Tango tanzen – oder lieber zu Hause bleiben?
Der Kollege Wendel empfiehlt mir – sorry, dem „Mister Neunmalklug“ – das Letztere: „Dann bleib doch einfach zuhause!“ Klar, nachdem es mit dem Hausverbot irgendwie nicht geklappt hat…
https://www.tangocompas.co/wie-sich-paartaenze-auf-der-tanzflaeche-organisierten/
Ich gestehe gern, dass ich auch manchmal so verfahre – vielleicht, weil das Wetter schlecht ist oder es eventuell im Fernsehen was Gutes gibt. Dennoch schaffe ich es oft zweimal pro Woche, eine Milonga zu besuchen.
Dabei scheiden natürlich Veranstaltungen aus, wo ich schon in der Werbung ermahnt werde, mich ausschließlich „in respektvoller Ronda“ zu bewegen. Zur Verfolgung Andersdenkender stehe ich nicht zur Verfügung. Seltsamerweise lese ich solche Warnungen aber immer seltener – anscheinend wollen die Organisatoren keine Kundschaft abschrecken. Ich fürchte, der Deutsche lässt sich in der Freizeit nicht gerne herumkommandieren.
Und ja, wenn man danach sucht, gibt es eine Reihe von Milongas, oft privat organisiert, wo man mich mit Ideologie verschont. Wo sich die Veranstaltenden regelrecht freuen, wenn wir mitmachen. Im Gegenzug halte ich keine flammenden Grundsatzreferate und akzeptiere sogar Musik, die mir teilweise nicht sehr gefällt. Na und? Ich bin ja nicht alleine da – und der Geschmack anderer soll ja auch erfüllt werden.
Dennoch bin ich zur Tangoszene insgesamt ziemlich auf Abstand gegangen. Die zur Schau gestellte „Bussi-Harmonie“ ist wenig belastbar. Und Leute, mit denen ich vor vielen Jahren noch wunderbar über die Absonderlichkeiten der Szene lästern konnte, möchten daran lieber nicht mehr erinnert werden. Mein Problem ist halt, meinungsmäßig ziemlich konservativ zu sein.
Ganz mit dem Tango aufhören? Dazu ist die Musik – selbst die traditionelle – zu verlockend. Ich habe bei diesem Tanz gelernt, wie toll es sich anfühlen kann, jenseits fester Choreografien zu improvisieren. Und wenn die Partnerin das auch kann und möchte, können sich immer noch Sternstunden ergeben.
Meist erkenne ich schon an der Werbung, wo mich Massenauftriebe erwarten: Live-Musik, edle Festsäle, Rahmenprogramm. Mithin vollgestopfte Tanzflächen (Pflichtvokabel in Tangoblogs). Dass man nur ein bestimmtes Kontingent von Karten verkauft, ist zwar an jedem Theater Usus – im Tango aber lässt man alle rein, die wollen. Hauptsache Kohle! Dass man dann auf dem Parkett keine Flosse mehr rühren kann, ist eingepreist. Tanzen wird ja eh überbewertet…
Enttäuschungen erlebe ich sehr selten – ganz einfach, weil ich nichts erwarte. Ich fühle mich auch nicht verpflichtet, stundenlang zu bleiben. Für mich ist es kein „verlorener Abend“, bald wieder zu Hause zu sein. Man soll ja auch nicht zu spät zu Abend essen. Manchmal beginnen die Milongas auch gegen Mittag oder am Nachmittag. Dann ist auf jeden Fall noch für einen netten Abend gesorgt.
Den Spaß verderbe ich niemandem – ich bin dann halt einfach weg. Alternativ gibt es ja noch das heimische Wohnzimmer.
Oft genug nehme ich von den Veranstaltungen die Idee für einen neuen Artikel mit. Das Tango-Panoptikum ist ja riesig und voller ungeahnter Absonderlichkeiten, die mich selbst nach so vielen Jahren noch überraschen können.
Aber es gibt immer wieder wunderbare Momente, zumal ich in Szenen verkehre, wo sich zunehmend die Damen aufzufordern trauen. Dann passieren Tänze, die man vorher gar nicht „auf dem Schirm“ hatte.
Im Netz habe ich mannigfaltige Klagen, gerade von Tänzerinnen, gelesen und auch besprochen. Hauptthema ist das Herumsitzen, ohne aufgefordert zu werden. Klar, die Arroganz von gewissen Männern ist schwer erträglich. Seien wir froh, dass sie im Tango weniger Schaden anrichten können als in der Politik!
Auch da hilft nur, die Erwartungen stark herunterzuschrauben. Eine Milonga ist eine Veranstaltung, bei der manchmal getanzt wird – aber stets Charaktere herumlaufen, für deren Darstellung man sonst viel mehr als 10 Euro Eintritt bezahlen müsste!
Wenn man will, hat man also stets Spaß – womit auch immer.
Am Ende der Einleitung meines Tangobuches habe ich die „Gretchenfrage“ beantwortet:
Warum also geht man zum Tango? Darauf gibt es viele Antworten, und jede davon ist grundsätzlich in Ordnung, ob es sich dabei um Selbsttäuschung handelt oder nicht. Auf den ersten Blick steckt zumeist das dahinter, was die Biologen „Sozialattraktion“ nennen, also das Bestreben nach Erfolg im Kontakt mit anderen Menschen – und dieses weite Spektrum reicht von Macht und Geld über Geselligkeit, Geborgenheit sowie Freundschaft bis hin zu Erotik und Sexualität. Doch da ist der Tango ziemlich zickig: Je mehr man sich von ihm erwartet, desto weniger bekommt man. Wer also jenseits einer herrlichen Musik und eines faszinierenden Tanzes noch anderes sucht, der wird meistens frustriert: Restaurierung des angeknacksten Selbstbewusstseins, Finden einer neuen Geschlechterrolle, eine Machtstellung ausüben, zu den „wichtigen Leuten“ gehören, Geld verdienen, den Traumpartner für den Lebensabschnitt finden oder gar die krisenhafte Ehe retten?
Da dreht einem der eitle Tango fast immer eine Nase: Ätsch, nun gerade nicht! Wer aber das nimmt, was er ziemlich automatisch bekommt, nämlich einen Tanz zu diesen unglaublichen Klängen, wird (zumindest prinzipiell) nicht enttäuscht – und wenn die „Tangodiva“ gerade ihren guten Tag hat, kriegt man als Draufgabe vielleicht einen Hauch Sympathie und Zärtlichkeit, ein wenig Nestwärme, ein bisschen Schwerelosigkeit und Schweben… aber nur geschenkt, nicht geliefert!
Nun habe ich im Verlauf des Textes Klaus Wendel völlig aus den Augen verloren – ich hoffe, er vergibt mir das!
P.S. Oder probieren Sie es doch mal so:![]() |
| Zwei Tanten tanzen Tango * www.tangofish.de |

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