In Wort und Schritt



„Reden ist Schweigen, Silber ist Gold.“
(Rolf Miller)

Schon kürzlich hat mich der Text von Ursula Assmann, einer neuen Tango-Bloggerin, zu einer eigenen Besprechung veranlasst:

Nun hat die Kollegin mit einem weiteren Thema nachgelegt: „Vom Reden und Schweigen der Männer im Tango“.

Wenn Frauen nicht tanzten, so das Bekenntnis der Autorin, würden sie (auch auf Milongas) reden – Männer hingegen tendenziell nicht. Sie sieht die weibliche Eloquenz eher positiv: Ansonsten würde sich auf der Welt „vermutlich tiefstes Schweigen“ ausbreiten. Am kommunikativsten verhielten sich die Herren der Schöpfung im Tango noch bei der Verlosung, indem sie sich – die folgende „Damenwahl“ im Blick – möglichst nahe an ihr tänzerisches Ziel heranmachten, notfalls sogar das eigene Los verschenkend. Klappe selbst dies nicht, könnten sie sich nur noch in den Waschraum zurückziehen, um „das persönliche Scheitern zu beklagen“.

Allerdings, so räumt Ursula Assmann ein, gäbe es auch Tangueros, welche es mit dem Reden – gerade beim Tanzen – übertrieben und so selbst das multitasking-fähige Weib überforderten. Und gar in Buenos Aires vergingen mindestens 30 Sekunden, bevor man nach Einsetzen der Musik in Bewegung käme – für hiesige Verhältnisse unvorstellbar, da man sofort links und rechts überholt würde. Auf Veranstaltungen mit multikulturellem Publikum hingegen gelängen den Männern Small Talks und Komplimente, die „so leicht, unangestrengt und fließend sind wie meist auch ihr Tanz“. So gerate die laufende Tanda „noch harmonischer und inniger“.

Dann noch eine gelungene Schlusspointe, die ich nicht verraten will – kein Zweifel, die Kollegin kann nicht nur nähen, sondern auch schreiben!

Daher möchte ich auch nicht allzu sehr an ihren Sichtweisen herumkritisieren: Wir sind halt (zumindest tangomäßig) unterschiedlich sozialisiert: Den Frauen einmal am Abend eine Aufforderungsmöglichkeit via „Damenwahl“ zu ermöglichen, halte ich für abartig – und zudem: Wie ist dies mit dem gepriesenen Cabeceo kompatibel, welcher die Tangueras doch angeblich stets zur Eigeninitiative befähigt? Wird in dem Moment dann doch wieder verbal zum Tanz gebeten?

Wie ist es mit dem konservativen Mantra vereinbar, stets und nur die Musik zu vertanzen, wenn man sie die erste halbe Minute sabbelnd ignoriert? Und überholen, zudem von links und rechts? Seltsame Dinge tun sich da auf den „traditionellen Milongas“…

Tatsächlich scheinen schweigende Männer für Frauen ein gewaltiges Problem zu sein, welches in einer Umfrage noch vor der mangelnden Hilfe im Haushalt rangiert. Auf Beziehungs-Foren im Internet findet man haufenweise Artikel zu diesem Thema. Als Gründe für die maskuline Sprachlosigkeit werden häufig genannt:

-       hormonelle Disposition: Testosteron scheint die Sprechfähigkeit zu hemmen, erhöht hingegen das räumliche Vorstellungsvermögen.
-       langsamerer Abbau von Stresshormonen: Nach Angriff oder Flucht ist männerseits erstmal Schweigen angesagt.
-       geringere Multitasking-Fähigkeit
-       mangelnde Fähigkeit, Gefühle in Worte zu fassen, Angst vor Kontrollverlust bei emotionalen Debatten
-       Konfliktscheu gerade im Dialog mit Frauen: Gefürchtet sind vor allem die weiblichen Taktiken, dem Partner das Wort im Mund zu verdrehen oder schonungslos Jahre zurückliegende Verfehlungen zu thematisieren.
-       Eindruck, dass sich Frauen erstmal „ausreden“ müssten, bevor eine Antwort erwünscht sei
-       Resignation wegen schlechter Erfahrungen aus früheren Auseinandersetzungen
-       Vermeiden von „Wiederholungen“ – für Männer gilt bis zum Widerruf „gesagt ist gesagt“ (z.B. müsse die zwanzig Jahre zurückliegende Bekundung, die Partnerin hübsch zu finden, nicht jährlich wiederholt werden).

