Wut zieht?
Klaus Wendel hat mir nun einen weiteren seiner zahlreichen Artikel gewidmet: In einem Kommentar hatte ich mich über die derzeit sehr hohen Einschaltquoten meines Blogs gefreut. Zustimmung, so beschreibt er meine Ansicht, sei mir egal. Hauptsache, man nehme die Inhalte wahr.
Wieder einmal zitiert der Kollege schlampig: Ich hatte geschrieben, mir seien die Gründe nicht wichtig, warum jemand meine Texte lese.
Ich finde, dieser Gedanke liegt doch auf der Hand: Es ist schwierig bis unmöglich, die genauen Motive zu erforschen, wieso man an meinen Veröffentlichungen hängen bleibt.
2022 habe ich sogar mal eine „Leser-Umfrage“ gestartet, bei der ich knapp 30 Rückmeldungen erhielt. Das Ergebnis: Interessen, Lob und Tadel sind sehr unterschiedlich verteilt.
https://milongafuehrer.blogspot.com/2022/06/auswertung-leser-umfrage.html
https://milongafuehrer.blogspot.com/2025/06/ruckblick-leser-umfrage.html
Klaus Wendel könnte das doch bei seinem Blog auch einmal versuchen – auf das Ergebnis wäre ich sehr gespannt!
Natürlich freut man sich als Autor über Zustimmung – nur sollte das die Standpunkte, die man vertritt, nicht beeinflussen. Insbesondere, wenn man per Blog nichts verkaufen will. Weder Wendel noch ich schalten auf unseren Blogs Werbung – im Gegensatz zu einem seltsamen Physiker, der meint, seine Kurven und Pfeildiagramme würden Lesende anziehen. Tun sie nicht.
https://tangoblogblog.wordpress.com/2026/01/13/flow-und-genus/
Der Vorwurf des Populismus geht an mir jedoch völlig vorbei. Ich kenne keinen Autor, der im Tango derartig gegen die herrschenden Trends schreibt wie ich.
Kollege Wendel stellt zu Recht die Gretchenfrage: „Worum geht es dann eigentlich?“ Er habe sich das „nicht moralisch angeschaut, sondern nüchtern“. Ich würde ihm raten, sich beim Schreiben doch mal ein Gläschen zu gönnen – vielleicht würde das die krampfige Verbohrtheit mindern, die seine Texte leider gelegentlich kennzeichnet.
Ich schlage vor, die Lesenden nicht belehren, sondern unterhalten zu wollen. Wobei das eine das andere ja nicht ausschließt. Den „Oberlehrer-Tonfall“, der mir gerne vorgeworfen wird, findet man jedoch eher bei anderen.
Der Kern des Problems: Wendel fuchst es ohne Ende, das Publikum könnte die Argumente eines Nichtskönners wie mir auf derselben Stufe sehen wie die Lehren eines ausgewiesenen Experten seines Niveaus.
Selbst wenn wir einmal davon absehen, dass über ein halbes Jahrhundert Tanzpraxis und mehr als 25 Jahre Tango nicht gerade für völliges Laientum sprechen: Ich rate stets davon ab, die Leserschaft für zu dämlich zu erklären, um irgendwas zu kapieren. Stattdessen bleibe ich bei der alten Bühnen-Regel: Das Publikum hat immer recht. Und wenn mal nicht, kann man auch nichts dagegen machen!
Das ist auch der Grund, warum ich dringend davon abrate, die AfD als Extremisten-Partei hinzustellen, die von praktischer Politik keine Ahnung hat. Dass es auf diese Leute zutrifft, ist egal. Jene Partei hat deshalb Erfolg, weil sie tatsächliche Probleme anspricht, welche die Bevölkerung seit Jahren zur Verzweiflung bringen. So lange man die nicht löst, hilft Verteufeln gar nichts.
Wendel hat erkannt, dass emotionale Inhalte „deutlich mehr Interaktion“ erzeugten als Sachlichkeit. Grundsätzlich stimmt das natürlich, zumal wir uns mit einem Tanz beschäftigen, bei dem doch Gefühle eine sehr große Rolle spielen. Es muss ja nicht in Wut und Gepolter ausarten – wobei er auch dabei nicht gerade unbeteiligt war.
Reicht „Resonanz“? Das glaube ich nicht. Die Kundschaft schaut schon auf den Inhalt. Und wenn der nur in peinlichem Sprücheklopfen besteht wie beispielsweise die Seite „Radio Riedl-Wahn“, gerät man in eine gefährliche Ecke. Aber gut – mir kann es egal sein. Hauptsache, meine Artikel werden verlinkt.
Man muss nicht ins Psychiatrische gehen und von „Dunklen Triaden“ faseln. Wer Interesse erregen will, muss auch mal zuspitzen und provozieren, darf emotional werden. Ein wenig Chili kann ein Gericht verfeinern – als Einlauf ist er ungeeignet.
Meine werten Gegner bekunden nun seit langer Zeit, die einzige Chance sei, mich zu ignorieren. Tatsächlich antworten sie verlässlich auf meine Texte.
„Wut zieht“, so meint Wendel. Fragt sich aber: seine oder meine?
„Warum reagieren wir so zuverlässig?“ fragt der Autor abschließend.
Vielleicht, weil meine Texte einfach gut geschrieben sind?
Quelle: https://www.tangocompas.co/aufmerksamkeit-ohne-inhalt/
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| Illustration: www.tangofish.de |

In den Kommentaren auf Wendels Seite diskutiert man nun wieder mal darüber, wieso man sich durch meine Texte „provozieren“ lässt.
AntwortenLöschenMan zitiert den „sozialen Gärtnerinstinkt“: Man sehe etwas wachsen, was einem schief vorkomme, und verspüre den Impuls, die „Heckenschere“ zu holen, wobei man oft nur „Grünschnitt“ produziere.
Ich halte das für ein ziemlich autoritäres Gesellschaftsbild. Sprache ist nicht dazu da, andere Vorstellungen „zurechtzustutzen“. Man kann Überzeugenderes danebenstellen. Aber nach dem Bücherverbrennen bin ich solche Vernichtungsfantasien gewohnt.
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