Platz da?
Klaus Wendel hat sich heute eines Themas angenommen, das mich auch seit langer Zeit beschäftigt: der Platz auf der Tanzfläche: „Volle Milongas – Raum, Dichte und Gestaltung im Tango“. Der Inhalt überrascht.
Wie der Autor selber einräumt, hätte man bislang annehmen können, er halte ein Gedränge auf der Piste geradezu für eine Grundeigenschaft des Tango. Nein, so versichert er nun: Im Gegenteil schätze er es, wenn genug Platz zum Tanzen sei: Man könne Verkehrsregeln gutheißen, ohne gerne im Stau zu stehen.
Das ist doch ein Wort!
Vor gut 25 Jahren sei er fast entschlossen gewesen, aus solchen Gründen den Tango aufzugeben. Umgestimmt habe ihn eine Tänzerin, die meinte, man solle sich halt einen geeigneten Raum suchen. Tango existiere nicht nur auf der Milonga.
Etwas unverständlich ist mir dann aber, warum Wendel immer wieder über unseren „Wohnzimmer-Tango“ herzieht. Warum nicht dort tanzen, wo man relativ viel Platz hat und die Musik auflegen kann, die einen inspiriert?
Wendel wähle heute „bewusster aus“, wo er tanze. Ich ebenfalls.
Warum üben Milongas, die eine große Fülle versprechen, eine solche Anziehungskraft aus? Na ja, der Biologe nennt das „Sozialattraktion“: Der Mensch ist ein Herdenwesen. Schon unsere Vorfahren erkannten, dass sie in der Gruppe mehr Jagderfolg hatten als wenn sie solo einer Beute hinterher pesten. Und sich so zu mehreren gegen menschliche oder tierische Feinde wehren konnten.
Eine negative Folge: Wo viele hinrennen, möchte der Rest auch noch mit. Das gilt für Verkehrsunfälle ebenso wie für Milongas – und öfters ist der Unterschied kleiner als man meinen sollte.
An gut besuchten Abenden erhöhe sich die Wahrscheinlichkeit, mit vielen unterschiedlichen Partnerinnen und Partnern zu tanzen, so der Autor. Dieser Illusion erliegen zahlreiche alleinige Frauen, die dann oft den ganzen Abend – in Überzahl – mit Geschlechtsgenossinnen herumsitzen. Zum Vergleich: Bei unseren „Wohnzimmer-Milongas“ tanzten weibliche Gäste mit mindestens einem halben Dutzend Partnerinnen und Partnern, meist mehrfach. Auf Münchner Milongas würde ich mich darauf nicht verlassen!
Das „Gütesiegel: Wenn viele kommen, muss es gut sein“ ist eine der größten Täuschungen im Tango überhaupt. Ich habe viele Male das genaue Gegenteil erlebt.
Für Männer – und die bestimmen nach wie vor im Tango – ist ein reichhaltiges Angebot tanzbereiter Damen natürlich geradezu paradiesisch. Und aufdringlich werden dürfen die ja nicht – nur Gucken ist erlaubt. Ob es dabei stets ums Tanzen geht, ist zu bezweifeln.
Da konnten wir in Pörnbach jedoch nicht mithalten – die paar Frauen waren bald abgetanzt und hatten in der Mehrzahl feste Partner. Ich erinnere mich noch mit Schmunzeln an einen jungen „Pick Up-Artist“, dessen Rechnung bei uns überhaupt nicht aufging und der anschließend von einer Kollegin wieder zum Bahnhof transportiert wurde – wie sie schmunzelnd anmerkte: „ohne Unterbrechung der Kühlkette“.
https://de.wikipedia.org/wiki/Pick-up-Artist
Einen anderen Vorteil überfüllter Tanzflächen habe ich schon mehrfach erfolglos angesprochen: Man kann sich immer darauf zurückziehen, dass ja kein Platz ist, um „mehr“ zu machen. Für manche ist das die beste Ausrede für monotones Getrippel. Tanzen reduziert sich in Wendels Worten zu „reiner Kollisionsvermeidung“, zu einer „Serie von Abbrüchen“. Recht hat er!
Es sei dann keine Schande, die Tanda abzubrechen – was natürlich mit einer fremden Tänzerin problematisch wird, da diese vermuten wird, es liege an ihr. Daher gehe ich bei solchen Verhältnissen erst gar nicht aufs Parkett.
Überfüllte Tanzflächen kommen auch dadurch zustande, dass man das Parkett zugunsten des Sitzbereichs verkleinert. Oder indem man halt alle Gäste reinlässt – egal, wie viele kommen. Bringt ja Kohle. Im Zweifel wären mir dann Reservierungen lieber – ein Theater verkauft ja auch nicht mehr Karten als Plätze vorhanden sind. Aber anscheinend ist das im Tango nur zum Zweck des Fernhaltens überzähliger Frauen erlaubt.
Wendel empfiehlt, den Unterricht mehr auf kleinräumige Bewegungen zu fokussieren. Es sollen also die Gäste ausbaden, was der Veranstalter nicht hinbekommt: für genügend Platz zu sorgen.
„Raum ist kein Luxus“, so der Autor. Nein, er ist eine selbstverständliche Voraussetzung fürs Tanzen.
Klar kann es auf Milongas mal zu voll werden – oder auf der Autobahn. Nur betrachtet man Staus als unerwünschte Komplikation, die es zu vermeiden gilt. Im Tango dagegen soll der Gast gefälligst lernen, sich den Verhältnissen anzupassen.
Da wäre ein wenig mehr Kunden-Orientierung nicht verkehrt!
P.S. Im folgenden Video zeigt ein Tanzpaar, wie man es anstellen muss, um in der Ronda nicht vorwärts zu kommen:
https://www.youtube.com/shorts/DBip8vUYzYI
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