Das „hohe Niveau“


Es hat hierzulande im Tango wenig Sinn, längere fremdsprachliche Texte zu veröffentlichen – liest kaum einer, selbst, wenn er die Sprache halbwegs beherrscht.

Dankenswerterweise hat mein Leser Sigi Schweizer mich auf eine „Tango-Botschaft“ des bekannten Tänzers Chicho Frúmboli aufmerksam gemacht. Julia Schiptsova hat sie ins Englische übersetzt. Sie ist es wert, auch bei uns zur Kenntnis genommen zu werden.

Im Kern geht es Frúmboli darum:

„Es gibt nichts Schlimmeres im Tango als zu glauben, dass wir gut tanzen und ein ‚Level‘ haben.“

Ein Boleo, ein Gancho, eine Colgada (mehr oder weniger im Rhythmus) oder ein tolles Outfit machten einen nicht zum „Experten“, „Kritiker“ oder „Profi“. Seine Altersgenossen, so der Autor, „arbeiteten jeden Tag daran, zu verstehen, zu wachsen und sich zu verbessern, da die Informationen nicht so klar waren wie für die heutigen Generationen. Um zu erforschen, zu entdecken, mit Freunden zusammenzukommen, um zu üben, was wir im Unterricht studiert und gelernt hatten. All das scheint aus einer anderen Zeit zu stammen ...“  

Routine zu entwickeln oder einem Muster zu folgen sei für manche angenehm, könne aber auch zerstörerisch auf Lernen und Kreativität wirken. Manche beklagten, es sei schwierig, einen Übungs- oder Tanzpartner „auf ihrem Level“ zu finden. Frúmbolis Anmerkung: Haben sich diejenigen gefragt, ob sie selber auf diesem Level sind? Er sage das mit Blick auf das heutige Konkurrenzdenken.

Tango zu lernen heißt für ihn, „offen und verfügbar zu sein“ – sowohl hinsichtlich des eigenen Körpers als auch der Bewegungen, „von denen wir vielleicht nie dachten, dass wir sie erreichen könnten“ – und natürlich in Bezug auf die Musik. Die Technik sei für Männer und Frauen dieselbe.

„Ich sehe jedoch, dass sich Männer oft auf die Bewegung konzentrieren, ohne darüber nachzudenken, was sie damit ausdrücken. Oft haben diese Bewegungen keinen Inhalt und wirken eher wie ein Monolog ohne Partner. Das Verstecken hinter der Bewegung beeinträchtigt unsere Fähigkeit, uns in diesem Moment auf die Emotionen oder auf einen anderen Menschen einzulassen.“

Nach über 20 Jahren Arbeit mit dem Tango, so Frúmboli, bestehe seine Technik im „Geben und Empfangen”, dem „Zuhören und Antworten”, dem Dialog.

„Es gibt nicht viele großzügige Menschen im Tango. Was bedeutet denn ‚LEVEL‘? Vielleicht ist es etwas, das uns erlaubt, ein Teil davon zu sein? Zu einer ausgewählten Gruppe von Menschen zu gehören, die eines Tages aufgewacht sind und beschlossen haben, sich in Kritiker zu verwandeln und auf andere Menschen aus einer anderen Höhe herabzuschauen? Oder ist es jemand, der weiß, dass es immer etwas zu lernen gibt und zum Teilen zur Verfügung steht?“

„Was uns zu Tangueros macht, sind die Gefühle, die wir tanzen und hören, es ist nicht nur die Verbindung, sondern es sind auch die Gefühle für die Musik, für die gemeinsame Bewegung, für den Genuss einer Tanda, mit wem auch immer, ohne an deren LEVEL zu denken.“

„Die Trends, die Kritiker, die Experten – nichts davon gibt es im Tango. Lassen Sie es uns nicht verderben. Ich warte darauf, dass Sie sich amüsieren, eine gute Zeit haben und sie mit MÄNNERN und FRAUEN teilen, auf diejenigen, die weiter wachsen möchten, die das Gefühl haben, dass Tango sie weiterhin ‚motiviert‘, diejenigen, die ein Teil davon sein möchten und zu seiner grenzenlosen Welt gehören.“

Hier der Originaltext:

Mir fällt dazu ein Dialog ein, den ich beim Tango schon oft erlebt habe – bevorzugt mit Anfängerinnen:

„Du tanzt sicher schon sehr lange, gell?“
„Ja.“
„Wie lange denn?“
„Meinst du überhaupt oder speziell Tango?“
„Tango“
„20 Jahre“
„Oh…“

Ich frage mich dann immer: Wieso, zur Hölle, will sie das überhaupt wissen? Nur, damit wir wieder mal eine schöne, vertikale Aufteilung der Tangowelt kriegen? Dabei ist diese Erkundigung nicht mal inhaltlich von großer Bedeutung: Ich kenne etliche Tänzerinnen und Tänzer, die vergleichbar lange auf dem Parkett unterwegs sind und immer noch so tanzen wie nach einem halben Jahr – wenn nicht schlimmer! Und ebenso Leute, die nach einem halben Jahr schon so tanzen, dass mir die Spucke wegbleibt.

