Immer rundherum!
„Nur weil ‚alle' etwas machen, ist es noch lange kein Naturgesetz." (Klaus Wendel)
https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-und-das-bloggen-30-teil/
Das Thema „Ronda“ (zu Tanzstunden-Zeiten „Ringelpiez mit Anfassen" genannt) ist im heutigen Tango nicht wegzudenken. So betitelt Klaus Wendel seinen neuesten Artikel „Wie sich Paartänze auf der Tanzfläche organisierten“ – und schreibt daher über „Quadrille, Walzer und Polka“ bis hin zu „Tango, Swing und Salsa“.
https://www.tangocompas.co/wie-sich-paartaenze-auf-der-tanzflaeche-organisierten/
Überspringen wir einmal die „Gesellschaftstänze des 17. Und 18. Jahrhunderts“, welche weitgehend choreografiert waren sowie heute kaum noch getanzt werden, und wenden uns dem „großen Umbruch im 19. Jahrhundert“ zu, wo das „unabhängige Paar“ (echt?) hervortrat. Und klar, damals war dann eine „Line of Dance“ nötig, um Chaos zu vermeiden – also eine räumliche Ordnung entgegen dem Uhrzeigersinn. Man bewegt sich daher in einem gemeinsamen Strom entlang des Saalrandes weiter, stationäre Figuren werden eher in die Mitte des Parketts verlegt.
Ja, klar, haben wir alle schon früh in der Tanzschule gelernt – falls wir die nicht geschwänzt haben und erst viel später als Erstes mit dem allein selig machenden Tango angefangen haben…
Und ja, es gibt eher stationäre Tänze und solche mit Raumgewinn. Tango ist eine Mischform. Eigentlich ein Vorteil. Daher muss sich die zur Verfügung stehende Fläche irgendwie regeln. Im Tango glaubt man offenbar, solche Selbstverständlichkeiten erklären zu sollen.
Dass nun wieder der „begrenzte Raum“ herhalten muss, war zu befürchten. Kein Tango-Artikel ohne diesen, gerne auch mehrfach! Aber sicher – ohne „räumliche Selbstorganisation“ geht es generell nicht.
Die Frage ist nicht die grundsätzliche Notwendigkeit solcher Raumordnungen, sondern nur die nach dem Verhältnis von sozialer Rücksichtnahme und eigener Gestaltungsmöglichkeit des Tanzens. Genau um diesen Punkt drehen sich die erbitterten Diskussionen.
Wendel meint, die „Regelvergessenheit“ zerstöre den Tanz. Ich meine, es ist eher die „Regelversessenheit“.
Der Autor behauptet, die „gegenseitige Rücksichtnahme auf der Tanzfläche“ werde „von manchen Freestylern kategorisch verweigert“. Ich weiß nicht, auf welchen Milongas sich der Autor herumtreibt. Nach meinen Erfahrungen ist das eine bösartige Unterstellung: Ich kenne kaum Paare, die sich nicht bemühen, rücksichtsvoll zu tanzen – klar, nicht immer mit Erfolg. Aber dann weicht man halt auch mal aus, statt stur auf seiner „Vorfahrt" zu beharren.
Schuld an Verkehrsunfällen sind meist die anderen. Fast drei Viertel der Autofahrenden sehen das so – eine Rechnung, die nicht aufgehen kann. Gleichzeitig gibt über die Hälfte zu, am Steuer oft abgelenkt zu sein. Beides wird aber nicht miteinander in Verbindung gebracht.
https://www.auto-motor-und-sport.de/verkehr/studie-von-da-direkt-schuld-am-unfall-immer-die-anderen/
Ich fürchte, beim Tango ist es nicht anders: Je nach Veranstaltungsart gibt es auf dem Parkett eine nicht unerhebliche Quote von Rechthabern, die bei einem Rempler oder einer Behinderung sofort die „Schuldfrage“ klären müssen. Dass sie selber ohne Beachtung der Außenwelt auf der Tanzfläche umhergetorkelt sind wie besoffene Maikäfer, ist natürlich ohne Belang. Und mal ausweichen? Natürlich nicht – man ist ja „im Recht“!
Eine gegensätzliche Verhaltensweise hat einmal die Tangolehrerin Vio beschrieben:
„Wenn Paare einander berührten, war die Haltung generell: ‚Bitte unterbrich mich nicht mit einer Entschuldigung‘. Wenn man auf dieser Veranstaltung etwas Außergewöhnliches machte, lächelten die Leute dich an. Anstatt einer egozentrischen Haltung zum wahren Besitzstand auf dem Parkett war die Reaktion: ‚Oh, das sieht cool aus. Braucht ihr ein bisschen mehr Platz? Dann gehen wir hier hinüber.‘”
Welch herzerwärmende Einstellung (aus längst vergessenen Zeiten)!
https://milongafuehrer.blogspot.com/2016/09/was-ihnen-ihr-tangolehrer-nicht-erzahlt_29.html
Wir haben in den letzten 7 Tagen 3 verschiedene Milongas besucht – teilweise mit eher moderner oder konservativer Musik. Klar – irgendwie bewegte man sich im Gegenuhrzeigersinn übers Parkett – eine strenge Beachtung der Ronda fand ich nirgends. Dennoch sah ich bei allen Paaren das Bestreben, andere nicht zu touchieren oder ihnen nicht mehr als unvermeidbar im Weg zu sein. Es wurde keine Ideologie getanzt, sondern Tango. Daher herrschte überall eine freundliche, entgegenkommende Stimmung. (Ein besonderes Lob der DJane Ingrid – über ihre Milonga gibt es zukünftig einen eigenen Artikel!)
Lustiger finde ich den Text eines Kommentators, der kurzerhand die EdO in die 1920er und 30er Jahre verlegt und behauptet, von tätlichen Auseinandersetzungen auf den frühen Milongas berichteten nur „Legenden“. Da wird es selbst Klaus Wendel zu bunt, der anmerkt, dass es noch in den 1940er Jahren Massenschlägereien auf den Veranstaltungen gab. Und zahlreiche Tangos erzählen von Messerduellen. Ja, zur Blütezeit unseres Tanzes hielt sich die „Achtsamkeit“ in engen Grenzen…
Ein bisschen Spaß ist dagegen nie verkehrt. Vor allem, wenn sture Rechthaber uns über Rücksicht belehren.
Wendel schreibt, man habe es „als Blogger kein einziges Mal nötig, die historischen Hintergründe auch nur kurz zu überprüfen", das wirke „ziemlich blamabel". Gut – mich kann er damit nicht meinen. In meiner Rubrik „Tango-Geschichte" finden sich 39 Artikel:
https://milongafuehrer.blogspot.com/search/label/Tango-Geschichte
Na ja, blamable Irrtümer können vorkommen – und manche sind wenigstens lustig...
Ob nach preußischer Ordnung oder südamerikanischem Temperament: Beim Tanzen fährt das „Karussell immer rundherum“ – oft in tango-unüblichem Tempo! Im Spielfilm „Karneval der Liebe“ von 1943 (Musik: Michael Jary) lassen es Dora Komar und Johannes Heesters so richtig krachen – sie beweisen, dass Ringelpiez im richtigen Tempo durchaus unterhaltsam sein kann:
https://de.wikipedia.org/wiki/Karneval_der_Liebe
https://www.youtube.com/watch?v=BCgUjLOs0kE
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