Gesunde Szene für München



„Verantwortliche, die sich selber suchen,
finden sich in der Regel nicht.“
(Werner Schneyder)

In der ansonsten ziemlich meinungsfreien Facebook-Gruppe „Tango München“ tut sich seit heute Unglaubliches: Beim Tango in der bayerischen Landeshauptstadt wird Elite- und Cliquenbildung beklagt!

Ich habe mir diese Debatte sofort kopiert, da nach meiner Erfahrung kritische Beiträge dort unter hohem Löschungsrisiko stehen. Sollte der Link noch funktionieren:

Anmerkung: Zur sprachlichen Schmerzreduzierung habe ich alle Zitate (bis auf das letzte) in fast fehlerfreies Deutsch verwandelt.

Ein Tangotänzer legt dort mit unglaublichen Ansichten vor:

„Es gibt etwas, was ich im Tango liebe. Den Kontakt. Es gibt etwas, was ich im Tango hasse. Den Elitismus. Dass ich in den Unterricht von X gehen muss, um mit Y zu tanzen. Dass ich zum Grüppchen P gehören muss, um mit Q tanzen zu dürfen. Ein Wahnsinn, den ich dachte, nur in Barcelona gesehen zu haben. Ein Inzest, der den Tango in München nicht weiterbringt. Ein Tanzen mit immer denselben, das niemanden weiterbringt. Und ein Kämpfen um die wenigen Schüler, das eine Stimmung erzeugt, das alle Neuankömmlinge abschreckt. Anstatt miteinander zu arbeiten und sich wegzubeißen in dieser Stadt, in der niemand mit dem Tango reich werden wird. Machen wir aus München eine Stadt, in der wir nicht mit Elitismus entscheiden, mit wem wir tanzen, sondern mit dem Herzen. Eine Stadt, in der wir Lust auf die Begegnung mit den anderen haben. Dann werden viele Schüler mehr da sein, um die sich niemand prügeln muss. Ich habe jedenfalls keine Lust mehr auf das Cliquentanzen. Echt nicht. Lieber mit dem Herzen tanzen. (…)

Ich möchte wirklich nicht mit jemandem tanzen, den ich nicht mag und wo die Kommunikation im Tanz nicht stimmt. Und das will ich auch niemandem mit mir zumuten.“

Meine erste Reaktion war: Na klar, so geht es im Münchner Tango (und wohl auch an anderen Orten) doch seit vielen Jahren zu – was ist daran neu?

Als meine Frau und ich zwischen 2002 und 2010 sehr oft auf Münchner Milongas waren, machten wir häufig ganz ähnliche Erfahrungen: Veranstalter (speziell argentinische), denen wir jahrelang das Geld auf ihre Events trugen, marschierten mit unverändert glasigem Blick an uns vorbei. Gern gesehen wurde es, wenn ich mit allen herumsitzenden einsamen Herzen tanzte, während man meine Partnerin auf ihrem Stühlchen schmoren ließ. Um Tango-VIPs, welche (meist mit größerer Entourage) auf Milongas einmarschierten, wurde ein Getue veranstaltet, das an die 1.Mai-Aufmärsche in sozialistischen Staaten erinnerte…

Eines der „Gründungsmitglieder“ der Münchner Szene, Ralf Sartori, schrieb schon 2007 in seinem Buch „Tango in München“ über Tangolehrer-Kollegen:

„Manche offenbarten bereits – allgemein gesprochen – bei unscheinbarsten Anlässen eine so possessiv kontrollierende oder erpresserische Mentalität, dass man sich, verbunden mit dem Kult, den solche Lehrer nicht selten um ihre Person pflegen, an das Verhalten von Sekten-Gurus erinnert fühlt. Ohnehin neigen Aficionados des Tango öfter dazu, ihn mit dem Nimbus des Religiösen zu umgeben. Eine Konstellation, die dann an Skurrilität und Peinlichkeit kaum mehr zu überbieten ist.“

(Ein „Shitstorm“ gegen solche Aussagen blieb übrigens aus – der war dann mir vorbehalten, als ich 2010 in meinem Tangobuch zu ähnlichen, eher lustiger klingenden Einschätzungen kam.)