Gemessen an solch partnerschaftlichen Problemen geht es im Tango doch recht zivilisiert zu! Sicherlich wissen wir schon von Vera F. Birkenbihl, dass Männer durch Spezialisierung auf die Jagd evolutionsmäßig eher „Augentiere“ sind, während Frauen in der dunklen Höhle mehr den Stimmen des Nachwuchses (oder einer äußeren Bedrohung) lauschten. Dennoch meine ich, dass der Stimmbandgebrauch bei unserem Tanz gleichmäßiger verteilt ist als in der Steinzeit oder bei intimen Paarbeziehungen: Es gibt Quasselstrippen hüben wie drüben – freilich mit unterschiedlichen Aktionsmustern:

Wie Ursula Assmann richtig erkannt hat, suchen die Damen vorwiegend das Gespräch mit ihresgleichen – Männer dagegen… ebenfalls mit Frauen!

Bis heute ist es mir schleierhaft, was manche weiblichen Milongabesucher eigentlich von Musik und Tanz mitbekommen, wenn sie nicht selber auf der Piste sind. Jede Ruhephase wird umgehend dazu missbraucht, sich in längere Gespräche mit Kolleginnen zu vertiefen. Dabei könnte man beim Tango auch im Sitzen so viel lernen… Das Auffordern mittels Blickkontakt kann man da vergessen – wirksamer wäre vielleicht das Werfen eines mittleren Kanonenschlags!

Bei den Herren hingegen gibt es eine gar nicht seltene Spezies, welche (wie der Buchfink im Frühjahr) voll auf den Balzgesang setzt: Der beginnt schon damit, neben der Auserwählten aufzubaumen und sie besinnungslos zu quatschen, bis endlich ein Musikstück kommt, das sich der Männe zutraut. Dann wird mit der Beute längelang getanzt und schließlich die Predigt im Sitzen fortgeführt. Nun gut, wenn die Holde mit niemand anderem tanzen mag…

Daneben gibt es natürlich die bekannten (meist schon älteren) Jungs, welche auf das Reden in Form von Belehrungen auch während des Tanzes nicht verzichten mögen. Man muss ihnen natürlich eines zu Gute halten: Das macht ihr Tangolehrer ja genauso – und der tanzt dabei nicht mal mit einer Partnerin!

Eines ist mir durch den Artikel klar geworden: Frauen vollständig zu beschweigen verunsichert sie. Ich gebe mir daher schon Mühe, zwischen den Tänzen einmal „toll“, „schön“ oder wenigstens „geht doch“ zu äußern – möglichst mit einem Lächeln. Und da Tango eine Bewegungssprache ist, beantworte ich gerade die nicht selten kommenden „Wie war ich?“-Fragen oft mit dem Satz: „Aber ich spreche doch die ganze Zeit mit dir!“ Ich habe auch nichts dagegen, wenn eine Partnerin dann nach meinem Vornamen fragt – da weiß ich wenigstens, dass sie nachher den Kolleginnen eine Geschichte erzählen möchte.

Wirklich, Tango ist doch eine so schöne Möglichkeit, zwischen den Geschlechtern einmal nicht verbal, sondern haptisch zu kommunizieren. Muss man da, wie eine Tangofreundin es gerne nennt, „reden, nur damit die Luft scheppert“? Und bei allem Respekt für die sicherlich größere rhetorische Begabung unserer südländischen Freunde: Ich habe Worte und Schritte bislang meist als zwei unterschiedliche Begabungen erlebt, die nicht zusammenhängen. Aber vielleicht fühlt sich ein Tanz ja schöner an, wenn er von Schmeicheleien eingeleitet wird…

Sehr froh wäre ich, wenn man mir weiblicherseits die beliebte „Transpirations-Frage“ ersparen würde: „Schwitzt du nicht in diesem Pullover?“ Ich habe hierauf schon mit allerlei freundlichen Varianten reagiert – ohne Erfolg. Inzwischen lautet meine ziemlich wirksame Antwort: „Den Satz kenne ich schon von meiner Mutter!“ Und, ich schwöre es, hinfort lautet die Fortsetzung: „Daher habe ich ihre Leiche ausgestopft, sie sitzt jetzt in meinem Keller…“

P.S. Wer den Gag nicht kapiert hat (oder die Szene nochmal sehen will, weil’s so schön ist):


Quellen zum Thema:

http://quiz.t-online.de/index.php?q_key=8c172dcbbe2109bb21a4951b6b989ce2&qts=&npc=cbb5bbbe47d32c55393e31a57aa84575

Kommentare

  1. Robert Wachinger2. März 2017 um 21:05

    Nur mal kurz angemerkt: ich mag beim Tango eher weniger reden, sondern lieber mehr fühlen. (Und auf gar keinen Fall Gefühle "zerreden")
    Frauen, die sich intensiv mit einer Freundin unterhalten, mag ich aber auch nicht stören. Solche Frauen fordere ich eher selten auf. İch hab den Artikel noch nicht gelesen, aber ich sehe die "weibliche Eloquenz" meist nicht gar so positiv (ist allzu oft halt nur Geplapper ...).

