Umarmung bis zum Abwinken

Es gibt Veröffentlichungen im Tangobereich, bei denen mir sofort klar ist: Da muss man nicht viel zusätzliche Satire liefern, sondern kann weitgehend das Gefundene wirken lassen.

Hier ist es eine Veröffentlichung auf der Facebook-Seite von Ingrid Voßler, ihres Zeichens systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin in eigener Praxis. Sehr gern arbeite die Diplompädagogin mit Paaren in Therapie und Beratung. Vor einigen Jahren entstand daraus auch die Idee des Angebots von ressourcenfördernden Wochenendseminaren für Paare unter dem Motto ‚It takes two to Tango‘ . Dieses ungewöhnliche Konzept der Paararbeit verknüpft Übungen, Musik, Tanz und Gespräch und ist sowohl für die Paare als auch für meine Arbeit eine große Bereicherung.“

https://www.ingrid-vossler.de/

Erst kürzlich hat ein solches Seminar stattgefunden. Hier ihr Bericht dazu:   

„Rückblick auf ein intensives, berührendes Wochenende ‚It takes two to Tango‘

Am vergangenen Wochenende haben Uli Görtz als Lehrer für Tango Argentino und ich als systemische Paartherapeutin wieder einmal von Freitag bis Sonntag mit Paaren Bewegt-Bewegendes initiieren dürfen. Wow, war das schön.

Umarmungen sind einer der roten Fäden unseres Konzepts: Wir kennen alle, dass es möglich ist, sich zu umarmen, ohne emotionalen Kontakt zueinander aufzunehmen. Die vom Paar- und Sexualtherapeuten David Schnarch (ja, er hieß wirklich so …) entwickelte spezielle Umarmungsübung ist eine Möglichkeit für Paare auf eine innige Weise zueinander zu finden und dabei ‚erwachsen‘ zu bleiben, d.h. buchstäblich auf eigenen Füßen stehen zu können. Paare können Gemeinsamkeit und Getrenntheit gleichzeitig erleben und genießen.

Die Übung heißt ‚Umarmung bis zur Entspannung‘. David Schnarch schreibt: ‚Die Umarmung bis zur Entspannung ist eine handfeste Methode, mit der Sie lernen können, Ihre Angst zu regulieren, zur Ruhe zu kommen und im unmittelbaren Kontakt mit dem Partner ans sich selbst festzuhalten.‘

Und so wird es gemacht (Anleitung gilt für beide Beteiligte):

Du stehst deinem*r Partner*in nah gegenüber,

ihr steht beide auf eigenen Füßen (nicht aufeinander stützen),

du legst bewusst die Arme um den Partner/die Partnerin,

du spürst den/die Partner*in und konzentrierst dich auf dich selbst.

Beruhige dich – werde viel ruhiger.

Schon nach wenigen Minuten können Paare erleben, dass die Verbundenheit mit dem*r Partner*in einen stabilen Kontakt zu sich selbst voraussetzt. Sich tiefer einzulassen, bedeutet nicht, sich selbst zu verlieren, sondern kann im Gegenteil korrespondieren mit der Fähigkeit, in sich selbst einen Ruhepol zu finden.

Wir wünschen allen wunderbaren Paaren des letzten Wochenendes, zu Hause dranzubleiben und regelmäßig und ausreichend lang (bis zu 20 Minuten) die Umarmung miteinander zu praktizieren. (…)

Infos und Anmeldung: https://www.kasselerinstitut.de/.../seminare-it-takes.../

Quelle: https://www.facebook.com/profile.php?id=100008320055779

Na, das ist doch schon mal eine schöne Hausaufgabe… Sollte man sich aber im Terminkalender notieren: „21.00 bis 21.20 Uhr – Mutti umarmen“. Und hoffentlich trägt sich die nicht eine andere Zeit ein…

Auch an weiteren Stellen des Textes habe ich mich heftig am Kopf gekratzt: 

Wir kennen alle, dass es möglich ist, sich zu umarmen, ohne emotionalen Kontakt zueinander aufzunehmen.“ 

Also, das finde ich schon ein wenig schade! Selbst wenn ich beim Tango eine mir völlig unbekannte Frau umarme (und während des Tanzes sogar hoffe, sie möge mir unbekannt bleiben): Ein paar Globuli Emotionen sind da schon im Spiel – weil man die Gefühle in der Musik ja irgendwie aufs Parkett bringen muss!

Dass man zu solchem Stehschmusen einen Tangolehrer braucht, ist mir angesichts der Entwicklungen in der Szene allerdings völlig klar: Die freie Ortsbewegung wird in unserem Tanz ja immer weiter eingeschränkt. Aber jetzt nur noch stille stehen? Ich fürchte, in dem Fall bräuchte ich ebenfalls eine Therapeutin!

