Von der Kunst des Widerworts

Auf einem Konkurrenzblog kriegen wir nun endlich erklärt, was lange in der Literaturgeschichte umstritten war: Wie richtige Satire zu sein hat. Ich bin glücklich darüber, dass es nun endlich ein anderer weiß. Selber würde ich mich mit der Antwort sehr schwertun.

Und zu welchen Themen ist diese Kunstform überhaupt statthaft? Zum Tango wohl eher nicht, denn da sind ja fast alle zufrieden. Oder?

Aber klar: Eine Hauptaufgabe der Satire ist es, Geschäfte zu schädigen. Oder wenigstens Geschäftchen.

Werner Schneyder hat dazu aber einmal gesagt: „Der gute Kabarettist ist dann gefordert, wenn es den Anschein hat, als sei alles in Ordnung.“

Er wird also für den Tango dringend benötigt. 

Aber ist es dann nicht überheblich, wenn Laien über Themen schreiben, die eindeutig in den Kompetenzbereich von Fachleuten fallen? Auch dazu gibt es ein Wort des österreichischen Kabarettisten:

„Der Satiriker ist so ohnmächtig, dass ein bisschen Größenwahn nicht schaden kann.“

Mit dieser natürlich hoch verdächtigen Attitüde fordert er:

„Der Satiriker ist nicht verpflichtet, den Mächtigen zu beweisen, dass er Recht hat. Die Mächtigen sind verpflichtet, dem Satiriker zu beweisen, dass er Unrecht hat.“

Das mussten sich sogar die DDR-Gewaltigen anhören, als Schneyder zusammen mit seinem Partner Dieter Hildebrandt 1985 vor deren Haustür auftrat.

In ihrem legendären Programm „Zugabe Leipzig“ zitierte Dieter Hildebrandt einen polnischen Kollegen: „Der Satiriker ist en Irrer, der Elefanten Mausefallen stellt“ – und fügt mit Blick auf die DDR an: „Falls es gerade Mausefallen gibt“. Damals sehr harter Stoff!

In der Nomenklatura des Arbeiter- und Bauernstaats muss seinerzeit helle Aufregung geherrscht haben. Besonders delikat war aber, dass Erich Honecker persönlich den Auftritt der beiden Spötter genehmigt hatte. Also machte man gute Miene zum bösen Spiel. Im Hintergrund liefen dennoch Strafmaßnahmen an.

Hildebrandt und Schneyder lieferten damals einen legendären Drahtseilakt ab. Ich habe davon schon einmal berichtet:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2025/11/von-der-sprengkraft-des-wortes.html

Inzwischen ist ein Mitschnitt ihres Auftritts von fast 30 Minuten verfügbar. Mir ist im deutschen Nachkriegs-Kabarett kein Programm bekannt, das diese Qualität übertrifft. Wer es noch nicht kennt, sollte es sich unbedingt ansehen:

https://www.youtube.com/watch?v=3PEb7UU9Kpg

Im Gegensatz zu „Kabarett-Experten“ behaupte ich nicht, dass meine Einschätzung stimmen muss. Sie ist sicherlich stark vom persönlichen Geschmack geprägt. Ich verkünde keine absoluten Wahrheiten. Das ficht andere „Fachleute“ nicht an, die offenbar nun zum literarischen Satire-Experten umgesattelt haben. Wahrscheinlich kriegen wir demnächst auch noch erklärt, wie ein „gutes Buch“ zu sein hat.

Und ja: Die Kabarett- und Comedy-Szene ist in den letzten 25 Jahren explosiv gewachsen. Das Bedürfnis nach Scherz und Satire scheint inzwischen unendlich zu sein. Auf den Kleinkunstbühnen, in den Medien treibt sich eine Vielzahl junger Damen und Herren herum, die sich nach einem abgebrochenen Studium ersatzweise für witzig halten. Tatsächlich stimmt da von Text über Persönlichkeit bis Konzept oft kaum etwas. Selbst eine halbwegs saubere Sprechtechnik sucht man oft vergeblich. Stattdessen wird eine Anzahl vorhersehbarer, nicht selten peinlicher Pointen ins Mikrofon gehustet.

