Liebes Tagebuch… 41



Derzeit schlagen Nachrichten wie diese immer öfter bei mir ein. In der Tangowelt scheint die Diskrepanz zwischen offizieller Begeisterung und nicht ganz stillem Leiden zu wachsen.

So schrieb mir gestern eine Leserin die folgende (von mir leicht gekürzte) Mail:

„Ich hatte ein Gespräch mit einem langjährigen Bekannten von mir, der auch Tango tanzt bzw. eine lange Pause hatte und jetzt wieder einsteigen will/wollte. Er hat sogar schon früher angefangen als ich, hat aber auch anderswo getanzt. Kurz gesagt: Er tanzt auch einen eher schwungvollen Stil mit verschiedenen Schritten und sehr bewegt. So wia mias halt gern macha.

Er lebt aber jetzt in München.... Eigentlich brauch ich gar nicht weiterschreiben, was er erlebt hat, oder?

Ist zum Einstieg mal wieder in München auf eine Milonga. Ganz abgesehen davon, dass er sich gefragt hat, was die da so tanzen, wurde er gleich angeschnauzt, als er in der Ronda überholt hat. Natürlich waren auch die Regeln an die Wand gepinnt, von offenem Tanzen hielt keiner was.

Da wir nur zwischen Tür und Angel sprachen, weiß ich jetzt nicht, ob es genau auch bei dem Veranstalter war, jedenfalls hat er einen Kurs oder Workshop besucht. Er erzählte mir, dass er noch nie so runtergemacht wurde von einem Tanzlehrer. Stocksteif sollte er tanzen, mit minimalen Bewegungen. Als er für eine Drehung ein wenig in die Knie ging, hat ihm der Lehrer gleich gesagt, das könne er doch nicht machen, und wie denn das überhaupt aussieht... usw. usw.

Der war völlig desillusioniert.“

Ja, wenn man im Tango eine längere Pause gemacht hat, bedeutet der Neuanfang heute nicht selten einen Kulturschock: „Was tanzen die da eigentlich?“ ist eine naheliegende Frage. Dass man dann so dämlich ist, eine Milonga zu betreten, bei welcher die Códigos schon an der Wand hängen, mag dem Erfahrungsrückstand geschuldet sein.

Obwohl ich schon länger nicht mehr im München beim Tanzen war, ahne ich, in welchen Ort der Gastlichkeit es den Kollegen verschlagen hat. Aber letztlich ist es ja egal, ob der Veranstalter bzw. Tangolehrer derselbe oder nur der gleiche war… Lustig nur, dass es diesen Hütern althergebrachten Brauchtums vor Jahren noch völlig Wurst war, wie man auf ihrem Parkett herumsprang – da war man noch froh, wenn überhaupt Besucher kamen. Aber nun hat man die Marketing-Idee der „traditionellen Milonga“ entdeckt, die einer vom anderen abschreibt.

Mein (wirklich gut gemeinter) Rat an diese Herrschaften wäre, es mit dem Runterputzen der Kundschaft nicht zu übertreiben. Irgendwann ist nämlich der Bogen überspannt, und die Pfeile bleiben im Köcher. Für die Insider sage ich nur „Königsplatz“, wo seit geraumer Zeit ein junger Türke gewaltig abräumt: einfach mit Kreativität, Verrücktheit, Spaß und Aufgeschlossenheit gegenüber den Menschen. Mittels seines „Straßentangos“ ist er näher an den wirklichen Tangotraditionen als der traurige Rest.

Ich bin ein wenig stolz darauf, dass mir der junge Mann schon vor fast eineinhalb Jahren auffiel:


Ach ja: „Was machst du mit dem Knie, lieber Hans“… Ich durfte neulich auch erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass man Tango offenbar neuerdings im Stechschritt tanzt. So belehrte mich der Experte für Bewegungskunst Cassiel neulich:

„Bei der Suche nach den Ursachen fällt auf, dass Gerhard fast durchgängig während des Tanzens leicht in die Knie geht. Das hängt sicherlich mit seiner Körpergröße bzw. dem Größenunterschied zu seiner Partnerin zusammen. Wenn man aber in die Knie geht, dann raubt man den Füßen den Platz, sich zu bewegen. Das ist m.E. der tiefere Grund für den Versatz in der Umarmung und die starke V-Form.“

Nun, bei Showtanz-Darbietungen gehen Münchner Tangolehrer schon a weng ins Knie:



Doch das hat vermutlich nichts mit dem „sozialen Tanzen“ auf den Milongas zu tun… aber sorry, von den beiden habe ich zwar eine dreistellige Zahl ähnlicher Videos gefunden, jedoch keines, welches sie brav in der Ronda zeigt.

