Soll das Werk den Meister loben

 

Von der Stirne heiß
Rinnen muss der Schweiß,
Soll das Werk den Meister loben;
Doch der Segen kommt von oben.

(Friedrich Schiller: „Das Lied von der Glocke“, 1799)

In der Facebook-Gruppe „Tango München“ wurde der Segen von oben kürzlich stark angezweifelt: In einer der dort üblichen Werbeanzeigen warb Ani Andreani de Herrera, die Gattin des Tänzers Roberto Herrera, für die Privatstunden des Meisters. Das klang dann so:

 „Lernt und tanzt mit dem grande Maestro“

 Roberto Herrera, el maestro de los maestros, wie ihn die internationale Tango Szene nennt, Tangotänzer, Choreograf und Lehrer mit mehr als 35.000 Unterrichtsstunden und mehr als 45 Jahren professioneller Tangokarriere.“

Es folgt eine längere Auflistung der Leistungen und Verdienste des Meisters.Dies war offenbar für einen Leser etwas zu viel – sein Kommentar dazu fällt ebenso knapp wie unfreundlich aus:

„‚Grande maestro‘, ‚el maestro de los maestros‘ - diese großkotzigen Titel sind wirklich lächerlich.“

Außerdem, so stellt eine andere Kommentatorin fest, sei das falsches Spanisch: Es heißt entweder ‚Gran maestro‘ oder ‚Maestro grande‘.“

Frau Herrera gibt sich sprachlich zunächst kompromissbereit – wie üblich werden die Fehler der Autokorrekturfunktion des Smartphones zugeschrieben.

Die Majestätsbeleidigung aber will sie nicht hinnehmen:

Schade finde ich es aber, wie ihr hier beleidigend und lästernd herzieht, das hätte selbst ein Großkotz nicht verdient, finde ich ziemlich unangebracht. (…) Traurig bin ich auch darüber, dass es Leute gibt, die beleidigende Kommentare mit ‚Gefällt mir‘ markieren oder sich gleich dazu gesellen und direkt mit drauf los feuern. Ist das euer Umgang? Findet ihr das gut? Ich finde es traurig und beschämend, dass manche hier auf diese Art reagieren... Ist das euer Tango?

Macht ihr euch eigentlich Gedanken, was solche Beleidungen bei uns auslösen? Was ihr damit anrichten könnt?  Fändet ihr es gut, wenn man euch so angehen würde? Oder Menschen, die ihr liebt?“

Außerdem, und auch das kenne ich aus eigener Erfahrung, wird nun das Fachwissen des Kritikers bezweifelt. Klar, dann kann er die Bedeutung des Meisters gar nicht einschätzen:

Wenn man ein bisschen Ahnung von der Geschichte des Tango Tanzes hat, dann weiß man in der Regel auch über seine Errungenschaften und Verdienste Bescheid. Dies scheint bei dir leider nicht der Fall zu sein, aber es muss sich ja nicht jeder damit auskennen...“

Nein, natürlich nicht – und ist ja auch gut für die Unterrichtsbranche. Wenn alle schon alles wüssten, wäre das schlecht fürs Geschäft.

Den anfänglichen Kritiker ficht das nicht an::

„Ne du, lass mal... ich hab’s nicht so mit großen Maestros. Das mag ja in Argentinien anders sein, hierzulande finde ich dieses ganze Getue nur albern und penetrant.“

Später legt er noch munter nach:

„Du scheinst ein größeres Problem damit zu haben, dass Gruppenmitglieder eure Selbstdarstellung, denn um eine solche handelt es sich, unangebracht und übertrieben finden. Ich bin kein Hater und ich habe niemanden beleidigt, ich mache Dir nur deutlich, wie ich sowas finde. Es gibt nicht den einen Meister der Meister, eine solche Titelei ist anmaßend. (…) Wer sich so aufplustert, sollte mit Kritik umgehen können.“

Unser Kritikus kommt damit in der Münchner Szene schlecht an:

„Warum musst du deine Verachtung und Beleidigung im öffentlichen Raum auslassen?“

Und der lokal für Verdikte zuständige Carlos von Geldern spricht sein übliches Machtwort:

„Alle Kritik an seiner Person und an der Darstellung seiner Kurse ist unbegründet, falsch, beleidigend und kleinlich in Anbetracht seiner Vita und seinem Beitrag zum Tango weltweit. Sogar die Kritik am Spanischen ist falsch. Da kann man sich nur fremdschämen.“

Okay, worum geht es im Kern? Einmal um die Frage, ob man im Tango nun die argentinische Sicht (wenn es die pauschal überhaupt gibt) zur Richtschnur machen soll oder anderen Ländern eine eigenständige Tangoentwicklung zubilligt:

