Erst Tanzen lernen und dann Tango

 

Über einen kürzlich erschienenen Artikel des Blogs „Berlin Tango Vibes“ hatte ich mich ziemlich geärgert, ihn dann aber wieder vergessen. Jetzt wurde ich erneut auf den Text aufmerksam, da er morgen (9.12.) Gegenstand einer Berliner Zoom-Diskussion sein wird. Näheres am Schluss dieser Veröffentlichung:

https://berlintangovibes.com/2020/12/07/weihnachtsgeschenke-fur-tangueres/#more-5596

Welche Forderung in dem Beitrag erhoben wird, geht schon aus dem Titel hervor: „Wir brauchen mehr Milongueras und weniger Ballerinas“. Will sagen:

Nichts gegen „Balletttänzerinnen“, welche mit der Attitüde des klassischen Tanzes agierten, sie sähen zwar „elfengleich“ aus, aber: 

„Ballerinas und alle, die ihnen nachstreben, werden auch im Tango – der Außenorientierung des Ballett folgend – tendenziell zu Ornamenten, zu Dekoration. Sie sehen hübsch aus, machen elegante Füße und nette Verzierungen, die vor allem die Führenden nicht stören. Sie werden zum schönen Beiwerk des Tanzes, leicht, unkompliziert, schmückend.“

Die schlimmste Folge: Da man mit ihnen „alles“ unternehmen könne, lernten die Männer gar nicht mehr richtig führen – die Ballerinas machten es ihnen zu leicht. Der gefühlte Gegensatz: 

„Milongueras zeichnen sich durch ihre Persönlichkeit und ihren Charakter aus, nicht durch ihren Tangostil, denn in dem passen sie sich ihrem jeweiligen Partner an. Milongueras sind unglaublich stolz, präsent im Tanz, nehmen sich Raum und erlauben es sich, zuweilen sogar ein bisschen unbequem zu sein, besonders für den Führenden. Vielleicht auch, weil Frauen in den alten Tangotagen weniger geübt haben als Männer und allein daher anspruchsvoller zu führen waren. Der Führende musste sich stärker auf sie einstellen.“

Nachdem der Satiriker sich über einen solchen hanebüchenen Blödsinn kurz geärgert hat, erkennt er natürlich: Das ist bestes Glossen-Material. Klar, die Sehnsucht des erfahrenen Milongueros richtet sich ja nicht auf den geschulten, eleganten Lipizzaner, sondern den störrischen Ackergaul, der – wie es ein österreichischer Kollege einmal formuliert hat – „kaum zum Derreiten“ ist… 

„Die Milongueras hauen dich um“, wird ein argentinischer Tangotänzer zitiert. Ach nein, lieber nicht! 

Im Ernst: Ich bin, was klassisches Ballett anbetrifft, wahrlich kein Experte. Dass es sich deutlich von Tango argentino unterscheidet, wissen wir aber spätestens seit 2001 und Wolfram Fleischhauers „Drei Minuten mit der Wirklichkeit“:

„Sie konnte gar nicht anders, als die Luftigkeit herauszunehmen, die Extrovertiertheit der Bewegungen zu dämpfen. Es gab keinen Jubel in ihren Gesten. Wie auch! Woher denn! Aus dieser Musik etwa? Dieses Tangostück war zutiefst ambivalent, ein eisiges Feuer. (…) Im Grunde hatte es keinen Sinn, Ballett und Tango verbinden zu wollen. Jedenfalls nicht so. Luft und Erde. Der Gegensatz war zu groß.“

Diese Sätze über die Tänzerin Giulietta habe ich bereits 2010 in meinem Tangobuch zitiert, da ich sie für wegweisend halte. Und dennoch tanzt sie in Fleischhauers Buch dann sehr erfolgreich John Beckmanns „Tango Suite“ zur Musik von Astor Piazzolla – mit Ballett-Mitteln, aber eben auch Tangobewegungen. 

Aber Piazzolla nehmen wir doch im heutigen Tango eh nicht, oder?

In ihrem neuesten Artikel empfiehlt Laura Knight Wolfram Fleischhauers Buch als Weihnachtsgeschenk. Vielleicht sollte sie es auch selber nochmal lesen.

