Der Pulverdampf vergangener Schlachten

 

Kürzlich stieß ich auf der Facebook-Seite des Bloggers Cassiel auf einen Post, der immerhin acht Jahre alt ist. Ich hatte ihn wohl damals überlesen – oder inzwischen vergessen.

Dort wird zu einem Artikel der FAZ mit dem Titel „Hass im Netz – Ich bin der Troll“ verlinkt, in dem ein realer Zeitgenosse proträtiert wird, der täglich stundenlang Hetze im Internet verbreitet. Schon damals ließen deshalb etliche Nachrichten-Portale keine Kommentare mehr zu.

Zur Erinnerung: Schon zu dieser Zeit habe ich laufend mein Unverständnis darüber geäußert, dass gewisse Blogger unter Pseudonym namentlich bekannte Personen angreifen durften. In der Tangoszene jedoch hatte man damals jedoch viel Verständnis für derart namenlose Attacken.

Bald jedoch ging es in den Kommentaren nicht mehr um den obigen Zeitungsartikel. Insbesondere den Berliner Thomas Kröter gelüstete es, seine Meinung über mich und den pseudonymen Blogger kundzutun:

„Die Welt, die sich da (im Journalismus) und in dem Faz-Artikel auftut, ist das eine oder andere Lichtjahr von den Debatten im Tangouniversum entfernt, die ich wahrnehme (aber vielleicht ist das ‚Schlimmste‘ ja bereits gelöscht, lieber C). Obermilongaführergrantler Gerhard R. mag ein in die eigenen Pointen verliebter Oberstudienrat a. D. sein – aber was der so schimpft, bekäme von mir ich immer eine Antwort. Total unanonym, versteht sich.“

„Als jemand, der vergleichsweise neu ist in der Szene und ums Verrecken keiner der beiden Schulen angehören möchte, versuch ich mal, die Fronten, bezogen auf die beiden Heerführer, zu entschlüsseln:

Hier Cassiel traditionale, der tränenreiche Engel der Einsamkeit (…) und dort der ruppige Gerhard R., der es irgendwie moderner haben möchte, Cabeceo doof findet und überhaupt... Ich weiß nicht, was die beiden juristisch miteinander ausfechten. Ich weiß auch nicht, wer was von wem gelöscht hat. Ich weiß allerdings: Ich konnte bei C. posten, bei G. nicht.

Ich nehme wahr, dass St. Cass Widerspruch nur ertragen kann, wenn er in einen dicken Wattebausch verpackt ist und mit einer Verbeugung vor seinen unsterblichen Verdiensten um den goldigen Edo-Tango dargebracht wird. Ich nehme außerdem wahr, dass Gerhard R. zwar gern draufhaut, aber einstecken nicht so seine Sache ist.

Auch wenns die beiden Jungs wahrscheinlich nicht gern lesen: In ihrem dogmatischen Absolutheitsanspruch sind sie sowas von eine Bande – da hilft es auch nichts, wenn sie nicht einmal den Namen des jeweils anderen in ihre Tasten lassen. In einem Punkt bin ich allerdings eher beim bayerischen Grantler: Wer sich und seine empfindliche Seele ohnehin durch die Tarnkappe eines Pseudonyms schützt, der sollte mit Vorschriften über die angemessen kinderstubige Auseinandersetzung mit ihm eher zurückhaltend sein.“

Nun gut, ich muss mit Kröters Einschätzung, dass links gleich rechts und oben dasselbe wie unten ist, leben. Was ich allerdings sehr unfair finde: Falsche Gerüchte über mich zu verbreiten. Es ist unwahr, dass Herr Kröter auf meinem Blog nicht kommentieren konnte – er hat es dann ja auch mehrfach getan. Weiterhin gab es nie juristische Auseinandersetzungen zwischen Cassiel und mir – und auch keine Löschungen. Man setzt damit Geschichten in die Welt, die im Laufe der Jahre immer wieder nachgeplappert wurden.

Selbst Cassiel hat dann einiges korrigiert:   

„Ich habe doch auch in den ersten Jahren meines Tangos den bewegungsfokussierten Tango erlernt - inklusive der sog. ‚musikalischen Vielfalt‘. Irgendwann hat mir das nicht mehr gereicht, und ich habe mich intensiv mit der traditionellen Musik beschäftigt. Für mich ist das der Tango Argentino, aber ich kann sehr gut damit leben, wenn andere Menschen es anders sehen. Wenn Du einmal meine letzten Beiträge so durchliest, dann wirst Du feststellen, dass ich immer über ‚meinen‘ Tango geschrieben habe – Verallgemeinerungen sind dann häufig von dritter Seite hinzugefügt worden. Dafür (so finde ich jedenfalls) kann man mich nicht verantwortlich machen.

Zur Klarstellung: Ich habe von Gerhard keine juristische Auseinandersetzung angedroht bekommen, das war ein anderer Zeitgenosse. (…) Und Du hast Recht, in dem Kontext habe ich mehrere Beiträge gelöscht (was ich sonst eigentlich nicht mache).

