Aktuelles Meinungs-Recycling

Musik: ohne Entwicklung? Warum wird dieses Thema nicht angefasst und in jeder Fragestellung in die Ecke der Neos gezwängt? (…)

Glaubt man obendrein, in einer mittlerweile überalterten Tangogemeinde damit vermissten Nachwuchs zum Tango animieren zu können? (…)

Wenn aber obendrein eine künstlich erzeugte Fülle auf der Tanzfläche, zwecks Gewinnmaximierung oder zur Deckung der hohen Komfortkosten, erzeugt wird, aber die Bewegungsreduktion (…) mit der Begründung zur Vermeidung von Unfällen, herangeführt, aber gleichzeitig zum Kult erklärt wird, wird diese Figurenreduktion hier zum Selbstzweck.“

Starker Tobak, fürwahr! Wie nicht anders zu erwarten gab es zu diesem Text eine Menge kritischer Kommentare aus der konservativen Ecke. Aber der Autor legte noch nach:

„Worauf soll ich übrigens neidisch sein, wenn ich doch Missstände beklage und sie umgehe, indem ich nicht hingehe? Und dabei leide ich nicht einmal darunter, weil ich mich ja für bekloppt erklären müsste, auf eine überfüllte Tanzfläche zu gehen, wo ich meinen Spaß an Komplexität nicht befriedigen kann.“

https://milongafuehrer.blogspot.com/2025/04/bloggen-damals-und-heute.html

Wer es noch nicht gemerkt haben sollte: Die obigen Texte könnten von mir sein – sind sie aber nicht. Der Kollege Klaus Wendel schrieb sie 2021. Inzwischen sind sie auf seinem Blog gut versteckt, mittels des folgenden Links kann man sie aber (noch) lesen.

„Bäume und Wälder“: https://www.tangocompas.co/baeume-und-waelder/

Nun aber ist man sich bei den Kollegen Wendel und Yokoito einig, dass man sich tangomäßig weiterentwickelt hat:

„Ich habe gerade aus einem anderen Anlass heraus ältere Blogtexte von mir angeschaut (konkret: April 2016). Und festgestellt, dass ich damals einen eher ‚elitekritischen‘ Standpunkt hatte. Das hat mich einerseits ein wenig erschreckt, andererseits auch etwas froh gemacht. Weil ich noch weiß, wie wenig Erfahrung ich damals hatte und dennoch dachte, ich weiß schon alles Notwendige. Und wie klein der Horizont aus heutiger Sicht war – und wie zunehmende Erfahrung ihn erweitert.“  

Ich darf Yokoito trösten: Sein Horizont war damals nicht kleiner als heute!

Und auch Wendel hat Recht mit seiner Antwort: „Denke, da bist du nicht allein, denn eine gewisse Zeit einer ‚Tango-Pubertät‘ haben wir alle mal überstanden, obwohl manch einer leider darin stecken geblieben ist.“

https://www.tangocompas.co/freiheit-statt-moralischer-erpressung/#comments

Na gut – „manch einer“ ist natürlich ein ganz Bestimmter. Geschenkt!

Nach eigenen Angaben beschäftigt sich Kollege Wendel ja seit 1984 mit dem Tango, und sein oben zitierter Artikel stammt von 2021 – was eine Pubertäts-Dauer von zirka 37 Jahren bedeutet. Erst seit 5 Jahren ist er also tänzerisch erwachsen geworden: Auch das finde ich nicht übertrieben.

Ist das Alter eine Phase, in der wir ruhiger und abgeklärter werden oder zu sein haben? Es gibt aber Gegenbeispiele:

„Mein Denken ist heute sehr viel radikaler als mit 30 Jahren,“ sagte beispielsweise die Politikerin Rita Süssmuth, „wir Älteren denken tiefer darüber nach, was wir verändern möchten, und bleiben an den Zielen dran.“

Und die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich meint: „Verfolgen wir mit Radikalität als alte Menschen nicht auch das Ziel, wenn nicht jetzt, wann sonst wollten wir die Welt verändern?“ Mit dem Titel „Die Radikalität des Alters“ hat sie darüber sogar ein Buch geschrieben.

https://www.deutschlandfunk.de/im-alter-noch-radikaler-100.html

Die Welt verändern wollte ich schlimmstenfalls in einer ganz kurzen Phase meiner Pubertät. Was mir aber am Alter gefällt, ist die riesige Freiheit, auf immer weniger Rücksicht nehmen zu müssen.

Im Tango brauche ich keine Angst davor zu haben, dass mir Kursteilnehmer weglaufen, Milonga- oder gar Encuentro-Gäste ausbleiben, einen DJ-Job zu verlieren – nicht mal, dass die eine oder andere Dame nicht mehr mit mir tanzen will. Gesundheitlich bedingt muss ich meine Kräfte eh einteilen. Mir würde es nicht mal etwas ausmachen, wenn Leute mich auf Veranstaltungen ignorieren – das habe ich als Anfänger oft genug erlebt.

Seltsamerweise passiert genau das Gegenteil: Obwohl sich doch meine lästerlichen Ansichten herumgesprochen haben dürften, werde ich auf Veranstaltungen herzlicher denn je begrüßt – und sogar von etlichen Damen aufgefordert. Mit oder ohne Cabeceo. Wieso nur?

Meine grenzwertige tänzerische Begabung, die mir von Experten oft genug attestiert wurde, wird nicht der Grund sein. Könnte es – horribile dictu – eventuell manchmal daran liegen, dass ich Dinge auszusprechen wage, die viele andere lieber für sich behalten?

Ich möchte es klar sagen: Leute, die früher durchaus Kritik an Tanz- und Verhaltensformen im Tango übten, für Moderneres eintraten, sind nun eifrig am Zurückrudern. Ich halte das für knallharten Opportunismus. Im Tango haben sich schon immer seltsame Vögel herumgetrieben – heute jedoch häufig von der Spezies Wendehals: Was man früher als altmodisch und verstaubt betrachtete, wird nun als Fortschritt verkauft. Man schafft sogar den logischen Looping, Tangomusik aus den 1970er Jahren als gestrig hinzustellen, während man das Schaffen der1940er-Zeit anpreist.

Aber Ideologie hat selten mit Logik zu tun.

Zur momentanen Situation bei den Tangoblogs passt ein wunderbarer DDR-Witz: Warum ging die Volkspolizei stets zu Dritt auf Streife? Einer konnte schreiben, der andere lesen – und der Dritte passte auf die beiden Intellektuellen auf.

Abschließend der legendäre Georg Schramm – niemand konnte den pubertären Rentner so eindrucksvoll darstellen wie er:

https://www.youtube.com/watch?v=9_nuxjEW3WY

Kommentare

Hinweis zum Kommentieren:

Bitte geben Sie im Kommentar Ihren vollen (und wahren) Namen an und beziehen Sie sich ausschließlich auf den Inhalt des jeweiligen Artikels. Unterlassen Sie herabsetzende persönliche Angriffe, gegen wen auch immer. Beiträge, welche diesen Vorgaben nicht entsprechen, werden – ohne Löschungsvermerk – nicht hochgeladen.
Sie können mir Ihre Anmerkungen gerne auch per Mail schicken: mamuta-kg(at)web.de – ich stelle sie dann für Sie ein.