Ich erinnere mich an zwei Tänze mit Frauen, die eine umfangreiche Ausbildung vorzuweisen hatten, im Tango jedoch Anfängerinnen waren: eine Ballerina sowie eine Latein-Turniertänzerin. Rückblickend darf ich sagen: Die beiden hatten halt schlichtweg Tanzen gelernt – „die Füße gestreckt, der Fußspann gebogen, die Beine lang, der Oberkörper aufrecht, der Hals gereckt und die Balance gut“, wie man in Berlin die offenbar unerwünschte Ballerina-risierung der Milonguera“ beschreibt. Die paar lächerlichen Tangoschrittchen hatten sie in wenigen Minuten drauf. Und natürlich konnten sie ihren Tanz der Musik und dem Partner anpassen. Das muss man nämlich im Ballett auch. Das Vergnügen, mit diesen Frauen zu tanzen, empfinde ich heute noch.      

Ich fürchte aber, der Wind in diesem Artikel weht aus mir vertrauten Richtungen:

„Man spricht davon, dass aktuell eine ‚Escenario-sierung‘ des Tangos stattfinde. Einfacher ausgedrückt: Figuren und Bewegungen, die noch bis vor einigen Jahren der Bühne vorbehalten waren und von ‚einfachen Milonguerxs‘ quasi gar nicht getanzt wurden, finden immer mehr Eingang in den Alltagstango.“

Bekanntlich ist dies einer der Bannflüche, mit denen Traditionalisten seit Jahren gegen moderne Tangoentwicklungen trommeln. Aus meiner Sicht kann man da völlig beruhigt sein: Was ich seit langer Zeit beobachte, ist eine zunehmende Normierung auf reduzierte Schrittchen zu einer gleichförmigen Musik. Der im Artikel als „Tangolegende“ bezeichnete El Chino Perico nimmt sich demgegenüber geradezu als „junger Wilder“ aus:

Auch eine weitere Kamelle aus der konservativen Tüte wird wieder mal durchgekaut:

Während das Ballett nach außen gerichtet ist – ‚Alles geht in den Raum hinein‘, wie meine Ballettlehrerin stetig wiederholte -, richtet sich der ‚Sozial-Tango‘ eher nach innen, in die Intimität, er bleibt im Paar. Während Ballett für Zuschauer*innen getanzt wird, fokussieren die Tänzer*innen im Tango auf sich selbst, ihre Partner*innen und die Ronda. Das Drumherum verschwindet.“

Na sicher. Drum ist es ja in Corona-Zeiten so attraktiv, allein mit seinem festen Partner im Wohnzimmer zu kreiseln… Aber auch ein klassischer Pas de deux zu einer festen Choreografie fordert eine totale Abstimmung und Einfühlung in den Partner – und dann wird die Wirkung der Klänge nach außen „verkauft“. Das ist beim Tango ebenso der Fall wie in allen anderen Paartänzen. Aber natürlich kann man alles übertreiben, auch Verzierungen. Richtschnur ist stets die Musik.

Mich wundert nur, dass man nicht auch noch die künstliche Verkleinerung der Tanzfläche fordert, um alles noch enger und intimer zu gestalten… Nein: Ich finde, man sollte erst einmal Tanzen lernen – egal ob Ballett, Modern Dance oder notfalls Ballroom – und dann erst Tango. Dann würde man sich vielleicht eher des reduzierten Getrappels schämen, als es auch noch zu preisen.

In einem anderen Artikel habe ich eines meiner Schlüsselerlebnisse geschildert:

„Zu meinen Anfangszeiten sah ich einmal im Deutschen Theater eine Tangoshow von Martha Giorgi mit einem angeblich berühmten argentinischen Milonguero. Der war locker an die Achtzig, mindestens einen Kopf kleiner und kugelrund. Mein spontaner Reflex: Der Arme – wie will der das ohne Blamage schaffen? Sein Bewegungsvermögen war tatsächlich geriatrisch eingeschränkt, aber: Er behielt stets die Übersicht, begleitete mit winzigen, aber genial musikalischen Impulsen das Feuerwerk, das seine Partnerin abbrannte. Irgendwie ‚führte‘ er schon, aber ohne sich im Mindesten darum zu kümmern, was die Tänzerin im Detail machte. Die beiden verstanden sich dennoch blind, der Eindruck war eine perfekte Harmonie.     

http://milongafuehrer.blogspot.com/2020/09/was-ihnen-ihr-tangolehrer-nicht-erzahlt.html

So kann es gehen, wenn man das Glück hat, als Milonguero mit einer Ballerina zu tanzen!

