Extremisten unerwünscht

 

Ziemlich sicher nichts mit Tango zu tun hat Kai Sackmann. In der „Outdoor-Szene“ aber ist „Sacki“ sicherlich einer der bekanntesten Figuren. Generell handelt es sich dabei um Naturbegeisterte, die – mit wenig Gepäck und ausgefeilten Überlebenstechniken – zu Fuß, mit dem Boot oder am Seil hängend ihre Fähigkeiten erproben:   

http://sacki-survival.de

Über seine Abenteuer auf den vielen Touren, aber auch zu Gerätschaften und Techniken veröffentlichte Sackmann eine Unzahl von YouTube-Videos:

https://www.youtube.com/user/kaisackmann

Wie ich als Stubenhocker ausgerechnet auf diesen Survival-Star komme? Erstmal per Zufall. Hängen blieb ich, weil er absolut authentisch seine Sichtweisen vertritt, ohne im Geringsten andere zu belehren oder zu missionieren. Seine Begeisterung für das Erleben der Natur wirkt absolut echt, wobei er gerade in jüngeren Jahren schon gewaltige Risiken auf sich genommen hat. Vor allem aber vermag er derartig einfach und einleuchtend zu erklären, dass ich ihn – falls ich eine Schule führen würde – sofort als Lehrer (egal für welches Fach) eingestellt hätte!

Vor einiger Zeit veröffentlichte der athletische, vor Gesundheit strotzende Naturbursche ein Video, das mich sehr erstaunte: Er habe auf einmal an diversen Erkrankungen gelitten – heftige allergische Reaktionen, Entgleisungen des Stoffwechsels und einiges mehr. Mehrfach sei er in der Notaufnahme gelandet.

Die Ärzte hätten alles Mögliche versucht, ohne durchgreifenden Erfolg. Schließlich folgte Kai Sackmann dem Rat einer Ernährungsexpertin und stellte sein Essen auf vegane Kost um. Im Lauf der Zeit normalisierten sich seine Blutwerte, er konnte alle Medikamente absetzen und sein Gewicht reduzieren. Auch seine Frau, welche die Umstellung mitmachte, verspürte positive gesundheitliche Veränderungen.

Die beiden ernähren sich nun fast drei Jahre lang vegan und veröffentlichen auch Videos, in denen der gelernte Koch „Sacki“ Rezepte, Tipps und Erfahrungen weitergibt.

Zufällig stieß ich auf ein aktuelles Video, dessen Titel mit sehr erstaunt hat:

„Outing: Ich bin kein Veganer mehr (Du glaubst nie warum!)“

Sackmanns Erklärung: Er habe tatsächlich beschlossen, „kein Veganer mehr zu sein“. Er ernähre sich zwar weiterhin rein pflanzlich, werde sich aber nie mehr öffentlich „vegan“ nennen. Er möchte nicht mit dieser Gruppe zusammen in eine Schublade gesteckt werden. Warum? „Weil mir die allermeisten Veganer tierisch auf den Sack gehen.“

Die Erwartung war, in der veganen Szene sehr viele aufgeschlossene, hilfsbereite Menschen kennenzulernen. Das genaue Gegenteil sei der Fall gewesen! Sackmann habe in seinem ganzen Leben noch nie „so viele Spinner, so viele Extremisten, so viele Individuen voller Vorurteile kennengelernt, die mit riesigen Scheuklappen durchs Leben zu gehen scheinen“. Damit wolle er sich nicht identifizieren lassen. 

Klar, vegane Ernährung sei auch eine Lebenseinstellung, aber es gebe in dieser Szene zu viele, die sich für die „Krone der Schöpfung“ hielten.

Man attackiere nicht nur Fleischesser heftig, sondern auch andere Veganer, indem man ihnen Verstöße gegen die reine Idee vorhalte, beispielsweise, wenn sie plastikverpackte Produkte kauften oder zu viel Zucker verwendeten. Anhänger dieser Ernährungsweise missionierten auch zu viel und seien an nichts anderem mehr interessiert. 

Wer sich, wie Sackmann und seine Frau, „nur“ aus gesundheitlichen Gründen so ernähre, sei dann lediglich „Veganer zweiter Klasse“. Man habe ein „veganer Aktivist“ zu sein. Das erinnere ihn an extreme religiöse Gemeinschaften.

Er kenne genügend Fleischesser, die ansonsten ganz tolle Menschen seien und die er überhaupt nicht menschlich abwerten wolle, daher missioniere er überhaupt nicht, sondern beantworte nur ernst gemeinte Fragen dazu. Lediglich mit der „perversen Massentierhaltung“ und dem „Billigfleisch vom Discounter“ habe er ein Problem. 

