Selbstverwirklichung mit Todesfolge

 

Die Geschichte dürfte bekannt sein, daher nur in Kürze: Am vergangenen Montag wurde ein Zugbegleiter von einem Fahrgast, der unbezahlt reiste, mit Faustschlägen so heftig attackiert, dass er einen Tag später an einer Hirnblutung verstarb. Anlass: Der Schwarzfahrer hätte den Zug an der nächsten Station verlassen müssen. Ein solcher Regelverstoß wäre mit 60 Euro sanktioniert worden. Das scheint bei manchen Leuten der Preis für ein Menschenleben zu sein.

Der Alleinerziehende hinterlässt zwei Söhne. Sein Vater erlitt daraufhin einen Herzinfarkt und bekam einen Bypass. Der Täter sitzt inzwischen in U-Haft.

Quellen:

https://www.tagesschau.de/inland/regional/rheinlandpfalz/zugbegleiter-kaiserslautern-gestorben-100.html

https://www.tagesschau.de/inland/tod-zugbegleiter-reaktionen-100.html

Von Einzelfällen kann man nicht sprechen. 2025 wurden bei der Bahn pro Tag 5 Beschäftigte körperlich angegriffen, 4 bedroht. 

Ziemlich zeitgleich wurde in Hamburg ein Bahnmitarbeiter mit Fußtritten und Fäusten krankenhausreif geschlagen. Auf eine Gewahrsamnahme des Täters verzichtete man, da der Herr einen dringenden OP-Termin vorweisen konnte. Sehr rücksichtsvoll!

https://www.welt.de/regionales/hamburg/article69833d0dc9ddc2c8009c1bc3/gewalt-am-bahnhof-er-reagierte-sofort-aggressiv-brutaler-angriff-auf-bahnmitarbeiter-in-hamburg.html

Einen vielleicht weniger bekannten Vorfall, der sich ziemlich zeitgleich ereignete, möchte ich ausführlicher beschreiben. Der streitbare Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat ihn auf Facebook veröffentlicht. In der Presse werden die Tatsachen nicht angezweifelt:

Palmer befand sich in einem Zug im Stadtgebiet und verfolgte die Diskussion einiger Jugendlicher, ob sie sich in die 1. Klasse setzten sollten oder nicht, obwohl es in der 2. Klasse genug Plätze gab. Als sich herausstellte, dass kein Zugbegleiter anwesend war, nahm ein Jugendlicher in der 1. Klasse Platz.

Der junge Mann hatte zwar ein Deutschlandticket. Als Palmer ihn darauf hinwies, dass dieses nicht für die 1. Klasse gelte, bekam er zur Antwort: „Halt die Fresse!“

Palmer wies sich als „Vertreter der Ortspolizeibehörde“ aus und machte geltend, dass es sich bei dem Satz um eine strafbare Beleidigung handle. Der Jugendliche entschuldigte sich nun bei Palmer.

Nun begann ein anderer Reisender zu filmen, eine weitere Person nahm Stellung gegen den OB. Ob es denn überhaupt so wichtig sei, ohne gültigen Fahrschein die 1. Klasse zu benutzen, ob Palmer denn „keine anderen Probleme“ habe.

Es stellte sich heraus: Die Dame was Lehrerin, also offenbar Beamtin. Sie verabschiedete sich von Palmer mit den Worten „Sie armes Opfer“. Der empfahl ihr einen Blick in ihren Amtseid.

https://www.facebook.com/ob.boris.palmer/posts/pfbid0vCMNdkcbR1wDqd3bm8mBcgUkocydGUizdCTifUCdiGiFgNTbPswwqDQinpz5226Yl

Zwei Ereignisse, die natürlich in ihrer Schwere Lichtjahre auseinander liegen – aber nicht beim Thema. Im ZDF hörte ich neulich das Interview mit einem Soziologen und Konfliktforscher, der den Bahnbediensteten empfahl, bei problematischen Reisenden lieber auf eine Fahrkartenkontrolle zu verzichten.

Ja, auch so kann man Schwierigkeiten vermeiden… 

https://www.youtube.com/watch?v=DHzaW0P_9TQ

Was löst Aggressionen aus? Was ich nun gelernt habe: vor allem Uniformen – ob nun Polizisten, Kontrolleure oder Sanitäter. Ich halte das für sehr bemerkenswert.

