Vom gefährlichsten Partner im Tango

Derzeit scheinen sexuelle Belästigungen und Zwänge im Tango ein willkommenes Thema zu sein. Und selbst Kollege Wendel lässt sich nun von der „Erotik im Tango“ zu einem Artikel inspirieren:

https://www.tangocompas.co/ueber-erotik-im-tango/

Was wieder einmal übersehen wird: Der gefährlichste Ort für eine Frau ist die eigene Wohnung, sofern dort der (Ex)Partner noch Zutritt hat. Und die schlimmste Art des sexuellen Zwanges ist der Paarzwang.

Da fiel mir ein, dass ich mich vor vielen Jahren dazu schon in meinem Tangobuch geäußert habe. Nachdem ich mein Werk bislang vor einer wirklichen Verbrennung retten konnte, biete ich heute einen Text daraus an, der mir immer noch gefällt.

Also – wer’s noch nicht kennt oder sich nicht mehr erinnert: Viel Spaß!  

Tango im Paarzwang

Paare, die aus Freude an der musikalischen Bewegung Tango lernen, haben eine realistische Chance, diese Unternehmung ohne Schaden für ihre Zweisamkeit zu überstehen – umso mehr, je stärker sie sich nach außen öffnen und mit anderen Partnern üben. Wegen der ganzen „Auffordereigesetze“ fällt dies Männern am Anfang leichter als Frauen – aber, wie Karin und ich aus eigener Erfahrung wissen: Mit der Zeit klappt beides immer besser. Man hat sich allerdings darauf einzustellen, den eigenen Partner fallweise mit einem/einer Wildfremden noch viel entrückter über das Parkett schweben zu sehen, als man das selber jemals hinbekommen hat. 

Beate Berger findet in ihrem wunderbaren Buch „Wenn die ganze Welt sich um uns dreht“ hierfür die richtigen kölschen Worte: „Man muss och jünne künne“.

An diesem Punkt zeigt es sich dann endgültig, ob die eigene Partnerschaft eine „Spaßverhinderungsgemeinschaft“ darstellt, in welcher der eine sorgsam darauf achtet, dass der andere zu ja nicht mehr Vergnügen kommt als er selber – oder man halt dem Partner ein Maximum an Glück gönnt und auf „Kollateralschäden“ nicht allzu zimperlich reagiert. Aus eigenem Erleben weiß ich: Toleranz lohnt sich letztlich für beide!

Je länger ich mich in der Tangoszene bewege, desto größer erscheint mir der Einfluss heftigster Eifersucht – erstaunlicherweise gerade bei Paaren, die anfangs besonders „locker und cool“ daherkamen. So hörten wir von Zweierbeziehungen, welche die Vereinbarung eint, höchstens jeden zweiten Tanz mit einem „externen“ Partner zu vollführen. Nur: Woher soll ich dann noch wissen, ob mein Partner mich auffordert, weil er wirklich mit mir tanzen will oder lediglich dem „Gesetz der Serie“ gehorcht? Eine groteske, weil selbst konstruierte Falle! 

Ich bin jedoch immer wieder entsetzt, wie viele offenbar langjährig verbundene Paare es gibt, die auf dem Parkett ein eklatantes physisches Unverständnis füreinander zeigen (weitergehende erotische Kontakte zwischen den beiden mag man sich gar nicht vorstellen…). Hier beweist es sich, dass die Körpersprache viel ehrlicher ist als andere Kommunikationsformen. Man kann im Alltag Diskrepanzen ausklammern, Kompromisse schließen und Frustrationen wegstecken – auf der Tanzfläche holt einen all das wieder ein, spürt man die Verspannungen und Blockaden.

Gerade solche zwanghaften Zweierbeziehungen suchen sich meistens einen Tanzunterricht, der ihnen strenge Regeln und Gesetzmäßigkeiten vorgibt, orientieren sich an Begriffen wie „falsch“ oder „richtig“, um dann über dieses selbst gestellte Hindernis zu stolpern: Wenn es nicht funktioniert, muss ja zwangsläufig einer von ihnen einen „Fehler“ begangen haben! Das sind die Paare, die im Unterricht und bei Practicas (schlimmstenfalls sogar auf Milongas!) ständig den Tanz unterbrechen, um verbissen eine bestimmte Figur immer wieder zu probieren, die mehr diskutieren als sich bewegen. Es fällt mir oft schwer, bei einem solchen Anblick ruhig zu bleiben und die Unglücklichen nicht entweder zu fremden Tanzpartnern oder zum Beziehungstherapeuten zu schicken!

Und leider nimmt diese Population durch den momentanen Rückfall des Tango in die 1940-er Jahre immer mehr zu!

Wenn die sozialen Umstände stabil genug sind („Ehepaartanzkreis“), so kann sich die Malaise zur Dauerkrise stabilisieren, vor allem, falls es sich um routiniertere Tänzer handelt. Wählt ein solches Paar aber den Tango argentino als „Einstiegsdroge“, so sind die Aussichten, wie bereits angedeutet, mehr als trübe: Der Mann verrennt sich in die Rolle des „führen Müssenden“, die er natürlich mangels Choreografie kaum ausfüllen kann. Statt einander fühlen zu lernen („igitt…“), wird hier die Grundlage des sattsam bekannten Ziehens und Zerrens über die starken männlichen Schultern gelegt. Im günstigsten Fall tanzt man dann halt eine gemeinsam eingepaukte Schrittfolge herunter. 

Früher oder später schlägt das Schicksal in Form eines guten Tänzers zu, mit dem die Frau dann, da er wirklich führen (lies: fühlen) kann und möchte, unglaubliche Tangos tanzt. Groß ist nachher die Empörung über die „zickige“ Partnerin, die einem Fremden so willfährig gehorcht, dem eigenen Ehemann jedoch nicht! Einen Befreiungsschlag in die Gegenrichtung wagt der Arme freilich kaum, da er düster ahnt, dass er einer guten Tänzerin kaum etwas Vergleichbares zu bieten hätte. Statt es dennoch zu probieren (was durchaus klappen könnte – Frauen vermögen auch Männer gut aussehen zu lassen) oder die Schieflage als Durchgangsstation zum Tango zu akzeptieren, beginnt nun ein millimeterweiser Rückzug des männlichen Parts: Immer öfter hat er am Tag des Kurses einen wichtigen Termin, auch medizinische Probleme, zumal am hinteren Geläuf, werden gerne genommen. Hilft das alles nichts, so kommen noch einige mittlere Eifersuchtsanfälle dazu, und der Partnerin ist das Tanzen endgültig verleidet! (…)

Merke: Die Ehe ist diejenige Einrichtung, bei welcher der Mann auf die Hälfte seiner Nahrung verzichtet im Vertrauen darauf, dass ihm die andere Hälfte gekocht wird – vom Tango war da nie die Rede! 

Quelle: „Der noch größere Milonga-Führer“, 2. Auflage 2016, S. 136-139

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