Tangotexte – müssen nicht sein?



Mein letzter Artikel über die Tangotexte hat sehr großes Interesse gefunden: Allein auf Facebook wurde er über 450 Mal aufgerufen und auf meinem Blog ist er der am meisten angeschaute Beitrag in den letzten 7 Tagen mit momentan 12 Kommentaren.

Es scheint also in der Szene (wie ich schon vermutet hatte) einen ziemlichen Nachholbedarf in diesem Bereich zu geben: Kein Wunder, die wenigsten Tangotänzer sprechen spanisch – und wenn, dann haben sie oft dennoch Probleme, die auf eher hohem Sprachniveau formulierte Lyrik zu verstehen.

Nicht selten wird etwas, das man nicht kapiert, als unwesentlich dargestellt. So erreichten mich Kommentare dieser Richtung:

Hauptsache, man versteht die dem Gesang zugrundeliegende Information. Oberflächliche Betrachtungen interessieren mich da für den Tanz nicht. (…) Die Emotion / der Subtext. Wenn jemand ausdrucksstark singen kann, dann überträgt sich das auch ohne Sprachverständnis.“
Für ‚gerade ist mein Dackel gestorben‘ (ersatzweise ‚die missachtete Frau weggelaufen‘ oder ‚das Bandoneon deprimiert‘) fehlen mir ehrlich gesagt die tänzerischen Ausdrucksmittel“

Abgesehen vom netten Vergleich zwischen Vier-, Zwei- und Ohnebeinern: Wie ist das denn bei anderen musikalischen Formen, in denen es was zum Singen, wenngleich nicht immer zum Tanzen, gibt? Meine Recherchen im entsprechend versierten Umfeld ergaben: Grundsätzlich kann man dem Text keinen untergeordneten Rang zuweisen!

Kommt natürlich sehr auf das Genre an. Das Musiktheater (z.B. Oper) ist eher nicht damit vergleichbar: In der Arie werden selten Geschichten erzählt, da die Handlung ruht und der Sänger in kunstvollen Verzierungen und Wiederholungen seine Stimmung dartut. Dennoch ist es dort (zumindest unter den Fans) unstrittig, dass man vor dem Besuch einer Aufführung das Libretto gelesen haben sollte.
Eher bietet sich eine Ähnlichkeit mit Volks- und vor allem Kunstlied an.

Speziell der Bereich des Chansons liefert Entsprechungen:
Besonderes Merkmal des Chansons ist seine starke Konzentration auf die Textaussage, die Anforderung, in ‚drei Minuten‘ eine Aussage auf den Punkt zu bringen.
Prägend für das moderne Chanson ist die Arbeitsaufteilung in auteur (Textschreiber), compositeur (Musikkomponist) und interprète (Interpret).“  (Wikipedia)

Eine interessante Parallele zieht Susanne Köb in ihrem Buch „Tango macht glücklich“: Tango sei durchaus mit dem Wienerlied verwandt, wenn man folgende Kriterien bedenke:

·         Bezug auf bestimmte Örtlichkeit und Zeit
·         multikulturelle Entstehung (Donaumonarchie!)
·         Herkunft aus der Unterschicht
·         spätere Professionalisierung
·         derber bzw. sentimentaler Stil
·         Probleme werden mit Alkohol bekämpft
·         mundartliche Einschläge
·         begrenzte Thematik; Liebe und Tod vorherrschend
·         ursprünglich ähnliche Instrumentierung (Geige, Ziehharmonika, Gitarre)

Unterschiede bestehen vor allem in der Grundstimmung (Trauer und Nostalgie bzw. Beschaulichkeit sowie Lebensfreude) – das Wienerlied kommt fast ausschließlich In Dur daher, der Tango eher in Moll.

Eines steht jedoch fest: Ohne Text wäre ein Wienerlied nicht einmal die Hälfte wert!

In einem interessanten Interview stellt die internationale Startänzerin Nicole Nau fest:

Der Porteño hat einen Hang zum Jammern und sich selbst zu bemitleiden.(…) Es gibt entweder das große Drama oder Texte, die – und das sagt selbst mein Mann Luis – sind so weinerlich, dass es kaum zu ertragen ist. Männer, die ihre Frauen verlassen und nun darüber jammern.“

Nun, wenn es ihr Mann sagt, wird es schon so sein… und dieser Trend zeigt sich ebenfalls beim bekannten „Raunzen“ des Wieners. Dazu passend hat diese Stadt, zusammen mit Buenos Aires, die höchste Psychiaterdichte der Welt!

