Vortreten statt nachtreten!

Der Ex-Vizekanzler Robert Habeck hat nun angekündigt, zum 1. September den Bundestag zu verlassen und sich in den USA sowie Dänemark Lehr- und Forschungstätigkeiten zu widmen. Und das, obwohl ihn 450000 Bürgerinnen und Bürger in einer Petition zum Bleiben aufgefordert hatten!

Zum Abschied gab er der Berliner „taz“ noch ein Interview, über das ich mich köstlich amüsiert habe.

Habeck, der sonst gerne den Sanften und Nachdenklichen spielt, teilt darin speziell gegen Polit-Personal der Union kräftig aus:

„Als Friedrich Merz seine Regierungserklärung vor den Sommerferien gehalten hat, da hat er quasi meine Wahlkampfrede gehalten. Etwa: In Zeiten der Krisen muss man die Schuldenbremse lockern, um Verteidigung und Infrastruktur zu finanzieren. Ich saß im Plenum und habe geklatscht und gelacht. Das war in dem Moment irgendwie witzig.“

Ich gestehe gerne, das auch für einen guten Gag gehalten zu haben!

Schwarz-Grün sei von der Union zerstört worden, wobei er die Namen von vier Lieblingen nennt: Merz, Söder, Spahn, Klöckner.

Merz klinge schon „wie Lindner in der Schlussphase“.

Hart rechnet Habeck mit der neuen Parlamentspräsidentin ab, insbesondere mit ihrem Verbot der Regenbogenflagge im Bundestag. Sie habe damit die Gesellschaft gespalten: „Ob mutwillig oder aus Dämlichkeit, weiß ich nicht. Sie war noch nie in der Lage, Dinge zusammenzuführen. Sie hat immer nur polarisiert, polemisiert und gespalten. Insofern war von Anfang an klar, dass sie eine Fehlbesetzung ist.“

Der Ex-Wirtschaftsminister legt abschließend sogar nochmal nach: „Es darf nirgendwo eine Fahne oder eine Aufschrift auf einem Pullover geben. Alle müssen neutral sein, nur Klöckner darf rechts sein.“ Und schließlich: „Inzwischen sagen selbst Leute aus der Union, dass Merz sie nur zur Präsidentin gemacht hat, um sie von einem Ministerposten fernzuhalten, auf dem sie noch mehr Schaden anrichtet.“

Auch der bayerische Ministerpräsident kriegt im wahrsten Sinne sein Fett ab: „Dieses fetischhafte Wurstgefresse von Markus Söder ist ja keine Politik.“

Um es mal gleich zu bewerten: Satiretechnisch ist dieser Spruch aus der Champions League – er dürfte dem guten Markus als Zitat wie Katzendreck am Schuh kleben.

Klar kann man dagegen das grüne Gedöns vom Veggie-Day stellen, geschenkt! Das macht den Gag aber nicht weniger erfolgreich.

Das Satire-Magazin „Der Postillion“ verlängerte den Steilpass: „Iff freffe gar nift fetifhaft Wurft!“ legt es dem bayerischen Spitzenpolitiker in den vollen Mund.

https://www.der-postillon.com/2025/08/fetischhaftes-wurstgefresse.html

Auch Habecks Sympathien für die SPD halten sich in Grenzen:

„Und dann hätte ich entweder den Klingbeil machen können und sagen, ist doch eigentlich angesichts der Ausgangslage ganz gut, und alle Macht für mich.“

Quelle: https://taz.de/Robert-Habeck-tritt-zurueck/!6106347/

Für die Journaille jedenfalls war es ein gefundenes Fressen:

https://taz.de/Habeck-Rueckzug/!6106453/

Dass konservativen bis rechten Medien da die Galle hochkommt, bedeutet schon mal ein Erfolgserlebnis. So meint der WELT-Herausgeber Ulf Poschardt, Habeck sei „politisch eine komplette Null“ gewesen. Schön!

https://www.welt.de/politik/deutschland/video68ac78d95d3e123a945aabb7/habeck-verlaesst-bundestag-er-war-politisch-eine-komplette-null.html

