über zirka 1000 Wörter zu kommen. Weniger als 500 sollten es auch nicht sein. Ich möchte nämlich, dass der Kram gelesen wird.

Aber gut – mag jeder schreiben, wie er will!

Der Kollege sei auf einem anderen Blog (nämlich meinem) auf den Tangolehrer Miles gestoßen. Wer es nachlesen will:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/05/cabeceo-lehrvideos.html

An dem arbeitet sich Wendel in seinem neuen Text erstmal ab, wobei er ihn natürlich keineswegs tadeln möchte (hüstel).

Die Grundmelodie, die der Autor in seinem Epos spielt, drückt sich in dem obigen Goethe-Zitat aus. Wendel umschreibt sie mit dem bekannten Satz von Sokrates:

Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden.“

Wahre Meisterschaft liege also nicht in der vermeintlichen Perfektion, sondern in der Bereitschaft, sich kontinuierlich zu verbessern.

Wer wollte dem widersprechen?

Na ja, vielleicht ich.

Doch klar, wer möchte nicht dazulernen, Fehlerhaftes verbessern? Die glänzende Medaille hat jedoch eine weniger schöne Seite: das ständige Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Mein lieber Vater hatte sicherlich bei meiner Erziehung das Beste im Sinn: Nämlich aus einem feinfühligen, schüchternen, oft ängstlichen Knaben einen „richtigen Mann“ zu machen.

Dazu erzählte er mir öfters und in mahnender Pose eine Geschichte: Er hatte sich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet, weil es absehbar war, dass er eh bald eingezogen werden würde. So konnte er sich immerhin die Waffengattung selber aussuchen. Beim Einberufungstermin beobachte er einen blassen jungen Physikprofessor, dem seine Mutter den Tornister packen musste.

Seine Botschaft: Ein Mann müsse sich „ertüchtigen“, sonst erliege er dem „wahren Leben“. Mir als Grundschüler war die Botschaft klar: Ein hoch aufgeschossenes, blasses und ewig kränkliches Klappergestell würde sich im Leben schwertun. Die Ärzte spulen bei meinem Anblick stets meterlange Diagnosen ab. Außer Schuheinlagen und Lebertran verschrieben sie jedoch nichts.

So lief ich viele Jahre in dem Bewusstsein herum, „nicht richtig“ zu sein. Im Gegenzug produzierte ich hervorragende Schulnoten und wehrte mich verbal mit dem, was ich später als Satire erkannte. Um aber dieses Selbstbild loszuwerden, brauchte ich einige Jahrzehnte.

Dass mir der erste Tanzkurs unglaublich half, habe ich schon öfters beschrieben. Plötzlich schien nicht nur die Birne, sondern auch der restliche Körper zu etwas nütze. Wahrscheinlich hätte ich damals unter den tanzenden Mädels ziemliche erotische Verwüstungen anrichten können – doch dazu war ich zu schüchtern.

Beim Tanzen war ich lange Zeit der Meinung, ich hätte mich unter der Anleitung von Fachkräften weiterzuentwickeln, auch wenn mir manche Trainingsstunden eher nutzlos erschienen. Auch in meinen Beziehungen zu Frauen erhielt ich nicht selten die Botschaft, ich sei zwar ganz lieb – aber natürlich müsse es besser werden. In der weiblichen Welt ist der Typus nicht selten, der zwar gegen einen tyrannischen Vater kämpfte, jedoch enttäuscht ist, wenn der Geliebte von diesem Archetyp abweicht.

Auch in meinem Hauptberuf begegnete ich oft dem Urteil, ich müsse viel ändern, um dem Idealbild eines Lehrers zu entsprechen – vor allem gerecht sein, aber keine schlechten Noten erteilen. Das meinten vor allem diejenigen, welche diesen Beruf lieber nicht ergriffen hatten.

Kein Wunder, dass ich mich auch beim Bloggen dem Zwang zur Selbstoptimierung zu stellen habe – ansonsten geht es steil bergab. Erst gestern schrieb mir ein Leser:

„Die Maske der souveränen Etikette ist gefallen – geblieben ist das verunsicherte Ego eines Autors, dem die Kontrolle über den Diskurs entglitten ist.“

Inzwischen kann ich über solche Belehrungen lachen.

Ich möchte gar nicht jedem Bild entsprechen, das andere von mir haben (wollen). Und wenn, dass ist es ihr Bild, nicht meines.

Der Tango hat mir in meiner Entwicklung sehr geholfen, weil man hier das Feedback sehr direkt und wortlos bekommt. Ich spürte, dass viele Frauen ganz gerne mit mir tanzten, sich dabei wohlfühlten.

Tipps zur Selbstoptimierung erhielt ich vorwiegend von der verehrten männlichen Konkurrenz, die mich sogar zwecks Zwangsfortbildung zu irgendwelchen Meisterpaaren schicken wollte. Ich habe darauf verzichtet, im Gegenzug kostenlose Schreibkurse anzubieten.

Nicht nur im Tango, sondern auch im wahren Leben begegnete ich mit der Zeit einzelnen Personen, die mir das Gefühl gaben, doch irgendwie richtig zu sein. Nicht perfekt, aber doch nicht ganz falsch. Ich bin diesen wenigen Menschen unendlich dankbar.

Mein jetziges Sein gefällt mir ganz gut. Ich möchte gar nix mehr werden!

Ich will aber anderen bei der Selbstoptimierung nicht im Wege stehen. Klaus Wendel schreibt in seinem Artikel:     

„Problematisch wird es dort, wo der eigene momentane Erkenntnisstand nicht mehr als momentaner Erkenntnisstand verstanden wird, sondern als Wahrheit. Dann wird aus Erfahrung eine Lehre. Aus einer brauchbaren Methode wird ein geschlossenes System. Aus einem Lehrer wird ein Wahrheitsbesitzer.“

Ich finde, damit hat er sein Problem ganz gut umschrieben – Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung!

Der Autor fragt: „Darf man im Tango auch einfach tanzen?“ Na ja, wenn er nicht zuguckt, schon.

Muss ich noch was werden? Selber glaube ich eigentlich, schon etwas zu sein – was auch immer. Da dürfen die Meinungen auseinandergehen.

Nicht nur die weiblichen Wesen stehen heute unter einem unglaublichen Druck zur „Selbstoptimierung“. Da rennen schon Siebzehnjährige zum Schönheitschirurgen, weil ihnen ihre Nase nicht passt. Und hinterher müssen sie sich mit Männern abfinden, die auf ihre Bierwampe stolz sind!   

Gerade den Frauen im Tango möchte ich daher sagen: Ob groß, klein, alt, jung, dick oder dünn: Ihr seid okay so, wie ihr seid. Und tanzt so, wie ihr es fühlt, beachtet die Signale des Partners! Wenn ihr es wirklich wollt, dann wird schon was draus. Bewegt euch einfach!

Und der „Chor seliger Knaben“ kann uns mal!

Quelle: https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-51-teil/

P.S. Dieser Artikel hat zirka 1000 Wörter.

Ein interessantes Video dazu:

https://www.youtube.com/watch?v=6WgLd0ixC8g

Kommentare

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