Auf jeden Fall stimme ich aber mit der aus Düsseldorf stammenden Wahl-Argentinierin darin überein: „Wenn man ein Stück für eine Show auswählt, muss man schon wissen, ob man es lieber gesungen oder instrumental nimmt. Wenn man sich für die gesungene Version entscheidet, muss man auch den Inhalt tanzen.“

Nun müssen wir für uns ja nicht die Maßstäbe von Showtänzern anlegen – aber mir war und ist es stets lieber, wenn ich bei einem Tangostück wenigstens ungefähr weiß, worum es geht.

Warum gerade im traditionellen Tangolager die Texte wenig gelten, verstehe ich überhaupt nicht: Speziell von dieser Seite hört man oft das Argument, um den Tango in seiner vollen Dimension zu verstehen, müsse man „in diese Kultur hineingeboren sein“. Ich bezweifle das zwar, da Menschen im tangotypischen Durchschnittsalter (Mitte fünfzig) selbst in Buenos Aires nicht mehr mit der Musik der „großen Tangoorchester“ sozialisiert wurden, sondern – wie hierzulande auch – eher mit Rock’n Roll oder der Beatmusik (bzw. auf dem flachen Land auch mit den vielen Volkstänzen).

Dennoch steht fest, dass ein Argentinier, wenn er einen Tango hört, ganz automatisch den Text versteht, weil er eben Spanisch kann (so wie über 400 Millionen Menschen auf der Welt – diese Sprache ist die vierthäufigste überhaupt). Wenn wir uns also ein bisschen in diese Kultur hineinbegeben wollen, ist es schon schwach, nur auf die Klangfarbe des Sängers zu achten…

Während die Finnen keinerlei Probleme damit haben, ihre Tangos ausschließlich in der Landessprache zu singen, gibt es nur wenige Interpreten, die es bei uns auf Deutsch versuchen. Spanisch hört sich halt einfach schöner an, zumal die Autoren ihre Worte oft eher nach dem Klang als der passenden Aussage wählen (was die Texte nicht eben weniger kitschig geraten lässt). Dennoch wäre es einen Versuch wert, hier einmal deutsche Nachdichtungen zu versuchen. (Bei „Malena“ habe ich es ja einmal probiert: http://milongafuehrer.blogspot.de/2016/07/gerlinde-ubt-jetzt-tango.html)

Schließlich gibt es aus den 20-er bis 50-er Jahren wunderschön kitschige bis skurrile deutsche Tangos mit Texten, die teilweise große Schlagererfolge waren. Nicht nur Louis Armstrong hat „Adiós Muchachos“ in Englisch („I get ideas“) eingesungen, sondern auch der Spanier Juan Llossas auf Deutsch – und das ist so wunderbarer Trash, dass ich es immer wieder gerne höre:



Eine Möglichkeit wäre auch, traditionelle Tangos mit zeitgemäßen spanischen Texten zu versehen oder Texte anderer Autoren zu vertonen (aus meinem Umfeld erhielt ich dazu Vorschläge von Heinrich Heine bis Jimi Hendrix). Und aktuelle Tangothemen wie „Sehnsucht nach der verlorenen Heimat“ fände man in Zeiten der Flüchtlingskrise genug! Warum es nicht einmal versuchen? Aber nein – das hieße ja, an Heiligtümern zu kratzen…

Moderne Tangoensembles kümmern sich leider wenig um gute Texte. Für mich reicht es jedenfalls nicht, wenn alle 30 Sekunden eine studiomäßig verzerrte Stimme „Bandoneón“ und „Corazón“ ins Fusions-Geplürre stöhnt.

Und wem es neu sein sollte: Es gibt genug Tangos mit wunderschönen Texten – so wie „Chiquilin de Bachin“ von Horacio Ferrer, der von einem kleinen Jungen berichtet, der vor der Kneipe „Bachin“ Rosen verkauft, während seine Mutter anschaffen geht. Die Melodie stammt von Astor Piazzolla:

„Wenn die Sonne den Kindern Lern-Schürzen gibt,
lernt er das komplette NICHTS,
das ihm zum Wissen fehlte.
Und er sieht seine Mutter,
wie sie hin und her geht,
aber er will sie nicht sehen.
(…)
Er ist ein seltsamer Mensch,
ein tausendjähriges Kind,
bei dem in seinem Inneren die Schnur verwickelt ist.
Kleiner Junge, gib mir einen Zweig der Stimme,
so gehe ich dann meine Scham verkaufen wie Blumen.
Beschieße mich mit 3 Rosen, die weh tun,
auf Kosten von deinem Hunger,
den ich nicht verstanden habe, Chiquilin.“
(Quelle: http://www.tango-rosetta.com/indexDe.htm)

Erneuerer gab es übrigens auch beim Wienerlied. Einer davon ist der für seine bitterbös-poetischen Texte bekannte Georg Kreisler (welcher es gleichfalls in seiner Heimat sehr schwer hatte).

