Warum auch die Frauen tanzen sollten
Aktuell hat Klaus Wendel einen Artikel veröffentlicht, bei dem mir fast die Luft wegblieb: Hat er da von mir abgeschrieben? Man könnte es fast meinen!
Doch bevor er sich wieder aufregt: Nein, natürlich nicht! Mein Text wäre höchstens halb so lang geworden.
Aber zur Sache:
„Tänzerische Aktivitätder Folgenden – totale Anpassung oder Bewegungsfreiheit?“ nennt der Autor den 21. Teil seiner „Gedanken zum Tango Unterricht“.
Worum geht es?
Die oft zitierte Idee, dass ein Tangopaar zwei gleichwertig aktive Tanzende umfasse, stehe im auffälligen Widerspruch zu dem, was man häufig auf dem Parkett erlebe:
„Die Rolle der Frau wird dabei nicht selten zur Marionette, die sich – meist unbewusst – zur reinen Erfüllungsgehilfin des Mannes degradiert. Anstelle eines Dialogs entsteht so nur ein Monolog, der wenig Raum für Begegnung, Interpretation oder gar Eigenständigkeit lässt.“
Puh, erstmal tief durchatmen!
Wendel schildert das Phänomen schonungslos: Frauen, die das übliche Tango-Vokabular durchaus draufhätten, gerieten schlagartig aus der Fassung, wenn man mal das „Standardrepertoire“ ein wenig verlasse. Große Verwirrung: Das sei „nicht klar geführt“, heiße es dann beispielsweise.
Ich darf hinzufügen: Erst recht droht die Katastrophe, falls die Partnerin mal nicht das liefert, was der Männe erwartet. Vielleicht sogar absichtlich. Aber das ist im heutigen Tango ja kaum zu befürchten…
Die Qualität von Folgenden werde daran gemessen, dass sie „problemlos zu führen“ seien.
Wendel und mich quälen gewisse Bilder, die wir wohl beide im Kopf haben:
„Die Frau – zierlich, entrückt, mit geschlossenen Augen – hat ihren linken Arm elegant (oder manchmal etwas zu dramatisch) um den Nacken des Mannes gelegt, schmiegt sich weich und verträumt an seine Brust und scheint sich hingebungsvoll dem nächsten Tango hinzugeben.“
Im Gegensatz zum Kollegen wage ich es, hier mal das Zauberwort „Encuentro“ anzufügen:
https://www.youtube.com/watch?v=kfXsE9P_iw8
„Ein bisschen ‚Sex sells‘ mit Milonga-Filter“, so Kollege Wendel. Ich könnte es nicht schöner sagen!
Genau dieses Klischee vermittle vielen Frauen die falsche Idee, dass Tangotanzen gleichbedeutend sei mit „Augen schließen, sich gut anlehnen, weich mitschwingen – und ab da ‚führt der Mann den Rest‘“. Das bedeute aber dann: nicht tanzen, sondern sich irgendwie rumziehen lassen.
Das führe dazu, dass viele Folgende glaubten, wenn sie sich weich anpassten, die Augen schlössen und ein bisschen Bewegung mitmachten, reiche das für gutes Tanzen aus.
„Schön mitnehmen lassen“ sei aber nicht „wirklich tanzen“. Wenn man den Damen dann mehr Freiraum biete, kreative Optionen gefragt seien, käme da oft: nichts!
Irgendwie erinnert mich das an alte Liebesfilme, wo das Paar zu sinnlichem Geigenklang eng umschlungen aufs Bett sinkt und die Kamera diskret auf die wehenden Gardinen schwenkt, um uns den Anblick des Rumgemurkses einen Stock tiefer zu ersparen.
Bei Tango-Massenvideos vermeidet man es aus ähnlichen Gründen, vom glückseligen Lächeln und der narkotischen Umarmung auf die Beine und Füße überzugehen.
Die Partnerin, so Wendel, müsse mehr sein als eine „bloße Marionette“, die „Erfüllungsgehilfin“ des Mannes. Sonst entstehe kein Dialog, sondern nur ein Monolog.
Interessant ist eine Geschichte, die ein Kommentator des Artikels erzählt: Sein Tangolehrer habe die Herren nach einem gemeinsamen Milongabesuch zum Anschiss bestellt. Der Grund: Seine Partnerin habe mit einigen Schülern getanzt und sich beschwert, dass diese sie mit nur halb gelernten, wilden „Figuren“ genervt hätten. Der Chef erzählte dann von seiner eigenen Lernzeit, in der er die Erfahrung gemacht habe: Wenn man das Vergnügen mit einer wirklich guten Tänzerin hat, solle man sie lieber machen lassen. Die könne das nämlich selber!
Ich kann das hundertprozentig bestätigen: In meinen ersten Tangojahren machte ich die Erfahrung, exzellenten Tänzerinnen besser nicht im Weg zu stehen, sondern mich möglichst unauffällig anzupassen.
Klaus Wendel hat dazu einen Artikel verlinkt, in dem ich von Sportlehrer Lüders wegen meiner „folgenarmen Führungslosigkeit“ heftig kritisiert wurde:
„Tja, wenn der Mann keine Ahnung habe, was er denn eigentlich tanzen möchte, ist es vielleicht wirklich besser, einfach stehen zu bleiben und die Frau machen zu lassen.
https://jochenlueders.de/?p=15907
Geärgert hatte den Kollegen wohl dieser Artikel:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2015/08/warum-ich-wenig-fuhre.html
Dass ich nie behauptet habe, ich wolle nur die Frau machen lassen: geschenkt! Dass man die Partnerinnen aber ermutigen sollte, mehr Initiative zu ergreifen – schon, weil sie es oft besser können, ein sensibleres Gehör für die Musik haben – wäre keine schlechte Idee.
Frauen müssen weder kapieren, was der Partner tänzerisch von ihnen möchte – es ist sogar noch schlimmer: Sie haben sich nicht mal sklavisch danach zu richten. Dann könnte es nämlich richtig spannend werden! So in Richtung Tango…
Der Artikel von Klaus Wendel enthält jedenfalls eine Menge sehr ungewöhnlicher, vernünftiger und realistischer Ideen. Daher meine dringende Lese-Empfehlung!
P.S. In der Frühzeit meines Blogs bekam ich öfters Kommentare eines österreichischen Kollegen, der wohl nicht zu Unrecht als „Tangorebell“ galt. Einmal erzählte er diese Geschichte:
Er besuchte mit einigen Kolleginnen und Kollegen eine Milonga. Eine der Damen wurde umgehend von einem anderen Gast aufgefordert. Nach dem ersten Tanz aber kehrte die Tänzerin wieder auf ihren Platz zurück. Auf die Frage, was es gegeben habe, antwortete sie: „Stellt euch vor, der wollte doch glatt, dass ich das tanze, was er führt!“
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