Seine Botschaft: „Was einigen Veganern ganz gut stehen würde: Hört auf, davon zu träumen, dass alle so leben müssen, wie genau ihr es tut. Das wollen die meisten nämlich nicht.“ 

Hier das komplette Video:

Es hat mir auch deshalb gefallen, weil ich durchaus Parallelen zu Tangoszene sehe – zumindest zum nicht sehr kleinen Teil derer, welche strenge Regeln zur erlaubten Musik und zum „richtigen“ Verhalten auf Milongas (oder gar Encuentros) propagieren, die sich gegenseitig in „Spurtreue“ und konservativer Attitüde übertreffen wollen. Allein die verbissenen und ausgrenzenden Debatten über den Cabeceo belegen es. Dass dies geradezu sektenartige Züge annehmen kann, habe ich in einer Reihe von Artikeln dargestellt:

http://milongafuehrer.blogspot.com/2014/08/das-blog-der-scientangologen.html

Vielleicht sollte ich dann auch sagen:

„Outing: Ich bin kein Tangotänzer mehr (Du glaubst nie warum!)“

Mit einer gewissen Szene identifiziert zu werden gefällt mir längst nicht mehr. Gerade habe ich einen Artikel besprochen, in dem sich der Tango wieder mal abgrenzt – diesmal gegen irgendwelche Ballett-Attitüden. Zeitgenössische Musik, wie sie für die dortigen Tänze in jeder ADTV-Tanzschule erklingt? So auffordern, wie es dort die Schülerinnen und Schüler lernen? Mal ein bisschen Respekt für andere Tanzarten aufbringen? I wo! Erstmal abgrenzen, und dann innerhalb der eigenen Szene weitere Trennungslinien ziehen! Ist es dann ein Wunder, wenn wir im Rest der Tanzszene als arrogant und elitär verschrien sind?

Gerade in kleineren, sehr speziellen Gemeinschaften scheint es den unheilvollen Trend zu geben, sich mit immer extremeren Einstellungen einen höheren Rang zu erkämpfen.

Bei einem weiteren Video Sackmanns kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen: „Vegan-Extremisten“, so der Titel, seien „unerwünscht“. Es geht ihm um die teilweise negative Kommentarkultur, die sich gerade auf seinem YouTube-Kanal „Vegan & Vital“ entwickelt habe.

Bewusst verzichtet der Blogger auf „Blümchensprache“:

„Veganer-Hardcore-Extremisten, die nichts Besseres zu tun haben, als andere Menschen zu beschimpfen oder auf eine extreme Art und Weise zu belehren, sind uns hier nicht willkommen!“

„Aber auch die Menschen aus der Hardcore-Anti-Vegan-Fraktion wird das gleiche Schicksal ereilen, wenn sie hier in die gleiche Kerbe schlagen.“

Daher würden Kommentare erst nach Prüfung freigeschaltet – oder eben nicht. Und im Wiederholungsfall werde der Nutzer gesperrt. Das seien für den Betreiber zwei Mausklicks, also keine große Arbeit. 

Der Grund ist für Sackmann klar: Grobe Attacken hätten auf diesem Planeten langfristig noch nie etwas Gutes bewirkt.

Hier das Video:

Auch dabei sehe ich durchaus Parallelen zu meiner Arbeit. Klar, unsere Veröffentlichungen sind unterschiedlich: Kai Sackmanns Beiträge bestehen vor allem aus Sachinformationen und Schilderungen, mein Blog hat eher satirischen Charakter. Sachliche Inhalte gibt es allerdings auch recht viele.

Daher bin ich ebenfalls der Ansicht, bei aller Freude am Debattieren sollte ein gewisser Umgangston nicht unterschritten werden – gerade, wenn es um namentlich zu identifizierende Personen geht. Wenn man Beiträge, die nichts mit dem Thema eines Textes zu tun haben und stattdessen aus persönlichen Angriffen bestehen, nicht veröffentlicht, kommt reflexartig der Alarmruf „Zensur“. 

Ich freue mich jedenfalls, dass solche Vorwürfe auch einem sehr bekannten Video-Blogger überhaupt nicht beeindrucken, sondern er seine Rechte als „Hausherr“ ganz selbstverständlich ausübt.

Ich weiß noch, wie ich es vor mehr als zehn Jahren angesichts eines damals bekannten Tangoblogs nicht fassen konnte, dass dort jeder jeden folgenlos herabsetzen konnte – ja auch der Blogger selber sich bis heute weigert, seine persönliche Identität preiszugeben. Auch in anderen sozialen Tangoforen wimmelt es von Pseudonymen. Als ich dagegen anging, wurde viel von der „Freiheit des Internets“ geschwobelt. Heute nimmt man anonymen „Hate Speech“ immer mehr als eines der größten Probleme in diesem Bereich wahr.

Ich finde es jedenfalls ein schönes Motto – egal, ob in der Outdoor-, Veganer- oder Tangoszene:

„Extremisten unerwünscht!“

Kommentare

  1. Ganz genau. Leute, die die "Wahrheit" gepachtet haben.
    Leider gerade auch sehr häufig heute, wo man die Leute eben nicht mehr anhört sondern gleich verurteilt.
    Irgendwie wird die Gesellschaft immer "religiöser" und "Ungläubige" schnell ausgestossen ... ("religiös" ist für mich hier eher ein Synonym für "dogmatisch" oder "ideologisch", und "Ungläubige" sind halt die, die dem jeweiligen Gedankengebäuder etwas "skeptischer" entgegenstehen und halt nicht zu den gläubigen Befürwortern gehören). Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob die Menschen nicht schon immer "so" waren, und Toleranz und Meinungsfreiheit menschheitsgeschichtlich eher etwas Seltenes.

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    1. Eher eine große Seltenheit - weltweit auch derzeit noch. Aber zweifellos sind wir momentan wieder in einer dogmatischeren Phase gelandet.

      Aber immerhin kriegen Abweichler bei uns heute vielleicht einen Shitstorm oder haben Probleme im Beruf. Mit dem Leben bezahlen sie nur in Ausnahmefällen.

      Aber eins ist klar: Liberalität und Toleranz sind keine Werte, die automatisch erhalten bleiben. Wenn man nicht für sie kämpft, gehen sie wieder verloren.

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