In der Tangoszene sollte man einmal darüber nachdenken, warum man sich eigentlich gegen andere tänzerische Einflüsse derartig abschottet, sie gar als minderwertig ansieht. Unser Ruf, elitär zu sein, kommt nicht von ungefähr.

Vielleicht sollte ich mich morgen Abend mal in die Berliner Zoom-Konferenz einschalten. Da ich dort aber sicher nicht zu Wort kommen werde, habe ich meine Ansicht bereits heute dargestellt. 

Und sollten beim Wiederaufleben des Tangos in der Bundeshauptstadt die „Ballerinas“ nicht mehr gefragt sein: Sie dürfen gerne nach Pörnbach kommen. Es gibt hier einige Tänzer (und Tänzerinnen!), denen es ein großes Vergnügen bereitet, wenn eine Frau „selber“ tanzt, statt sich widerstrebend von einem Tangohelden dressieren zu lassen. 

Frauen, die vor allem tanzen können – und dann auch Tango.   

Hier der Text des besprochenen Artikels:

https://berlintangovibes.com/2020/10/25/wir-brauchen-mehr-milongueras-und-weniger-ballerinas/

Kommentare

  1. Wie angedeutet habe ich mich heute Abend in die Zoom-Diskussion über den Artikel eingeschaltet. Für eine aktive Teilnahme war ich natürlich nicht vorgesehen, wofür ich sehr dankbar bin.

    Wenn eine Gesprächsleitung nicht ersichtlich ist und weitgehend um das Thema herumgeredet wird, wüsste ich auch kaum etwas beizutragen. Dabei wäre eine Debatte über einen Text doch nicht so schwierig zu steuern – beispielsweise, indem man die Autorin mit eigenen Zitaten konfrontiert. Und dann andere Meinungen dazu einholt.

    Wie gesagt: nichts von dem. Dafür weithin Plattitüden statt Struktur. Schade nur, dass ich keine Strichliste geführt habe, wie oft die Ausdrücke „Buenos Aires“, „Argentinier“ und „Tangolehrer“ fielen.

    Aber es war für mich interessant, wie in der Berliner Tangoszene so geredet wird.

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  2. "Nein: Ich finde, man sollte erst einmal Tanzen lernen – egal ob Ballett, Modern Dance oder notfalls Ballroom – und dann erst Tango."
    DANKE!
    Ich bin zwar keine Ballerina, bin aber, angefangen mit Ballett, über die "normalen Tanzschultänze, etwas Rock ´n roll, Salsa, Orientalischer Tanz von klassisch über Fusion, Modern bis zum Zeitgenössischen, und letztendlich Tango, ziemlich im Tanz zu Hause. Und so unterschiedlich diese Tänze auch sind, geht es doch bei allen erst einmal um Musikempfinden, Rhythmusgefühl, Dynamik, Umsetzen in Bewegung, verbunden mit Körperspannung und -achse, Aufrichtung, Gewichtsverlagerung. Erst wenn das passt, macht es Sinn, ein Bewegungs- und Schrittrepertoire aufzubauen.
    Aber die Ballett-Diskussion kenne ich auch aus dem Orientalischen Tanz...Ballett hat doch im klassischen OT so rein gar nichts zu suchen ;-) Nur blöd, wenn man dann die klassischen Tänzerinnen aus der Golden Era tanzen sieht und jede Menge Arabesken, Drehungen und Ähnliches entdeckt...
    LG
    Carmen

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    1. Liebe Carmen,

      das sehe ich genauso!

      Ich verfolge nun die Äußerungen in der Tangoszene seit mehr als zehn Jahren ziemlich aufmerksam und habe festgestellt: In der "Leben und leben lassen"-Fraktion gibt es sehr viele, die auch Erfahrungen aus anderen Tänzen haben und daher den Tango argentino nicht für "unvergleichlich" halten.

      Extrem und doktrinär kommen vor allem die daher, welche bekennen, in ihrem früheren Leben mit Tanz nicht zurechtgekommen zu sein - erst beim "Erweckungserlebnis" Tango. Dann kann der schnell zur Ersatzreligion werden.