Ich hab’s vor Urzeiten mal so gelernt: Wenn man kerzengrade voreinander pappt, kommen sich die gebeugten Knie ins Gehege – nicht jedoch, falls mit sich in einer V-förmigen „Milonguero-Position“ befindet. Nur bei Beugung der Knie entsteht dann dieser katzenhafte Gang:

Apropos:



Alles andere würde doch blöd aussehen…

  

Kommentare

  1. Markus Betz, WI21. Juli 2017 um 15:25

    Boah, du meine güte, wandert doch einfach alle in den Raum Rhein-Main-Neckar aus...

    Instituto Cervantes Frankfurt, Academia de Tango in Frankfurt, Ravenstein Zentrum in Frankfurt in der Nähe vom Zoo, Sombrero Latino in Wiesbaden, La Milonguita in Mainz, Endstation Tango in Mainz, Streettango in Mainz, Tango Salon im Staatstheater, Streettango auf dem Neroberg, Tango um 4 an jedem 5. Sonntag im Rudersport 1888 in Wiesbaden, A Bailar in Aschaffenburg, Tanzpunkt Axel Hurow in Höchst, Tango in Eschborn, Bad Nauheim, die Milongas von Intango aus Heidelberg, hübsche Locations und sorry an alle die ich nun hier im Raum Frankfurt vergessen haben sollte....

    Mich hat zum Glück noch keiner angerüpelt... ist bestimmt nicht so gemeint gewesen und alles nur eine verschobene Wahrnehmung.... :-P

    Ich denke dies ist ebenfalls eine 120 jährige Tradition, dass die Füße entscheiden oder nicht?

    AntwortenLöschen
  2. Markus Betz, WI21. Juli 2017 um 15:32

    Ich mag diese Canyengue artige Haltung der Spielhand nicht, naja, Geschmacksfrage, wie bei allem beim Tango....

    Dieser Vergleich hinkt allerdings ein bisschen, da die Vorderläufe ja eigentlich Hand, Handgelenk und Ellenbogen sind, und wir uns eigentlich nur die Hinterläufe anschauen dürften...oder?

    Aber Katzenhafter Gang hat was erotisches ;-)

    AntwortenLöschen
  3. Markus Betz, WI22. Juli 2017 um 19:03

    Ich kann meinen eigenen Kommentar leider nicht editieren.

    Korrektur:
    Tanzpunkt Axel Hurow in Eschborn alle paar Monate

    Tanzschule Carsten Weber in FFM Höchst, fast jeden 3. Freitag, mit zwei Sälen, Tradi und Nuevo, Neo, Non

    Die genannten Milonga sind nur eine Aufzählung der mir bekannten, keine Empfehelung.
    Es soll nur die Möglichkeiten aufzeigen...

    Meine Heimatmilonga habe ich vergessen: Tanzvilla "La Casona" Wiesbaden, jeder 3. Samstag außerhalb der Schulferien :-)

    Streettango Frankfurt
    Streettango Darmstadt Tangomob

    Nostos Tango, Christina Liakopoyloy, Heidelberg

    Empfehlung, einfach mal die
    Yahoo Gruppe Tango-de
    und
    Rhein-Neckar-Tango.de Newsletter

    abonieren ;-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Sorry - da hab ich ganz vergessen zu antworten:

      Also, besten Dank für die Informationen, sie werden für Leser in der Region sicherlich interessant sein!

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Aus Ihrem Beitrag muss Ihr wahrer Name hervorgehen. Wenn Sie sich unter "anonym" einloggen, müssen Sie diesen im Text des Kommentars nennen. Unterlassen Sie bitte beleidigende und herabsetzende persönliche Angriffe! Nur Anmerkungen, welche diese Voraussetzungen erfüllen, werden veröffentlicht.
Falls Sie mir stattdessen lieber eine E-Mail schreiben wollen: mamuta-kg@web.de