Bevor wir ihn ans Klavier bitten: Mir ist bei der Beschäftigung mit diesem Thema klar geworden, dass der Tango weder auf Melodie noch auf Text verzichten kann, wenn er seine Eigenart behalten will. Auf die Tänzer, zumal heute? Vielleicht noch am ehesten!

Auch der „Taubenvergifter“ an der blauen Donau kam einmal auf eine ähnliche Idee:

„Wie schön wäre Wien ohne Wiener.“



P.S. Allen meinen Lesern dennoch schöne Weihnachten! 

Kommentare

  1. Also, wenn der Text von Horacio Ferrer zu den wunderschönen zählt, bin ich dafür wohl zu unsensibel - oder so. Ich versteh dieses Wortgeschwurbel nicht!

    Was bitte sind „Lern-Schürzen“?

    „lernt er das komplette NICHTS,
    das ihm zum Wissen fehlte.“
    = Ich weiß, dass ich nichts weiß? Oder wie oder was?

    „ein tausendjähriges Kind,
    bei dem in seinem Inneren die Schnur verwickelt ist.“
    …steht bei mir wohl auf der Leitung.

    Wieso hat sie seinen Hunger nicht verstanden? Wenn der Junge Kohldampf hat, würd ich das jedenfalls verstehen…
    Na, vielleicht liegt´s auch an der Übersetzung.

    Besser verstanden hab ich das Zitat von Nicole Nau. Genau: “Der Porteño hat einen Hang zum Jammern”. Vor kurzem war ich auf einer Milonga: Gefühlt drei Viertel der Stücke nur Gejammere. Meine Tanzpartnerin und ich neigen nicht zu Depri, aber das hat uns nach zwei Stunden gelangt.

    P.S. Kreisler versteh ich gut – na wenigstens den!

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    1. Ich fürchte, da kann ich nur begrenzt helfen:

      Erstens bin ich kein Fachmann für moderne lateinamerikanische Dichtung, und zweitens erschließt sich moderne Lyrik nicht so ganz problemlos – Gottfried Benn wäre da noch ‘ne Nummer schwieriger…

      Und überhaupt habe ich keine Lust, mich zwischen „so ein Kitsch“ und „kapier' ich nicht“ aufreiben zu lassen.

      Für mein bescheidenes Verständnis schildert Ferrer hier das Schicksal eines Kindes, dem die Kindheit geraubt wurde – wohl durch die sozialen Verhältnisse: Seine Mutter muss sich prostituieren, und der Kleine hat Rosen in Kneipen zu verkaufen, statt zur Schule zu dürfen.

      Bei Tagesanbruch, wenn andere Kinder ihre Schuluniform anziehen, lernt er auf der Straße – nichts, was ihn wirklich weiterbrächte. Der Kleine wird brutal in einen Erwachsenenwelt geworfen („tausendjähriges Kind“), die „innere Schnur“ hat sich verheddert, seine Entwicklung ist beeinträchtigt.

      Der „Hunger“ ist wohl hier nicht nur rein körperlich gemeint – und der Betrachter schämt sich dafür, solche Verhältnisse nicht ändern zu können.

      Vielleicht erschlösse sich ja der Text besser, falls man ihn sich mal zu Gänze (siehe Link) durchlesen und auch das Tangostück anhören würde, zum Beispiel in der Fassung von Amelita Baltar oder Roberto Goyeneche.

      Tja, Tango ist oft halt Trauer und Zerrissenheit – wem das nicht passt, kann’s ja gerne mit Discofox probieren… und man sollte auch keinen Champagner trinken, wenn einen das Prickeln im Gaumen stört!

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    2. Danke für die Interpretationshilfe! Verschwurbelt nehme ich nicht zurück.

      Auf Discofox steh ich auch nicht, aber zum Glück gibt's auch jede Menge Tango ohne Gejammer (womit ich weniger den Text als die gesangliche Darbietung meine).

      Ach, by the way: Ist Dir bekannt, warum der Kommunist Pugliese keine sozialkritischen Texte tangomäßig verarbeitet hat? Oder hat er?

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    3. Jetzt weiß ich nicht: Hat man inzwischen den Titel meines Blogs verändert und da steht jetzt "Auskunftsbüro"?

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    4. War weder ein Missbrauchsversuch noch ein Wissenstest. Nur eine einfache Frage im Zusammenhang. Ich nehme gern auch Auskünfte anderer Leser entgegen.

      (Warum so empfindlich?)

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