Winfried, Cem und Boris
„Ich bin deutscher Staatsbürger türkischer Herkunft. Das Schwäbische ist mir noch näher als das Deutsche, und mit der türkischen Herkunft ist es ebenfalls so einfach nicht. Auch ‚Einwanderer‘ […] trifft den Kern nicht. Ich bin zwar gut zu Fuß, aber ich bin nie eingewandert, sondern hier geboren.“ (Cem Özdemir)
https://de.wikipedia.org/wiki/Cem_%C3%96zdemir
Fernsehkrimi oder Wahlkrimi? Gestern Abend fiel mir die Entscheidung leicht: Statt nuschelnder Pseudo-Ermittler gab es schließlich nicht nur in Bayern Kommunalwahlen, sondern bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg das Duell zwischen CDU und den Grünen.
Nach einer rasanten Aufholjagd hat der gelernte Sozialpädagoge Özdemir die Wahl im „Ländle“ hauchdünn für sich entschieden und wird der Nachfolger seines Förderers Winfried Kretschmann.
Wenn man Fernseh-Wahlsendungen verfolgt, muss man abgehärtet gegen den üblichen „Politiker-Sprech“ sein („Ich danke den Wählerinnen und Wählern“…). Kretschmann ist einer der wenigen unter seinen Kollegen, der knackige Antworten bevorzugt: Was den Ausschlag für den grünen Wahlsieg gegeben habe, wurde er gestern gefragt. Seine Zwei-Wörter-Replik: „Cem Özdemir“.
Das war nicht nur erfrischend deutlich, sondern auch völlig richtig. Man darf hinzufügen: Özdemir hat die Wahl nicht wegen, sondern eher trotz der Grünen gewonnen.
Nicht erst im zurückliegenden Wahlkampf hat der „anatolische Schwabe“ (Selbstbeschreibung) einen Kurs verfolgt, der grüne Ideologen in den Starrkrampf getrieben haben dürfte. Sein Meisterstück war die demonstrative Verbundenheit mit seinem alten Kampfgenossen Boris Palmer, mit dem er nicht nur Wahlkampfauftritte absolvierte, sondern den er auch als Standesbeamten bei seiner kürzlichen Heirat einsetzte – und das um Mitternacht, um die bildergeile Presse ins Leere laufen zu lassen. Palmer besorgte sogar den Brautstrauß, den „der Cem“ beinahe vergessen hätte.
Das sind Geschichten, die Satiriker lieben!
Der Sohn des „Remstal-Rebellen“ Helmut Palmer, den seine ererbte Schwäche, den Mund nicht halten zu können, letztlich die Parteimitgliedschaft kostete, entschied dennoch, als parteiloser Bewerber, die letzte OB-Wahl in Tübingen zum dritten Mal für sich. Jeweils im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit. In eine Stichwahl, so hatte Palmer angedroht, werde er nicht gehen.
Das muss man sich erstmal trauen! Solche Unterstützer sind besser als alle Parteifreunde.
Den Bürgerinnen und Bürgern zuhören, sie ernstnehmen, das hat Özdemir von seinem Vorgänger gelernt. Er spricht das Wahnsinns-Projekt „Stuttgart 21“ an: Früher habe man in der Auseinandersetzung mit dem aufgebrachten Volk die Wasserwerfer sprechen lassen. Das hat wohl damals dem CDU-Kandidaten Mappus den Wahlsieg gekostet und Kretschmann ins Amt befördert.
Ein Grüner als Chef eines eher konservativ geprägten Bundeslands – wie geht das? Ich glaube, auch viele bürgerliche Wählerinnen und Wähler sind durchaus offen für Fragen des Natur- und Klimaschutzes, der Ökologie. Sie wollen nur nicht, dass man ihnen mit obrigkeitsstaatlicher Bevormundung kommt.
https://www.youtube.com/watch?v=574m1D9TBF0
Was entscheidend dazukommt: Die Leute wollen authentische Politikerinnen und Politiker, Typen, gerne auch mit Ecken und Kanten – und keine glattpolierten Sprechmaschinen, die Texte ihrer Berater auswendig vortragen. Denen verzeiht man dann auch einen Spruch mehr, als vielleicht gut gewesen wäre. Özdemirs Gegenkandidat Manuel Hagel ist dafür ein gutes Beispiel: Er ist nicht an einem blöden Videospruch über eine Sechzehnjährige gescheitert, sondern daran, dass er vorwiegend Floskeln heruntergebetet hat.
