Alec Jeffreys und seine Entdeckung

1994 unternahm die 24-jährige texanische Studentin Amy Lopez eine Europareise – ein Geschenk ihres Vaters zum bestandenen Examen. Station machte sie unter anderem in Koblenz, wo sie sich von ihrer Reisegruppe trennte, um am Vormittag vor der Weiterfahrt noch die Festung Ehrenbreitstein anzusehen.

In einem der verlassenen, frei zugänglichen Räume fand man kurz darauf ihre Leiche: Die junge Frau war vergewaltigt und stranguliert, ihr Kopf mit einem Stein traktiert worden. Mehrere Messerstiche führten zum Tod.

 

https://www.youtube.com/watch?v=rESJqJypA6Q

Die Mordkommission wertete zirka 300 Spuren aus, doch die intensiven Ermittlungen führten zu keinem Ergebnis.

Mord verjährt nicht. Die frühere Frist von 30 Jahren wurde im Zuge der Verfolgung von NS-Verbrechern 1979 aufgehoben. Daher werden solche „Cold Cases“ nie endgültig zu den Akten gelegt. 2025 war der Fall Thema in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY – ungelöst“. Und die engagierte Kommissarin Simone Roeder arbeitete jahrelang an diesem Fall.

Im Februar dieses Jahres nun die Sensation: Ein 81-jähriger, einschlägig vorbestrafter Deutscher wurde im Seniorenheim festgenommen und sitzt seither in Untersuchungshaft.

Fast 32 Jahre nach der Tat scheint der Fall nun aufgeklärt zu sein!

Wieder einmal war es ein DNA-Fingerabdruck, der den Tatverdächtigen verriet: Mit Hilfe der heutigen, stark verfeinerten Methoden fand man an der Innenseite des Hosenbunds seines Opfers die DNA des Mannes. Glücklicherweise war dieses Asservat noch vorhanden.

Es ist heute kaum noch möglich, an einem Tatort keine genetischen Spuren zu hinterlassen. Eine einzige Hautschuppe kann genügen, um ein Verbrechen aufzuklären. Das Problem ist eher, dass man nicht jedermann zwingen kann, einen Speicheltest abzugeben. Das ist nur unter strengen rechtlichen Voraussetzungen möglich.

Zu verdanken hat man diese Erfolge dem britischen Genetiker Alec Jeffreys, der diese Möglichkeit der genetischen Identifizierung 1984 mehr zufällig entdeckte.

https://de.wikipedia.org/wiki/Alec_John_Jeffreys

Wie wir alle mal in der Schule gelernt haben, bestimmt die Folge der Basen (Adenin= A, Guanin=G, Thymin=T, Cytosin=C) in der DNA die Sequenz der Aminosäuren in einem Protein – die Basis von Vererbung und Stoffwechsel.

Dazu muss man wissen, dass nur weniger als 2 Prozent der menschlichen DNA aus so genannten Exons besteht, also Basenfolgen, welche direkt einen bestimmten Eiweißstoff codieren, d.h. „exprimieren“. Den großen Rest bilden die Introns, also Basenfolgen, die nicht direkt codieren, aber an der Genregulation beteiligt sind.  

Die Folge ist, dass Mutationen, also Veränderungen der Basensequenz, sich viel häufiger bei den Introns halten, da sie dort wenige Schaden anrichten können: Die konkrete „Erbinformation“ wird dadurch weit weniger verändert.

Durch diese viel größere Variabilität hat jeder Mensch in diesen Bereichen eine viel individuellere Abfolge der Basen – so einzigartig, dass sie nur einmal bei Milliarden von Menschen vorkommt.

Dazu muss man nicht die gesamten Intron-Sequenzen durchhecheln – sondern nur einige wenige DNA-Abschnitte. Häufig findet man „Tandem Repeats“, also ständige Wiederholungen einer kurzen Basensequenz, z.B. AT-AT-AT… Individuell ist die Länge solcher Abfolgen.

In der Anfangszeit scheiterten solche Analysen oft daran, dass die Menge der untersuchten DNA-Spur nicht ausreichte. Die Tür ganz weit öffnete dann die „Polymerase-Kettenreaktion“=PCR. Damit konnte man DNA-Abschnitte nach Belieben oft kopieren, was die Nachweisgrenzen gewaltig verringerte. Auch in der Praxis reicht manchmal eine einzige Hautschuppe!

Wer es genauer haben möchte:

https://de.wikipedia.org/wiki/Genetischer_Fingerabdruck

https://www.youtube.com/watch?v=Ra1dpYJzaOw

Die Kriminalistik wurde durch diese Fortschritte in ein neues Zeitalter katapultiert wie vorher nur durch die Entdeckung der Einzigartigkeit von Fingerabdrücken Ende des 19. Jahrhunderts. Damit sind sogar eineiige Zwillinge unterscheidbar, was der genetische Fingerabdruck leider nicht liefert.

Gewaltverbrechen, bei denen ein Kontakt mit dem Täter stattfindet, bieten heute eine hohe Wahrscheinlichkeit der Aufklärung – und das oft noch nach vielen Jahren, denn die DNA hält sich unter geeigneten Bedingungen erstaunlich lange!

Ein weiteres Feld ist die Identifizierung von Toten. Selbst wenn keine Vergleichsproben mehr verfügbar sind, kann man Verwandte untersuchen, die ein sehr ähnliches DNA-Muster aufweisen. Weiterhin kann man Vaterschafts-Streitigkeiten und andere Verwandtschafts-Probleme (Erbrecht) bequem lösen.

Klar ist, dass die Genetik nicht alle anderen Ermittlungsmethoden ersetzen kann. Sie müssen selbstredend ebenfalls durchgeführt werden, da auch bei genetischen Tests Fehler passieren können!

Das geringste Risiko geht man ein, wenn man einen Todesfall nicht wie einen Mord aussehen lässt. Die Leichenschau wird hierzulande oft sehr nachlässig durchgeführt. Fachleute schätzen, dass jedes zweite Tötungsverbrechen unentdeckt bleibt. 

Obwohl ich seit zirka 15 Jahren nicht mehr unterrichte, bin ich nach wie vor stolz darauf, Naturwissenschaften studiert zu haben. Vor allem, weil dort nicht die Meinung zählt, sondern reproduzierbare Tatsachen.

Ohne die moderne Genetik, die inzwischen etwa 75 Jahre besteht, wären in vielen Bereichen, vor allem in der Medizin, die großartigen Fortschritte nicht denkbar.

Der Tod von Amy Lopez scheint nun aufgeklärt zu sein. Kurz nach dem Eintreffen der genetischen Ergebnisse haben die Ermittler den Vater und Bruder in den USA kontaktiert. Beide können nun mit dieser Belastung abschließen.

Alec Jeffreys wurde inzwischen mit vielen Preisen dekoriert und von der Queen auch zum Ritter geschlagen. Ich wäre dringend dafür, ihn für seine Jahrhundert-Entdeckung mit dem Nobelpreis auszuzeichnen. Er ist fast ein Jahr älter als ich – es würde also langsam Zeit!     

Berührt hat mich die aktuelle Reaktion des heute 86-jährigen Chefs der damaligen Mordkommission. Es zeigt, wie auch Polizisten mitleiden können:

https://www.swr.de/video/sendungen-a-z/landesschau-rlp/festnahme-im-mordfall-amy-lopez-so-geht-es-einem-ehemaligen-ermittler-100.html

Schätzungsweise gibt es deutschlandweit seit dem Kriegsende über 3000 Cold Cases. Es gibt also noch einiges zu tun!

Kommentare

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