Die Opportunisten entdecken die Dolchstoß-Legende

 

Wahrlich, im heutigen Tango ist es nicht nur gefährlich, der herrschenden Doktrin zu widersprechen – es kann auch verdächtig wirken, Texten zuzustimmen.

So erfahre ich gerade aus dem Kommentar eines Oberpfälzer Schriftdeuters: Wenn man einem Autor zustimme, nehme man seinem Text „ein Stück seiner Eigenständigkeit“.

Was ist dann mit den vielen Äußerungen im konservativen Tango, „alle“ dächten so? Dann wird es doch noch schlimmer…

Als „eigentlicher Dolchstoß“(!) wirke die „gefährliche Passage“: „In vielen Dingen treffen sich unsere Ansichten.“ Ist das nun eine Zustimmung? Nein, natürlich nicht, sondern eine „Vereinnahmung“ – so der Neuerfinder der „Dolchstoß-Legende“. Auch im Ersten Weltkrieg versuchten die deutschen Militärs ja, die Schuld für ihre Niederlage den demokratischen Politikern zuzuschieben: Diese seien der kämpfenden Truppe per „Dolchstoß“ in den Rücken gefallen.

 https://de.wikipedia.org/wiki/Dolchsto%C3%9Flegende

Abgesehen davon, dass ich es beknackt finde, einen Gesellschaftstanz mit kriegerischen Begriffen aufzuladen: Man möchte halt allein Recht haben. Zustimmung von der falschen Seite stört da nur. Und klar: Es geht solchen Leuten nur um Personen und Frontverläufe. Inhalte sind uninteressant.

Mir ist es egal, ob ich einen Schreiber für ein Genie oder einen Trottel halte. Wo er nach meiner Ansicht richtig liegt, gebe ich ihm recht – und wo nicht, da halt nicht. Das scheint manche in ihrer „Kriegsberichterstattung“ zu stören.

Im traditionellen Tango ist wohl derzeit einiges im Fluss, was bisherige Anhänger der reinen Lehre verunsichert.

So schreibt Christian Birkholz, bislang ein hundertprozentiger Verfechter der orthodoxen Tangodoktrin:

„Ich habe es in letzter Zeit immer öfter erlebt, dass DJs die eisernen Regeln gebrochen haben und Stücke in einer Tanda verbaut haben, welche zeitlich zu weit auseinander waren, oder gar einen anderen Sänger hatten und damit nicht mehr dem bisherigen strengen Kanon genügten.“

Echt, eine Tanda mit verschiedenen Sängern oder aus unterschiedlichen Zeiten? Das grenzt ja an Kulturrevolution!

Da kann auch Klaus Wendel nur zustimmen:

„Viele DJs sehen in der ‚stiltreuen‘ Zusammenstellung nach Schaffensperioden eine fast wissenschaftliche Disziplin, während Tänzer:innen viel eher auf die Gesamtwirkung und Energie der Ronda achten. Die meisten hören weder die genaue Entstehungszeit noch das Orchester heraus – manchmal nicht einmal, dass es ein anderes ist.“

Ich sehe es sogar noch drastischer: Auf einer durchschnittlichen Milonga haben 95 Prozent der Gäste null Ahnung, welches Orchester da spielt. Wahrscheinlich können sie nicht mal die Namen von einigen historischen Tangoensembles aufzählen. Mit viel Glück hört eine Mehrheit den Unterschied zwischen einem Tango und einem Vals. Mehr nicht!

Ich finde das ein interessantes Thema, zu dem man mal eine Umfrage starten sollte. Aber stattdessen arbeitet sich mein langjähriger Gegner Birkholz lieber an mir ab und betreibt „riedelsche Pathologieforschung“(!):

„Schau Dir die Themen an, gegen die er wettert. Encuentro, EdO, Tanzunterricht. Enge Umarmung, Ronda – keines davon versteht er oder beherrscht es. Dann macht er es halt mit dem Vorschlaghammer platt.“

Blöd ist nur, dass ich kein solches Werkzeug besitze. Das müsste ich mir bei Bedarf schon bei Herrn Birkholz ausleihen. Aber dann stünde er ohne Argumente da.

Der Autor fragt: „Warum lässt er denen, die es beherrschen und lieben, nicht ihren Spaß?“ Na, aber gerne doch – falls ich ihm begegnen sollte! Aktuell lese ich nur verkniffenes Geschimpfe.