Aber auch Journalisten diverser Couleur beeilen sich nun mit der Feststellung, das „Nachtreten“ Habecks sei nicht sehr fein. Einverstanden – ich bin ebenfalls ein großer Anhänger des „Vortretens“, also des rechtzeitigen rhetorischen Volltreffers,

Meine wehmütige Erinnerung gilt dabei Herbert Wehner, dem wohl begabtesten Redner in der Geschichte der neuen Bundesrepublik. Dabei waren dessen Sprüche oft alles andere als intellektuell brillant: „Nun lassen Sie mich doch einmal ausreden, Sie Düffel-Doffel da!“ gehört sicher nicht in ein Rhetorik-Lehrbuch.

https://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%BCffeldoffel

Aber der SPD-Politiker hatte ein untrügliches Gespür dafür, wem er es wann und wie geben musste. Das Timing machte seine rednerischen Ausfälle derartig genial und wirkungsvoll. Einige legendäre Beispiele:

https://www.youtube.com/watch?v=WXoHOvxRu9U

Leider beherrscht Robert Habeck diese Kunst nicht. Gelegenheiten hätte es im zurückliegenden Wahlkampf viele gegeben, da Merz, Söder & Co. sich genügend Ausfälle gegen die Grünen leisteten. In einem meiner Artikel kann man eine Auswahl nachlesen:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2025/02/merz-und-die-linken-spinner.html

Grund zur Empörung besteht für die Konservativen also wahrlich nicht!

In meiner Tango-Bonsaiwelt bin ich daher stets nach der Maxime verfahren: Wer es braucht, kriegt es, und zwar rasch. Die Klagen über meine ach so schrecklichen Ausfälle sind eingepreist. Manchmal verfasse ich ganze Artikel, um einen Satz unterzubringen wie diesen:

„Es bringt nur nichts, alles, was man selber nicht kann, als ‚Bühnentango‘ abzutun.“

https://milongafuehrer.blogspot.com/2025/08/reiner-showtango.html

Und das innerhalb von 24 Stunden – das Internet ist schnelllebig!

Leider brauchte Habeck bisher zu lang. Aber das kann sich ändern. Ein ermutigender Ansatz ist jedenfalls gemacht!

Kommentare

  1. Ja ja, der böse Rückzug, obwohl doch alle, vor allem Söder, Huber, die BILD, Lindner, Aiwanger, Poschardt – nicht zu vergessen auch der ÖRR und die durch die Presse aufgehetzte Öffentlich – immer so lieb zum Robert waren. Es wurden mal in Deutschland, Schmidt, Brandt, Wehner, Geißler für ihre unbequeme, ehrliche und direkte Art gefeiert...im Zeitalter von Spahn, Merz und Klöckner hat die Politik jeglichen Anstand verloren .
    Habeck hat im kleinen Finger mehr Stil, als die gesamte CDU Fraktion zusammen...seine Art wird Deutschland fehlen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Wendel

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    1. Na ja, Schmidt, Brandt, Wehner, Geißler und andere wurden damals nicht nur gefeiert, sondern waren auch das Ziel heftiger Attacken und haben selber kräftig ausgeteilt. Und Franz Josef Strauß war sowohl Kultfigur als auch Hassobjekt. Da sollten wir die Vergangenheit nicht idealisieren.
      Habeck war stets einer der Sanften. Ich finde es schade, dass er erst seinen Rückzug mit einigen deutlichen Worten garniert hat.
      Politik ist halt kein Mädchenpensionat (früheren Zuschnitts). Nicht mal der Tango. Das wissen wir doch beide, oder?

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  2. wie sagte man seinerzeit: franz josef strauss hatte einen charakter. zwar einen miesen, aber er hatte wenigstens einen!
    und wenn ich so in unser nachbarland zu den ösis gucke, brechen für satiriker und satire-medien schwere zeiten an: die werden nicht nur verklagt sondern auch rechtskräftig verurteilt! also aufpassen, g.r.!

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    1. Ich habe nicht vor, in der nächsten Zeit nach Österreich zu reisen.
      Ansonsten warte ich nun schon über 11 Jahre darauf, mal satirehalber verklagt zu werden. Schon, um endlich rauszukriegen, ob meine Rechtsschutzversicherung was taugt. Aber außer heiße Luft habe ich da noch nichts erhalten.

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