    PS: kann man bei Fr. Assmann mittlerweile schon besser kommentieren, oder erfordert das immer noch ein vielstufiges Vorgehen (inkl Link per Email anklicken)?

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    1. Lieber Robert,

      da sind wir ziemlich einer Meinung!
      Allerdings ist "Geplapper" nicht nur ein Ausweis weiblicher Eloquenz...

      Leider ist das Kommentieren auf "danceandsew" weiterhin umständlich - aber ich habs gestern geschaffft!

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  2. Ich hab der Dame vor einigen Tagen einen Kommentar geschrieben, der nicht veröffentlicht wurde. Von wegen freies Internet! Vielleicht kann ich ein paar Gedanken bei dir loswerden. Im Prinzip habe ich die gleiche Meinung wie du und Robert. Wenn ich zu einer Tanzveranstaltung gehe, dafür auch Eintritt zahle und eine Stunde Fahrzeit in Kauf nehme, möchte ich dort auch tanzen, nicht quasseln. Oft genug ist nichts mit tanzen, weil entweder keine Damen frei sind oder ich mich ausruhen möchte. Dann ist Plaudern angesagt - nicht aber auf der Tanzfläche. Die Sitte, von den drei Minuten Tango erst mal eine Minute rumzustehen und Belangloses zu plaudern, ist für mich eine ausgesprochene Unsitte, die sich bei uns glücklicherweise nicht durchgesetzt hat. Zwischendrin ein paar belanglose Worte ("Voll heute, nicht wahr?"), warum nicht. Aber Tango ist Tanzen, nicht Rumstehen.
    Zudem erlebe ich oft das Gleiche, was du beschrieben hast: Zwei Damen unterhalten sich so intensiv miteinander (oder mit ihren Handys), dass eine Aufforderung durch Blickkontakt unmöglich wird und eine Störung durch Sprachkontakt als Sakrileg aufgefasst werden könnte. Bei wirklich intensiven Tänzen habe ich außerdem keine Energie mehr, auch noch was zu sagen - und die Dame auch nicht, wenn sie mitmacht. Bei der Trennung ein "Dankeschön" kann nie schaden, den Rest der Diskussion gibt's dann beim nächsten Treffen der Selbsthilfegruppe für Tangosüchtige. Also: Lasst die Klischees vom "Caveman" und tanzt lieber Tango!

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    1. Lieber Peter,

      das mit dem Kommentieren könnte ein technisches Problem sein. Ich hab es beim ersten Mal auch nicht geschafft. Seltsam ist auch, dass man dabei unbedingt eine Ziffernbewertung abgeben muss. Eine Antwortmöglichkeit für den Blogger sehe ich nicht. Es gibt für solche Foren entschieden bessere Formate.

      Ansonsten kann ich dir nur zustimmen. Aber ich sehe beim Tango eine Tendenz, das Tanzen selber nicht mehr sehr wichtig zu nehmen – es geht eher in Richtung „gemütliches Beisammensein mit Tanzgelegenheit“. Das hatten wir allerdings schon früher beim Standardtanz – genannt „Tanzparty“. Inzwischen hat vieles aus dem Bereich den Tango eingeholt…

      Herzliche Grüße
      Gerhard

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  3. Hallo ihr beiden,

    wenn ich mich als Frau mal einmischen darf....

    Ausnahmen bestätigen die Regel. Nämlich quasselnde Männer. Schlimmste Sorte: Während des TANZENS!

    Und da ich gestern ja amüsiert den München-Eliten-Cliquen-Blog gelesen habe samt dem Link zu Veronica T. gibt es für mich hier sogar so eine Art „Querverbindung“.

    Ich tanze mit Anfängern bzw. weniger versierten Tänzern. Bin ich sozial? Ich tanze aber nicht mit jedem Anfänger/weniger Versierten gern bzw. versuche es bei bestimmten Personen zu vermeiden, indem ich sie nicht anschaue. Bin ich unsozial? Warum ist das so?

