Von der stets gleichen Vielfalt

Öfters höre ich von Lesern, die Tangowelt sei doch weit vielgestaltiger als von mir geschildert: Durch den Besuch verschiedener Veranstaltungen könne praktisch jeder Musikgeschmack abgedeckt werden – nicht nur im Rhein-Main-Gebiet.

Nun fällt es anhand der Einladungen nicht leicht, auch nur ungefähr zu beurteilen, welche Art der Beschallung einen erwartet. Oft wird zwar der Name des DJ genannt – was der aber auflegt, wird, wenn überhaupt, meist nur mit Floskeln wie „feinste Tangomusik“ oder „bestens tanzbare Stücke“ beschrieben. Freilich ahne ich schon bei solchen Formulierungen: Allzu modern wird es nicht zugehen – dass man sich ganz oder stark überwiegend im EdO-Segment bewegt, wird wohl als selbstverständlich betrachtet.

Eine rühmliche Ausnahme fand ich heute auf der Website des Vereins „Tango Libre“ in Konstanz. Dort gibt es tatsächlich eine Liste von (wohl hauseigenen) „TDJs“, auf der diese sogar ihr musikalisches Angebot beschreiben. Also, schauen wir mal hoffnungsvoll rein!

Stefan Eggert spielt „Musik der goldenen Ära, ausgesuchte Interpretationen mit Temperament und Leidenschaft“, dazu noch „ca. zwei Tandas mit modernen Orchestern“ (na ja: vermutlich eher eine gegen Mitternacht).

Wolfgang Fechter legt zu zirka 80 Prozent klassisch auf. Neben modernen Tanzorchestern und Non Tangos seien für ihn insbesondere Stücke des Tango nuevo „das Salz einer heutigen Milonga“. Na gut – wieviel Prozent Salz gibt es in einer Suppe? Dann noch: „Die Orchesterleiter werden von mir angezeigt.“ O je, spielen die so schlecht?

Georg Frosch legt „fast nur klassisch auf“, mit gelegentlichen Ausflügen zu modernen Orchestern. Non Tangos seien nicht wirklich sein Ding.

Ebenfalls klassisch mit „mit einer Prise an zeitgenössischen Orchestern – manchmal auch „unkonventionellen Tangos“, so lautet das Programm von Beatrix Gessner. „Für mich ist Tango Weltmusik, und ich versuche, dies auch in meiner Auswahl zum Ausdruck zu bringen.“ Nun gut – wie sie das mit 85 Prozent alter Aufnahmen hinbekommen will, müsste man mal besprechen…

Thomas Langendörfer legt ohne vorgefertigtes Konzept mit CDs auf, fast 100 Prozent EdO, allerdings ergänzt von„zeigenössischen Orchestern“. Auch da kann man sich wohl auf einen Abend ohne große Überraschungen einstellen!

Das Statement von Verena Lippert lautet: „Als 100% Milonguera lege ich 100% traditionell auf“ – ein Satz, über den man lange grübeln und auch ein wenig schmunzeln kann. Als Gründerin des „DJ-Stammtisches“ habe sie eine Plattform geschaffen, um ihre Kollegen dabei zu unterstützen, „die eigene DJ-Persönlichkeit zu entwickeln“. Eine enorme Aufgabe, wie mir scheint.

Silvio Michel findet: „Für mich ist die wesentliche Frage nicht die Unterscheidung zwischen klassischer oder moderner Tangomusik. Entscheidend ist für mich allein die Unterscheidung zwischen musikalisch guter und weniger guter Musik – und solche gab und gibt es in allen Epochen der Tangogeschichte.“ So schätze er auch „die modernen Orchester, die in unserer Zeit nach neuen Ausdrucksformen suchen“. Anschließend die Rolle rückwärts: „Manchmal wähle ich nur klassische, manchmal auch einige moderne Musikstücke aus.“ Schade, der mutige Ansatz war vielversprechend…

Ago Musovic bietet 90 Prozent Tangos aus den 40ern, mische diese jedoch mit „moderner, tanzbarer Musik“ sowie „einer kleinen Brise Balkan-Tango“. Na ja, viel Wind wird das kaum…

Der altgediente Peter Wenger legt „100 % traditionell“ auf und vergisst nicht, ziemlich heftig Werbung für sich zu machen: viele Auftritte, Encuentros nicht zu vergessen, mehrere Wochen jährlich in Buenos Aires, beste Wiedergabetechnik. Dann noch mein Lieblingssatz: Er wolle „das Publikum im Tanzfluss halten und mit Freude zur Mirada und Cabeceo aufmuntern.“

Weitgehend traditionell ist wohl das Programm von Karl-Heinz Barth. „Electrotango spiele ich nur sehr getragene und nur in homöopatischer Dosis.“ Alles klar?

Michael Machill kommt uns mit seiner Leidenschaft für Soul, Funk, Jazz und elektronische Musik ziemlich modern: EdO spielt er ebenso wie Weltmusik, Klassik und z.B. Fado. Er achte jedoch stets darauf, was auf der Piste passiere. Ich kann’s mir denken…

Der gelernte Musiker Rainer Lehmann meint: „Meine Musikauswahl geht quer durch die Entwicklung des Tangos und deren Interpreten. Dabei achte ich auf die musikalische Qualität der Stücke, und ob mich ein Stück zum Tanzen inspiriert.“ Na, immerhin!