Das wird besonders deutlich, wenn man sich an politische Größen wie Helmut Schmidt, Herbert Wehner oder Franz Josef Strauß erinnert. Deren rhetorische Ausfälle haben ihrer Popularität keinen Abbruch getan – im Gegenteil! Sie waren halt Typen mit einer Publikumswirkung, die man nicht erlernen kann.
Damit meine Gegner nun nicht vergeblich auf meinen Schlenker zum Tango warten: Ich glaube, dieses Talent zeichnet auch den Kollegen Wendel aus, der immer wieder bühnenreife Ausfälle hinlegt. Ich glaube, der Erfolg seines Blogs liegt nicht in erster Linie an der Qualität seiner Argumente, sondern an dem Entertainment, das ihm im Blut liegt.
Daher freue ich mich auf weitere Wortwechsel, die das Verständnis des Tango durchaus fördern können – weil man Lust hat, sie zu lesen. Wenn es ohne persönliche Herabsetzungen ginge, wäre der Erfolg noch größer!
P.S. Und hier noch ein persönliches Porträt aus dem Wahlkampf:
https://www.youtube.com/watch?v=yOC7yJNheh4
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Boris Palmer wurde am Sonntagabend bei der Wahlparty der Grünen in Stuttgart von Mitgliedern der Grünen Jugend bedrängt: Niemand habe ihn eingeladen, er solle verschwinden.
AntwortenLöschenHausverbot wegen abweichender Gesinnung – kennen wir ja vom Tango…
Ein Kollege (Ryyan Alshebl, 32, grüner Bürgermeister von Ostelsheim) sei ihm dann zu Hilfe gekommen: So ein Benehmen, so dessen Aussage, habe er seit der Grundschule nicht mehr erlebt.
https://www.bild.de/politik/inland/eklat-bei-gruenen-wahlparty-palmer-von-gruener-jugend-bedraengt-69aec65364d1f5a2cd517946
Gestern erreichte mich ein Kommentar von Hans-Peter Römer:
AntwortenLöschenHallo Herr Riedl,
ich habe ja schon lange nichts mehr von mir gegeben. Ich gehe auch mal
davon aus, Sie haben auch nichts vermisst.
Sie gehen auch richtig in der Annahme, dass auch Boris Palmer wieder
eine Rolle spielt, aber nur am Rande. Im der Hauptsache habe ich
Einwände im Bezug auf ihre Konklusion, allein die Freundschaft Özdemirs
zu Palmer hätte ihm den Sieg um 0,5 %-Punkte eingebracht. Als
Ostwürttemberger habe ich das anders wahrgenommen. Es haben sich hier im
Kreisverband alle reingehängt und sich die Füße an den Infoständen
plattgestanden. Frau Brantner, ja die Parteivorsitzende, hat hier sogar
mit der Kandidatin Haustürwahlkampf gemacht. Ob das effektiv wer, weiß
man nicht, aber er hatte die Unterstützung aller Grünenmitglieder. Was
wirklich den Unterschied gemacht hat, war das Konzept " ich bin der
natürliche Erbe von Winfried Kretschmann und mache primär Politik für
BaWü". Damit haben die Grünen aufgeholt und die CDU und Hagel nervös
gemacht, so dass die auf den letzten Metern Fehler an Fehler gemacht
haben. Das Video mit der Realschülerin hätten sie einfach abperlen
lassen müssen, aber nein sie haben es noch mit dem Vorwurf
Schmutzkampagne hochgejazzt, so dass sich jeder noch die olle Kamelle
angeschaut hat und gesehen hat, welche Metarmophose Hagel durchgemacht
hat. Vom haargegelten karrieristischen Sparkassendirektor zum
1A-Schwiegersohn. Es gibt darüber hinaus auch noch den haargegelten
Hagel auf einem Foto mit Sebastian Kurz, die Älteren werden sich an
sinistren ehemaligen österreichischen Bundeskanzler erinnern. Der
BaWü-CDU hat anscheinend keiner was vom Streisand-Effekt erzählt. Der
Sprachduktus und Ton erinnerte mich als Eingeborenen klassisch an
präpotente Möchtegerns, ein Manko das Hagel aufgrund seines Alters eh
schon hat und das sich durch die Nervosität wegen der aufholenden Grünen
noch verstärkte. Der Killerpunkt war dann die Szene im Klassenzimmer,
als er die Lehrerin anblaffte, da hatte er die letzte Anmutung von
Souveränität und jeden Sympathiepunkt verspielt.
