Von geschulten Augen und Ohren

Angeblich kann ich ja nur negativ kritisieren – was zwar nicht stimmt, sich als Vorwurf gegen meine Artikel aber stets gut macht.

Die Wahrheit ist: Wer von mir gelobt wird, muss damit rechnen, von meinen werten Gegnern mit einem Verriss abgefertigt zu werden.

Das ist nun auch Caroline Roling und Jürgen Kühne passiert, deren Tanz zu Piazzollas “Ave Maria” ich kürzlich positiv besprochen habe:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/04/wenn-man-zu-piazzolla-tanzt.html

Nicht, weil ich darin eine internationale Spitzenleistung sehe – und Jürgen Kühne auch nicht. Auf Facebook schrieb er zu meiner Veröffentlichung:

Bei unseren Videos ging es nie darum zu zeigen, wie gut man tanzen kann, das können andere viel besser, auf Parkett zur Musik ohne Unterbrechung in einer Show durchgetanzt, sondern den Tango in eine kleine Episode einzubauen, ja und wegen der vielen Sequenzen und Schnitte, ging es nicht anders als die Musik nachträglich unterzulegen...und ich kann den Kritikern nur zurufen, macht es gern besser und zeigt, was ihr könnt...“

https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=pfbid036gnzhwEjR5pVb7EP1SMLBUgnYvedm1fPco4kSdHwQdmXxCE4h3L4Vpwu2KyKvhcLl&id=100014360957851

Besser machen? Das ficht Experten wie Klaus Wendel kaum an. Stattdessen arbeitet er sich an dem Tanzpaar in einer Weise ab, die bei mir Übelkeit erregt:

„Wenn Bewegung sich von der Musik abkoppelt – Über musikalische Interpretation im Tango – zwischen Anspruch und Trugschluss“

 https://www.tangocompas.co/wenn-bewegung-sich-von-der-musik-abkoppelt/

Schon in der Überschrift gelingt dem Autor ein Volltreffer am Thema vorbei – denn ein Anspruch wurde nie erhoben. Weder von den Tanzenden noch von mir.

Auch gleich zu Beginn kriegt Caroline Roling einen Spruch nach Gutsherrenart ab: Der Eindruck dränge sich auf, als würde sie sich “an einer Stange beim Pole Dance entlang bewegen”.

Ach, da wünscht man sich doch die goldenen 1940er Jahre zurück, wo es auf Milongas bei einer solchen Bemerkung umgehend vom Partner eins auf die Fresse gegeben hätte. Ja, es war nicht alles schlecht in der Época de Oro

Schon in der Einleitung wird das Todesurteil verkündet: “Das Ganze hat mit der Musik kaum etwas zu tun.”

Mehrfach verwendet der Autor eine seiner Lieblingsformulierungen, die ich auch schon abgekriegt habe: “Tanzen, während Musik läuft”. Na ja, ohne Musik sähe es irgendwie komisch aus!

Gemeint ist natürlich, dass die beiden die Musik überhaupt nicht beachten. Klar, über musikalische Interpretationen kann man stets geteilter Meinung sein. Sie einem Tanzpaar völlig abzusprechen, ist keine Kritik, sondern die Vollstreckung mittes verbaler Guillotine.

Aber es gibt auch Autoren, die schon schreiben, während der Denkprozess noch läuft.

Ebenfalls öfters setzt Klaus Wendel ein anderes Lieblingsargument ein: Man brauche natürlich ein “geschultes Auge und Ohr”, um die wahre Qualität (beziehungsweise deren Fehlen) zu beurteilen. Welche Schule er zu diesem Zweck besucht hat, gibt er nicht an.

“Reines Gefallen” ist jedenfalls kein Argument – da muss schon der Fachmann (also er) ran!

Das Ganze erinnert mich an Christian Andersens Märchen von “des Kaisers neuen Kleidern”, die ja auch nur die Klugen sehen können. In Wirklichkeit ist seine Majestät so nackich wie Wendels Argumentation.

Aber klar, wie der Autor treuherzig versichert, gehe es ihm nicht darum, “sich an diesem Paar abzuarbeiten”. Das glaube ich sogar, denn tatsächlich soll ich einen abkriegen, weil ich ein Paar gelobt habe, das es wagt, zu Piazzollas Musik zu tanzen. Das würde ja bedeuten, dass auch Laien in der Lage sind, sich halbwegs stimmig zu Tango nuevo-Musik zu bewegen – was natürlich der herrschenden Doktrin widerspricht. Daran würde sich ja die Frage anschließen, warum kaum ein DJ sie auflegt – ein gefährliches Pflaster!

Um den Verriss perfekt zu machen, verlinkt der Autor zum Vergleich die Darbietung zweier internationaler Profi-Paare. Diese Gegenüberstellung, so schreibt der Verfasser, möge “zunächst unfair erscheinen”. Nein, nicht nur “zunächst”, sondern von vorn bis hinten ist das der Versuch, das Amateur-Paar endgültig anzukanzeln. Inklusive der Drohung: “Ohne geschultes Auge und ohne Gefühl für musikalishe Struktur” käme man vielleicht zu einem anderen Urteil. Eine schöne Methode, um Andersmeinende gleich mal in die Dummi-Ecke zu verbannen!