Und zum Thema Wattebausch: Ich ertrage durchaus Widerspruch oder andere Meinung, ich freue mich allerdings über ein Mindestmaß an ‚guter Kinderstube‘ und elementaren Argumentationstechniken. Ich werde dann schärfer, wenn sich Kommentare in meinem Blog auf das bloße ‚Hinterlassen von kontroversen Allgemeinplätzen‘ beschränken.

Mit dem Begriff ‚dogmatischer Absolutheitsanspruch‘ kann ich nur sehr wenig anfangen. Da vermischst Du vielleicht Äußerungen von mir und Äußerungen Dritter über mich. Ja, ich führe ein persönliches Blog über meinen Tangobegriff und zufällig habe ich ein paar Leserinnen und Leser, die das vielleicht sogar weitertragen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich etwas verabsolutiert hätte. Das siehst Du vielleicht zu wenig differenziert. Ich habe es x-mal geschrieben, wenn andere einen anderen Tangobegriff haben, dann sollen sie gerne entsprechende Veranstaltungen organisieren (so wie ich auch Veranstaltungen gemäß meinen Vorstellungen organisiere). Das ist doch ganz normal.“

Thomas Kröter dazu:

„Ein Wort noch zu deiner Bewertung der Argumentationsweise deiner Mitdiskutanten: ‚Allgemeinplätze‘, ‚zu wenig differenziert‘ - wer legt das fest? Du. Ich mag nicht von ‚Kinderstube‘ sprechen. Das ist die Ausdruckswelt meiner Großmutter. Aber wenn deine Kategorisierung von Argumenten mit einem ‚meiner Ansicht nach‘ versehen wäre, käme sie mir weniger ‚dogmatisch‘ vor.“

Cassiels Antwort:

„Ich finde es vollkommen in Ordnung, wenn es eine Gruppe im Tango gibt, die die Erfahrung gemacht haben, dass sie lieber zu den traditionellen Stücken tanzen. Und darüber blogge ich. Es gibt keinen Absolutheits-, Allgemeingültigkeits- oder sonst wie gearteten Anspruch.

Nun regen sich manche Menschen darüber auf, dass ich über meinen persönlichen Tangobegriff schreibe und gehen da sofort mit der verbalen Blutgrätsche rein; dagegen wehre ich mich. Und es ist übrigens ähnlich wie in der Milonga: Ein paar Störenfriede beeinträchtigen das empfindliche Sozialgefüge.

Ich habe mich in meinem letzten Beitrag wohl nicht differenziert genug ausgedrückt: Natürlich meinte ich nur ausgesuchte Zeitgenossen, die mir zu wenig differenziert‘ hauptsächlich in Allgemeinplätzen' ihre Meinung vehement hinausposaunen. Klar bewerte ich da das Diskussionsverhalten, aber ist das so schlimm? Du schreibst ja auch von ‚Edodogmatikern‘.

Zum Abschluss vielleicht noch einmal meine direkte Frage: Warum beeinträchtigt es Dich, wenn eine Gruppe im Tango Argentino ausschließlich zu traditioneller Musik tanzt? Warum stört es Dich, wenn ich darüber schreibe? Was bedroht denn dadurch Dich oder Deinen Tango? Ich kann sehr gut damit leben, wenn Vertreter eines bewegungsfokussierteren Tangos Veranstaltungen gemäß ihren Präferenzen organisieren. Das kann doch alles sehr friedlich nebeneinander existieren.“

Thomas Kröter:

„Lieber Cassiel, mit der Mitteilung ‚das ist aber mein persönlicher Begriff von...‘ lässt sich jede Position gegen widerstreitende Argumente imprägnieren. Dann erübrigt sich jede Diskussion. In meiner katholischen Jugend nannte man das ‚Verkündigung‘ – und schon sind wir wieder (ich kanns nicht ändern) bei meinem Eindruck von Dogmatismus.

Eine kleine Korrektur noch: Ich hab hier geschrieben, ich hätte beim Grantler Gerhard nicht posten können. Stimmt nicht. Ich konnte. Hab's nur nicht gefunden, weil man dort nicht an der Zahl hinter ‚Kommentare‘ sehen kann, dass es welche gibt. Ansonsten: Nun ja, die satirisch gemeinten Beiträge in seinem Blog find ich zwar meist nicht witzig, aber immerhin teilweise interessant. Nachdem ich aber den Ton in der Kommentarspalte genießen durfte, kann ich Cassiels Empfindlichkeit zumindest ansatzweise verstehen. Das muss ich mir nicht antun.“

Was Kröter eine „kleine Korrektur“ wert ist, wäre mir saupeinlich gewesen: solche Falschinformationen zu veröffentlichen. Ich hätte mich dafür entschuldigt. Stattdessen setzt er ein neues Gerücht in die Welt: Den „Ton“ in meiner Kommentarspalte – was immer er damit meint.