Hast du dich schon mal gefragt, wie der Tango, den wir alle (so grob gesehen) heute tanzen, herkommt? Wie er zu dem geworden ist, was er heute ist? Ist er einfach so aus dem Nichts entstanden, oder haben vielleicht besonders die großen Maestros ihn geprägt und entscheidend beeinflusst?“

„Tango argentino lebt in Mitteleuropa weiter, auch ohne beständig seine Traditionen als hehren Mythos zu beschwören. Kulturelle Errungenschaften lassen sich nicht unverändert in andere Kulturen verpflanzen.“

Hierzu sollte man schon bedenken, dass der Tango in Argentinien nicht immer hoch geschätzt wurde. Furore machte er dort eher, wenn dann Erfolge in der übrigen Welt hinzukamen.

Weiterhin betont Frau Herrera immer wieder, ihr Gatte habe sich die hymnisch lobenden Bezeichnungen ja nicht selber gegeben:

Wie gesagt ‚maestro de los maestros‘ haben NICHT WIR uns ausgedacht. Seh es doch bitte einfach als eine Auszeichnung, die ihm von jemand anderem verliehen wurde. Da können wir nichts dafür, dass andere Lehrer und Schüler ihn so sehen... einfach nur zitiert... Niemals würden wir sagen, dass wir besser sind oder gar die besten.“

Na ja – da hat Ani Andreani de Herrera wohl schon länger nicht mehr die eigene Website gelesen: Da geht es schon ziemlich in die Vollen. Kostproben:

Tango genial präsentiert die lebende Tango Legende, den einzigartigen Roberto Herrera“

Roberto Herrera ist bereits jetzt ein Teil der Geschichte des Tangos: Sein Tanzstil, seine einzigartige Kreativität und seine Fähigkeiten als Lehrer zählen weltweit zu den besten seiner Art.
Roberto Herrera vereint in seinem Tangostil traditionelle Schritte mit neuester, noch nie da gewesener Technik und Schrittkombinationen, von ihm entwickelt, auf der ganzen Welt getanzt und weiter verbreitet. Viele Schritte und bekannte Tangoposen, die wir heute tanzen sind Kreationen von Roberto Herrera.“

„Roberto definiert sich als Tänzer und lässt beschied („bescheiden“?) einige Details aus, die wir alle kennen. Um nur einige zu nennen: er ist als bester Tangotänzer der Welt bekannt, er hat mit Osvaldo Pugliese zusammengearbeitet, er ist der Guru und die Inspiration des modernen Tangos und ein sehr erfolgreicher Choreograf.“

Das Ganze natürlich garniert von den üblichen Tango-Hochglanz-Posen

https://www.tangogenial.de/kontakt-und-team/roberto-herrera/

Fazit

Ja, was soll man dazu sagen? Klar, der Maestro ist ein sehr erfahrender und guter Tangotänzer, Choreograf und werweisswasnoch. Man kann es beispielsweise hier nachlesen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Roberto_Herrera

Und sicher, als Kritiker solch vollmundiger Werbung könnte man ein wenig dezenter auftreten – Vokabeln wie „großkotzig“, „albern“ und „penetrant“ führen selten zu einem sachlichen Meinungsaustausch. Nur: Beleidigend sind sie nicht, eher halt etwas drastische Wertungen.

Und sorry, als Profi muss man das schon aushalten. Seit vielen Jahren verstehe ich nicht, warum man im Netz alle möglichen Kunden-Wertungen veröffentlichen darf, diese aber speziell beim Tango als ungehörig gelten und wütende Proteste auslösen. So auch jetzt wieder – ich hätte eine sachliche Diskussion über Tango-Werbestrategien nützlicher gefunden.

Meine Meinung: Je größer Bekanntheitsgrad und Beliebtheit, desto weniger muss man einem Künstler mit solchem Sums bewerben. Früher galt der Spruch „bekannt von Funk, Film und Fernsehen“ als Garant dafür, dass der Protagonist vorwiegend bei Stadtfesten und Tankstellen-Eröffnungen auftrat. Ich glaube, das haben Tangueros wie Roberto Herrera nicht verdient.

Wenn ich als Moderator Musiker ansage, kämen mir solche Lobsprüche nicht in den Sinn. Wieso auch? Das Publikum kann die Künstler doch selber erleben und sich eine eigene Meinung bilden! Schiller hat schon recht: Das Werk muss den Meister loben, nicht umgekehrt. Und die Frau Meisterin schon gar nicht.