      Danke für Deinen Beitrag und liebe Grüße
      Gerhard

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    2. Das braucht einen Kommentar von mir ;-) :
      "Nein: Ich finde, man sollte erst einmal Tanzen lernen – egal ob Ballett, Modern Dance oder notfalls Ballroom – und dann erst Tango."

      Ich hatte nur Tanzschultanz, und dann lange Jahre eine Phase wo ich mir selbst eingeredet hab "Tanzen macht keinen Spass" (Ursache dafür schreib ich nicht im Internet) und da gar nicht getanzt. Und dann das "Erweckungserlebnis" beim Tango.
      Eigentlich müsste ich doch ein Hardcore-Verfechter des traditionellen Schlurftangos sein, oder? Aber trotzdem gehöre ich (glaube ich) nicht zu den Vertretern des "reduzierten Getrappels" (na, ihr wisst ja beide, wie ich tanze. Vermutlich weil für mich die Musik tatsächlich primär ist).

      Und um mal ein bisserl in Wunden zu stochern: Natürlich gibt es "untanzbare" Musik, das ist nämlich die Musik, zu der ICH(!) nicht tanzen WILL(!)

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    3. Das habe ich ja zum Thema "Piazzolla" immer wieder zu erklären versucht: Es ist doch völlig okay, wenn jemand zu solchen Stücken nicht tanzen will oder kann. Er soll aber nicht behaupten, dies müsse für alle zutreffen.

      Ebenso individuell ist der Weg des Einzelnen zu "seinem" Tango. Da gibt es alle denkbaren Varianten. Und ein "Neo-Tänzer" (wie ich dich einschätzen würde) verwendet eh Anregungen aus anderen Tänzen und interpretiert auch Musik, die nicht im engeren Sinn Tango ist.

      Die von mir beklagte Ausgrenzerei findet man eher im konservativen Bereich. Von dieser Seite lese ich immer wieder, der "wahre Tango" sei anderen Tanzformen haushoch überlegen. Dass du in diese Richtung tendierst, befürchte ich nicht.

      Wieso dir Tanzen lange Zeit keinen Spaß gemacht hat, kann viele Ursachen haben, die nichts mit dem Thema meines Artikels zu tun haben.

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    4. Entschuldige, dass ich erst jetzt zum antworten komme.
      Für "unvergleichlich" halte ich den Tango eigentlich schon. Aber vermutlich aus anderen Gründen:
      Das Tanzen bzw. Interpretieren von Musik, das Improvisieren und das Ausdrücken von Gefühlen kenne ich sonst nur aus dem Orientalischen Tanz (und da ist es eigentlich einfacher, weil man ja keinen Tanzpartner hat, sich also nur mit sich selbst und der Musik beschäftigen muss). Deswegen bin ich ja letztendlich wieder beim Tango gelandet, nachdem mich vor ca. 15 Jahren die Münchner Tangoszene ziemlich abgeschreckt hat. Ich hatte damals weder die Lust, noch die Zeit oder das Geld übrig, mich "hochzuarbeiten". Deswegen wird man mich kaum auf traditionellen Milongas treffen.
      Nur nach Pörnbach habe ich es leider noch nicht geschafft ....aber das steht noch auf meiner Liste ;-).

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    5. Na, das mit Pörnbach solltest du unbedingt nachholen. Wenn die Krise halbwegs überwunden ist, werden wir sicher wieder etwas anbieten. Das können wir früher als irgendwelche Großveranstaltungen.

      Ansonsten glaube ich, das Interpretieren der Musik, das Ausdrücken von Gefühlen und auch Improvisation gehören zu jedem guten Tanz, egal in welchem Bereich. Halt mit unterschiedlichem Gewicht, aber das hängt auch von den individuellen Fähigkeiten ab.

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  3. Da bin ich ganz Deiner Meinung. Aber da trennt sich eben die Spreu vom Weizen, bzw. die große tanzende Masse von den guten TänzerInnen. Dazu kommt dann noch die Gruppe der Freitänzer, die ohne jegliche Technik nur nach Gefühl tanzen...mag sich für die oder denjenigen vielleicht gut anfühlen, aber ansehen mag ich mir das in den seltensten Fällen.

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    1. Allerdings! Und ich finde, musikalisches Tanzen ist schon sehr Begabungssache - Lernen kann man da nur sehr begrenzt.

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