Die Ronda und wir

Derzeit läuft eine wirklich interessante Diskussion zwischen meinen Kritikern Klaus Wendel und Yokoito (alias Wolfgang Balzer):

Ausgangspunkt ist Wendels Klage, dass er einmal als „Pistensau“ tituliert wurde, weil er es wagte, eine Swing-Nummer mit Swing-Schritten zu interpretieren, also eher auf der Stelle, während der Rest der Menge Milonga dazu tanzte – mithin in einer Vorwärtsbewegung. So wirkte er mit seiner Partnerin als Hindernis.

Nicht zu Unrecht schreibt der Autor:

„Aha. So funktioniert also die Logik: Wer als Swingtänzer Swing tanzt – zu Swing – wird bestraft.
Aber wer Tango oder Milonga auf alles drüberstülpt, was irgendwie im Viervierteltakt daherkommt, ist fein raus.“

Sein Blogger-Genosse Yokoito sieht das in einem Kommentar anders:

„Eine Tango-Ronda hat nun mal auch eine Vorwärtsbewegung (jedenfalls ist es schön, wenn es sie gibt), und wenn Swing keine passenden Bewegungs-Bausteine hat, dann gehört es nicht dorthin, und andere Tänzer sind zu Recht genervt.“

Wendel dagegen meint:

„Wenn ein Stil für dich ‚nicht passt‘, dann ist er automatisch störend.
Aber warum passt er nicht?
Weil du ihn nicht gelernt hast.
Nicht, weil er zur Musik nicht passen würde.
Das ist der Unterschied zwischen Komfortzone und Kompatibilität.
Die Ronda regelt den Verkehr, nicht die kulturelle Deutungshoheit. Sie sagt nicht: ‚Hier darf nur Tango passieren‘, sondern: ‚Bitte bewegt euch sinnvoll im Raum.‘ Mehr nicht.“

Ich finde diesen Meinungsaustausch sehr interessant und kann die Lektüre nur empfehlen:

https://www.tangocompas.co/monokultur-in-der-oeffentlichen-tanzwelt/#comments

Immer noch lese ich solche Debatten staunend, da diese Themen in meiner Tanz-Biografie (seit Ende der 1960er Jahre) jahrzehntelang überhaupt nicht vorkamen:

Klar, in der Tanzschule lernten wir, dass man das Parkett im Gegenuhrzeigersinn benutzen sollte – und es als wenig fein galt, einem anderen Paar mehr als unvermeidbr im Weg zu stehen oder es gar zu rempeln. Später bei den Turnieren konnte es dafür eine schlechtere Wertung setzen. Und die Partnerinnen sollten, wenn möglich, den Raum im Rücken der Tänzer im Blick haben: Sehr sinnvoll, wie ich heute noch finde!

Auch als wir 1999 mit dem argentinischen Tango begannen, waren uns Begriffe wie „Ronda“, „Tanzspuren“ oder „Cabeceo unter Führenden“ völlig unbekannt – und das, obwohl unser erstes Tangolehrerpaar auf Erfahrungen in Buenos Aires zurückgreifen konnte.

Wir tanzten halt nach den räumlichen Regeln, welche wir einst im Tanzkurs gelernt hatten. Und das, obwohl es Parkettbenutzer gab, welche die „künstlerische Freiheit“ schon ziemlich ausreizten: Ein szenebekannter Tanguero beispielsweise liebte es, seine Partnerinnen hoch anzuheben oder sie der Länge nach fast aufs Parkett zu drapieren. Okay, man kannte einander und hielt genug Abstand, um nicht selbst unter die Räder zu kommen. Irgendwie war es auch unterhaltsam – man sieht es ja nicht allzu oft, wie Damen fortgeschrittenen Alters flachgelegt werden!

Meine Gattin hielt sich da allerdings heraus – wurde aber auch nicht zu solchen Turnübungen gebeten. Der Kollege wusste durchaus, wem er solche Verrenkungen zumuten sollte – und nicht wenige Tänzerinnen schienen sogar Spaß daran zu haben.

Wirklich Unangenehmes passiert ist meiner Erinnerung nach nicht. Unser Freistiltänzer hatte seine Gymnastik ganz gut im Griff! Heute würde er auf ideologisch geprägten Tango-Veranstaltungen wohl rausgeschmissen.