Desgleichen nötig hätte ich die bei Gender-Schmus wie „deinem*r Partner*in“…

Aber wir erfahren ja noch mehr über den Tangobezug im Spannungsfeld zwischen Lari und Fari:

„Tango ist Begegnung zwischen den tanzenden Partnern, Spiel zwischen Nähe und Distanz, Dialog von Führen und Folgen. Tango erfordert das eigene Gleichgewicht und die Balance im Miteinander. Dieses Potenzial macht den Tango besonders geeignet, das gesamte Energiefeld der Beziehung zu spüren, sich selber und die andere Person wahrzunehmen. Das Paar kommt mit den wesentlichen Dynamiken seiner Beziehung in Kontakt – und das ohne große Worte.

An diesem Wochenende geht es um eine Kombination aus Selbsterfahrung, Tanzkurs, Paargespräch, Gruppengespräch, kreativen Übungen sowie Achtsamkeits- und Körperübungen zu zweit.

Kursthemen sind:
Die Umarmung, der Dialog des Paares, vom Umgang mit Autonomie und Gemeinsamkeit, die eigene Achse, Selbstberuhigung, die Balance des Paares beim Tango und auch sonst.“

https://www.kasselerinstitut.de/angebote/seminare/seminare-it-takes-two-to-tango   

Die Zielgruppe wird überraschend deutlich beschrieben:

„Ein Wochenende für Paare, die in Beziehung bleiben wollen und keine oder wenig Tangoerfahrung haben“

https://www.ingrid-vossler.de/paarwochenende.html

Na, wenn sie in Beziehung bleiben wollen, sollten sie den Tango lassen...

Deutlicher gesagt: Ob die Tango können oder nicht, ist völlig wumpe. Sie müssen nur genügend frustriert sein, um ein solches Seminar zu buchen. Und der Tango ist für solche Beschwerden eine gute Quelle. In meinem „Milonga-Führer“ habe ich das Problem so beschrieben:

„Ich bin jedoch immer wieder entsetzt, wie viele offenbar langjährig verbundene Paare es gibt, die auf dem Parkett ein eklatantes physisches Unverständnis füreinander zeigen (weitergehende erotische Kontakte zwischen den beiden mag man sich gar nicht vorstellen). (…)

Merke: Die Ehe ist diejenige Einrichtung, bei welcher der Mann auf die Hälfte seiner Nahrung verzichtet im Vertrauen darauf, dass ihm die andere Hälfte gekocht wird – vom Tango war da nie die Rede!“ (2. Auflage S. 137, 139)

Da kommt manchmal das Abwinken vor der Umarmung… Ich bezweifle nur, dass man dieser Misere an einem Wochenende Herr wird! Immerhin darf man pro Paar an reinen Seminarkosten 390 Euro löhnen.

Nun gestehe ich gerne, von Familienaufstellung und Paartherapie kaum Ahnung zu haben – ein wenig mehr allerdings von Pädagogik und Tango.

Und von daher frage ich mich: Könnte man bei all dem löblichen Tun nicht bitte den Tango außen vorlassen? Unser Tanz muss schon für genug herhalten, was mit seinem Wesenskern wenig zu tun hat. Aber klar, solche Psychoseminare stellen für Tango-Lehrkräfte halt noch eine weitere Einnahmequelle dar, auf die man bei der inflationären Entwicklung im Ocho-Lehrsektor nicht verzichten möchte!

Mit einigem Schmunzeln habe ich mich gefragt, ob bei dem Seminar auch Fremdumarmungen zulässig waren. Ich fürchte, eher nicht – sonst hätte man vielleicht den Kasus knaktus erkannt: Dass es sich beim Göttergatten um einen eifersüchtigen Hansel handelt, den man alsbald entsorgen sollte, statt der Misere noch teure Seminargebühren hinterher zu werfen!

Und natürlich muss man bei der ganzen Unternehmung noch den armen Louis Armstrong mit Beschlag belegen. In dem Song von Al Hoffman and Dick Manning aus dem Jahr 1952 heißt es

Hey baby, how about this dance?
Why? 'cause it takes two to do this dance! Takes two to tango, two to tango
Two to really get the feeling of romance
Lets do the tango, do the tango
Do the dance of love

You can sail on a ship by yourself
Take a nap or a nip by yourself
You can get into debt on your own
Ther's a lot of things that you can do alone!

But ...
Takes two to tango, two to tango

https://genius.com/Louis-armstrong-takes-two-to-tango-lyrics

Hey Baby, wie wäre es mit diesem Tanz?

