Gerhards Tandas 3

 

Während anderswo zwischen Cassiel, Faus und Wendel immer schrecklichere Schlachten um das Thema Encuentros geschlagen werden, möchte ich schlicht eine weitere Tanda für den Wohnzimmer-Tanz vorschlagen. Vielleicht gefällt sie wenigstens Klaus Wendel – jedenfalls gehören die Stücke nicht zu den „1500 gut tanzbaren Musiktiteln“, die selbst ihm als „hartgesottenem Fan von EdO-Tangos langsam irgendwann zum Halse raushängen“.

Von dem Sänger, um den es heute geht, wusste ich bereits, dass er einige Tangos eingesungen hat – nach meiner heutigen Recherche weiß ich: sogar eine ganze Menge. Meinen Altersgenossen muss ich Peter Alexander (Peter Alexander Ferdinand Maximilian Neumayer, 1926-2011) wahrlich nicht vorstellen. Für die Jüngeren:

Alexander gehörte zum heute sehr seltenen Typus des Allround-Entertainers: Er konnte singen, Klavier spielen, tanzen, schauspielern und moderieren. Vor allem war er ein begnadeter Komiker und Parodist. Von 1955 bis 1998 trat er in zirka 200 Fernsehsendungen auf, veranstaltete große Tourneen und war von 1952 bis 1972 als Darsteller in insgesamt 41 Unterhaltungs- und Revuefilmen zu sehen.

Dem damaligen Massengeschmack entsprechend spielte der Künstler oft den schalkhaften Charmeur und ließ sich auch durch schlechte Drehbücher und heftigen Klamauk nicht abschrecken. Was mir dennoch höchsten Respekt abnötigt, ist die Präzision, mit der Peter Alexander im Sekundentakt physische Gags abbrennt und dazu noch singt und tanzt. Wer sich ein halbes Jahrhundert im Showgeschäft hält, muss wirklich viel können!

Natürlich singt der Künstler keine argentinischen Tangos, sondern halt deutsche. Wer es noch nicht wissen sollte. Auch unser Land hat von den 1920-ern bis in die 60-er Jahre ein durchaus respektables „Tango-Kulturerbe“. Das erste Stück der Tanda nennt sich „Der alte Tango“ (Text: Jonny Bartels, Musik: Marcel Peeters) – aufgenommen 1962 und – wie oft bei Alexander – begleitet vom Orchester Kurt Edelhagen.

https://www.youtube.com/watch?v=BJ5Nk6Vm-2s

Wie ich jüngst las, gehen „depressive Tangos“ Klaus Wendel gehörig auf den Zeiger. In seinem Blog schreibt er:

„Da sind zum Beispiel Vokal-Tangos, also gesungene Titel: Meistens melancholische, vor Selbstmitleid triefende Texte, die man angeblich – das ist der Gipfel – inhaltlich verstehen sollte, um sie gut tanzen zu können. Also muss ich mich erst in die Seele eines verlassenen Mannes in Buenos Aires hineinfühlen, um mich überhaupt auf die Tanzpiste wagen zu dürfen?
Nein Danke.
Selbst die die Sänger begleitende Musik steht oft im krassen Kontrast zu den traurigen Texten. Beim Hören dieser Tangos überkommt mich ein Gefühl, das mich an einem Montagmorgen, im verregneten November, in einem Fahrschacht einer Kohlenzeche, abwärts Richtung 5.Sohle wähnt; trauriger geht‘s nimmer.“

https://www.tangocompas.co/baeume-und-waelder

Nun, dem Manne kann geholfen werden – Peter Alexander sang einige äußerst lustige Tangos:

Als Klamauk-Höhepunkt wird man getrost den Film „Das süße Leben des Grafen Bobby“ aus dem Jahr 1962 bezeichnen müssen, in dem Alexander mit seinem Lieblings-Blödelpartner, dem promovierten Psychiater Gunther Philipp (Gunther Placheta, 1918-2003) einen durchaus nicht seltenen Ort für das Absingen von Tangos wählt. Den „Badewannentango“ schrieben Joachim Relin (Text) und Gerhard Jussenhoven (Melodie):

https://www.youtube.com/watch?v=mMsvTXM7qRw

Ein weiteres Anliegen Klaus Wendels ist es, von der „tänzerischen Monokultur“ wegzukommen – sprich: Dass viele Tangomenschen nur diesen einen Tanz beherrschen, den sie auf jede beliebige Musik adaptieren. Im Film „Liebe, Tanz und 1000 Schlager“ von 1955 gibt es einen Titel, bei dem man auch etwas Rock’n Roll und Mambo können sollte: „Damit ham Sie kein Glück in der Bundesrepublik“. Dabei ziehen Peter Alexander und Caterina Valente alle Register ihres tänzerischen und komödiantischen Talents:


https://www.youtube.com/watch?v=OOGjrTki9VQ

Bis heute ein Ohrwurm ist der „Kriminal-Tango“ aus der gleichnamigen Filmkomödie von 1960 mit Vivi Bach, Boy Gobert und Fritz Muliar. Ein Jahr zuvor hatte bereits das Hazy Osterwald Sextett großen Erfolg mit dem Titel von Kurt Feltz (Text) und Piero Trombetta (Melodie). Auf den Heidenspaß, den die Akteure in der betreffenden Filmszene aufführen, muss man erstmal kommen. Viel Vergnügen! 

https://www.youtube.com/watch?v=-zs4H4TqNaQ

Um abschließend eine erwartbare Frage zu beantworten: Nein, ich lege nicht die ganze Zeit solche Kamellen auf. Nur in der letzten Tanda gibt es Schlager und Schnulzen aus meiner Jugendzeit (was ja manche Neo-DJs den ganzen Abend machen). Ich habe selten erlebt, dass nicht alle Gäste nochmal dazu tanzen wollten!

P.S. 1960 drehte Peter Alexander auch den Film „Ich zähle täglich meine Sorgen“. In einer Szene zeigt sich, dass Konflikte im Tango auch damals an der Tagesordnung waren. Zunächst gerät Alexander mit Gunther Philipp aneinander, da beide sich um Ingeborg Schöner bemühen. Anschließend kämpfen Gruppen gegeneinander, die eventuell eher den Encuentros respektive dem Neotango anhängen. Viel Spaß mit dem „Gipsfuß Tango“:


https://www.youtube.com/watch?v=cK1vl9Ct8dQ

Kommentare

  1. Großartig! Endlich würdigt jemand den größten, angenehmsten, charmantesten und immer bescheidenen deutschsprachigen Entertainer. Bei aller Bescheidenheit meinerseits: In meinem Programm "Pflege deutschen Kulturgutes" spiele ich immer wieder den "Badewannentango". Auch das ist Tango!
    Peter Ripota

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  2. Wobei man natürlich lobend erwähnen sollte: Peter Alexander war Österreicher!

    Lieber Peter, Dein Lob freut mich besonders, da ich ja mit den alten deutschsprachigen Tangos Deinem Vorbild gefolgt bin. Ich werde Deine Schlusstandas in der Münchner "Seidl Villa" nie vergessen!

    Herzliche Grüße
    Gerhard

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