Wendels Riedl-Exegese
Klaus Wendel beklagt sich ständig darüber, dass sich meine Artikel weitgehend nur noch mit seinen Veröffentlichungen befassten. Nun sehe ich darin kein grundsätzliches Problem. Andere Autoren wären froh, wenn ihre Texte den Anreiz zu öffentlicher Beschäftigung böten.
Vor allem aber stimmt das so pauschal nicht. Aktuell gibt es einige Beiträge von mir zu ganz anderen Themen, beispielsweise diese:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/04/alternative-taxitanzer.html
https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/04/kommentare-gestern-und-heute.html
https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/04/mini-kurs.html
https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/04/swing-tango.html
Darüber lese ich von dem Kollegen kein Wort. Ihn scheint nur das zu interessieren, was ich über sein Schaffen veröffentliche. Aber ich habe Verständnis für eine gewisse Eitelkeit.
Nicht mehr genau weiß ich, wie oft der Kollege verkündet hat, sich mit mir nicht mehr befassen zu wollen – ja, dem Bloggen generell zu entsagen oder zumindest eine längere Schreibpause einzulegen. Der nächste Text ließ dann meist nicht lange auf sich warten.
Selber vermeide ich solche „Famous Last Words“. Mir ist vorher nie klar, wann der nächste meiner Artikel erscheinen wird – und wovon er handelt. Das sind Augenblicks-Entscheidungen.
Wendel gibt zu, immer wieder angekündigt zu haben, sich nicht mehr mit mir zu befassen. Geschafft habe er es nie. Gut, aber das liegt in seiner Verantwortung. Auch, ob er mit dem Bloggen aufhören oder weitermachen will. Wir werden ja sehen.
Diesmal nun hat mir der Kollege eine derartige Masse an Text vor die Füße geworfen, dass ich nicht weiß, wo anfangen oder aufhören:
https://www.tangocompas.co/warum-ich-auf-dieser-buehne-nicht-mehr-mitspiele/
„Warum ich auf dieser Bühne nicht mehr mitspiele“ nennt Klaus Wendel seine Analyse zu meinem „öffentlichen Kommunikationsstil“ – ein 24-seitiges PDF zum Herunterladen. Titel: „Gerhard Riedl und die Debatte als Bühne“.
https://www.tangocompas.co/wp-content/uploads/2026/04/Gerhard-Riedl-und-die-Debatte-als-Buehne-2.pdf
Wendel will darin meinen „öffentlichen Kommunikationsstil einordnen“.
Ich weiß nicht, ob es ein gutes Zeichen ist, wenn man so viele Worte braucht, um einen Autor zu widerlegen.
Ich will dazu nun keine 25-seitige Antwort verfassen, zumal Wendel in vielen seiner Argumente das wiederholt, was er seit Jahren schreibt. Interessenten wird nichts anderes übrigbleiben als sich mit dem Original zu beschäftigen.
Natürlich gibt es dazu auch noch eine längere Einleitung unter dem Motto „Einsicht ist der erste Schritt“ (wie wahr!). Das Hauptwerk ist wohl als eine Art „Enthüllungsschrift“ gedacht, die man zum Zweck der Aufklärung und Besserung an meine Leser weiterreichen solle – oder an solche, die glaubten, man könne mit mir „eine normale Diskussion führen“. Kann man natürlich nicht!
Der Beitrag ist jedenfalls sprachlich hervorragend gestaltet und damit sehr gut zu lesen. Vielleicht war ja ein Co-Autor beteiligt – aber, um nicht die nächste Abmahnung zu kassieren: Das ist nur ein subjektiver Eindruck! Entscheidend ist, was dasteht.
Ein paar Aspekte, die ich spannend finde:
Der Kollege verbreitet sich umfänglich über meine Attacken auf Kommentare, welche sprachlich mangelhaft formuliert sind. Dabei liegt es mir völlig fern, anderen ein geringeres Bildungsniveau vorzuwerfen! Nur wenn jemand mich unfair angriff und dann noch erfolglos versuchte, möglichst gescheit daherzureden, konnte ich gelegentlich der Versuchung nicht widerstehen, auf die Diskrepanz hinzuweisen. Wendel zitiert hierzu kein einziges Beispiel. Täte er es, würde der Zusammenhang evident.
Wenn Kommentare aus anderthalb Zeilen dummen Zeugs bestehen, ist das nicht meine Schuld.
Natürlich darf auch ein Wendel-Liebling, das Brandolini-Gesetz, nicht fehlen: Die Widerlegung von Unsinn ist aufwändiger als dessen Äußerung. Nun, dieses Problem hat jeder, der sich mit Veröffentlichungen im Internet befasst. Ich hätte mir auch manchmal gewünscht, nicht zum hundertsten Mal erfolglos fragen zu müssen, warum die „Tanzbarkeit“ von Tangomusik ab zirka 1955 endet. Nur wird das meine Hartnäckigkeit nicht verringern. Wem das zu anstrengend ist, sollte nicht bloggen.
