Schuld sind immer die anderen

Kollege Wendel hat nun Äußerungen zu meinem Tanzverhalten auf Milongas gesammelt – auch in München. Ergebnis: „In vertraulichen (telefonischen) Gesprächen mit Milonga-Besuchern Ihres Milonga-Umkreises (…), die Sie bereits tanzen sahen, wurde übereinstimmend berichtet, dass Sie zwar nicht in andere Paare hineinlaufen oder diese rempeln.  Jedoch reagieren viele (die Namen will ich nicht nennen) andere Tanzpaare auf derselben Tanzfläche nervös, wenn sie dort tanzen, da sie offenbar aus deren Sicht sehr unruhig und unberechenbar tanzen.“ https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/02/erfundene-personen-und-tatsachen.html?showComment=1772321045671#c6077862816428493690

Na, immerhin bin ich wenigstens kein Pisten-Rambo, der andere Paare im Piazzolla-Taumel (woher der auch kommen mag) rücksichtslos von der Piste fegt.

Gerne wird ja bei diesem Thema zum Vergleich der Straßenverkehr herangezogen. Wobei der Staat hier strenge Regelungen trifft, weil es um Leben und Tod gehen kann. Manchen schwebt Ähnliches auch in der Tangoszene vor – wobei der Gesetzgeber sich hier unverständlicherweise heraushält.

Wie beurteilt man die Schuldfrage, wenn es zu Unfällen kommt? Auf der Straße findet man verblüffende Ergebnisse:

74 Prozent der Autofahrenden sehen die Schuld für einen Crash bei anderen, nur 14 Prozent bei sich selber. Die restlichen 12 Prozent geben sich wenigstens eine Teilschuld. Eine Rechnung, die natürlich nicht ganz aufgeht.

Die Umfrage wurde 2025 durchgeführt. Befragt wurden Fahrerinnen und Fahrer, die mindestens zwei- oder dreimal pro Woche im Pkw unterwegs sind. 43 Prozent von ihnen waren in den letzten drei Jahren in einen Unfall verwickelt oder hatten zumindest eine brenzlige Verkehrssituation erlebt.

Obwohl die Leute also zu fast drei Vierteln die Verantwortung bei den anderen sahen, gaben 58 Prozent an, im Auto immer wieder stark abgelenkt zu sein – beispielsweise vom Smartphone, Essen und Trinken oder durch intensive Gespräche. Bei Fahrerinnen und Fahrern unter Dreißig beträgt dieser Anteil sogar 72 Prozent.

Die häufigsten vermeidbaren Unfallursachen sind Ablenkung (58 %) und überhöhte Geschwindigkeit.

https://www.auto-motor-und-sport.de/verkehr/studie-von-da-direkt-schuld-am-unfall-immer-die-anderen/

Fast 70 Prozent halten sich für gute bis sehr gute Fahrer(innen), für mäßige bis schlechte nur gut 13 Prozent. Letztere haben aber die wenigsten Punkte in Flensburg!

Das geringste Vertrauen in die eigenen Fahrfähigkeiten haben jüngere Fahrer, am positivsten ist die Selbsteinschätzung in der Altersgruppe ab 65.

https://www.allianzdirect.de/kfz-versicherung/unsicherheit-beim-autofahren-report/

Fassen wir also zusammen: Mit steigendem (Tango)alter wird das Selbstbild immer optimistischer! Die motorischen und sensorischen Fähigkeiten eher nicht.

Daher kommt es, dass bejahrte Fahrer(innen) ihren Daimler gleich bis zum Tresen ihrer Stammapotheke lenken, also den Laden mit einem „Drive-in-Lokal“ verwechseln. Oder beim rückwärts Ausparken wegen ihrer HWS-Arthrose auf den Schulterblick verzichten und so ein von hinten kommendes Fahrzeug übersehen. Klar, der andere sei „rücksichtslos angerast“ – heißt es dann nach dem Crash.