Warum? Weil es zwei braucht, um diesen Tanz zu tanzen! Es braucht zwei zum Tango, zwei zum Tango

Zwei, um wirklich das Gefühl von Romantik zu bekommen

Lasst uns den Tango tanzen, den Tango tanzen

Tanzt den Tanz der Liebe 

Du kannst alleine auf einem Schiff segeln

Allein ein Nickerchen oder Schläfchen machen

Du kannst dich allein verschulden

Es gibt viele Dinge, die du allein tun kannst!

Aber ...

Zum Tango gehören zwei, zum Tango gehören zwei

Und obwohl das Stück nicht direkt ein Tango ist, kann ich nur sagen: Es ist einfach geil zu tanzen – falls einen das Feeling erreicht, welches man in Psychoseminaren nicht erlernt:

https://www.youtube.com/watch?v=gVGxRt8yRFQ

Kommentare

  1. Tango hat die Kraft eine brüchige Beziehung zum Ende bringen, einer seiner großen Vorteile! Und für Paartherapeuten ist es garantiert eine Steilvorlage, wenn Paare von ihren gemeinsamen Tanzerfahrungen berichten, dann kommt statt taktischer Defensive zügig Stimmung auf.

    Davon mal ab ist es auch im Alltag gut, wenn man jemanden schlicht umarmen kann, ohne zu klopfen, ohne zu schütteln, ohne zu zittern. Aber das hier klingt ja schon sehr nach "Waldbaden" statt Waldspaziergang - wer auch Bäume umarmen möchte, der möge das tun.

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    1. Bäume passen ja auch gut zum derzeitigen Tango, weil sie ziemlich stationär sind.
      Ansonsten hatte ich bei der Umarmung von Personen beiderlei Geschlechts (mit Diversen fehlt mir die Erfahrung) noch nie das Bedürfnis, hierfür ein Wochenendseminar zu benötigen.

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  2. Wo ich das am PC noch mal lese und reflektiere, mich triggern diese "Tango und ..."-Seminare auch an, brauch ich nicht, will ich nicht.

    Nun attestierst Du aber einigen Paaren ein "eklatantes physisches Unverständnis". Und beim psychischen Verständnis sieht es bisweilen nicht besser aus, füge ich aus meiner Erfahrung hinzu.

    Der Sachverhalt ist nun so. Du kannst einem ausgebrannten Lehrer sagen, er soll sich nicht so anstellen, "früher" auf dem Feld zu schuften war weit anstrengender. Oder sag einer unsicheren Schwangeren, dass ihre Urgroßmutter Entbindungen eins bis zehn nebenbei am Feldrand abgewickelt hat, dafür braucht man keinen Vorbereitungskurs, ihre Mutter wird schon noch wissen wie's geht.

    Das hilf nur nichts. Wie soll denn Deiner Meinung nach Abhilfe geschaffen werden? Im Gegensatz zu den obigen "Weicheiern", bei denen die Krankenkasse einspringt, zahlen Paare eine Paartherapie immerhin selbst.

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    1. Diese "Früher ging es doch auch"-Argumente verkennen meist historische Tatsachen - zum Beispiel die Säuglings-Sterblichkeit zu Urgroßmutters Zeiten.

      Ich habe nichts gegen professionelle Paartherapien - wenn es denn welche sind. Ich finde nur, man kann das nicht dem Tango aufhalsen. Wer wirklich solche Probleme hat, sollte sein Heil nicht im Tango suchen - der macht alles meist noch schlimmer!

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    2. Nun ist das als paartherapeutisches Seminar und nicht als Tango-Maestro-Seminario ausgeschrieben. Und wie ich lese ist dieser David Schnarch ein führender Sexualtherapeut der westlichen Welt, der mit seiner Umarmungsmethode reussiert.

      Ich persönlich setze mich bisweilen 20 Minuten hin und tue nichts. Das kann man auch in bayrischen Klöstern als Kontemplation oder Zen-Meditation für gutes Geld lernen, aber egal, das ist als Konfrontation mit sich selbst gedacht.

      Und seinen Partner "aus dem Stand" 20 Minuten zu umarmen, das ist definitiv eine Konfrontation mit dem Partner. Sooo dumm finde ich daher den Ansatz nicht, einen Tangolehrer mit einzubinden um Paaren das zu erleichtern, sie genau genommen etwas abzulenken.

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    3. Na ja, "führender Sexualtherapeut" ist ein wenig hoch gegriffen.
      Ansonsten: Bitte sehr, wer glaubt, dass es etwas nützt (und sei es über den Placebo-Effekt), darf sich das gerne geben.
      Ich meine nur, ernsthafte Partnerprobleme lassen sich nicht an einem Wochenende beseitigen - auch wenn zur Ablenkung ein Tangolehrer dabei ist. Seriöse Therapien ziehen sich über Wochen, wenn nicht Monate hin.
      Und selbst da ist die Erfolgsquote überschaubar.

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