Laangweilig!

Auch wenn Kollege Wendel sich nun wieder völlig missverstanden fühlen sollte: Sein neuer Beitrag „Warum mich guter Tango zunehmend langweilt“ hat mir sehr gefallen. Man sollte ihn wirklich aufmerksam lesen – daher hier nur eine kurze Zusammenfassung:

Zumindest bei Wettbewerbs- und Showtänzen sei das Niveau nie so hoch gewesen wie heute: tolle Technik, zelebrierte Umarmung, makellose „Katalog-Eleganz“… Dennoch – eher sogar gerade deshalb – langweilt es ihn. Auch ich sehe lieber Farbe beim Trocknen zu als mich an Wettbewerben zu ergötzen, wo geölte Anzugträger aufgebrezelte Tussis im Kreis herumschieben!

Auch, was der Kollege auf den Milongas erblickt, törnt ihn eher ab – dieselben Muster, die Musik bleibe im Hintergrund, vieles sei vorhersehbar: „überkorrekte, leblose Präzision, bei der zwar alles stimmt, aber kaum noch etwas passiert.“  

Solche Dinge anzusprechen sei gefährlich: Man gelte dann schnell als Nörgler oder Neider. Wer anders tanze, gerate leicht in den Verdacht, weniger zu können. Tja, wem sagt er das…

„Je reifer ein Gesellschaftstanz technisch wird, desto größer wird die Gefahr, dass er ästhetisch verarmt.“ Ja, klar!

Bei einem weiteren Satz Wendels blieb mir fast die Luft weg: „Wie soll sich ein Gesellschaftstanz weiterentwickeln, wenn er sich musikalisch fast ausschließlich auf einen relativ engen historischen Zeitraum bezieht?“

Na, dann lasst uns weiter die Musik nach 1955 ignorieren!

Wieviel Individualität hält eine Szene aus, „bevor sie beginnt, Abweichungen zu sanktionieren?“

Was heißt hier „beginnen“? Da ist man doch seit mindestens 20 Jahren munter dabei! „Nachgestellte Eleganz“ oder „Reduktion“: Wir haben die Wahl zwischen Typhus und Cholera.

Ich kann nur immer wieder den zeitlichen Vergleich ziehen: In unseren ersten Tangojahren war es meist sehr interessant, das Geschehen auf dem Parkett zu beobachten: Man sah ganz unterschiedliche Tanzstile. Klar, manches mutete ziemlich abartig an – interessant war es jedoch fast immer. Es wurde viel experimentiert. Was ich heute auf den Tanzflächen sehe, langweilt mich schon nach ein paar Minuten: Die Schablone ist bekannt – Abweichungen sind sehr selten.

In meinen frühen Tangozeiten strahlten Paare oft solche Emotionen aus, dass mir warm ums Herz wurde. Wenn ich heute zuschaue, kriege ich kalte Füße. Vielleicht zur Korrektur: Guter Tango würde mich nicht langweilen.

Für mich ist die wesentliche Ursache, dass man aus kommerziellen Gründen auch die Masse tänzerisch wenig Begabter zum Tango lockte. Mit dem genialen Label „traditionell“ verkaufte man eine ultimativ reduzierte Tanzweise – passend dazu simple Musik. Damit das Umherirren auf dem Parkett gefahrlos möglich war, etablierte man „Parkettbenutzungs-Regeln“ – individuelle Bewegungsweisen wurden nicht etwa als Chance gesehen, sondern als „rücksichtslos“ gebrandmarkt. Schwierigere oder gar moderne Musik wurde als Verirrung kritisiert. Auch und gerade, wenn es sich eindeutig um Tango handelte.

Mir ist es wirklich völlig egal, ob mal ein Paar die geheiligte Ronda nicht einhält. Was mich stört, sind eher Tiefschlaf-Kreisbahnen. 

Wer anders tanzte, wurde verbellt. Ich kann davon ein Lied singen: Für unsere Tanzvideos haben wir uns kiloweise bösartiges Gegeifer eingefangen. Dabei haben wir nie behauptet, es besonders gut zu können. Aber angeblich ging die „Kritik“ ja nur darauf zurück, dass ich so ein böser Autor sei. Eine seltsame Logik, wie ich finde! Ich glaube aber, es hatte einen anderen Grund: Vielleicht ging von unserem Tanzen eine unbekümmerte Freiheit aus, die es auf jeden Fall zu verhindern galt.    

Das alles führte dazu, musikalisch und tänzerisch Begabtere regelrecht vom Tango zu vertreiben, weil sie die Ödnis nicht mehr aushielten. Vielfalt galt als anstößig. Nun bemerkt man die furchtbare Langeweile, lutscht am Daumen und grübelt, wie das alles kommen konnte…

Und wie man es denn ändern könne.

Tja, liebe Leute – ich fürchte, es wird schwierig, den Geist wieder in die Flasche zu kriegen!

Gerade in der Tanzszene gilt der Tangobereich als gestrig, abgehoben und überaltert. An dem Ruf hat man lange und intensiv gearbeitet. Nun wundert man sich über das Ergebnis.

Ein Weg aus dem Dilemma könnte sein, auszustrahlen, warum man eigentlich tanzt: Um Regeln einzuhalten oder weil man es geil findet?

Die Musik dazu gäbe es. Man müsste sie nur auflegen.

