Eine Anmerkung zur Musikalität

 

In seinem vorerst (?) letzten Artikel hat Klaus Wendel eine interessante Überlegung veröffentlicht, die mir beim ersten Durchlesen entgangen ist:

Wer wenig höre, merke oft nicht, wie wenig er höre. Das mag durchaus stimmen. Wahrscheinlich gibt es kaum ein Tanzpaar, das alles hört, was die Musik bietet. Erst recht, wenn man den Tanzenden kompliziertere Klänge vorsetzen würde. Aber das ist ja in der heutigen Szene kaum zu befürchten. Bei den hundertfach abgenudelten EdO-Einspielungen hat man vielleicht gar keine Lust mehr, genauer hinzuhören, weil man sie ja eh kennt“. Man tanzt halt den üblichen Stiefel".

Daher meine oft geäußerte Erfahrung, dass Paare zu unbekannter, schwierigerer Musik meist „besser“ tanzen, weil sie sich genauer auf sie konzentrieren müssen.

Wer also wenig höre, so der Autor, erlebe nur, dass ihn die Musik berühre, er sich dazu bewege und sich das Ganze für ihn stimmig anfühle. Ich würde eher das Gegenteil vermuten: Wenn jemand wenig hört, hat wenigstens der Tanzpartner oft das Gefühl, dass es nicht passt.

Wie dem auch sei: Tango tanzt man ja zu zweit. Wie nun, wenn sich bei beiden die Stimmung einstellt, dass die Musik sie antreibt, sie in einen gemeinsamen „Flow“ geraten? Sich Bewegungen fast von selbst ergeben? Ich finde es wunderbar, wenn eine Tänzerin die Musik so empfindet wie ich. Dass wir sie vielleicht beide falsch hören, belastet mich nicht.

Genau an dem Punkt trennt sich meine Sichtweise von der des Kollegen: Ich behaupte, dass es dann ein Tanz wird, den beide stimmig, ja toll finden – und wenn man sie fragen würde, ob sie „musikalisch“ tanzen, würden sie es wahrscheinlich bejahen. Oder antworten, dass es ihnen egal sei.

Wenn es nach Klaus Wendel geht, fragt man sie aber nicht. Nein – sie bekommen von einem „Experten“ nebendran ein Urteil übergezogen: „unmusikalisch“! Weil der es anders tanzen würde. Oder gar nicht.

Nur: Vielleicht haben die nicht für ihn getanzt, sondern füreinander. Um das zu vermeiden, gibt es Tangounterricht: Da werden die Übenden auf die Außenwahrnehmung dressiert: Statt sich auf den Partner und die Musik zu konzentrieren, gilt der ängstliche Blick dem Lehrer: Wird es ihm gefallen? Was hat er auszusetzen? Sofort bemüht man sich, der Blaupause näherzukommen. Und vergisst, einen lebenden Menschen im Arm zu haben – und nicht nur einen Bescheidwisser im Ohr.

Wendel schreibt: „Nicht alles, was sich für den Tänzer selbst richtig anfühlt, ist deshalb schon musikalisch. (…) Mir verursachen Menschen, die neben der Musik her tanzen, tiefstes körperliches Unbehagen; sie beleidigen mein Auge, egal, wie gut sie sich bewegen.“

Dass sogar einzelne Körperteile beleidigungsfähig sind, ist mir bisher entgangen. 

Ich frage mich nur, wieso der Kollege dann Tangolehrer geworden ist – und dann ständig von Menschen umgeben ist, die es nicht können. Aber vielleicht braucht er das zur Stärkung des eigenen Selbstbewusstseins.

Mich erinnert das an Ärzte, die einem in vorwurfsvollem Ton mitteilen, dass man erkrankt sei. Wären aber alle gesund, würden sie nicht viel verdienen!

Was den Medizinern, anders als den Tango-Lehrkräften, nicht möglich ist: Man könnte ja mit den „Patienten“ tanzen und ihnen via Körpersprache vermitteln, wie man sich musikalisch bewegt. Doch das vermeidet man in dieser Branche wie der Teufel das Weihwasser. Nach dem Grund für diese Aversion habe ich viele Male gefragt, ohne eine halbwegs überzeugende Antwort zu erhalten. Bestenfalls redet man sich auf organisatorische Probleme heraus. Kann es der Unterrichtende selber nicht? Stattdessen besteigt er das hohe Ross des Beurteilers – oder besser: „Verurteilers“.

