Lassen wir doch den Tango im Dorf!



„Bleibe im Land und nähre dich redlich.“
(Ps 37,5) 

Was mir in den Auseinandersetzungen der letzten Wochen klarer denn je wurde: Ich fühle mich – auch im Tango – keiner (wie auch immer gearteten) „Gruppe“, „Szene“ oder Schlimmerem verbunden. Daher hält sich auch meine Furcht in Grenzen, nun noch den Rest derer zu verprellen, welche mir bislang Zuneigung entgegenbrachten. Sympathie jedoch, das ist jedem echten Pessimisten klar, beruht vor allem auf Mangel an Information. Daher sei diese nunmehr nachgeholt:

Das geflügelte Wort von der Kirche, die im Dorf zu lassen sei, stammt (so zumindest eine der Erklärungen) von der katholischen Prozessions-Tradition. Da man mit solchen Freiluft-Glaubensbekenntnissen in kleinen Orten zu schnell rum war, sollte die Kirchengemeinde doch bitteschön durch die umgebende Landschaft ziehen. Dagegen regte sich Widerspruch: Man möge doch lieber im Dorf bleiben…

Diesen Rat würde ich gerne auch DJs geben, welche öfters das Tangodorf verlassen, um in der weiteren musikalischen Umgebung das zu finden und folglich auch aufzulegen, was sich ihnen dort bietet: keinen Tango.

Das Ganze wird dann gerne (und treffend) als „Non Tango“ bezeichnet, wenn nicht gar (eher nicht passend) als „Neo-Tango“.

Natürlich kann man zu dieser Musik Tangoschritte tanzen, da es ja wenige Beispiele von Unterhaltungsmusik gibt, welche nicht im 2/4, 3/4, 4/4 oder 4/8 Takt notiert sind. Ob sich in der Bewegung zu vielen dieser Stücke dann das „Tango-Gefühl“ einstellt, auf welches wir doch angeblich alle so scharf sind, bezweifle ich stark.

Bei mir jedenfalls kommt nach einer Dreiviertelstunde Beschallung mit Stücken, welche ich bei maximalem (und durchaus vorhandenem) Optimismus wahrlich auch nicht entfernt dem Tango zuordnen kann, das auf, was man akademisch als „Scheiß-Laune“ bezeichnen könnte. Inzwischen reicht diese durchaus in die Nähe meiner Empfindungen, wenn ich auf so genannten „traditionellen Milongas“ von den dort häufigen, fantasiefreien DJs mit tausendmal gehörten „Hits“ gepeinigt werde.

Die Behauptung konservativer Tangoleute, die Musiker hätten in der „EdO“ halt bestens für Tänzer gespielt, ist ja zumindest nachdenkenswert – und gilt jedenfalls für viele „Non-Tangos“ überhaupt nicht.

Irgendwelche Pop-Balladen sind sicherlich ideal fürs Chillen, und Filmmusik passt hoffentlich zum Film. Ich würde jedoch gerne den „Fluch der Karibik“ dort lassen, wo er hingehört: in den westlichen, tropischen Teil des Atlantischen Ozeans nördlich des Äquators.

Und auch folgendes Beispiel von der Website eines Neo-Tango DJs würde ich persönlich in keine Playlist neitu‘:



Mit Schmerzen lese ich dann noch das Bekenntnis des Auflegers: KEIN Piazzolla & Co.
Jammerschade – das wäre immerhin nachweislich Tango… aber man darf natürlich die Abteilung der Bewegungslegastheniker nicht von vornherein ausgrenzen…

Und weil’s so schön schmerzt, gleich noch ein Beispiel aus den obigen Empfehlungen, bei welchem sich dann auch in meiner Hose nichts mehr regt:



Das Furchtbare an solcher Musik ist ja nicht nur die völlige Abwesenheit von Tango, sondern auch die Tatsache, dass sich oft eine mediokre musikalische Idee per monotoner Wiederholung über vier Minuten und mehr hinquält: Für mich so spannend wie ein Krimi, bei dem ich nach zwei Seiten schon den Mörder weiß… Wahrlich, bei "mil pasos" ist mir inzwischen jeder Schritt zuviel!

Und wenn man – im Zeichen der Emanzipation ja keine schlechte Idee – Sängerinnen auflegt: Es gab und gibt im Tango – von Nelly Omar und Tita Merello über Susana Rinaldi bis hin zu Adriana Varela und Lidia Borda – ein riesiges Angebot an Vollweibern, ausgestattet mit dem tangotypischen Rock in der Röhre. Sie bieten uns Dramen von Liebe über Verlassenheit bis zur völligen Desillusionierung – mal witzig-frech und mal depressiv.

Warum man dann – unter Ignorierung all dieser Sterne am Tangohimmel – Mädelchen mit hörbar einwärts gekehrten Fußspitzen wie Frollein Päge aus Schönhausen (Tschuldigung: Annett Louisan) ihre Fiepsstimme zum Vortrag bringen lässt, ist mir nicht nur unklar – es macht mich richtig sauer!