Günther Maldoff weiß noch nicht, was er auflegen soll.

DJane Colina kommt uns mit philosophischen Betrachtungen zur Welt der Milongas. Ansonsten spielt sie überwiegend „Tanzmusik der 30ger, 40ger und 50ger Jahre“. Wenn es zur Dynamik der Milonga passe, lege sie auch mal „ein-zwei Tandas aus anderen Epochen oder Stilrichtungen“ auf. Wow!

Quelle: https://www.tangolibre.de/unsere-tdjs/

Fazit: Von den 13 Auskunft gebenden DJs legen 10 vorwiegend bis ausschließlich traditionell auf – das sind satte 77 Prozent.

Typisch ist das Angebot, man biete vorwiegend die alten Aufnahmen – gelegentlich aber auch „moderne Orchester“. Ich ahne: Wenn überhaupt, dann solche, welche die alten Arrangements täuschend echt nachspielen.

Klar: Der DJ von heute hat sich dem Publikumsgeschmack angepasst. Man hat in langen Jahren die Gäste darauf konditioniert, historische Einspielungen zu erwarten. Dazu kann nun wirklich jeder und jede einigermaßen tanzen oder zumindest dran glauben. Wichtig erscheint die Versicherung: Was wirklich Neues ist nicht zu befürchten. Ich vermute, das Hintertürchen „gelegentlich mal Modernes“ (man will ja die paar Fortschrittlichen nicht ganz vergraulen) bleibt in der Regel zu.

Ob dies wirklich immer dem eigenen Geschmack der Musiklieferanten entspricht, sei dahingestellt. Man kommt heute im Tango mit viel größerer Wahrscheinlichkeit an einen Gig, wenn man mit dem historischen Segment wirbt. Und es gibt in der Szene ein Überangebot von Musikauflegern, die Konkurrenz ist hart. Wer damit werben möchte, vorwiegend moderne Tangomusik aufzulegen, sollte sich lieber zu Hause Kopfhörer aufsetzen – ein Angebot wird er dennoch kaum überhören.

Ich habe in den vielen Jahren etliche DJs erlebt, denen offenbar ein „Damaskuserlebnis zustieß: Heide fällt vom Pferd und ist nach dem Aufwachen Christ.

Dass es in Konstanz laut Liste immerhin drei DJs gibt, welche ein abweichendes Musikangebot bieten, heißt zudem natürlich nicht, dass die auch drankommen. Aufschlussreich ist die aktuelle Liste in der Hauptmilonga des Vereins, „La Costura“:

·  02. Sep.: Stefan Eggert

·  09. Sep.: Michael Machill

·  16. Sep.: Peter Wenger

·  23. Sep.: Jonas Maria Joma

·  30. Sep.: DJane Collina

·  07. Okt.: Ago Musovic

·  14. Okt.: Beatrix Gessner

Ergebnis: Nur von einem der 7 genannten DJs ist möglicherweise ein nicht konservatives Programm zu erwarten: Michael Machill, der halt auch Vorstand des Vereins ist. Ähnlich sieht es auf der sonntäglichen „Wolkensteinmilonga“ aus.

https://www.tangolibre.de/veranstaltungen/

Ende September gibt es ein dreitägiges Festival, bei dem der international bekannten Kult-DJ Jonas Maria Joma“ auflegt. Ich ahne, wie. Zudem gibt es noch Unterricht von Sedó und Engel – und auch Melina darf mal die Musik liefern. Da ist doch alles in trockenen Tüchern!

https://www.tangolibre.de/vereinsleben/

Damit man mir nicht wieder vorhält, ich informiere mich nur aus dem Internet: Wir waren etliche Male am Bodensee tanzen – und die einzige Milonga mit „anderer“ Musik gibt es dort leider nicht mehr: das „Lagerhäusle“, mit dem wir wunderbare Erinnerungen verbinden.

Insgesamt halte ich die Behauptung, welch tolle Vielfalt uns der Tango derzeit biete, für schamlos übertrieben. Wenn man es mal wirklich durchbuchstabiert, bleiben einige wenige Außenseiter-Veranstaltungen, wo man froh ist, wenn 20 oder 30 Gäste erscheinen. Und es gibt Regionen mit einem Radius von 50 und mehr Kilometern, wo man ausschließlich traditionelle Musik zu hören kriegt.

Irgendwie erinnern mich solch optimistische Schilderungen unserer Tango-Wirklichkeit an die DDR-Propaganda, wonach natürlich auch die Versorgung mit Südfrüchten gesichert war – sofern man über „blaue Kacheln“ verfügte (so nannte man nach der Farbe des Hunderters das Westgeld).