Mir wird immer wieder vorgeworfen, dass es mir an „Selbstkorrektur“ fehle: Wer sich selbst als frei von Irrtümern darstellt, wird zwangsläufig auch persönlich getroffen, wenn jemand widerspricht.“

Nein, lieber Klaus Wendel: Da beschreiben Sie vielleicht die eigene Einstellung, aber nicht meine! Erstens bedeutet ein Widerspruch ja nicht automatisch den Nachweis eines Irrtums, und zweitens sollte dieser ja eine Sache betreffen – nicht meine Person. Weiterhin versuche ich stets, keine Wahrheiten, sondern individuelle Sichtweisen darzustellen. Wenn ich da mal daneben liege, ist das eingepreist – und ich weiß ja eh, dass viele im Tango meine Ansichten nicht teilen. So what?

Mir wird also immer wieder vorgeworfen, ich würde Irrtümer nicht zugeben. Da frage ich bescheiden zurück: Welche denn?

Beispielsweise habe ich viele Jahre lang immer wieder gegen die Behauptung angeschrieben, bestimmte Tangostücke (oft von Piazzolla) seien „nicht tanzbar“. Davon lese ich schon länger nichts mehr. Schlimmstenfalls unterscheidet man inzwischen Aufnahmen, die stark zum Tanzen motivieren, von eher weniger geeigneten. Darauf hätten wir uns schon vor 15 Jahren einigen können!

Noch schlimmer fand ich die Behauptung, nach dem Ende der EdO (also zirka 1955) habe es keine des Tanzens werte Tangomusik mehr gegeben. Ich wurde nicht müde, anhand zahlreicher neuerer Aufnahmen das Gegenteil zu belegen. Heute spielen viele DJs, auch auf konservativen Milongas, durchaus auch zeitgenössische Musik.

Als Grund für die Zurückhaltung wurde vielfach angegeben, die Spieltechnik neuerer Gruppen erreiche nicht das Niveau der alten Meister. Inzwischen lädt man auf Festivals rauf und runter moderne Ensembles ein und tanzt begeistert zu deren Musik. Auch das Argument, die Buchung von Live-Musikern sei finanziell nicht zu stemmen, habe ich schon lange nicht mehr vernommen.

Selbst bei Astor Piazzolla bröckelt inzwischen die Brandmauer: Zumindest nach Mitternacht wagen es etliche DJs, Stücke wie „Oblivion“ aufzulegen. Und ich sage voraus: Da wird noch mehr kommen! Vor allem die wundervollen Balladen des Meisters lassen sich nicht ewig unterschlagen.

milongafuehrer.blogspot.com/2018/12/jede-menge-piazzolla.html 

Ebenfalls habe ich schon vor Jahren vermutet, dass die Aufforderung per Cabeceo sich nicht allgemein durchsetzen wird. Dem stehen nicht nur Sitzordnung und Beleuchtung, sondern auch unser mitteleuropäisches Verständnis vom Umgang der Geschlechter entgegen. Zudem hatte die Blinzel-Aufforderung keinerlei Ausstrahlung auf die restliche Tanzwelt – dort fordert man weiterhin so auf, wie man es in der Tanzschule gelernt hat. Das macht den Tango zum absonderlichen Nischen-Phänomen.

Wendel schreibt in diesem Zusammenhang: „Eine bedingungslose Übernahme von Regeln, nur weil es ‚original‘ oder ‚authentisch‘ erscheint, wirkt dagegen oft absurd – selbst in Buenos Aires.“

Tragischerweise muss ich ihm auch da recht geben.

Ein weiteres Beispiel sind die Auflege-Regularien für DJs. Ich habe es schon immer für ziemlich sinnlos gehalten, Tandas nach Orchestern mit oder ohne Sänger sowie nach engen Schaffensperioden zu stricken – mit der Folge, dass man zahlreiche Titel pro Jahr Dutzende Male hört. Früher wurde ich oftmals belehrt, erst dadurch erschlössen sich die unübertroffenen „Feinheiten“ der alten Arrangements.

Nun lese ich von Klaus Wendel: „Es gibt tatsächlich DJs, die ihre Tandas buchhalterisch nach Schema F zusammenbauen – ganz korrekt nach Jahrgang, Sänger und Orchesterphase – auch wenn das oft auf Kosten des Tanzvergnügens geschieht.“

Soll ich ihm aus Prinzip widersprechen? Nein – recht hat er!

Und ich wage vorherzusagen: Auch die „heiligen Ronda-Gesetze“ werden keinen dauerhaften Bestand haben. Schon jetzt sehe ich auf vielen Veranstaltungen, dass man halt dorthin tanzt, wo Platz ist. Wer am Hinterherdackeln in einer Reihe Spaß hat, soll es machen. Aber Rücksicht muss nicht kleinkariertes Beachten von „Verkehrsregeln“ bedeuten. Und überfüllte Pisten sind kein notwendiges Wesensmerkmal des Tango. Immerhin hat man damit aufgehört, Tanzflächen künstlich zu verkleinern. Das Gegenteil wäre sinnvoll!

