Forschung nach Lehre
Klaus Wendel hat nun wieder einen Text veröffentlicht, den man durchaus als Auseinandersetzung mit meinen Ideen eines „freien Übens“ verstehen kann: Im 50. Teil seiner „Gedanken zum Tango-Unterricht“ nennt er das Thema „Zwischen Ausprobieren und Zielvorgabe: Warum Tangounterricht mehr braucht als bloße Selbsterfahrung“.
Er verbreitet sich darin über das „Märchen vom lehrerlosen Tango“ – also Lernen „fast wie durch einen natürlichen Gärungsprozess“. Ich hoffe nur, man muss dann beim Tanzen nicht aufstoßen – würde die Partnerin vielleicht irritieren…
Angeblich kursiere im Netz die „Legende“, in Buenos Aires habe man sich den Tango „einfach nur durch Ausprobieren“ angeeignet.
Nach meinen Quellen war das anders: Junge Männer trafen sich in Übungsgruppen, in denen Neulinge von Erfahrenen lernten – meist erst die Frauen-Schritte. Die Mädchen erlangten ihre tänzerischen Fähigkeiten im familiären Umfeld – von Vater, Mutter, den Geschwistern oder anderen Verwandten und Freunden. Da wurde weniger „herumprobiert“ als von Fähigkeiten anderer profitiert. Aber auch damals war die Tanzkarriere häufig beendet, wenn man einen Ehepartner fand. Von Verheirateten wurde oft erwartet, nur noch mit dem oder der Angetrauten zu tanzen – wie langweilig!
Wendel vergleicht nun das Erlernen eines Gesellschaftstanzes mit dem Fachunterricht an einem Gymnasium. Ob er dabei aus eigenen Erfahrungen spricht, ist unklar. Ich finde aber, das Erlernen von Mathematik, einer Fremdsprache oder einer Naturwissenschaft ist meilenweit vom Unterricht in Gesellschaftstänzen entfernt. Man muss weder Prüfungen noch das Abitur bestehen. Und kriegt überhaupt keine Noten (na ja, von Wendel vielleicht schon). Aber durchfallen kann man nicht.
Lernen finde nie im „luftleeren Raum“ statt – wäre auch schlecht für die Atmung…
Warum buchen die Leute überhaupt einen Tangokurs? Viele vielleicht nur, um es mal auszuprobieren – und sind oft schnell wieder weg. Aber auch, wer länger bleibt, tut es häufig einfach wegen der Gemeinschaft, mit der man immer vertrauter wird. Halt der „Vereinsabend jeden Mittwoch“. Auf die Kursinhalte, so meine langjährige persönliche Erfahrung, kommt es weniger an. Meist sind es halt irgendwelche „Figuren“ die man brav nachtanzt und hinterher bald wieder vergisst.
Mich erinnert das an manche Amateur-Chöre, wo auch das „gesellige Beisammensein“ wichtiger ist als die Musik. Gesungen wird oft erst – besoffen – auf dem Heimweg.
Der Autor verbreitet sich länglich über das „kulturelle Umfeld“ im einstigen Buenos Aires, das zwangsläufig mit Tango verknüpft war. Nun gut, der Einfluss dieser Sozialisation war phasenweise groß – aber auch heute gibt es genug Leute, die von einem Encuentro zum nächsten Festival reisen. Da spielt der Tango schon auch eine sehr große Rolle. Nur – was hat das mit dem Unterricht zu tun? Meint Wendel, zwei Tangostunden pro Woche könnten viel ändern? Vor allem, wenn man nach dem Kurs lieber heimfährt als auf der nachfolgenden Milonga zu tanzen?
Eines stimmt allerdings: Man musste nicht „bei Null anfangen“. Das lag aber an der generell viel stärkeren Bedeutung der Gesellschaftstänze in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Dieser Einfluss ist heute nicht mehr reproduzierbar. Auch nicht durch einen wöchentlichen Kurs.
Ein Tangolehrer liefere „wenigstens eine „optische Orientierung“. Gut, das kann ein YouTube-Video auch. Man kann es sogar öfter oder in Zeitlupe betrachten – kostenlos. Und ich plädiere nicht für eine „Selbsterfahrungsgruppe“, sondern für eine, in der Erfahrungen ausgetauscht und weitergegeben werden. Wo man miteinander übt.
Ich will diesem Berufsstand ja nicht seine Daseinsberechtigung absprechen – wenn man denn wenigstens ordentliche Arbeit abliefern würde. Nach meiner festen (und auch praktisch erprobten) Überzeugung lernt man Tango am besten im Eins-zu-eins-Kontakt. Warum die Herrschaften dann nicht mit ihren Schülerinnen und Schülern tanzen, habe ich schon dutzendfach gefragt – aber noch nie eine halbwegs plausible Antwort erhalten.
Kein Artikel, in dem Wendel nicht die „sehr, sehr vollen Tangopisten“ exhumiert – diesmal sogar in doppelter Steigerung. Da schlage ich doch vor, pro Fußballmannschaft nicht 11, sondern mindestens 110 Spieler zuzulassen – auf gedrängtem Rasen und der weiten Ronda des Stadions...
Ich plädiere keineswegs für ein „lehrloses Tango-Lernen“. Es ist nur die Frage, wie und woran man lernt. Es muss keine Anarchie ausbrechen, wenn es an einer dominanten Zentralfigur fehlt.
Aber wir unterschätzen wohl alle den sozialen Erlebniswert. Viele besuchen Tangoveranstaltungen als Ort des Sehens und Gesehenwerdens, als Treffen mit Leuten, die man schon lange kennt, wegen des Prestiges, einen solch hehren Tanz mit der wundersamen Umarmung zu pflegen, des Wissens um die Regeln und Gepflogenheiten. Tanzen ist eher Nebensache.
Da kann der Tangounterricht auch nicht mehr viel ruinieren.
P.S. Einen Satz gegen Ende von Wendels Text fand ich interessant: „Auf Wunsch ziehe ich dir jetzt noch eine zweite, noch bissigere Fassung des Schlusskapitels ein, damit der Text am Ende mit mehr Nachdruck schließt.“
Ui, war das die Botschaft an den Lektor?
Quelle: https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-50-teil/
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