Stufenweise zum Tango-Erfolg

Da mir immer wieder unterstellt wird, ich tanze – wenn überhaupt – nur sehr schlecht Tango, hat mich einmal die folgende Frage interessiert:

Sollte ich mich (rein theoretisch) zu einem Tangokurs anmelden – in welche Leistungsstufe wäre ich einzuordnen?

Nach einer umfangreichen Recherche kann ich feststellen: Das wird in den Augen Tangolehrender sehr unterschiedlich beurteilt, so sie dazu überhaupt Aussagen treffen. In vielen Tanzschulen geht man davon aus, dass die Schülerinnen und Schüler die Kursstufen hintereinander beim gleichen Institut absolvieren – dann ist man halt nach Besuch des Grundkurses reif für die Mittelstufe und so weiter.

Relativ konkret wird dies im Angebot einer Tangoschule formuliert:

Je nach persönlicher Neigung bzw. Intensität werden die Einsteiger- und die Grundstufe insgesamt nach ca. einem Jahr, die Mittelstufe und die Oberstufe jeweils nach ca. zwei bis drei Jahren abgeschlossen. Um die Meisterklasse abzuschließen, benötigt man weitere zwei Jahre.“

https://www.tangoschule-regensburg.de/kursausbildung.php

Huch – ich tanze nun seit fast 23 Jahren Tango! Habe ich dann schon die Meisterklasse hinter mich gebracht? Nein: Diese wird laut Beschreibung mit einer Prüfung abgeschlossen. Und die würde ich mit Sicherheit nicht machen!

Der Tangolehrer Klaus Wendel – und wen könnte man als Autorität bezeichnen, wenn nicht ihn – differenziert noch deutlicher:

„Anfänger mit Vorkenntnissen“ (die zweite Kursstufe) sollten „mindestens einen mehrwöchigen Tangokurs belegt haben“ – natürlich in einer „anerkannten Tangoschule“ (zum Beispiel seiner).

Für die „Mittelstufe 1“ benötigt man ein halbes Jahr Unterricht (in einer anerkannten… Sie wissen schon) sowie ein Vierteljahr freies Tanzen auf den Milongas.

Für die „Mittelstufe 2“ sollten es dann schon 1,5 bis 3 Jahre Beschulung plus ein halbes Jahr Praxis auf gefüllten (!) Tanzflächen sein. Und bitte in enger Umarmung! Weiterhin Grundkenntnisse von parallelem oder gekreuztem Schrittsystem, einfachen ‚cortes' und ‚giros' (Drehungen)“. „Cortes“ sind übrigens „Schnitte“ – also plötzliche Stopps.

„Fortgeschrittene und Aficionados“ sollten 2-3 Jahre Tanzpraxis mitbringen, natürlich auch flüssiges Tanzen zu allen Tangorhythmen. „Technisch setzen wir Grundkenntnisse von Kurslevel Mittelstufe 2: Ganchos, Sacadas, Boleos, Barridas, Giros, Volcadas, Colgadas, sowie die enge Tanzhaltung voraus.“

https://www.tango-sencillo.de/kurs-und-workshop-kalender

Tja, auch das verunsichert mich wieder: Das meiste hätte ich wohl zu bieten – nur kann mich keiner vom pausenlosen Aneinanderpappen überzeugen. Zudem würde es den Leuten, welche mir Tango beigebracht haben, sicherlich an der „Anerkennung“ mangeln. Auf der Wendel-Treppe würde ich daher wohl irgendwo in der Mitte landen.

Noch heftiger geht es in Berlin her! Das alles muss man können, um das „Einsteiger“-Niveau hinter sich lassen zu können.

„Offene und enge Tanzhaltung, Verbindung im Paar, Projektion, Impuls und Reaktion, Gehen in der Umarmung (Caminar), paralleles und gekreuztes System, Wiege (Cunita), Dissoziation, Pivot und Ocho, das Kreuz.
Tangoetiquette im Salon und auf der Tanzfläche (Mirada, Cabeceo, Tanda, Cortina, Ronda etc.), offene und enge Tanzhaltung (Abrazo), Ocho Cortado, Parada und Sandwich, Milonga“

http://www.tango-in-steglitz.de/unterricht.html

Ich fürchte, da würde ich an der „Tangoetiquette“ scheitern und daher nie dem Anfänger-Niveau entwachsen!

Bei einem Tanzsportclub mit Tango argentino-Unterricht müsste man folgendes können, um ins „Einsteiger 2“-Level aufzurücken:

Gehen, Tanzrichtung, Übungshaltung, Umarmung, Aufforderung, Vorwärts-/Rückwärtsochos“

„Aufsteiger“ wird man mit diesen Voraussetzungen: „Gehen mit Verdoppelung und Stopps, Mulinete (heißt das nicht „Molinete“?), ein Lied von Di Sarli im Rhythmus tanzen“.

Zur Mittelstufe zugelassen wird man mit: „Erkennbare Dissoziation in Bewegungsabläufen, Beherrschung der eigenen Achse, Mulinete rechts und linksherum mit gleichem Abstand zum Herrn, Ocho Cortado, einfache Sacadas und Ganchos, ein Lied mit Unterscheidung von Rhythmus und Melodie tanzen, Tanzpraxis in Praktika und Milongas.“

Den Kurs für „Fortgeschrittene“ darf man mit diesen Fertigkeiten belegen: „Barrida, Boleo, Volcada, Herren- und Damensacada führen, einen Tango/Vals/Milonga differenziert tanzen können, Schlussposen zeitlich passend einsetzen, grundlegende Tangobegriffe kennen, Bereitschaft zu Auftritten“.

https://www.tsz-freising.de/index.php/tanzen/gruppen/186-tango-argentino

Nö, also Auftritte schon mal gar nicht! Ich habe mich in diversen Tanzsportclubs schon mit Knickerbockern und Strohhut auf der Birne mit Tanzshows zu „Alten Tänzen“ zum Affen machen lassen! Und jetzt mit 71 Jahren? Vergesst es!