    Weil besagter Letzterer angeblich seit 5 Jahren Tango tanzt, auch regelmäßig auf Milongas zu sehen ist, sich aber überhaupt nicht weiter entwickelt (weiterentwickeln will?) und mir während einer Tanda seine halbe Lebensgeschichte erzählt, während er stur mit Caminar und Basse, bestenfalls mal einen Rückwärts-Ocho (juhu!) durch die Gegend pflügt.

    Ja auch diese Männer gibt es! Und nicht nur einen pro Abend.

    Oder da gibt es die Sorte Männer, die es schaffen, sich neben Dich zu setzen, 20 Minuten in’s Ohr zu quasseln, sodass sich kein anderer Tänzer mehr in Deine Nähe wagt, geschweige denn einen Blick zu riskieren und dann sagen: „Mei, heut bin ich wirklich müde, ich geh jetzt heim.“

    (alles schon passiert, nicht nur einmal)

    Und lasst doch den Damen mal das Schwätzchen zwischendurch! Es gibt Locations, da kann man sich mal eine halbe Stunde an die Bar zurück ziehen, um nicht zu tanzen (vielleicht, weil man gerade die „zum-Heimgehen-schöne-Tanda“ mit dem schon lang ersehnten Tänzer hatte ;-) – oder die absolut furchtbare, auf die man jetzt einfach ein Glasl Prosecco braucht ;-) ). In anderen Lokalitäten ist das einfach nicht möglich, dann ratsch ich mal demonstrativ. Oder verzieh mich in ein Eckchen, um den letzten Tanz nachwirken zu lassen – und was passiert? Genau dann bahnt sich XY seinen Weg quer durch den Raum, direkt auf mich zu, Cabaceo und Mirada und sämtliche andere Signale ignorierend…

    ;-)

    Ich sag’s euch: wia mas macht, is foisch.

    LG Sandr

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    1. Liebe Sandra,

      aber natürlich darfst dich als Frau bei uns einmischen – wir sind ja beide keine Vertreter des konservativen Tango!

      Aber auch das schwache (?) Geschlecht sollte sich mehr in der Fähigkeit zur unbekümmerten Meinungsäußerung üben: Wenn dich ein Tänzer auf dem Parkett pausenlos vollquatscht (und dich das wirklich stört – in meinem Fall würd ich mir alles für einen neuen Blogtext merken), dann sag ihm halt: „Wollen wir jetzt reden oder tanzen?“

      Und wenn man dich im Sitzen zutextet: Man muss doch gelegentlich aufs Klo – und setzt sich anschließend woanders hin…

      Und Frauen, welche ich in seliger Zurückgezogenheit oder mit Freundinnen ratschend beobachte, fordere ich eher nicht auf. Und wenn, dann darf man mir ruhig sagen: „Später (oder nächstes Mal) gerne, aber im Moment brauche ich Ruhe / möchte ich gleich heimgehen / muss ich schnell noch was besprechen.“

      Da die Großraubtiere weitgehend ausgerottet und alle Achttausender bestiegen sind, bildet der Tango einen der letzten Bereiche, um Courage zu zeigen!

      Liebe Grüße
      Gerhard

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    2. Lieber Gerhard,

      ich wollte auch nur anmerken, dass nicht nur das weibliche Geschlecht hier ständig quasselt, sondern es auch QuasseltrippER gibt.

      Selbstverständlich habe ich mittlerweile solche Antworten parat. Sowohl nur freundliche, als auch nur direkte. Was mir unlängst nach einer Aufforderung den Satz einbrachte: "Leider hab ich Deinen Namen vergessen....ach, aber ich weiß noch, Du magst das Gequatsche nicht. Also tanzen wir gleich."
      :-)

      Liebe Grüße
      Sandra

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    3. Liebe Sandra, darauf hab ich ja schon im Artikel hingewiesen:

      „Bei den Herren hingegen gibt es eine gar nicht seltene Spezies, welche (wie der Buchfink im Frühjahr) voll auf den Balzgesang setzt: Der beginnt schon damit, neben der Auserwählten aufzubaumen und sie besinnungslos zu quatschen, bis endlich ein Musikstück kommt, das sich der Männe zutraut. Dann wird mit der Beute längelang getanzt und schließlich die Predigt im Sitzen fortgeführt. Nun gut, wenn die Holde mit niemand anderem tanzen mag…“

      (War übrigens die Schreibweise „QuasseltrippER“ ein absichtliches Wortspiel?)

      Und zu deinem Beispiel: Siehste, geht doch!

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