Generell herrschte auf den Veranstaltungen damals die Devise: tanzen und tanzen lassen. Abweichende Bewegungsweisen wurden eher als interessante Farbtupfer denn als Störung oder gar Gefährdung gesehen.

Hätte man uns damals etwas über die „Ronda-Diszipin“ inklusive Einhaltung irgendwelcher „Tanzspuren“ erzählt, wäre uns das recht schräg erschienen. Man tanzte halt dorthin, wo Platz war. Oder reduzierte seinen Bewegungsdrang, wenn es zu eng wurde.

Ich bemerkte den Wechsel, als Richtung 2010 die Milongas von Leuten überschwemmt wurden, deren tänzerischen Fähigkeiten sich auf einige Tangoschritte beschränkten. Häufig hatten sie bis zu ihrer Lebensmitte überhaupt nicht getanzt, bis sie dann auf die Verheißung hereinfielen, Tango sei ganz einfach, da man nur „gehen“ müsse. So sah es meist auch aus. Klar, dass sie gerade auf dichter besetztem Parkett ziemlich hilflos waren.

Zu dieser Zeit war die Branche schon ziemlich kommerziell geprägt. Um solche Leute bei der Stange zu halten, bot man ihnen sehr simple Musik an, die man mit dem Gütesiegel „traditionell“ versah. Statt sich mit den eigenen unzureichenden Tanzfähigkeiten auseinanderzusetzen, konnte man sich als Wahrer althergebrachter Werte fühlen. Ein geniales Marketing!

Dass durch den Tango-Hype die Tanzflächen immer voller wurden, erleichterte die Sache: Man konnte ja gar nicht komplizierter tanzen – selbst, wenn man dazu fähig gewesen wäre! Zur Sicherheit etablierte man die Lehre von den festen „Ronda-Spuren“, damit wirklich jeder Depp wusste, wohin es (besser: er) zu gehen hatte.

Wer sich nicht daran hielt, wurde als „Störenfried“ gebrandmarkt. Ein perfekter Täter-Opfer-Austausch!

Klar ist natürlich: Gutes Navigieren auf dem Parkett lernt man nicht von heute auf morgen. Dazu ist eine Menge tänzerische Erfahrung nötig. Menschen meiner Generation haben sich die häufig durch viele Stunden auf dem Parkett erworben – oft mit ganz unterschiedlichen Tänzen, bis sie halt eines Tages beim Tango landeten. Wer dagegen noch ständig an Tanzfiguren denken und auf die Füße starren muss, hat ein Problem.

Ich kann Anfängerinnen und Anfängern nur raten, eher schwach besuchte Veranstaltungen zu besuchen. Da hat man nämlich Platz zum Tanzen, was die Sache wesentlich erleichtert. Leider ist meist das Gegenteil der Fall: Man rennt dorthin, wohin alle rennen. Und wundert sich dann über (im Wortsinn) mangelnde Fortschritte.

Immer wieder begründet man im Tango alles Mögliche mit dem Argument des „überfüllten Parketts“ – als ob das ein Wesensmerkmal des Tango sei. Würde man ein Hotel mit dem Slogan „fast ausgebucht“ bewerben? Oder ein Freibad mit „kaum noch Platz in den Schwimmbecken“? Eine Autobahn mit „kilometerlangen Staus“?

Selber zieht es mich kein bisschen auf Veranstaltungen, die erfahrungsgemäß rappelvoll sind. Und wenn, dann erscheine ich so früh wie möglich, um wenigstens in der ersten Zeit noch Platz zum Tanzen zu haben. Wenn dann das Gedränge auf der Tanzfläche bedrohliche Ausmaße annimmt, schaue ich lieber im Sitzen zu. Das kann amüsantere Perspektiven bieten!

Das nachfolgende Video zeigt: Die Ronda macht vor allem Spaß, wenn man sie nicht braucht!

https://www.youtube.com/watch?v=qGSCFNEbU9M

Im Begleittext heißt es:

„Eine chaotische Tanzfläche ist keine Entschuldigung dafür, grundlegende Tanzetikette beim Gesellschaftstanz zu vernachlässigen.

Die imaginäre Tanzlinie dient als unsichtbare Bahn, die diagonal gekreuzt wird, während man sich allmählich vorwärtsbewegt, unabhängig davon, ob man sich in einem engen Raum befindet oder die Tanzfläche ganz für sich allein hat.“

Na eben!

Kommentare

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