In meinen jungen Jahren waren solche Dienstbekleidungen Signale, dass die betreffende Person mir was zu sagen hatte – nicht allgemein, aber doch in Ausübung ganz bestimmter Pflichten und Ämter. Uniformen lösten einen gewissen Respekt aus, den man natürlich hinterfragen konnte. Uns wäre aber nicht in den Sinn gekommen, solche Leute deswegen körperlich anzugreifen.

Bei aller Kritik im speziellen Fall kann eine Gesellschaft nicht funktionieren, wenn es im Belieben des Einzelnen liegt, ob er gewisse Regelungen befolgt oder sie in seinem besonderen Fall" außer Kraft setzt.

Höhere Strafen? Ich bin jedenfalls für spürbare. Das Meiste zur Bewährung auszusetzen bringt nichts. Lieber einmal vier Wochen Haft statt sechs Monate Bewährung!

Skeptisch bin ich auch bei dem Argument, Gewalttäter würden in Rage nicht daran denken, welche Strafe sie erwartet. Ich hebe einmal das Interview mit einer Kriminalbeamtin gesehen, die sich mit Fällen häuslicher Gewalt befasst. Ob die (meist männlichen) Täter bei der Vernehmung mit ihr ebenfalls ausrasten würden? Nein, so ihre Antwort – da seien die ganz brav. Ich vermute, sie wollten doch vermeiden, im Fall des Falles gefesselt auf dem Bauch zu enden.

In unserer Gesellschaft sind nicht die Regelverstöße das Problem, sondern unsere Reaktion darauf. Wenn wir weiter egomanisches Verhalten dulden, ja rechtfertigen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn wieder mal ein Opfer in der Rechtsmedizin landet. Das Teuflische daran: Es beginnt schleichend – und genau dort muss man bereits Grenzen setzen.

Wenn man schon in einem Gesellschaftstanz Kommentarfunktionen sperren muss, um grobe Pöbeleien zu verhindern, stimmt etwas nicht.

Vielleicht hätte ich ja Üble Nachreden wie diese zur Anzeige bringen sollen:

„Bevor Riedl sich selbst zum moralischen Oberaufseher der Tangoszene erklärte, unterrichtete er Biologie. Fachlich solide, sagen manche – menschlich eher selektiv. Schon im Klassenzimmer sortierte er: Wer sich anpasste, bekam Zustimmung. Wer Fragen stellte, stieß auf Widerstand. Pädagogik als Machtdisziplin“

„Du thronst über der Szene wie ein bloggender Besserwissergott – allwissend, allurteilend, aber nie mittanzend.“

„Er war einst Showtänzer im Standardbereich – allerdings immer auf den letzten Plätzen.“

„Oberlehrer der besten Güte. Zauberkünstler ohne Applaus. Buchautor eines Werkes, das sich höchstens als Anzünder im Kamin empfiehlt.“

https://tangoblogblog.wordpress.com/2025/04/21/noch-ein-gastbeitrag-von-christian-beyreuther-der-noch-grosere-riedl-tango-fuhrer/

Wie gesagt: ein Blog nicht zur Politik, sondern über Tango.

Es wäre schön, wenn sich die Ordnungsbewussten mal mit dem zunehmenden Verfall gesellschaftlicher Regeln befassen würden – und nicht nur mit der Nichtbeachtung der Ronda.

Aber das ist wohl nicht zu erwarten.

P.S. Gestern erreichten mein Blog 1102 Zugriffe. Heute (14.00 Uhr) sind es bereits 827. Einen herzlichen Dank für das Interesse!

Kommentare

  1. Bei „Radio Riedl-Wahn“ lese ich nun die Frage, ob ich „reale Gewalttaten“ mit „kritischen Kommentaren“ gleichsetze. Die Antwort: Der Tod eines Zugbegleiters müsse bei mir als „dramaturgischer Aufhänger“ herhalten, um mich als „letzten Hüter von Ordnung, Moral und Deutungshoheit zu inszenieren“.
    Das ist eine niederträchtige Unterstellung.
    Wendel ist mit seinem Hass auf Menschen, die nicht seiner Meinung sind, völlig empathielos. Anscheinend hat er sich noch nie überlegt, was ein solch brutaler und sinnloser Tod mit zwei Kindern macht – und mit Eltern, Freunden, anderen nahestehenden Menschen. Der Täter mag für einige Jahre weggesperrt werden. Das Umfeld des Opfers erhält lebenslänglich. Dazu fällt ihm kein Wort der Anteilnahme ein. Ich finde das ekelhaft!

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