Weiterkommen unerwünscht
Klaus Wendel hat uns nun im 3. Teil seiner „Gedanken über Tango-Musik“ über das „Fundament eines Gesellschaftstanzes“ aufgeklärt. Abschließend lesen wir, er erwarte eine „Kritik auf Augenhöhe“: „Sachlich. Nachvollziehbar. Ohne Polemik“.
Ich glaube nicht, dass er damit mich gemeint hat. Da wird er jede „Augenhöhe“ bestreiten. Und was die „Sachlichkeit“ betrifft, werden auch zu diesem Artikel von mir in Kürze einige dumme Sprüche auf „Radio Riedl-Wahn“ erscheinen. So viel zur „Polemik-Freiheit“ im Wendelschen Sinne.
Was der Kollege zu den Grundstrukturen von Gesellschaftstänzen schreibt, ist sicherlich weitgehend zutreffend und lesenswert.
Das hätte er aber auch über Foxtrott oder Rumba äußern können.
Nur: Dann frage ich mich, wie es um „keine festen Figurenfolgen“ und „permanente Improvisation“ steht. In Wahrheit wird doch Tango landauf, landab unterrichtet wie jeder andere Tanz aus der Standard- und Lateinsektion. Man lernt halt Schritte. Improvisation macht eher verdächtig.
An dem – für mich entscheidenden – Punkt kenne ich seit vielen Jahren genau dieses Herumeiern: Man legt größten Wert darauf, sich von den anderen Standardtänzen abzuheben – ja man verachtet sie sogar und quittiert jedes Video von Tanzturnieren mit abfälligen Sprüchen. Tango dagegen sei völlig unvergleichlich. Gleichzeitig gibt man sich alle Mühe, den Tango argentino zum „11. Standardtanz“ zu machen.
Wobei man an den normalen Tanzschulen noch besser dran ist: Man lernt zwar im Wesentlichen ebenfalls „Figuren“, aber wenigstens nicht zur Tanzmusik von 1940, sondern zu aktuellen Titeln.
Als wir vor über 25 Jahren den Tango argentino kennenlernten, waren wir fasziniert von den Freiheiten, die dieser Tanz uns bot. Heute würden wir ihn bestenfalls als „weiteren Gesellschaftstanz“ ganz nett finden – aber keinen Grund sehen, uns ihm nun voll und ganz zu widmen. Schließlich gibt es auch noch Salsa, West Coast Swing und vieles andere, das zu erlernen ebenso interessant sein dürfte.
Was wir in unserer Tanz-Frühgeschichte nie auch nur im Ansatz erlebt haben, ist die maximale Humorlosigkeit und Intoleranz von Teilen der Szene. Wer eigene Ideen hat, vielleicht sogar manches lustig findet, statt im Chor die Glaubensregeln nachzubeten, hat einen schweren Stand. Ist das die geeignete Basis für einen „Gesellschaftstanz“?
Über diese Schattenseiten lese ich kein Wort.
Für mich ist Tango heute der Tanz der vielen „Abers“: Ja, theoretisch viel Freiheit für Improvisation, aber…
· keine zu schwierige Musik
· die vollen Tanzflächen
· die Einhaltung der Ronda-Spuren
· die Aufforderungs-Reglements
· die Anfänger wären überfordert
· die Ehrfurcht vor den Traditionen…
Gut, der Tango muss auch feste Strukturen bieten. Und wir müssen Rücksicht auf weniger gut Tanzende nehmen. Aber was machen wir denn mit Leuten, die schon weiter – vielleicht sogar tänzerisch begabt sind?
Wendel meint, auch für die sei genug geboten. Ich kenne eine Reihe von Personen aus unserer Tango-Frühgeschichte, die inzwischen ausgestiegen sind, weil sie die ewig gleiche Musik genervt hat, sie sogar angefeindet wurden. Oder man hat sich halt angepasst und heult inzwischen mit den Wölfen.
Stattdessen dominiert im Tango heute der Typus des „ewigen Anfängers“. Man tanzt fast so wie vor zehn Jahren, obwohl man ständig irgendwo Unterricht nimmt. Musikalisch Schwierigeres zu bieten meidet man wie der Teufel das Weihwasser. Es könnte ja die Anfänger vergraulen…
Weiterkommen unerwünscht...
Ich finde aber: Ein Gesellschaftstanz muss für die ganze Gesellschaft Angebote bereithalten. Sogar für solche, die besser tanzen.
Dazu passt einer meiner Lieblingswitze: Zwei Zeugen Jehovas klingeln an der Tür, es öffnet eine nette alte Dame, die sie freundlich hereinbittet. Die Gäste dürfen im Wohnzimmer Platz nehmen und kriegen Tee und Kekse serviert. Dann fragt die Hausherrin, worum es denn gehe. Darauf einer der Besucher: „Das weiß ich nicht – so weit sind wir noch nie gekommen.“![]() |
| Illustration: www.tangofish.de |

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