Und klar – „ein Stück von Di Sarli im Rhythmus tanzen“ würde ich gerade noch hinkriegen. Ich mag aber nicht! Zu diesen Kurs-Endlosschleifen könnt ihr selber tanzen, gell? 

So sehen wir denn betroffen den Kurs zu Ende und alle Frage offen! Auch hier stelle ich wieder einmal fest: Ein chaotisches System wie den Tango kann man nicht in Schubladen zwängen.

Klar liegt die Vermutung nahe, jemand mit etlichen Jahren Tanzerfahrung müsste den unteren Niveaus längst entwachsen sein. Oder Leute, welche schon eine Menge Kurse und „Workshops“ hinter sich haben. Sicher ist das jedoch keineswegs. Ich kenne haufenweise Tangueros und Tangueras, welche seit Jahren auf der Stelle treten – und das kann man wörtlich nehmen.

Eine Evolution kann nur vorangehen, wenn Selektionsfaktoren wirken. Die Musik kann es auf vielen Milongas – und erst recht in den Kursen – nicht sein. Die lädt ja geradezu ein, im Grundrhythmus einher zu tappen. Und die Tanzpartner fordern einander auch nicht gerade: Viele Frauen sind vor allem daran interessiert, bewegt zu werden – und lassen sich im Gegenzug von den Herren ein wenig begriffeln. Und die Tangolehrenden wirken zumindest auf den Milongas kaum als Vorbild: Da tanzen sie eh nur selten.

Dass man Leistungsniveaus gar an den gelernten Grundbewegungen festmacht, ist die nächsthöhere Stufe des Wahnsinns – und wirft einen bezeichnenden Blick auf die Struktur vieler Kurse: Trotz aller Beteuerungen zu Technik und Musikalität läuft es im Endeffekt oft genug auf das „Schritteklopfen“ hinaus.

Was sagt es denn über das Können aus, wenn jemand einen Gancho oder eine Volcada kann – wenn dieses Rumgeturne an der Musik vorbeigeht und vorwiegend Scheiße aussieht? Hat das irgendwas mit der Zutrittsberechtigung zur nächsthöheren Kursstufe zu tun? Andererseits kann man mit einigen simplen Basics die Musik so wunderschön und sensibel vertanzen, dass man ohne Weiteres zur „Meisterklasse“ gehört.

Ich meine, zur Beurteilung des Könnens eines Paars ist höchstens ein durch viel Erfahrung geschulter Blick geeignet. Und selbst da dürften die Ansichten je nach eigenem Tanzstil und persönlichen Schwerpunkten weit auseinander gehen. Selber muss ich lediglich ein paar Gehschritte und zwei Rückwärtsochos einer Tanguera sehen, um zu wissen, ob ich sie unbedingt einmal auffordern möchte. Und ich habe mich selten getäuscht!

Aber muss man solch komische Einteilungen wirklich vornehmen? Ich meine: nein. Mein Vorschlag war immer schon, Paare mit unterschiedlicher Tanzerfahrung miteinander üben zu lassen. So ergäben sich Lernerfahrungen im gegenseitigen Kontakt, ohne dass man wieder mal irgendeine „Figur“ in den Mittelpunkt stellt, welche manche sofort in ihr Programm aufnehmen, mit der sich aber andere endlos abplagen, da sie (noch) nicht in ihr Bewegungsgefühl passt.

Leider werden solche „Multi Level-Kurse“ meist nur angeboten, wenn die Schülerzahl zu einer Differenzierung nicht ausreicht. Man sollte dies als Chance begreifen!

Tja, bin ich nun fortgeschrittener Anfänger, Middle Class Tänzer oder habe ich Anspruch auf höhere Weihen? Ehrlich gesagt ist mir das schnurzegal. Nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern auch im Tango gilt für mich ein Wort des Physikers und Kabarettisten Vince Ebert:

„Wir irren uns nach oben.“

Und zu einer solchen „Masterclass“ möchte ich eh nicht gehören:


https://www.youtube.com/watch?v=Tc2BtCZpvgs

Kommentare

  1. > Ein chaotisches System wie den Tango kann man nicht in Schubladen zwängen.

    Was für ein Unsinn! Aus der Tatsache, dass (zugegebenermaßen) meistens chaotisch und unstrukturiert "unterrichtet" wird, sollte man nicht schließen, dass es nicht auch anders geht. Und wenn Inhalte in eine in sich stimmige Abfolge gebracht werden, werden sie deshalb nicht gleich "in Schubladen gezwängt": https://jochenlueders.de/?p=15759

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    1. Lieber Jochen Lüders,

      es ist ja verdienstvoll, wenn Sie nun auf Ihrem Blog einen "Tango-Lehrplan" veröffentlichen. Liegt ja für uns Pädagogen auch nahe.

      Ich hoffe, Sie werden den auch in der Praxis erproben und anschließend darüber berichten!

      Ein wenig problematisch finde ich es, wenn Sie mich hier zu Werbezwecken für einen Artikel anranzen, der mit dem Thema höchstens indirekt zu tun hat.

      Dabei hätte eine Nachricht über die Veröffentlichung durchaus gereicht. Selbstverständlich wäre ich bereit gewesen, Ihr Werk hier zu besprechen.

      Beste Grüße
      Gerhard Riedl

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