Herr Birkholz hält mich für „begriffsstutzig“: „So lässt, zum Beispiel, sein Plädoyer für leere Tanzflächen einfach nicht die Möglichkeit zu, dass es Menschen gibt, die auf vollen Tanzflächen viel Spaß haben können. Eigentlich disqualifiziert er sich hier schon selbst. Wir beide (also Wendel und er) können mit großer Freude auf einer freien Tanzfläche, aber auch in einer geordneten Ronda tanzen – er nicht. Somit hat er eigentlich keine Legitimation bei dieser Frage mitzureden.“

Also, erstens beziehe ich mein „Rederecht“ aus dem Artikel 5 Grundgesetz und nicht von der Erlaubnis eines hochnäsigen Sprücheklopfers. Und zweitens steht es mir nicht an, Möglichkeiten zu verhindern. Wer sich ins Gedränge stürzen will, soll es tun – ob auf der Autobahn oder der Tanzpiste.

Lustig finde ich auch, dass man mich der Rückwärtsgewandtheit zeiht, weil mir Tangomusik der 1970er Jahre gefällt. Dass man selber auf Produktionen der 40er Jahre steht, wird nicht als Widerspruch empfunden.

Mein Dilemma ist halt, dass es mir zwar nichts ausmacht, von falschen Vorstellungen abzugehen – ich weiß momentan nur nicht, von welchen. Derzeit erlebe ich, dass man auf Erkenntnisse kommt, die ich schon vor Jahren veröffentlicht habe. Soll ich nun, nur um meine Demut zu beweisen, meinen damaligen Ansichten abschwören?

Es wird schwierig, wenn man es mit gnadenlosen Opportunisten zu tun hat. Lange Jahre konnte ihnen der Tango gar nicht konservativ genug sein. Nun plötzlich dreht sich der Wind – und man kommt ins Schlingern.

Meine Schuld ist wohl, manches zu früh erkannt zu haben. Wie peinlich! Und nun falle ich den kämpfenden Paaren auf vollgestopften Pisten per „Blogger-Dolchstoß“ in den Rücken…

Ja, der konservative Tango: Im Felde unbesiegt – aber an der Heimatfront gescheitert!

Ich werde mich hinkünftig bemühen, mal einen totalen Blödsinn zu schreiben, damit ich ihn dann reuevoll zurücknehmen kann. Das müsste zu schaffen sein – andere können das doch auch!

Ein wunderbares Beispiel für Opportunismus ist eine meiner Lieblingskomödien: „Eins, zwei, drei“ von Billy Wilder: Auf der Jagd nach dem Coca Cola-Rezept gerät eine sowjetische Handelsdelegation in ein abgeranztes Ostberliner Hotel, in dem Friedrich Hollaender eine Tanzkapelle dirigiert. Die auf dem Tisch tanzende Lilo Pulver bringt den Saal derart zum Beben, dass ein Chruschtschow-Porträt aus dem Rahmen rutscht und darunter ein Bildnis Stalins zum Vorschein kommt. Wie peinlich!

https://de.wikipedia.org/wiki/Eins,_zwei,_drei

https://www.youtube.com/watch?v=JJhTZeAs8NI&t=1s

Quelle: https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-und-das-bloggen-30-teil/#comments

Kommentare

  1. Die Kollegen Wendel und Beyreuther haben meinen Artikel kommentiert. Was sie eigentlich sagen wollen, habe ich nicht verstanden. Aber ich veröffentliche den Link zum Nachlesen.
    Eine – nachnamenlose – „Theresa“ schreibt dazu:
    „Lieber Klaus,
    du musst nicht auf die – in der Tat brilliant perfiden – Texte von G.R. antworten. Keiner kann dich ‚zu einer Rechtfertigung‘ zwingen und dich ‚in eine Endlosschleife aus Abwehr und Rechtfertigung treiben‘. Mach einfach gar nichts. Dann hat G.R. ein Thema weniger und du deinen Seelenfrieden.“
    Na eben – Theresa macht es doch gekonnt vor!
    https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-und-das-bloggen-30-teil/#comments

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    1. Ganz aktuell schreibt „Theresa“ an Klaus Wendel:
      „Du musst es einfach nur mal ertragen, dass jemand Unzutreffendes über dich denkt und verbreitet. Das kannst du sowieso nicht verhindern.“
      Eine Erkenntnis, die mir fast den Atem raubt!
      Ja klar, das übe ich nun seit über 15 Jahren – ab dem ersten Erscheinen meines Tangobuches. Da kriegt man Routine.
      https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-und-das-bloggen-30-teil/#comments

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