Tänzerisch Analoges habe ich früher oft in der Tango-Metropole München erlebt. Immer wieder fiel mir auf, dass zahlreiche dortige Tänzer ständig ihre eigenen sowie die Füße der Partnerin im Blick hatten – die Umgebung weniger. Und die Damen kuschelten sich gerne mit geschlossenen Augen an den männlichen Hemdkragen. Ich sah mich immer wieder zu Ausweichmanövern gezwungen, um Kollisionen mit „doppelt verblindeten“ Paaren zu vermeiden. „Wenn du vor dir eine freie Fläche siehst, ist hinter dir meist ein Stau“ – so der Münchner Tangolehrer Oscar Busso.

Ich hatte wirklich oft das Gefühl, einer der Wenigen zu sein, die auf andere Paare achteten. Viele tappten in seliger Selbstversenkung irgendwo herum.

Immer wieder gab es träumende Zweier-Seilschaften, die nicht nur kaum vorwärtskamen, sondern rotierend immer mehr in die Gegenrichtung abdrifteten. Ich machte mir manchmal den Spaß, einfach stehenzubleiben, bis das entrückte Paar schließlich auf mich draufrumpelte. Lächelnd tanzte ich dann weiter.

Da ist man froh, dass die beiden nicht Auto fuhren…

Bevor ich nun heftige Protestnoten erhalte: Es gibt in München auch einige sehr schöne Milongas. Und ich war schon lange nicht mehr in dieser Stadt  vielleicht kenne ich einige aktuelle positive Entwicklungen nicht. 

Warum ist der Tango gerade in Großstädten nicht so toll? Ich glaube, weil dort das Angebot viel größer ist – und somit die Möglichkeit, „um die Ecke“ diesen Tanz zu erlernen und praktisch auszuüben. Man kann öffentliche Verkehrsmittel nutzen, wenn man keinen Führerschein (mehr) hat. Resultat: mehr Masse als Klasse. Auf dem flachen Land überlegt man es sich schon gut, mit einem Hobby anzufangen, das man nur ein, zweimal pro Monat in weniger als 40 km Entfernung verwirklichen kann… Und macht es dann nur, wenn man tatsächlich eine tiefere Beziehung zu diesem Tanz aufbaut.

Klaus Wendel meinte kürzlich, man solle „die Kirche im Dorf“ lassen. Ich habe nachgesehen: In Pörnbach ist das garantiert so.

Es ist im Tango wie beim Kraftverkehr: Wer selber am wenigsten navigieren kann, erhebt am ehesten den Vorwurf, andere seien „rücksichtslos“!

Klar: Shit happens – auf der Straße wie auf der Piste. Im Tango glücklicherweise ohne schwer Verletzte oder gar Tote. Daher reicht beim Tanzen eine kurze entschuldigende Geste – ohne die deutsche Lieblingsbeschäftigung: die Klärung der „Schuldfrage“. Schon gar nicht mit „Hausverbots-Fantasien“. Meist haben halt beide nicht ganz aufgepasst. So what?

Was uns nicht weiterbringt, ist die Grabstein-Inschrift: „Ich hatte Vorfahrt!

P.S. Und es gibt wirklich schlimmere Tanz-Unfälle:

https://www.youtube.com/watch?v=j0j0CjB2i3k

Wir sehen: Für die Mehrzahl der Menschen ist Tanzen viel zu gefährlich

Kommentare

  1. Herrn Wendels Seite ist nun wieder für meine IP-Adresse blockiert. Der Iran lässt grüßen...

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    1. Inzwischen ist die Seite wieder zugänglich. Wer da immer wieder dran dreht, weiß ich nicht. Daher habe ich auch niemanden konkret beschuldigt.

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    2. Mit 30971 Zugrifffen wurde im letzten Monat der höchste Wert seit Bestehen dieses Blogs erreicht. Herzlichen Dank für das überragende Interesse!

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