Dann kommt – falls wir es schon vergessen haben – nochmal der Vergleich mit der “Table Dance-Stange”, an der die Dame sich “abarbeite”. Inwiefern sich hier persönliche Traumata zeigen, kann man nur vermuten.

Freiheit, so Wendel, werde “so zur Falle”. Nein, Fallen begrenzen diese. Aber genau das ist wohl beabsichtigt.

Die reale Beurteilung eines Paares stehe und falle mit der “Urteilsfähigkeit des Zuschauers”. Das klinge, so Wendel, “schnell arrogant”. Nein, auch langsam ist das ultimativ hochnäsig!

Augen und Ohren mögen geschult sein  der Charakter ist es nicht. 

Ich habe selten einen solch dreckigen Text gelesen. Klar, man kann eine Tanzdarbietung satirisch beleuchten – Witz und Ironie einsetzen. Gerne mal einen Spruch klopfen. Davon ist in dem Beitrag nichts zu finden. Im Gegenteil: Der Autor meint das, was er schreibt, bierernst – in ultimativer Selbstüberschätzung. Das ist seine persönliche Tragik.

Eigentlich ein guter Beitrag fürs “Radio Wendel-Wahn”...

P.S. Dann lassen wir die Zwei lieber nochmal tanzen – diesmal nicht zur Musik Piazzollas. Der Komponist der “Milonga del Serafin” ist Coco Nelegatti. Und die beiden erzählen eine kleine Geschichte... 

https://www.youtube.com/watch?v=gppvm4tux9k

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Kommentare

  1. Mein obiger Artikel war Klaus Wendel nun eine längere Replik nötig, in der er ihn “Gejaule” nennt. Na ja – auch das eine Stilfrage:
    https://www.tangocompas.co/wenn-aus-kritik-gejaule-wird/
    Mit meiner Empfehlung der Tanzvideos von Jürgen Kühne und Caroline Roling wollte ich gar nichts “beweisen”. Es hat mir gefallen, dass Laien sich trauen, zu Piazzollas Musik zu tanzen – die ich zudem für wunderschön halte. Dass ich damit einen schweren Verstoß gegen die herrschende Doktrin begehe, war eingepreist. Aber ich habe es nicht nötig, andere Paare als “Schutzschild” zu verwenden. Wogegen denn?
    Und ja: Ich halte die tänzerische Interpretation dieser Piazzolla-Ballade für nicht schwieriger als die eines halbwegs anspruchsvollen EdO-Titels. Sie würde mir nur mehr Spaß machen.
    Dass man bei Tanzvideos oft die Musik unterlegt, haben Roling und Kühne nicht erfunden. Insbesondere bei Außenaufnahmen ist dies fast zwingend nötig. Aber es ist klar zu erkennen, dass dieses Stück bei der Aufnahme lief. Schon, weil die beiden musikalisch tanzen.
    Tatsächlich habe ich, wie Jürgen Kühne selbst, das Ganze nie als künstlerische Spitzenleistung betrachtet. Muss ja auch nicht sein. Immerhin steht sie deutlich über dem langweiligen Geschlurfe auf den Encuentros. Ja, viele Titel Piazzollas sind “tanzbar” – dass man es bestreitet oder abwertet, ist reine Ideologie.
    Und ich bleibe dabei: Wie Wendel sich gegenüber der Tänzerin äußert, sie mit Nachtclub-Darstellerinnen vergleicht, ist purer Sexismus. Ein solches “geschultes Auge” möchte ich lieber nicht haben.
    Tatsächlich schreibe ich über mein bloßes Gefallen – und maße mir nicht die Rolle eines “Experten” an, der sich über andere erhebt. Wenn der Autor meint, mit dieser Attitüde Sympathien zu erwecken, soll er ruhig so weitermachen.
    Ich halte es für einen großen Unterschied, ob man über namentlich bekannte Tanzende herzieht oder gewisse Stile veralbert. Verboten ist beides nicht – aber man sollte seinen Schreibstil dann schon halbwegs im Griff haben. Vor allem, wenn ein Tanzpaar weder Ansprüche erhebt noch damit Geld verdienen möchte.
    Sicher kann man auch Laien-Paare mit Profis vergleichen. Aber vielleicht mit ein wenig Fingerspitzengefühl.
    Das technische Ungleichgewicht im Paar ist mir ebenfalls aufgefallen. Aber das kann man anmerken, ohne sexistische Vergleiche zu bemühen.
    Aber Klaus Wendel darf alles sagen – er muss halt mit den Folgen leben.

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  2. Klaus Wendel hat sein Epos nun noch mit einem “P.S.” und einem “Nachtrag” ergänzt. Offenbar scheint er doch unter einem gewissen “Rechtfertigungsdruck” zu stehen. Wieder mal versucht er Rettungsmaßnahmen, nachdem er sich um Kopf und Kragen geschrieben hat.
    Inhaltlich kommen aber nur die altbekannten Vorwürfe und Rechtfertigungen.
    Wer es dennoch lesen will:
    https://www.tangocompas.co/wenn-aus-kritik-gejaule-wird/

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  3. Klaus Wendel nennt mich nun einen "Lügner".
    Der Hoffnungsschimmer: Mit Lügnern sei "ab jetzt jede Diskussion sinnlos".
    Na, schau'n wir mal, wie viele Tage der gute Vorsatz anhält... (Quelle: siehe oben)

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