Für den Wahrheitsgehalt solcher Beobachtungen spricht, dass der anfangs zitierte Verfasser auf Facebook durchaus Zustimmung erhält:

„Diese ‚elitäre‘ Cliquenbildung wird auf manchen Milongas leider zelebriert. Clique, zur Schau getragene Arroganz und Elitärgehabe ist häufig nichts anderes als Unsicherheit und zeugt nicht selten von einem mangelnden Selbstbewusstsein. Kommt nicht nur im Tango vor.“

„Ich weiß auch nicht, woran es liegt. Ich komme aus Barcelona und dort hat man viel mehr Partnerwechsel gemacht. Es war ganz normal, bei einer großen Milonga mit acht Frauen zu tanzen. In München, wenn ich mit drei Frauen tanze, bin ich sehr zufrieden.“

Höchst amüsant finde ich es aber, dass nun ein Tanzlehrer, den ich aus meinen Münchner Zeiten noch gut als „Obercliquen-August“ im Gedächtnis habe, ganz unbefangen das Wort ergreift:

„Ich bin jetzt sehr gespannt auf diese Diskussion, denn wenn ich in deinen Duktus einschwenken darf: Jetzt werden hier alle schreiben, wie recht du hast. Keiner wird dir großartig widersprechen. Diese Erkenntnis ist nämlich weder neu noch besonders schwer zu erlangen. Und trotzdem ändert sich nichts.

In den 90er-Jahren haben sich die ‚normalen‘ Tanzschulen in München gegenseitig mit gerichtlichen Klagen überzogen, Leute abgeworben, Plakatwände wurden direkt vor der Konkurrenz gebucht und die eigenen Gäste bedroht, wenn sie auf die Tanzparty der anderen Tanzschule gehen, bekommen sie Hausverbot. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. (…)

Ich mache lieber was, jammere nicht so gern und bin vielleicht naiv, aber was wäre, wenn wir all die oben genannten Leute (…) zusammensetzen und z. B. ein großes Beginner-Festival machen.“

Sogar einen kostenlosen Raum will der Gute – nach Verzehr einer ordentlichen Portion Kreide – für solch löbliche Kooperation zur Verfügung stellen. Na, das muss ja was werden! Oder?

Oder nicht: Die Idee einer Zusammenarbeit wird in regelmäßigen Abständen durchs Milllionendorf gejagt. Schon Ralf Sartori schwärmt in seinem oben zitierten Buch von einer „Tango-Cooperativa München“. Geworden ist aus solchen Ideen nie etwas. Und warum? Weil dazu ein Minimum an sozialer Begabung gehören würde.

Logischerweise befindet sich die Diskussion auf Facebook nun schon wieder im Rückwärtsgang: Fallweise mal Grenzen überschreiten und mit einer Fremden respektive Anfängerin tanzen… na gut, wenn’s denn sein muss! Ansonsten aber doch lieber innerhalb der eigenen, erlauchten Kreise:

„Als Anfängerin habe ich das auch gemacht, ich fühlte mich als Opfer dieser guten Tänzer, die mich einfach links liegen ließen...! Heute, mit einem besseren tänzerischen Niveau, mache ich z.T. genau dasselbe. Ich suche mir die Tänzer viel sorgfältiger aus und ignoriere einige Cabeceos.“

„Dass nun Tänzer lieber mit Tänzern ihres Niveaus oder darüber tanzen, ist eine Binsenweisheit, gilt für alle anderen Tänze ebenso und wohl auch für viele andere Sportarten und Lebensbereiche. Z.B. verspricht Bayern München gegen Real Madrid mehr spannenden Fußball als Bayern gegen FC Sandhausen. (…) Ich kann mich da auch selbst nicht ganz ausnehmen, denn ganz selbstverständlich tanze ich anfangs überwiegend mit Tänzerinnen aus meinem Freundeskreis.“

Man sollte allerdings hinzufügen, dass dies nur für den Münchner Fußball gilt – beim Tango-Leistungsniveau in der bayerischen Metropole wäre Preußen Münster gegen ESV Lok Berlin-Schöneweide der treffendere Vergleich!

Und immerhin bleibt ja gegen soziale Missstände unsere geliebte Allzweckwaffe, der Cabeceo:

„Und das Auffordern mit Cabeceo hat ja schließlich den Grund, dass man es vermeiden möchte, jemanden zu brüskieren. Ich bin sehr froh, dass es diese Form des Aufforderns im Tango gibt und möchte es nicht anders!
Ich finde z.B. in Berlin gerade den unangenehmen ‚Rumtigern-Trend‘ schrecklich. Männer laufen unruhig hin und her durch den Saal auf der Suche nach einer Tänzerin. Und sie ignorieren die Signale. Es gibt fast kein Entrinnen, will man nicht unhöflich werden. Wenn sie ruhig mit Blickkontakten suchten, tanzten viel mehr Damen mit ihnen.“

Nun weiß ich endlich, was meine Begleiterin damals in München – noch in den Zeiten vor dem traditionellen Tango – falsch gemacht hat: Sie hat einfach nicht geguckt! Die Männer allerdings auch nicht…

Und auch der Auslöser des ganzen Facebook-Palavers zieht nun die verlängerte Wirbelsäule ein: „Ich bin nicht radikal genug. Ich bin zu harmoniesüchtig.“

Da die Situation zwar hoffnungslos, aber nicht ernst ist, möchte ich den Schlusskommentar einem Facebook-Schreiber überlassen, bei dessen Text ich mich zu Korrekturen außer Stande fühlte:

„Ist tango ein Spiegel von dem taglichen gesellschaftlichen verhaltniss?wenn ja ist das logisch,aber auf jeden fall muss mann nicht unterschatzen dass jemandem der gut tanzt hat er viel muhe gegeben und ausserdem die tango gesicht vom anfang pruft das elitistische verhaltnis war ein consequence auch vom educative perspectiven eingesetzt.beziehungsweise die ehrfahrende tanzer haben ein pflicht die anfanger zu helfen unterstutzen und erziehen was ist los in a monga,warum ist das wichtig cabeseo zu machen usw zum schluss haben die weniger ehrfahrende tanzer die pferpflichtung zu warten.respektieren funktioniert auf jeden fall und ein prinzip qualitat des tango tanzes ist uns 3 respektierte munute zu teilen.“

Ich glaub, das mein‘ ich auch…

P.S. Vielleicht als Kennmelodie für die noch zu gründende Münchner Tango-Coop-Errative?


Kommentare

  1. Na DIE Kennmelodie klingt eher wir Bachata.
    Aber halt! Nein! Die kam je erst später nach Deutschland. Oder hat der Fendrich das schon gekannt? Zutraun würd man´s ihm.

    Andererseits, wird wohl doch irgendwie Tango sein.
    Is ja eh alles irgendwie Tango...

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    1. Wir Älteren wissen noch, dass es sich um einen Calypso handelt! Aber Harry Belafonte ist nun auch schon 90.

      Mir ging es hier jedoch ausnahmsweise eher um den Text...

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  2. Die 'Begründung', warum mit so vielen Frauen nicht getanzt wird ("Ich will auf meinem Nivo bleiben"), geht an der Wirklichkeit vorbei. Frauen werden deshalb nicht betanzt und Männer von den einheimischen Eingeborinnen 'bekörbert', weil sie fremd sind, weil sie nicht dazugehören. Beweis: Die Damen werden nicht aufgefordert, die Körbe verteilt, bevor die Nicht-Dazugehörigen überhaupt zum Tanzen kamen! Denn die Ignoranten schauen gar nicht auf die Tanzfähigkeit, die sie mit ihrem mageren Repertoire meist gar nicht beurteilen können; sie schauen nur darauf, ob ihnen das Gesicht bekannt ist. Wenn nein, dann eben nein. Wir wollen doch nicht besser sein als Schimpansen!

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    1. Ja, das männliche Heldentum ist beim Tango schwach ausgeprägt. Der Grund: Ein Mann ist nur in der Horde stark, möglichst mit Uniform, da er sich dort dem Gruppendruck der Mitmänner zu unterwerfen hat. Und wenn dann halt Tapferkeit befohlen wird...

      Im Tango würde er allein einer fremden Frau gegenüberstehen. Ein vermeidbares Risiko!

      Frauen knüpfen eher Einzelbeziehungen. Daher ist im umgekehrten Fall die Korbchance relativ gering. Es mag aber Milongas geben, wo die Ladies von der Szene genügend elitär sozialisiert sind. Aber auf solche Events gehe ich kaum!

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  3. Gelesen und gelacht! Danke :-)

    Der Poster Andre Dino Deutsch

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    1. Verbindlichsten Dank!

      Du hast ja selber gemerkt, welch heißes Eisen das Thema in der Münchner Szene darstellt.

      Lustig finde ich, dass du einen Haufen Likes für deinen Post bekommst und ich nun - inhaltlich gar nicht weit davon entfernt - mal wieder der Böse bin.

      Aber Schauspieler wissen: Das ist die interessanteste Rolle!

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  4. Lieber Gerhard,

    was ich gut fand in der Diskussion ist der von M.K. eingestellte Link zu einem Artikel von Veronica Toumanova, was es wohl auf den Tango bezogen bedeutet "sozial" zu sein. Der spricht mir eigentlich am meisten aus der Seele.

    Und ich bezweifle auch, dass es zB. in R oder in Entenhausen anders zugeht.

    Neugierig gemacht hat mich diese FB-Diskussion auf jeden Fall - jetzt muss ich nur schauen, wie ich mal nach M komme.... ;-)

    Liebe Grüße in den Süden

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    1. Liebe Sandra,

      na ja, München ist tangomäßig schon ein besonderes Pflaster - aber ich möchte dir die Vorfreude nicht verderben. Komm selber und schau's dir an!

      Den Artikel von Veronica Toumanova wollte ich neulich eigentlich schon besprechen. Dann kam mir das Münchner Gedöns in die Quere. Kommt aber noch!

      Liebe Grüße
      Gerhard

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  5. Übrigens hat es dieser Beitrag nun in der Zugriffsstatistik auf Platz 2 von allen 416 Artikeln gebracht.

    Wenn es den Münchner Tango nicht gäbe, müsste man ihn erfinden...

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