Für den Durchschnittsbürger galt eher der Witz: „Warum ist die Banane krumm? Weil sie einen Bogen um die DDR macht.“


https://www.youtube.com/watch?v=w0fwtnSn95o

Kommentare

  1. Korrekt. Traurig das Ganze ...

    In München gibts immerhin die Neolonga am Montag im Lachdach. Allerdings kann es da schon auch mal passieren, dass den ganzen Abend Popmusik (oder so. "Non-Tangos" halt) gespielt wird, wo alle Stücke im gleichen Temperament wie die übelsten "Mumientangos" gehalten sind. Es gibt aber auch DJs, die einen schönen Mix von neueren Tangos (bis hin zu "Neo"/"Non") spielen, wo dann schon mal bis zu ca 80% (meine Partnerin und mich) zum Tanzen locken ...
    Man ist ja schon mit Kleinigkeiten zufrieden.

    Und dann gibts noch gelegentlich open-air Veranstaltungen mit nem Hang zu Neo-Tangos (bis Non-Tangos), eine (zu der ichs leider bislang noch nicht geschafft hat, ich kann also nix dazu sagen) mit dem Versprechen der Kombination mit anderer Latin-Musik (Kizomba, Bachata, Salsa).

    Langer Rede, kurzer Sinn: auch ich bedaure sehr, dass die Tango-Musik ab so 1960 bis heute, quasi noch nicht einmal ein Nischendasein führt, sondern so gut wie gar nicht vorhanden ist. (Ich habe schon öfters mit dem Gedanken gespielt, selber eine nicht-kommerzielle Milonga aufzuziehen mit dem Motto "Tangos, aber nicht älter als ich selber" ;-) ).

    PS, Trauriges Beispiel: im Tango-Kino in Seefeld wurden jüngst als Double-Feature die beiden Werbefilme für die CDs des (relativ neuen) Orquesta Tipica von Julian Peralta "Un disparo en la noche" (1 und 2) gezeigt (tolle Musik!). In der Milonga danach wurden dann aber doch wieder nur uralt-Tangos aufgelegt (ein paar neuere Valses waren dabei).

    Ciao, Robert

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    1. Lieber Robert,

      ich bin immer dankbar für solche konkreten Berichte. Die Belehrungen, man könne heute je nach Milonga das volle Angebot genießen, bezweifle ich stark.

      Und ja, viele "Neolongas" bieten halt so gut wie gar keine Tangomusik. Das lasse ich als "Alternative" auch nicht gelten.

      Ich würde mich freuen, wenn du eine eigene, nicht kommerzielle Milonga veranstaltest. Das Motto ist jedenfalls schon mal genial!

      Schöne Grüße
      Gerhard

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  2. Der Verein scheint ja eine vorbildliche DJ-Nachwuchsarbeit zu haben! Der DJ von heute wird sich dem Publikumsgeschmack anpassen, sonst ist der der DJ von gestern. Woher hast Du das Wissen, dass man heute im Tango mit viel größerer Wahrscheinlichkeit an einen Gig kommt, wenn man mit dem historischen Segment wirbt?

    Die Variante „gelegentlich mal Modernes“ führt zu Gezerre und Unfrieden. Wir haben hier im Verein Samstags explizit 2x im Monat "konservativ" und 1x "modern", neben "gemischt" 1x am Sonntag. So kann man das Verhältnis auch anhand der Besucherzahlen austarieren.

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    1. Das Wissen beziehe ich - neben einer Reihe persönlicher Erfahrungen - aus der Tatsache, dass die meisten DJs mit einem konservativen Programm werben. Vor 15 Jahren war das noch genau umgekehrt.

      Klar, die Anpassung an den Publikumsgeschmack ist das eine. Wenn wir es schon wirtschaftlich sehen, sollte man aber nicht vergessen, dass man Nachfrage auch schaffen kann, meist durch ein verlockendes Angebot.
      Das wird im Tango meist übersehen.

      Und man kann sicher die Spaltung der Tangoszene durch "Schubladen-Milongas" weiter fördern. Mein Geschmack ist das nicht.

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    2. Die Separation bei Milongas ist zwar nicht schön, auf dem weiten Land auch nicht praktikabel, führt aber m.E. zu mehr Zufriedenheit. Es gibt ja keine musikalischen Grenzen, insbesondere Anfänger tanzen auch gerne zu seichtem "Lounge-Gedudel". Wenn dann 1/3 "konservativ", 1/3 "modern" und 1/3 "neo/non" läuft, dann kann es schon mal zäh werden, und der DJ kann in der Breite auch mehr Murks produzieren.

      Bei einem klaren Profil wie "ausschließlich 20er bis 60er" kann man einige neue Einspielungen alter Stücke unterjubeln, muss aber mit heftigen "Wehret-den-Anfängen"-Reaktionen rechnen, wenn man deutlich abweicht. So ganz unberechtigt ist das ja auch nicht.

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    3. Ich empfehle stets, sich als eigenständige DJ-Persönlichkeit zu präsentieren anstatt zum Eiertanz aufzulegen.

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    4. Das kann man einfach erreichen, wenn man auf einer Milonga auflegt, die man selbst gerne besucht. Bei der langen Liste an Vereins-DJs sollte das implizit gegeben sein.

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