Niemand erklärt hoffentlich den Tanzenden, „Präzision sei gar nicht so wichtig“. Sicher ist sie das – nur bildet sie nicht das alleinige Ziel. Es gibt auch Musiker, die ein Crescendo mit dem Zentimeterstab ausmessen. Ich kenne solche Diskussionen: Man habe es genauso gespielt, wie es notiert sei. Leider klingt es dann oft nach solch seelenloser Exaktheit.

Die ganzen Ansprüche, die der Autor verkündet, haben sicherlich ihre Berechtigung. Und natürlich ist auch der Blick von außen relevant. Nur darf er nicht zum ausschließlichen Maßstab erhoben werden. Nicht mal zum wichtigsten. Es ist halt der Eindruck von jemandem, der anders tanzt – und das für entscheidend hält.

Man könne an der Musik vorbeiarbeiten"   bei solchen Formulierungen könnte ich weinend unter den Teppich kriechen. Für mich ist Musik, wenn sie mir gefällt, keine Arbeit, sondern ein Vergnügen, mit dem ich mich bewegen möchte.

Nach meinem Eindruck hat Wendel sich stets bemüht, den Tango mit dem Kopf zu erfassen. Dass es darunter noch eine andere Welt gibt, fühlt er nicht. Das müssen alle büßen, die es dennoch auf der Tanzfläche erleben. Auch er tut das, was er anderen vorwirft: aus Defiziten eine Haltung zu machen.

Wer sich einmal historische Tanzaufnahmen aus verschiedenen Epochen ansieht, dürfte erstaunt sein, was die jeweiligen Zeitgenossen toll fanden. Beispielsweise die jüngst verstorbene María Nieves:

https://www.youtube.com/watch?v=2c7drnK57Zc&list=RD2c7drnK57Zc&start_radio=1

Klar ist das „Bühnen-Tango“. Nur hat der stets den Geschmack seiner Zeit transportiert.

Ob der folgende „Wohnzimmer-Tango“ musikalisch interpretiert wurde, überlasse ich den Betrachtern. Genau genommen ist es ja auch ein Foxtrott. Ich weiß nur, dass die beiden Damen auf diese Musik stehen und beim Tanzen ein gutes Gefühl hatten. Und mir hat es Freude gemacht, es aufzunehmen:

 

https://www.youtube.com/watch?v=xim9hjOF4bc

Der Artikel dazu:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2020/08/wir-tanzen-uns-wieder-warm.html

Quelle: https://www.tangocompas.co/musikalitaet-im-tango-warum-menschen-musik-so-unterschiedlich-hoeren/

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Kommentare

  1. Klaus Wendel hat nun zu meinem Artikel eine bitterböse Replik verfasst („Antwort auf ‚Eine Anmerkung zur Musikalität“).
    Ich bezweifle, ob er sich und seinen Anhängern einen Gefallen damit tut, wenn er eine gigantische Schimpfkanonade loslässt. Argumente werden nicht besser, wenn sie lauter sind.
    Um einen zentralen Punkt meiner Kritik drückt er sich wieder: Um ein Bewegungsgefühl im Kontakt mit einem Schüler zu vermitteln, muss man nicht sein „Freizeitbegleiter“ werden oder ein „pädagogisch verbrämtes Herumschwofen“ liefern. Es geht um das Vermitteln einer Körpersprache – für mich das Wichtigste im Tango überhaupt. Und das sind keine wirren Theorien, sondern von mir oft erlebte Praxis.
    Sprüche vom „kleinen Tango-Revolutionär“ mit seiner „Mao-Bibel unterm Arm“ zeigen, dass der Kollege jedes Maß und Ziel verloren hat.
    Und ja: Ich halte es wirklich für ein wichtiges Kriterium, ob sich zwei Menschen beim Tanzen „gut fühlen“. Natürlich nicht das Einzige. Aber ohne das ist alles andere nichts!
    Quelle: https://www.tangocompas.co/musikalitaet-im-tango-warum-menschen-musik-so-unterschiedlich-hoeren/

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