111 Dinge, die man über Tango wissen muss
Ich gestehe, dass ich mir das Buch mit etwas langen Zähnen bestellt habe: „111 Dinge über Tango, die man wissen muss“ klingt schon recht vollmundig. Aber dann fiel mir ein, dass ich mein eigenes Buch ja ursprünglich mit dem Untertitel versehen hatte: „Was Sie schon immer über Tango wissen wollten, aber nie zu fragen wagten“.
Also – warum auch nicht? Klappern gehört zum Handwerk. Und immerhin hat das Buch (so wie meines in der letzten Auflage) knapp 400 Seiten.
Es ist ein tollkühner Anspruch, wirklich die gesamte Tangowelt zwischen zwei Buchdeckel zu kriegen. Was ich damals mit viel Naivität in einem guten Jahr hinbekam, kostete die Autorin Ani Andreani etwa die sechsfache Zeit. Aber was sie dabei an Tatsachen zusammengetragen hat, ist wirklich imposant! In dem Buch steckt eine Riesenarbeit.
Um das entscheidende Ergebnis gleich vorwegnehmen: Es ist das beste Gedruckte zum Thema Tango, das ich seit langer Zeit gelesen habe!
In 111 Kapiteln bringt uns die Autorin eine Fülle Wissenswertes über den Tango bei: Von der Musik und den Texten über den Tanz, die Tänzer, Geschichte, Kultur – und natürlich die Tangoszene.
Die Autorin, die sich hier Ani Andreani (Dr. Andrea Greiner de Herrera) nennt, ist promovierte Naturwissenschaftlerin. Dies drückt sich in einer Sichtweise aus, die anerkennt, dass man beim Tango wenig „beweisen“ kann. Immer wieder biegt sie mit einem Augenzwinkern ab: „Nichts Genaues weiß man nicht“. So umschifft sie elegant die Kollision mit Dogmatikern.
Knapp 150 Seiten sind der Musik gewidmet, den Takten und Instrumenten, Orchestern und Komponisten, den Stimmen des Tango, den Textern. Von „Cumparsita“ bis „Libertango“ stellt sie ein gutes Dutzend bekannter Kompositionen vor – und bietet komplette Übersetzungen der Texte. Es wäre zu wünschen, dass sich solches Wissen in der Szene ausbreitet!
Auch beim Thema „Piazzolla“ meidet die Autorin elegant die Klippen: „Im klassischen Milonga-Sinn“ seien viele seiner Werke nicht tanzbar – immerhin aber doch Stücke wie „Oblivion“ oder „Adiós Nonino“. Gut, die Verfasserin und ich repräsentieren zwei verschiedene Tango-Generationen – wofür wir beide nichts können. Immerhin bezeichnet sie Astor Piazzolla als „Visionär“, dessen Musik „gehört, gespürt, durchlebt“ werden wolle.
Schön, dass die Autorin auch die Rolle der Frauen im Tango hervorhebt und den DJs rät, doch auch mal Sängerinnen aufzulegen. Dieses Kapitel hätte gerne ausführlicher geraten können – so fehlen mir bei den weiblichen Gesangsstars Namen wie Lidia Borda, Adriana Varela und die Altmeisterin Susana Rinaldi.
Tango, so lesen wir, sei mehr als traurige Musik, sondern ein „Spiegel des Lebens“. Früher gerne mit derben Anspielungen, die später höchstens noch umschrieben werden durften. Trotzdem freue ich mich gelegentlich, wenn ein inzwischen sehr bürgerliches Publikum zu Texten tanzt, die man glücklicherweise nicht versteht…
Über 40 Seiten widmet die Autorin dem Thema Tanz – klar, sie bietet ja zusammen mit ihrem Partner, dem bekannten Bühnentänzer Roberto Herrera, auch Tangounterricht in Form von Privatstunden an. Glücklicherweise keine Gruppenkurse.
Nun kann man, das wissen wir beide, Tangotanzen nicht per Buch lernen. Dennoch möchte ich dieses Kapitel empfehlen – „großer Zeh zum Boden“ beispielsweise ist ein wirklich wertvoller Tipp.
Möglichst viele Figuren? Wird ein Spaghetti-Gericht umso besser, wenn man statt einer leckeren Soße noch mehr Nudeln serviert? Sicher nicht! Allein dieser Gedanke könnte Lernenden viel Geld und Aufwand ersparen.