Und weil ich nun schon auf Krawall gebürstet bin: Wenn dann mal Tango gespielt wird, dann aber bitte möglichst originell! Klassische Titel müssen somit unbedingt von Interpreten dargeboten werden, von denen es keiner erwartet hätte. Wenn jedoch eine Aufnahme bislang selten bis gar nicht auf Milongas zu hören war, kann es auch daran liegen, dass sie einfach viel schlechter ist als andere:

Mag ja sein, dass der Evangelische Motettenchor aus Bisping an der Knatter auch schon mal „La Cumparsita“ gesungen hat – aber halt in der Bezirksliga statt in der Champions League! Und dort sollte man ihn dann auch lassen: in der Kirche, aber bitte nicht im Tango!

Ich lege jedenfalls weder Wert darauf, dass mir zum Tanzen stets derselbe, abgenudelte Käse angeboten wird, noch ich mit Aufnahmen malträtiert werde, bei denen ich bereits nach vier Takten höre, dass sie bislang mit Recht vergessen waren.

Für mich gibt es eine klare Ursache dafür, dass ich heute oft genug nur die Wahl zwischen Milongas mit langweiligem oder gar keinem Tango habe: die Zersplitterung der Szene, gegen die ich seit langer Zeit ankämpfe. Wäre die Tangopopulation noch vereint wie vor zehn und mehr Jahren, hätte sich der „Trend zur Mitte“ erhalten. Man würde immer noch vorwiegend Musik auflegen, in der sich möglichst viele Besucher wiederfinden könnten: Aufnahmen aus der EdO, jedoch nicht nur, sondern ebenfalls modernere Interpreten – aber halt weitgehend Tango. Eine gelegentliche Runde „Non Tango“ wäre dann das Salz in der Suppe – nicht umgekehrt!

Und um abschließend noch mit zwei weiteren Extremen aufzuräumen: Ein DJ ist für mich kein „Dienstleister“, welcher bei völliger Selbstverleugnung gefälligst den erwarteten Kanon der EdO-Musik aufzulegen hat. Die Einstellung jedoch, ausschließlich nach eigenem Gusto zu spielen, beinhaltet nicht notwendigerweise die Anwesenheit von Publikum. Auch hier liegt, wie bei so vielem, die Wahrheit wohl eher in der Mitte.

Ernsthafte Befürchtungen, im Tango nun noch den letzten Sympathisanten zu verlieren, habe ich übrigens nicht. Nach meinen Erfahrungen ist die Tendenz, bei Häresie gleich den Dschihad auszurufen, bei Freunden einer moderneren Tangomusik nicht ausgeprägt. Aber, und das liegt mir am Herzen: Gerade Freunde haben es verdient, mit offenen Meinungen statt mit lahmer Zustimmung versorgt zu werden. Das könnte zum Nachdenken anregen, und das ist ja selten verkehrt – ob in der Kirche oder außerhalb.

Kommentare

  1. Robert Wachinger17. März 2017 um 18:59

    Hi Gerhard,

    Ehrliches Bekenntnis. Beim Tangogeschmack liegen wir ja auf ner ähnlichen Wellenlänge, nur bin ich ein wenig "gnädiger" als du, was Museumstango einerseits und Neo/Non andererseits betrifft ;-)
    (Bei mir ists wesentlicher, dass zu mir kompatible Tänzerinnen da sind. Ok, wenn die Musik natürlich allzu öde ist ...)

    Ciao, Robert

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    1. Hallo Robert,

      ist schon klar: Mit einer tollen Tänzerin kann man zu fast jeder Musik schön tanzen.

      Und musikalisch muss mir wirklich nicht alles gefallen, wenn ich auf einer Milonga bin. Eine gute Mischung sorgt halt dafür, dass alle sich mal angesprochen fühlen.

      Nur wenn es in Richtung „Ideologie“ geht – also nur traditionell oder grad zum Trotz kaum Tango, werde ich ärgerlich.

      Beste Grüße
      Gerhard

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    2. Robert Wachinger18. März 2017 um 11:15

      Ich bin ganz bei dir.
      Nur mit dem "werde ich ärgerlich" nicht so ganz. Ich lass mir doch von Ideologen ("Idiotologen"???) nicht meine Stimmung kaputtmachen. ;-)

      Natürlich muss einem nicht alles gefallen. Aber wenn einem gar nichts gefällt, dann ist das unangenehm. Aber zum Glück wird man auch nirgends hingezwungen ...

      PS: das mit dem "kein Piazzolla und Co" ist mir auch negativ aufgestossen, obwohl ich diese Milonga sogar mag ...

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    3. Ich war noch nie auf dieser Milonga (was ich zu ändern beabsichtige), daher wollte meine Anmerkung auch nicht als Gesamtkritik verstanden wissen!

