Ein kleiner, dicker Berliner

 

Es gibt keinen anderen Autor, mit dem ich mich 50 Jahre lang so intensiv beschäftigt habe wie mit dem grandiosen Journalisten der Weimarer Republik: Kurt Tucholsky.

Eigentlich kein Wunder – wer Satiren schreibt, sollte sich immer wieder fragen: Wie hätte „Tucho“ es gemacht?

Zur Sache: Wir sprechen von einem Sohn aus vermögendem Hause, geboren 1890. Sein früh verstorbener Vater war Bankdirektor und hinterließ der Familie ein beträchtliches Vermögen. Der älteste Sohn Kurt, der noch einen Bruder und eine Schwester hatte, wurde weitgehend von Privatlehrern ausgebildet, studierte nach dem Abitur Jura und erreichte mit Ach und Krach seine Promotion – mit einer Arbeit über Hypothekenrecht.

Im ersten Weltkrieg schummelte er sich irgendwie durch und wurde zum Anti-Militaristen. Bereits zuvor (1912) machte er als Autor von sich reden – vor allem mit seinem Erstling, der Erzählung „Rheinsberg“, einem „Bilderbuch für Verliebte“.

Apropos: Tucholskys Verhältnis zu Frauen kann nur als chaotisch bezeichnet werden. Zweimal war er verheiratet – und ließ sich wieder scheiden. Unzählige Geliebte inklusive. Ursache für sein gestörtes Frauenbild dürfte seine als gefühlskalt und herrschsüchtig beschriebene Mutter gewesen sein.

Einzige wirkliche Liebe war wohl seine zweite Ehefrau und Alleinerbin Mary Gerold – doch auch mit ihr funktionierte es weder zusammen noch getrennt. Sie war es, die nach dem 2. Weltkrieg zusammen mit dem Rowohlt-Verleger Fritz J. Raddatz dafür sorgte, dass Tucholskys Werk neu herausgegeben wurde. In unzähligen Kabarettprogrammen bietet man bis heute seine Chanson-Lyrik sowie Prosatexte.

Tucholsky war Mitglied der SPD, liebäugelte aber immer wieder mit den Kommunisten. Tatsächlich war er wohl, was man gerne als „heimatlosen Linken“ bezeichnet: Der Autor war viel zu sehr Eigenbrötler, um sich in einer Partei aufgehoben zu fühlen. Jeder Depp kann daher in seinem Werk ganz widersprüchliche Aussagen finden – und veröffentlicht das leider auch.    

Im Anlegen mit anderen war „Tucho“ nicht kleinlich. Der ungarische Historiker István Deák fasste es schön zusammen:

„In seinen Schriften nahm er seine Hauptfeinde in Deutschland aufs Korn, die er als hochmütige Aristokraten, kriegslüsterne Armeeoffiziere, brutale Polizisten, reaktionäre Richter, antirepublikanische Beamte, heuchlerische Geistliche, tyrannische Professoren, duellierende Burschenschafter, rücksichtslose Kapitalisten, spießige Bürger, opportunistische jüdische Geschäftsleute, faschistoide Kleinbürger, Nazis und sogar Bauern identifizierte, die er im Allgemeinen für dumm und konservativ hielt.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Tucholsky

Tucholsky war Jude, machte davon aber keinen Gebrauch und konvertierte 1913 zum Protestantismus.

Sofort nach der „Machtergreifung“ 1933 entzogen die Nazis dem unliebsamen Autor die deutsche Staatsbürgerschaft und verbrannten seine Bücher. Motto: „Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften von Tucholsky und Ossietzky!“, was der Betroffene lakonisch kommentierte:

„In Frankfurt haben sie unsere Bücher auf einem Ochsenkarren zum Richtplatz geschleift. Wie ein Trachtenverein von Oberlehrern. Nun aber zu Ernsthafterem. …“ (Kurt Tucholsky: Politische Briefe. Reinbek 1969, S. 23.)

Tucholsky, der sich im schwedischen Exil als „aufgehörten Schriftsteller“ betrachtete, litt immer öfter an diversen Erkrankungen und wurde abhängig von Schlafmitteln. Ende 1935 starb er an einer Überdosis Veronal, die er wohl in Suizid-Absicht eingenommen hatte. In Mariefred, nahe Schloss Gripsholm, Namengeber seines erfolgreichsten Romans, ist er beerdigt. Die nach 1945 angebrachte Grabplatte trägt das Goethe-Zitat „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“. 1923 hatte der Autor in der Satire „Requiem“ folgenden Grabspruch für sich vorgeschlagen: „Hier ruht ein goldenes Herz und eine eiserne Schnauze. Gute Nacht!“

Ich finde, diese Sätze beschreiben ganz gut die Bandbreite Tucholskys. Ich habe lange überlegt, ob ich, nach viel größeren Geistern, den tausendsten Nachruf auf den Meister der Satire schreiben soll. Meine Ausrede ist, dass ich mein ganz persönliches Bild Tucholskys entwerfen wollte.

Eine entscheidende Erkenntnis ist für mich, dass man auch mit Widersprüchen und Zerrissenheit überzeugen kann. Vielleicht sogar gerade damit. Warum? Weil es einen menschlicher macht.

Tucholsky warnte sein ganzes schriftstellerisches Leben vor den Folgen von Dummheit und Überheblichkeit. Er sah sie vor allem auf der rechts-reaktionären Seite. Wie er es heute einschätzen würde, wissen wir nicht.

Kann Satire etwas bewirken? Der Autor war da sehr skeptisch:

„Das, worum mir manchmal so bange ist, ist die Wirkung meiner Arbeit. Hat sie eine? (Ich meine nicht den Erfolg; er lässt mich kalt.) Aber mir erscheint es manchmal als so entsetzlich wirkungslos: Da schreibt man und arbeitet man – und was ereignet sich nun realiter in der Verwaltung? Bekommt man diese üblen und verquälten, quälenden invertierten Anstaltsweiber fort? Gehen die Sadisten? Werden die Bürokraten entlassen […]? Das bedrückt mich mitunter.“

(Kurt Tucholsky: Briefe. Auswahl 1913–1935. Berlin 1983, S. 255.)

Erich Kästner, der Tucholsky einmal zufällig auf einer Reise traf, beschreibt den Kollegen als „einen kleinen, dicken Berliner, der mit seiner Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte.“

Einen der schönsten Nachrufe an den Meister der Satire haben die Kabarettisten Dieter Hildbrandt und Werner Schneyder unternommen. Nüchtern stellen sie fest: Sein Selbstmord war nicht übereilt.  

https://www.youtube.com/watch?v=Ey69GNaQTz8&t=1199s (ab 19:38)

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