Mein Pawlowscher Reflex besteht inzwischen in einem Hechtsprung zur Fernbedienung!

Ich werde nun aber keine Namenslisten von Künstlern veröffentlichen, damit man dort nachsehen kann, was die Einzelnen jeweils falsch machen. Das darf jeder und jede selber beurteilen. Was sich in Sachen Kabarett seit dem „Chat Noir‘ 1881 getan hat, ist vor allem eins: ungeheuer vielfältig, spannend und aufregend!

https://kabarett.de/deutsches-kabarettarchiv-archiv-museum-buehne/forschung/kabarettgeschichte

Fast ebenso häufig sind die Versuche, gegen unbequeme Spötter „juristisch etwas zu machen“. Je nach politischer Konstellation war das nicht immer erfolglos.

Wie soll man eine Lore Lorentz mit einer Monika Gruber oder Lisa Eckhart vergleichen – um ausnahmsweise auch mal Künstlerinnen zu erwähnen?

Ich kann daher nur versuchen, das zu beschreiben, was mir persönlich am Kabarett gefällt:

Vor allem sehe ich mir Satire-Sendungen nicht an, um dort meine eigene politische Meinung bestätigt zu bekommen. Die hole ich mir nicht im Kabarett ab, sondern bilde sie mir selber. Wenn es gut gemacht ist, lache ich auch gerne über Politikerinnen und Politiker, über Projekte, die ich durchaus okay finde.

Generell muss ich auch nicht ständig was zum Lachen haben – wenn mir das mal im Hals steckenbleibt, finde ich die Pointe oft umso besser. Dennoch gestehe ich, gerne zu lachen, manchmal sogar unter meinem Niveau. Das Leben ist ernst genug.

Mir gefällt Kabarett, wenn es präzise ist – und nicht mit Gedöns um sich wirft. Wenn an jedem einzelnen Satz so lange herumgedacht und gefeilt wird, dass er zu einem kleinen sprachlichen Kunstwerk wird.

Ein Beispiel einer solchen Preziose aus dem Programm „Zugabe Leipzig“:

„Die Satire hat es ja im Fernsehen der Bundesrepublik nach wie vor ziemlich schwer.“

„Dazu lässt es die DDR gar nicht erst kommen.“     

Zwei nüchterne, schmucklose Sätze – aber mit jedem Wort auf eine Pointe ausgerichtet, die in der damaligen Situation einem Erdbeben gleichkam!

Zu früheren Zeiten spielten die Kabaretts ihr Programm oft ein Jahr lang (natürlich meist mit gewissen Aktualisierungen). Diese Qualität ist beim heutigen, oft wöchentlichen „Satire-Fastfood“ gar nicht mehr erreichbar. Und die Texte lieferte häufig eine ganze Gruppe namhafter Autoren.

Ganz fürchterlich finde ich das immer mehr um sich greifende „pädagogische Kabarett“, das mich zu einer bestimmten Haltung erziehen möchte. Ich finde, Satire sollte zum Nachdenken anregen – Ende offen.

Und sonst?

„Es kann passieren, dass Leute schon beleidigt auf dem Sofa sitzen, bevor die Sendung beginnt. Das ist deutsche Eigenart – Erbe indogermanischen Masochismus.“ (Dieter Hildebrandt)

Zugriffe 23.3.: 1505 

Kommentare

Hinweis zum Kommentieren:

Bitte geben Sie im Kommentar Ihren vollen (und wahren) Namen an und beziehen Sie sich ausschließlich auf den Inhalt des jeweiligen Artikels. Unterlassen Sie herabsetzende persönliche Angriffe, gegen wen auch immer. Beiträge, welche diesen Vorgaben nicht entsprechen, werden – ohne Löschungsvermerk – nicht hochgeladen.
Sie können mir Ihre Anmerkungen gerne auch per Mail schicken: mamuta-kg(at)web.de – ich stelle sie dann für Sie ein.