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  2. Lieber Gerhard,

    Du bist halt auch immer so....so.... kompromisslos direkt ;-)

    Frei nach dem Motto: Wahre Gärtner verehren vor allem die Kakteen. Ab und an sollen die ja auch mal blühen, gell?! Bei richtiger Pflege zumindest.

    Aber Spaß beiseite:

    Das mit dem Neo und Non ist schon so eine Sache. Als ich das immer mal wieder auf Milongas so in einer Tanda eingeschoben hörte und tanzte, da fand ich das total klasse. So klasse, dass ich unbedingt auf eine Neolonga gehen musste. Und dachte, ich such mir auch eine recht gute aus, bekannter DJ usw. Musik war auch für meinen Geschmack gut und abwechslungsreich - aber nach 1 1/2 Stunden in dieser letztlich immer gleichen (taktmäßigen) Beschallung machte sich tief in mir drinnen so ein Gefühl breit....einen Sehnen nach.... ganz normaler Tangomusik! Und eben NICHT jetzt gleich wieder nach Knisterplatten, sondern eben nach "dem anderen, was es da noch so gibt".

    Vielleicht solltest Du es mit der Musikauswahl der DJ's halten wie mit Deinen Tanz-Erfahrungen: Es dauert halt zuweilen Monate, bis man mal wieder so einen Tanz (Tanzpartner / -partnerin) erwischt, bei dem man die nächsten Tage 30cm über dem Boden schwebt.

    Und Du für Dich hast ja das große Glück, dass Du es bei der Wohnzimmer-Milonga anders machen kannst.

    Liebe Grüße
    Sandra

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    1. Liebe Sandra,

      es heißt sicher nicht umsonst „der Kaktus“…

      Du beschreibst ziemlich exakt mein Gefühl beim Besuch vieler „Neolongas“. Ich gehe sogar noch weiter: Irgendwann wäre mir dann sogar eine Canaro-Tanda recht.

      Das mit der „Wohnzimmer-Milonga“ empfinde ich tatsächlich als großes Glück. Was ich immer wieder feststelle: Unsere Gäste tanzen dabei besser als sonst.

      Aber es geht ja noch weiter: Mit einer exzellent tanzenden Ehefrau (nebst einigen anderen hervorragenden Tangueras) im Umfeld wird man ziemlich verwöhnt. Und nach bald 18 Jahren Tango und im meinem hohen Alter muss man halt wirklich nicht mehr jeden mittelmäßigen Tanz zu einer lauen Musik haben.

      Ich weiß, das klingt jetzt wieder „so kompromisslos direkt“…

      Liebe Grüße
      Gerhard

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  3. Hallo Gerhard,
    Jetzt geb ich auch mal wieder meinen Senf dazu: Ich sehe das sehr ähnlich wie Du, Dogmatiker und Ideologen aller Art sind mir zuwider.
    Als DJ versuche ich, einen Kompromiss zwischen meinem eigenen Musikgeschmack und dem meiner Tänzer zu finden. Der deckt sich nicht immer, aber deshalb bemühe ich mich, jede/n mal glücklich zu machen. Daher gibt es bei mir auch immer eine Prise "Non-Tangos". Darunter sind einige, die ich selbst sehr schön finde. Aber auch "Piazzolla und co" wird bei mir aufgelegt. Ja, Fans von Annett Louisan haben wir bei uns auch...

    Unabhängig von Dogmatismus ist es tatsächlich so, dass der Musikgeschmack der Leute unterschiedlich ist, das hängt wohl sowohl von ihren Hörgewohnheiten vor ihrer Tangozeit ab, als auch von ihrer Musikbegabung, so würde ich das mal nennen. Es gibt Leute, die lieben Musik hören zu, andere lassen sich nur im Hintergrund berieseln. Die fühlen sich gestresst, wenn die Musik zu anspruchsvoll ist. Das kann man vielleicht auch mit Lesegewohnheiten vergleich. Manche Leute lesen viel und gern, vor allem auch Dinge, die sie zum Nachdenken anregen, andere eben nicht so. Kann man nicht ändern.

    Als DJ möchte ich aber Neulingen den Tango nahebringen. Da bei uns erst Kurse stattfinden, bei denen immer EdO ertönt, möchte ich vorführen, dass die Tangokunst noch weitergeht.

    Liebe Grüße
    Annette

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    1. Liebe Annette,

      genau: "Jede/n mal glücklich machen" ist ein gutes DJ-Konzept.

      Und klar, die Menschen sind in ihrem Musikempfinden sehr verschieden. Hat sich nur noch nicht bis zum traditionellen Tango herumgesprochen!

      Übrigens, könnte man euer Lehrpersonal nicht mal dazu bewegen, im Kurs auch andere Musik zu verwenden?

      Liebe Grüße
      Gerhard

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