Fazit:

Ich habe mich damals an solchen Debatten nicht beteiligt, da ich es ablehne, die Seiten anonymer Hetzer noch aufzuwerten. Und bei Cassiels Bekenntnis, er wolle ja nur „für seinen Tango werben“, muss man gute Nerven haben.

Wie gesagt: Wenn andere mich mit Cassiel gleichsetzen, muss ich das ertragen. Ich darf allerdings nach wie vor auf ein paar kleine Unterschiede hinweisen:

Ich veröffentliche meine Texte weiterhin mit vollem Namen und Impressum. Cassiel tut das nicht.

Ich lasse auf meinem Blog und auf meinen Facebook-Seiten keine Herabsetzungen anderer Personen zu. Dafür bin ich oft genug gescholten worden. Cassiel hingegen hat auf seinem Blog keinen einzigen Kommentar gelöscht, in dem ich beleidigt und herabgesetzt wurde. Und keine einzige Unwahrheit über mich gelöscht.

Ich habe im Tango stets und unideologisch für Vielfalt geworben, Cassiel ausschließlich für seinen sehr verengten Tangobegriff. Ich habe nie behauptet, in unserem Tanz müsse es so und nicht anders zugehen. Cassiel hingegen hat sich sogar zur Forderung verstiegen, Menschen mit anderer Auffassung von Milongas zu verweisen – und mir auch ein Hausverbot erteilt.

Da nun wahrscheinlich die Frage kommt, warum ich solch „alten Käse“ wieder aufwärme: Gerüchte und Unterstellungen dieser Art schaden meinem Blog bis heute. Und daher nehme ich jede Gelegenheit wahr, auf die Ursachen solchen Blödsinns hinzuweisen.

Und da kann ich sehr kriegerisch werden!   

Foto: www.tangofish.de

Quelle: https://www.facebook.com/cassiel.tangoblogger

(Die Zitate wurden so weit korrigiert, dass ein flüssiges Lesen möglich wird.)

Kommentare

  1. Können Sie mir erklären, welcher Schaden bis heute entstanden ist? Ich kann keinen erkennen.
    Ulf Dieter Hoffmann

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    1. Lieber Herr Hoffmann,

      der Schaden für mein Blog besteht darin, dass bis heute immer wieder unzutreffende Gerüchte nachgeplappert werden, z.B.:

      Auf meinem Blog dürfe man nicht kommentieren bzw. es würden nur zustimmende Beiträge veröffentlicht. Oder es gäbe so gut wie keine Leserzuschriften.
      Ich würde ebenso persönlich beleidigende Beiträge veröffentlichen wie sie bis heute auf Cassiels Blog stehen.
      Ich würde falsch bzw. unerlaubt zitieren.

      Die im Artikel behandelte Quelle ist natürlich nur eine unter vielen.

      Aber klar, wer solche Zusammenhänge nicht erkennen möchte, wird sie auch nicht mitkriegen.

      Danke für die Anfrage und beste Grüße
      Gerhard Riedl

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  2. Guten Morgen Gerhard, Du hast schon oft geschrieben, welchen Nutzen die damaligen Dispute für Dein Blog gehabt haben. Also warum würgst Du die ollen Kamellen wieder und wieder hoch?

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    1. Hallo Martin,

      die Frage finde ich ziemlich amüsant, wenn sie jemand stellt, der begeistert olle Kamellen der 1940-er Jahre auflegt...

      Man sollte da schon differenzieren: Mein Buch und auch das Blog wurden durch das Geschimpfe und die Unterstellungen auf jeden Fall bekannter.

      Andererseits sind meine Texte aber nach wie vor mit dem Ruch des Unseriösen, ja Unerlaubten behaftet. Es hat mich unglaublich viel Aufwand gekostet, solche Gerüchte Mal für Mal zu widerlegen. Und ich muss es weiter tun. Der erste Kommentar oben zeigt es.

      Daher nehme ich jede Gelegenheit wahr, die Quellen solcher Gerüchte zu entlarven.

      Gruß
      Gerhard

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  3. Cassiel wurde auf seinem Blog am 9.9.22 – natürlich anonym – auf meinen Artikel angesprochen:

    „Der Riedel schon wieder! Hast Du es gesehen? Schreibst Du nichts dazu?
    http://milongafuehrer.blogspot.com/2022/09/der-pulverdampf-vergangener-schlachten.html“

    Seine Antwort:
    „Jetzt habe ich den Artikel bei Gerhard gelesen (der übrigens mit Familiennamen Riedl heißt). Inzwischen habe ich den Text gelesen und nein, ich möchte dazu nicht schreiben. Ich habe gerade nachgesehen und festgestellt, dass die von Gerhard beschriebene Episode 8 Jahre zurück liegt. Irgendwann ist es dann auch gut.“
    https://tangoplauderei.blogspot.com/2022/07/DJing-im-Tango-Kunst-oder-Handwerk.html

    Ich finde, gut ist da gar nichts. Wenn der Herr nicht mehr dazu steht, könnte er es ja auch löschen. So kann man es halt immer noch bei FB nachlesen.

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