Zweifellos hat Chicho Frúmboli im Kern völlig Recht, und ich habe das in etlichen Texten schon betont:

Ranking macht unglücklich!

„Mit wem tanzt du denn lieber?“ ist für mich (nach „Bin ich zu dick?“) eine der dämlichsten Fragen, die man in unserem Milieu stellen kann. Woher soll ich das wissen? Kommt doch auf die konkrete Situation an, die Stimmung, in der wir beide gerade sind, die Musik – oder vielleicht die banale Tatsache, dass ich mit jemand schon lange nicht mehr getanzt habe und mich freue, dass es endlich mal wieder klappt: Tausend Einflüsse, und daraus entstehen zehn Minuten auf dem Parkett – einmalig und unwiederholbar.

Und dann kann es mit einer totalen Anfängerin wunderschön werden, weil wir uns beide wie die Schneekönige freuen, dass uns ein paar simple Schritte gelingen, die sich dennoch schon ziemlich nach Tango anfühlen – und ich weiß: Das wird sie nicht vergessen, immer wieder nach diesem Eindruck suchen, im besten Fall vom Tango „angefixt“ sein.

Ebenso kann es mit einer tollen Tänzerin mal langweilig werden, wieso auch immer: Vielleicht ist das grade nicht unsere Musik, hängen wir beide noch zu sehr in den Verkrampfungen des Alltags – weiß der Teufel. Sinkt die Dame dann in meinem „Ranking“ – so wie ein Fußball-Spitzenclub in der Tabelle, wenn er mal gegen einen Absteiger verliert? So ein Blödsinn!

Was bei alledem herauskommt, ist schlicht die unsägliche Arroganz, das „Level-Getue“, das die Atmosphäre auf vielen Milongas vergiftet. Nur kein „Downdancing“

Mir fällt dazu immer eine Geschichte ein – aus der Stadt, in welcher vor vielen Jahren unsere Tangolaufbahn begann: Auf einer Milonga (ich war gerade auf dem Parkett) setzte sich ein Tanguero zu meiner Frau und ließ ein längeres Lamento ab: Es gebe inzwischen in der lokalen Szene kaum noch Frauen, mit denen man „auf hohem Niveau“ tanzen könne. Sprach‘s und ging schließlich – natürlich, ohne Karin aufzufordern. Wir nennen den Tänzer seither „das hohe Niveau“

Nur muss ich schon noch etwas Wasser in den Wein gießen: Ich hoffe, Chicho Frúmboli wollte mit dem Text speziell seine Kollegen erreichen. Wenn man sich die Werbung von Tangolehrern ansieht, trabt das Pferd schon ziemlich hoch: Hochglanz-Imponier-Fotos wie aus dem Groschenroman, dazu vollmundige Anpreisungen ganzer argentinischer Starlehrer-Kohorten, bei denen man mit den höheren Weihen des „authentischen Tango“ gesegnet worden sei, nichtssagende, aber pompöse Worthülsen zum „unvergleichlichen Unterricht“

Na gut, PR muss sein. Schlimmer noch ist es jedoch, wenn das erlauchte Lehrerpaar auf einer Milonga auftaucht und sich abseits vom gemeinen Volk an einen reservierten Tisch zurückzieht, bis es schließlich in der „Show“ seine drei rituellen Schreittänze vollführt. Kontakt mit „Otto“ oder gar „Ottilie Normaltänzer“, gar auf dem Parkett? Vergiss es – bestenfalls kriegt die Veranstalterin oder DJane einen „Ehrentanz“. Es lebe die Rangordnung!

Wenn dies das Vorbild ist: Wen wundert es, dass der Tango hochnäsige Hansel anlockt, die es den Zelebritäten gleichzutun versuchen? Wie der Herr, so’s G‘scherr.

Das ist vielleicht der Hauptgrund, warum ich auf Milongas nie etwas esse. Ich hätte zu viel Angst, es den göttergleichen Tangostars vor die Füße zu kotzen…
Den Laien Wasser predigen und sich selber Wein in die hohle Birne schütten? So haben wir nicht gewettet!

Nebenbei: Wenn denn die wunderbare Verbindung zur Musik so bedeutsam ist – wieso verwöhnen uns viele DJs mit simpelstem Zeugs aus der historischen Knister-Abteilung? Zur „Motivation“?

Nun gut, hoffen wir, dass es bei Chicho Frúmboli anders ist – ich kenne ihn nicht persönlich. Fest steht, dass er sehr viel für den modernen Tango getan hat. Wem sein Name nichts sagt:          

Und vortanzen darf er natürlich auch noch – erfreulicherweise hatte man ihm die Ronda vorher schon aufgemalt…

Kommentare

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