Womit ich beim Tango seit vielen Jahren nicht klarkomme, ist dieser ständige Jubelzwang: Alle haben grundsätzlich alles toll zu finden. Sonst setzt es was. Unser Tanz kann sich aber nur weiterentwickeln, wenn wir Kunden mehr dürfen als Säulenheilige zu bestaunen, kritische Stimmen nicht verdammt, sondern ernst genommen werden.

Daher lassen wir abschließend den Meister zusammen mit einer anderen Münchner Tangogröße vortanzen. Dann mag sich jeder seine eigene Meinung bilden und eventuell Privatstunden buchen. Den tänzerischen Fähigkeiten in der Region könnte es nützen.

https://www.youtube.com/watch?v=Vd2ROX2x0qc

  Quelle: https://www.facebook.com/groups/tangomuenchen/ (Post vom 28.9.21)

Kommentare

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    1. Sorry, auf meinem Blog muss man mit richtigem Namen zu seinen Aussagen stehen.

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  2. Mir ist die Werbung von Ani auch zu penetrant, aber ich tue sie mit einen Achselzucken und dem Spruch "Wer angibt, hat ´s nötig" ab.
    Der Ton im Netz erschreckt mich immer wieder, deswegen mag ich da gar nicht mitreden. Lieber sag ich das Ani mal direkt, d. h. persönlich, wenn sich die Gelegenheit ergibt.
    Ich habe sie als gute und kompetente Lehrerin erleben dürfen und könnte mit Sicherheit auch von Roberto eine Menge lernen, wenn ich mal Lust auf neue Kombis kriegen sollte. Bis jetzt fühle ich mich aber bei meinem Lehrer gut aufgehoben, der auf mich eingeht, mich korrogiert und fördert, und es nicht nötig hat, sich mit Superlativen zu brüsten.
    Zum Video: schönes Showtanzen, tolle Technik.....aber auf Dauer finde ich solche Tänze langweilig, da fehlt mir das Herz, sprich der Ausdruck, das Gefühl, die tanzen die Musik und nicht nur tolle Schritte.
    Da hat es mir mehr Spaß gemacht, auf Deiner letzten Wohnzimmermilonga dem ein oder anderen Paar zuzuschauen.
    Jm2c.

    Liebe Grüße
    Carmen

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    1. Oh je, dieser Vergleich wird mir wieder Ärger einbringen...

      Aber ich glaube zu wissen, was du meinst: Es gibt Paare, da merkt man die wechselseitige Kommunikation, den Spaß, den sie miteinander haben. Das geht weit über Technik und tolle Schrittkombinationen hinaus.

      Und klar, Ani und Roberto mögen guten Unterricht geben - das habe ich nicht bestritten. Aber mit solcher Werbung macht man sich eigentlich kleiner, als man ist.

      Und wenn man öffentlich wirbt, muss man halt auch mit öffentlichen Reaktionen rechnen - gerade, wenn man Profi ist.

      Danke und liebe Grüße
      Gerhard

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  3. Aufgrund des Threads auf Tangomünchen habe ich Videos von Roberto gesucht um mir ein Bild zu machen. Persönlich sind wir uns noch nicht begegnet. Ich hänge hier eines an, welches ihn in seiner Blütezeit aufgenommen wurde und sein Können besser zeigt, als das von Dir verlinkte.
    Als ich das gesehen habe, dachte ich mir: "Was muß man denn noch alles machen, um sich Maestro nennen zu dürfen?" Ich finde die Werbung von Ani auch zu dick aufgetragen, habe aber ein Scrollrädchen an der Maus.
    An den Verfasser des auslösenden Kommentars erinnere ich mich im übrigen noch gut. Er hatte einen Thread auf TM eröffnet, in dem er Klage führt, daß es in München nur greisliche Weiber gibt und die auch noch schlecht tanzen würden.
    Mei, er ist halt ein Original. ;-)

    https://youtu.be/bWUfnWZNuts

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    1. Mir ging es im Artikel nicht um spezielle Personen – weder das Tangolehrer-Paar noch ihren Kritiker.

      Und ja – ich benutze auch oft das Scrollrädchen, nicht nur in der „KoKo“-Gruppe, sondern auch auf „Tango München“, um über die ganze Werbung zu kommen, mit der man diesen FB-Account zumüllt.

      Der Grund, über diese PR-Nummer zu schreiben, war das verbale Abstrafen des Kritikers, statt sich einmal inhaltlich mit dem Problem zu befassen.

      Danke auch für das Video – aber Herrera bewirbt sich hier nicht um Showauftritte, sondern bietet Privatstunden an. Und bekanntlich müssen gute Tänzer nicht unbedingt auch gute Lehrer sein. Leider habe ich aber ein Video einer Privatstunde nicht gefunden – sowas ist ja in der Branche selten.

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