Modelle und Analysen

Mit dem 42. Teil seiner „Gedanken über den Tangounterricht“ hat Klaus Wendel zum Thema „Tango zwischen Standpunkt und Begegnung – eine Modellanalyse“ einen durchaus interessanten Artikel verfasst.

Da ich zwei Tage nichts Ausführliches dazu geschrieben habe, breitet sich nun beim Autor und irgendeinem anderen Blogger ungeduldiges Warten aus. Leute, ich hab auch noch ein Privatleben – ihr müsst schon mal kurze Zeit ohne mich auskommen!

Wendel berichtet, man habe ihm vorgeworfen, sich nicht ernsthaft mit anderen Blogtexten auseinandersetzen, sondern nur „zuzuspitzen“. Das will er nun ändern – ein löblicher Vorsatz!

Der Autor stellt zwei „Tango-Modelle“ gegenüber: das richtige und das falsche. Das klingt nicht ganz nach Erfüllung der Bewährungsauflage…

In der „Freestyler- und Neotangoszene“ führe das eine Modell nicht selten zu „Konflikten über den Umgang auf gefüllten Pisten“. Und wir erinnern uns: Ohne Platzmangel kann man eigentlich gar keinen Tango tanzen!

Wer von „Dialog“ rede, solle zeigen können, worüber überhaupt gesprochen werde. Ich schlage vor: über Musik und Bewegung. Und das mit einer Frau! In gewissen Kreisen sicherlich schwer vorstellbar.

Im Endeffekt tanzten „zwei Solisten nebeneinander her“. Dass die Intensität der Verbindung nicht vom physischen Abstand abhängen muss, leuchtet dem Autor nicht ein. Man muss den Weibern halt auf die Pelle rücken, warum tanzt man sonst Tango?

Die Umarmung reduziere sich auf eine „geometrische Begrenzung“. Es kann sogar noch schlimmer werden: Wenn man sie ganz oder teilweise auflöst – und dennoch verbunden bleibt. Revolutionär!

Wendel beschreibt das „falsche Modell“ zutreffend: „Wo stehe ich – und wo stehst du? Wo gehst du hin – wo gehe ich hin? Wie bleiben wir dabei irgendwie zusammen gegenüber?“

Das ist gar nicht schlecht dargestellt, es muss aber nicht mal „zusammen gegenüber“ sein – und wundersamerweise kann das funktionieren! Man müsste sich nur von seinen Pawlowschen Reflexen verabschieden.

Und doch – man kann solche Bewegungen, wenn unbedingt nötig, auch in eine Ronda integrieren. Neo-Tanzende sind da meist anpassungsfähig, während Konservative ihr Bewegungskonzept oft gnadenlos durchsetzen: Sie brauchen „eine gemeinsame Verkehrsordnung“ – wofür auch immer.

Man könne während des Tanzes fragen: „Was hast du inzwischen so gemacht?“ oder „Bist du noch da?“

Na, das wollen wir doch hoffen!

Es scheint eine archaische Angst mancher Männer zu sein, die Frau könnte ihnen abhauen, wenn sie sich nicht entschlossen festklammern!

Was fehle, sei „Wir und die Musik“. Ach – ich wäre schon froh, wenn auf vielen Veranstaltungen die Musik überhaupt eine Rolle spielen würde!

„Freiheit“ werde durch „Beliebigkeit“ ersetzt. Na gut – das Standard-Argument aller Ordnungs-Fanatiker: Chaos muss durch strenge Regulierung vermieden werden.

Mich erinnert das an die einstige Bemühung der DDR-Führung, der „dekadenten“ westlichen Popmusik ein choreografiertes Gehuppse namens „Lipsi“ entgegenzustellen. Die Ordnungspolitik lieferte das „Neue Deutschland“: „Wenn im Kulturhaus einige Jugendliche beginnen, den Tanzsaal mit einer Turnhalle zu verwechseln, werden sie vom Klubdienst aufgefordert, anständig zu tanzen. Dabei erziehen sich die Tanzpaare gegenseitig. Wer nicht hören kann, wird kurzerhand aus dem Saal gewiesen.“ Auf Schildern war zu lesen: „Auseinander tanzen verboten“.

https://milongafuehrer.blogspot.com/2016/03/auseinander-tanzen-verboten.html

Was den Funktionären damals nicht gelang, hat sich im Tango durchgesetzt: Kollektivismus in Reinkultur!

In einer übersichtlichen Tabelle können wir abschließend die Unterschiede des „dialektischen Standpunkt-Modells“ und des „allgemein geteilten Tango-Modells“ einordnen. Klar, was „allgemein geteilt“ wird, muss richtig sein! Wer will schon „parallele Selbstverwirklichung“?

Schwierig, dem etwas entgegenzusetzen – einen „philosophischen Überbau“ kann ich nicht liefern. Nicht mal tolle Tabellen.

Ich halte nichts von den Verkündigungen selbst ernannter Propheten. Tango ist ein individueller Tanz. Waren wir nicht mal stolz darauf, dass er anders funktioniert als die standardisierten Tanzschul-Modelle? Davon scheint kaum etwas übrig zu sein.

Eine allumfassende Ideologie habe ich nicht zu bieten. Ich kann nur berichten, was mir bei der Entwicklung meines Tango geholfen hat, was bei meinem eigenen Tanzen gut klappt. Dazu veröffentliche ich manchmal einige Tipps und Anregungen. Seltsamerweise werden die bekämpft, als hätte ich zur Weltrevolution aufgerufen.

Ich rate davon ab, auf dem Parkett „philosophische Konzepte“ umsetzen zu wollen. Stattdessen empfehle ich, seinen eigenen Tango (und den des Partners) zu finden. Dann ergäbe sich auf dem Parkett ein buntes Bild statt einer Prozession im Gegenuhrzeigersinn.

Tango lässt sich nicht in Normen und Schemata pressen. Ich habe viel Unerklärliches erlebt: Fälle, wo es mit sehr guten Tänzerinnen überhaupt nicht funktionierte – und andere, wo mit Anfängerinnen atemberaubende Tänze gelangen. Tango entzieht sich der Hirnakrobatik.

Selbst im „Neuen Deutschland“ war man damals schon einen Schritt über den Klammerreflex hinaus – allerdings ohne durchschlagenden Erfolg:

„Das Bewegungsbild ist voller Harmonie und mit seinem Lösen und Wiederfinden der Partner, mit seinen Solodrehungen ganz und gar modern. Unsere Jugend will sich nicht in ständiger geschlossener Tanzhaltung bewegen, sie wünscht sich Bewegungen, wie sie der Lipsi bringt, freilich weit entfernt von jenen geschmack- und hemmungslosen Verrenkungen überseeischer Tanzimporte, die ebenso wie die ohrenbeleidigenden Jazzverfälschungen aller Art die Gehirne einer zu ‚Rettern des Abendlandes' vorgesehenen Jugend der westlichen Länder vernebeln.“

https://milongafuehrer.blogspot.com/2016/03/auseinander-tanzen-verboten.html

Halten wir also fest: „Auseinander tanzen“ ist erlaubt!

P.S. Um dem Einwand vorzubeugen, ich hätte heutige Tango-Apologeten mit DDR-Funktionären verglichen: Nein, natürlich nicht! Mein Thema ist Kollektivismus jeglicher Art. Ich finde, das reicht.

Quelle: https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-42-teil/

Das waren noch Zeiten…

https://www.youtube.com/watch?v=0OW4IWQDvY4

Kommentare

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