Ging es im Wahlkampf um Authentizität? Jein, im Falle von Hagel ein
bisschen schon, weil er die Fassade nicht aufrechterhalten konnte,
während Özdemir den Hyperschwaben so perfekt durchzog, dass auch die
Badener damit klar kamen. Aber authentisch ist das auch nicht, aber das
ist im Wahlkampf und der Politik nicht gefragt, das ist einfach Teil der
Show. Özdemir hat die letzten Jahre in Berlin-Prenzlauer Berg gelebt.
Gut, das ist auch so ein bisschen Klein-Schwaben in Preußen, aber halt
auch ein wenig abgehoben. Aber er hat sich konsequent an seinen Mentor
Winnie Kretschmann gehalten, und fleißig Bretzgen (so heißen die hier in
Ostwürttemberg) verteilt, dass jede Breznverkäuferin auf dem Oktoberfest
anerkennend gezwinkert hätte. Hat funktioniert.
Der Gipfel der Mäulesmühle (so eine Art schwäbischer Komödienstadel) war
während es "Triells" die Frage nach den Leibspeisen der Kandidaten:
Özdemir "Kässpätzle", Hagel "Kässpätzle" Frohnmeier "Linsen mit Spätzle".
Da habe ich mir mein Hirn aus Fremdscham ins Spätzleswasser geschabt.
Fortsetzung:
LöschenWenn also Boris Palmer authentisch wäre, wäre er nicht Oberbürgermeister
in Tübingen. Er muss eher ständig mit seinem inneren Dämon ringen, der
glaube ich auf den Namen Helmut hört. Wenn er es zu sehr mit seinem
Micromanagement und Stadtsherifftum übertreibt, füttert er seinen Dämon
zu sehr. Dann sollte er ein paar Atemübungen machen. Winnie Kretschmann
nannte ihn mal eines der größten politischen Talente in Ba-Wü. Das
bezieht sich aber nicht auf seine Authentizität, sondern auf sein Gespür
für politische Stimmungen. Das kann man auch Populismus nennen, muss man
aber nicht grundsätzlich negativ sehen. Er kann damit halt auch Dinge
umsetzen, die ihm am Herzen liegen, wie z.B. eine Abfallsteuer für
FastFood-Lokale.
Am Ende sei mir auch ein Schwenk in die Tangobloggerszene erlaubt.
Atemübungen sind bestimmt auch etwas für Tangoblogger. Ob Sie das auf
sich beziehen oder Ihre Gegenspieler, können sie sich frei aussuchen.
Viele Grüße
Hans-Peter Römer
Lieber Herr Römer,
Löschenfreundliche und differenzierte Kommentare vermisse ich stets – daher vielen Dank für Ihren Beitrag!
Wieviel Prozent (oder Promille) Özdemir die Freundschaft mit Palmer eingebracht hat, weiß ich nicht. Dazu habe ich auch nichts geschrieben.
Klar haben die Grünen speziell in Baden-Württemberg viel Wahlkampf für Özdemir gemacht – weil allen klar war, dass nur er den Erfolg schaffen konnte. Wie sich das weiterentwickelt, werden wir sehen.
Klar, Wahlkampf ist auch Show. Aber eine gewisse Heimatverbundenheit nehme ich dem Immigranten-Sohn Özdemir schon ab. Unser Staat hat ihn eine Liberalität und Aufstiegschancen geboten, die er im Heimatland seiner Eltern nie gehabt hätte.
Dass er – wie alle Spitzenpolitiker – nicht im Plattenbau haust, kann man ihm nicht vorwerfen. Das hätten die meisten von uns auch nicht getan.
Dass Hagel zwar Stimmenzuwächse erreichte, aber knapp sein Ziel verfehlte, lag aus meiner Sicht halt daran, dass er wenig mit seiner Persönlichkeit punkten konnte.
Was Palmer betrifft: Klar, er ist der Sohn seines Vaters. Und der hat entsetzlich an der Verachtung ob seiner jüdischen Abstammung gelitten. Das macht manches an seiner Art verständlich. Und er hat ökologische Gedanken verbreitet, als es die Grünen noch gar nicht gab.
Jedenfalls orientiert sich das Wahlvolk immer stärker an der Persönlichkeit von Kandidatinnen und Kandidaten – und nicht an Parteiprogrammen. Ich finde diese Entwicklung nicht verkehrt.
Danke für die Empfehlung von Atemübungen – die sind sicherlich sehr nützlich. Ich hoffe nur, ich muss deswegen nicht gleich eines Ihrer Seminare besuchen.
Besten Dank und herzliche Grüße ins „Ländle“
Gerhard Riedl