Offenbar ist es auch tadelnswert, bei gewissen Kernthemen und Ansichten zu bleiben. Man ist im Tango wohl verpflichtet, sich drehendem Wind anzupassen. Ich gehöre aber nicht zu den Opportunisten, die heute ganz anders schreiben als noch vor ein paar Jahren. Ich glaube, gerade das macht Eindruck – ob man mir in der Sache zustimmt oder nicht.
Erwartbar, dass der Autor auch auf einen anderen seiner Hits, den Dunning-Kruger-Effekt, nicht verzichten kann. Danach mache ich mich laut Überschrift der „verweigerten Anerkennung von Expertise“ schuldig. Arroganter geht es kaum! Ja, das ist „Überheblichkeit, Dogmatismus, Belehrung, Autoritätsgehabe oder der Versuch, anderen etwas vorzuschreiben.“ Es reicht, hier das zu zitieren, was Wendel anderen vorwirft.
Auch die Unterstellung, ich würde Expertisen formulieren, mich bei Widerspruch aber in die Rolle des Laien flüchten, ist weder neu noch zutreffend. Was ich beim Tango kann und wovon ich kaum Ahnung habe, kann man bereits in der ersten Fassung meines „Milonga-Führers“ nachlesen (ab S. 32). Und erst recht wurde später meine Biografie mit der Lupe untersucht und auf Unstimmigkeiten geprüft. Dass ich Lehrer war, ist immer wieder Anlass von Hohn und Spott. Von Wendel weiß man bis heute nicht, welchen Schulabschluss, welche Berufsausbildung er überhaupt vorweisen kann. Offenbar reicht seine Tango-Rolle. Ob nackter Hass sie verbessert, muss er beurteilen.
Wendel fragt, wie ich mir Tangounterricht konkret vorstelle. Laut Inhaltsverzeichnis habe ich auf meinem Blog 153 Artikel zum Thema „Tango lernen“ veröffentlicht – mit zahllosen Tipps und Anregungen, die ich auch praktisch erprobt habe. Aber man kann auch die Augen zukneifen und tapfer behaupten, ich hätte dazu nie etwas geschrieben.
Klar, dass auch Piazzolla sein Fett abkriegt. Diagnose: Für den sozialen Tanz (also das hintereinander her Tappen) ungeeignet. Ich glaube nicht, dass der Kollege Milongas besucht, auf denen man sich wenigstens ab und an mal traut, ein Werk dieses Komponisten zu spielen. Ich habe mehrfach erlebt, dass es dann Szenenapplaus für den DJ gab. Aber der muss halt damit rechnen, bei vielen Veranstaltungen nicht mehr auflegen zu dürfen. Ich kenne Milongas, die ich seit Jahren besuche und wo man weiß, dass meine Begleiterinnen und ich uns freuen würden, wenigstens hin und wieder einmal zu dieser Musik tanzen zu dürfen. Aber nein – nix da – kein einziges Mal! Ich erlaube mir, dies als ideologische Verbohrtheit zu bezeichnen.
Dass ich schon wieder vieles nicht „verstehe“, nehme ich gefasst zur Kenntnis – unter Männern der Standard-Vorwurf. Ich fürchte aber, vieles nur allzu gut zu verstehen:
Wendel – so sehe ich das jedenfalls – braucht ständig das Gefühl, nicht allein zu sein, genügend Unterstützung zu haben. Das beeinflusst maßgeblich sein Schreiben, seine teilweise abenteuerlichen Umschwünge in der Betrachtung, die Löschung ganzer Beiträge. Immer wieder hat er zu einzelnen Texten von mir feixend jubiliert: Nun hätte ich mir endgültig „ins Knie geschossen“. Dass ich es als Privileg empfinde, eine Ansicht auch mal allein zu vertreten, kann er nicht fassen. Das zeugt leider nicht von großem Selbstvertrauen.
Daher bringt sein ganzes „Rücktritts-Getöse“ genau nichts. Nicht nur der Tango spielt hierzulande eine geringe Rolle – wir Blogger sowieso. Wir dürfen froh sein, wenn uns einige Leute lesen. Und wenn der Tango sich in geschichtlicher Verehrung und Nachbeten des Katechismus erschöpft, wird eh innerhalb einer Generation Schluss sein. Denn ob dann, wie nach dem Ende der EdO, wieder ein Piazzolla kommt, der diesen Tanz aus dem historischen Ghetto holt, wäre schon ein großer Zufall.
Zweimal werden wir dieses Glück wohl nicht haben!
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