P.S. Und hier noch ein Video zur Lieblingsbeschäftigung von Tangolehrern: reden! Laangweilig…

https://www.youtube.com/watch?v=mDJs-71f5dk&list=PLL3dabHYGo7fv3OVgLkXYptiv4c8J2NUi&index=8

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Kommentare

  1. Mal davon abgesehen, dass Ihr heutiger Beitrag sogar wortgleich voraussehbar war, basteln Sie wieder Ihre üblichen Märchen und fühlen sich auch noch bestätigt. Sie verwursten wieder einmal einen Artikel, in dem differenziert über ein Thema geschrieben wird, reduzieren ihn auf Ihre seit Jahren bekannten Erzählungen und schreiben am Ende wieder das, was ohnehin schon vorher feststand.

    Sie schaffen es inzwischen kaum, einen Beitrag zu schreiben, ohne von mir mit Themen gefüttert zu werden. Wenn ich diese Abhängigkeit beschreibe, regen Sie sich künstlich über Begriffe wie „Schmarotzer“ auf und verschieben die Diskussion lieber auf die Wortwahl. Deshalb noch einmal ganz eindeutig: Ich spreche von einem Tango-Themen-Schmarotzer. Sie greifen meine Themen auf, verwerten sie für Ihre eigenen alten Thesen und erklären anschließend ausgerechnet mir, ich würde mich zu viel mit Ihnen beschäftigen.

    Übrigens: Gestern noch war bei Ihnen sinngemäß davon die Rede, wie viele Beiträge ich angeblich über Sie schreibe. Gleichzeitig erscheinen innerhalb einer Woche mindestens drei Beiträge, in denen Sie sich mit mir oder meinen Veröffentlichungen beschäftigen.

    Ich habe das inzwischen einmal nachgezählt: Allein in den vergangenen drei Monaten waren es bei Ihnen mindestens 19 eigenständige Beiträge, in denen mein Name, mein Blog oder ein konkreter Beitrag von mir vorkam. Auf ein halbes Jahr gerechnet sind es mindestens 30.

    Vor diesem Hintergrund bekommt Ihr wiederkehrender Vorwurf, ausgerechnet ich würde mich auffällig häufig mit Ihnen beschäftigen, eine gewisse Komik.

    Vielleicht bleiben wir deshalb bei Ihrer eigenen Formulierung vom Juli: Es sei ein „Geben und Nehmen“. Nur scheint das „Nehmen“ bei Ihnen derzeit ausgesprochen gut zu funktionieren.

    Und falls Sie beim nächsten Beitrag wieder darüber rätseln sollten, wer sich hier eigentlich mit wem beschäftigt: Ein Blick in Ihr eigenes Archiv dürfte genügen.

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    1. Lieber Herr Wendel,
      da stimme ich gerne zu: Sie sind so freundlich, mich mit Themen zu füttern, was ich gerne annehme.
      Wo habe ich behauptet, Sie beschäftigten sich zu viel mit mir? Dürfen Sie doch gerne – wobei Konstruktives uns weiterbrächte.
      Und ich tue ja auch was für Sie: Gestern erst habe ich eine große Zahl Ihrer Artikel zum Nachlesen angeboten und meiner Kundschaft geholfen, sich auf Ihrem Blog zurechtzufinden.
      Leider schreiben Sie nun nichts zum Inhalt Ihres Textes. Schade!

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  2. „Leider schreibe ich nichts zum Inhalt meines Textes?“

    Muss ich jetzt auch noch meine eigenen Texte, die auf fremden Blogs verwurstet werden, kommentieren?

    Aber gut, vielleicht noch etwas zu Ihrem Text. Ihr Satz „Ein Weg aus dem Dilemma könnte sein, auszustrahlen, warum man eigentlich tanzt: Um Regeln einzuhalten oder weil man es geil findet?“

    ist ungefähr so unlogisch wie die Behauptung: Wer beim Autofahren lieber von A nach B kommen möchte, als im Stau zu stehen, sollte am besten die Verkehrsregeln abschaffen. Also bei Stau auf der Autobahn lieber mit stilistisch souveränem Ausdruck – also mit Lichthupe – die Standspur oder gleich die Rettungsgasse benutzen, damit der eigene Fahrspaß erhalten bleibt und man es auch weiterhin einfach geil findet?

    Auf einer zu vollen Tanzfläche gibt es dann offenbar nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder die anderen fahren besser gleich nach Hause, oder sie schaffen genügend Platz für diejenigen, die für ihren persönlichen Tanzspaß möglichst wenig begrenzt werden möchten. Also für Leute wie Sie?

    Denn Schuld am Stau, an fehlenden Parkplätzen oder an der Enge auf der Tanzfläche sind offenbar immer nur die anderen – und untalentiert sind sie gleich mit.

    Ist es das, was Sie uns sagen wollen?

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  3. Lieber Herr Wendel,
    Ihr Problem ist, dass Sie sich vorwiegend am Autor abarbeiten statt am Inhalt. Nur führt das leider nicht weiter.
    Der Gesetzgeber hat in seiner Weisheit zwar den Straßenverkehr geregelt, nicht aber das Tangotanzen. Dieser Unterschied leuchtet Ihnen nicht ein. Schade!
    Zu volle Tanzflächen meide ich nach Möglichkeit – ebenso wie Staus auf der Autobahn und leere Schwimmbecken. Oder voll belegte Parkplätze.
    Aber es mag Leute geben, die das alles erst so richtig antörnt.

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