Im Kreis um sich selbst
Mentale Kontinentalplatten verschieben sich, neue Prosa-Gebirge türmen sich auf: Mit über 4200 Wörtern hat Klaus Wendel ein neues Magnum Opus zu meiner Person aufgehäuft: „Gerhards Tango Report – wenn ein Blog nur noch um sich selbst kreist“ – und weil es bei ihm selten ohne Untertitel geht: „Wie aus Tangokritik Herablassung wird – und aus einem Blog ein Weltbild“.
Na ja – bei momentan über 2400 Texten auf meiner Seite wird vermutlich ein ungefähres Weltbild sichtbar. Dem Kollegen ist – wie so oft – gar nicht klar, wo und wie er Recht hat!
Ich werde auf seinen Beitrag nun nicht auch noch eimerweise Buchstaben-Suppe kippen, sondern lediglich an einer Reihe von Beispielen aufzeigen, wie Recht Wendel in zahlreichen Fällen hat. Ich kann ihm nur in seiner Empörung nicht folgen.
Wendel meint, der Tango liefere mir ein wunderbares Panoptikum, in dem sich für mich „die ganze Fehlerhaftigkeit der Menschheit widerzuspiegeln“ scheine: „Eitelkeit, Dummheit, Gruppenzwang, Geschäftemacherei, Besserwisserei und allerlei kleine Glaubenskriege“. Okay, ein wenig übertrieben, aber prinzipiell richtig!
Ich habe mehrfach geschrieben, dass ich Ähnliches wohl auch in einer politischen Vereinigung oder bei den Karnickelzüchtern finden würde – aber dazu fehlen mir die Erfahrungen.
Der Kollege findet auf meinem Blog „seit einiger Zeit ein merkwürdiges Panorama“: „Auf der einen Seite die dumme, manipulierbare Masse, die Lehrern, Regeln, Workshops, Traditionen und Moden hinterherläuft. Auf der anderen Seite der unabhängige Beobachter, der das alles durchschaut, sich von niemandem etwas sagen lässt und den Tango lieber aus sicherer Entfernung seziert.“
Auch das etwas holzschnittartig, aber gut: Das gibt es seit Beginn meines Blogs Ende 2013. Bevor der Kollege eine eigene Seite aufmachte, hat er sich bei mir in einer dreistelligen Zahl von Kommentaren beklagt. So ganz neu kann ihm mein Stil also nicht sein. Und dem Rest der Interessierten auch nicht.
„Sein Hass auf die dumme Welt bekommt hier eine passende Kulisse, in der sich alles wiederfinden lässt, was ihn stört: Eitelkeit, Gruppenzwang, Geschäftssinn, Expertengehabe und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit.“ Nun, von „Hass“ würde ich nicht sprechen, eher von Erheiterung. Ansonsten kommt es aber hin!
„Riedl fordert einen individuellen Tango jenseits von Regeln und Vorschriften.“ Auch das beschreibt Wendel völlig richtig – er zieht nur die falschen Folgerungen.
„Unten stehen diejenigen, die nicht verstehen, schlecht schreiben, falschen Lehrern folgen, zu viel reden, anonym kommentieren, Regeln nachbeten oder sich als Experten aufspielen.“ Auch das unterschreibe ich gerne – nur mit der räumlichen Zuordnung habe ich es nicht so. Ich finde das alles halt nicht sehr hilfreich.
Wendel schreibt, mein Blog „produziert immer öfter selbst das Material, von dem er anschließend lebt.“ Wenn einem das gelingt, ist es doch eine Gnade! Ich habe hart dafür gearbeitet, genau das zu erreichen.
Ebenfalls gratuliere ich dem Kollegen zu dem Begriff „Boulevard-Feuilleton“. Wäre mir selber nicht eingefallen, stimmt aber genau! Früher nannte ich es einmal „Infotainment“. Und ja – mein Blog soll unterhalten. Lesende zu langweilen überlasse ich gerne anderen.
Und ein „Tango-Horoskop“? Tolle Idee! Vielleicht schickt mir das mal Peter Ripota – der kennt sich mit sowas aus.
Einen kleinen Schnitzer im besprochenen Text muss ich anmerken: Tucholsky gab mit Sicherheit keinen Unterricht, ob privat oder sonst wie. Er wurde aber von einem Privatlehrer, einem Herrn Kraßmöller, extern aufs Abitur vorbereitet. Aber kleine Schnitzer können vorkommen, wenn man sich auf einmal (oder wieder) mit diesem Autor beschäftigen möchte.
Wendel hält nichts davon, „Menschen jahrelang durch Figuren-Programme zu treiben“. Er bezeichnet Improvisation als „Kern des Tango“ und findet nicht alles, was unterrichtet wird, relevant für die Milonga-Praxis. Da passt doch kein Blatt Papier zwischen uns!
Allerdings, da muss ich ihm ausnahmsweise widersprechen, gibt es keine „falsche Freiheit“. Dann müsste auch eine „richtige“ existieren – eine typische Unterscheidung, wie sie autoritäre Regime verwenden. Was ich veröffentliche, sind niemals Anweisungen, sondern Ideen – Benutzung freibleibend.
Wendels Resümee kann ich nur beipflichten:
„Wenn die Ironie nicht mehr reicht, wird eben nachgetreten.“ Mir hat sie stets genügt. Niemals habe ich Andersmeinenden mit rechtlichen Schritten gedroht oder ihnen Unterlassungserklärungen und Anwaltsrechnungen zustellen lassen. Oder anderen unter falschem Namen Kommentare geschickt.
Lieber kreist mein Blog um sich selbst.
| Praxis-Nachweis |

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