„Wer die Musik nicht fühlt, kann sie auch nicht tanzen“ – wie wahr…
In einem eigenen Kapitel werden die üblichen Grundbewegungen des Tango erklärt. Und die Improvisation? Hier hat die Autorin einen tollen Vorschlag: Nimm nicht die erste Bewegung, die dir in den Sinn kommt, sondern die zweite!
Mein Gesamteindruck zu diesem sicherlich schwierigen Abschnitt: Hier schreibt jemand, der wirklich eine Menge Erfahrung hat, die Dinge durchdenkt – nicht nur im Tango, sondern beim Tanzen ganz allgemein!
In einem weiteren Abschnitt lernen wir bekannte Tanzpaare und Tangolehrer kennen – fast alle von ihnen können wir im Internet agieren sehen – eine Quelle der Inspiration!
Auf nur knapp 30 Seiten geht die Autorin auf „die Milonga und die Szene“ ein – für Anfänger sicherlich ein sehr wichtiges Thema.
Gleich am Anfang verteidigt die Verfasserin die „sitzenden Tangolehrer“. Klar, sie schreibt „pro domo“. Über diesen Punkt würde ich mich nur zu gerne mal mit ihr streiten…
Die Abläufe auf einer typischen Milonga beschreibt die Autorin so, wie sie halt sind. Dazu gehört auch, die Vorteile des Cabeceo darzustellen. Wie sinnvoll das alles ist, sei dahingestellt – aber man muss Neulingen sicherlich die Tangowelt so beschreiben, wie sie sich heute mehrheitlich darstellt.
Dass man dazu auch Kleidungstipps und Hygiene-Ratschläge braucht, mag der aktuellen „Coaching-Welle“ geschuldet sein. Um den Kommunarden Fritz Teufel zu zitieren: „Wenn es der Wahrheitsfindung dient…“
Mit den DJs hat die Autorin ihre Probleme: „Neid und Mansplaining“ seien so verbreitet wie auf der Tanzfläche und unter Profi-Tanzpaaren. Eine interessante Einschätzung – darüber hätten wir gerne mehr erfahren!
Auch an der Stelle erkennt man: Die Autorin ist durchaus einer gepflegten Ironie mächtig. Leider gelingt es ihr meist, sich zurückzuhalten.
Nur sehr kurz geht die Verfasserin auf den „Hass im Netz“ ein. Mit ihr bin ich der Meinung: Was man einem Anderen nicht persönlich sagen würde, sollte man auch nicht ins Internet stellen.
Viel Platz widmet die Autorin auch der Geschichte des Tango, bis hin zum wichtigen Revival in den 1990er Jahren. Es könnte heute Tanzenden nicht schaden, einmal kennenzulernen, was im Lauf der Zeit alles als „Tango“ bezeichnet wurde – und dann manche „Einordnung“ kritisch zu betrachten. „Der Tango gehört allen – und niemandem.“ Ich könnte es nicht schöner sagen…
Es ist mir schon lange nicht mehr passiert, dass ich ein Buch in zwei Tagen ausgelesen habe. Das Verdienst gebührt der Autorin. Was nicht bedeutet, dass wir in allen Punkten einer Meinung sind. Das wäre ja auch ziemlich unspannend. Aber was sie in ihrem Werk an Informationen und Einschätzungen bietet, ist sensationell. Nicht nur Beginner könnten von diesem Schatz profitieren.
Sprachlich ist das Werk souverän gestaltet – der Stil ist leicht, locker, mühelos verständlich.
Was die Optik betrifft: Ein paar Bilder – auch als Cover – hätten dem Buch gutgetan. Aber vielleicht ja in der zweiten Auflage!
Amüsant finde ich, dass Ani Andreani, neben ihrem Talent zur Vermarktung, über eine Eigenschaft verfügt, die man mir immer wieder vorwirft: ein beträchtliches Selbstbewusstsein. Hoffentlich nicht in dem Sinne, wie ein Scherz den Selbstmord eines Argentiniers beschreibt: Er steigt auf sein Ego und springt…
Damit dies nicht passiert, meine dringende Bitte: Lesen Sie dieses Buch – es ist preiswerter und lohnender als der nächste Workshop!
Abschließend lassen wir die Autorin mit ihrem Partner Roberto Herrera noch tanzen – sie zeigen, dass zum Tango nicht nur Depression, sondern auch Humor gehört. Und das auch noch bei einer modernen Aufnahme:
https://www.youtube.com/watch?v=d4MgeUdrKSc&list=RDd4MgeUdrKSc&start_radio=1
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