Im Rosenkranz der Rechtgläubigen

 „Der Rosenkranz hat als Zählhilfe 59 Perlen oder Knoten, die auf einer Schnur aufgereiht oder mittels Kettengliedern verbunden sind. Die Eröffnung des Rosenkranzgebetes wird an einer am Kranz befestigten Kette mit einem Kreuz und drei kleinen Perlen gebetet, die von zwei großen Perlen gerahmt sind. Darauf folgen auf dem Kranz fünfmal zehn kleinere Kugeln (für die Ave Maria) und eine davon abgesetzte große (für das Vaterunser und Ehre sei dem Vater). Ein Vaterunser, zehn Ave Maria und ein Ehre sei dem Vater bilden ein Gesätz.

https://de.wikipedia.org/wiki/Rosenkranz

In der letzten Zeit hatte ich zwei Milonga-Erlebnisse, die mir nicht aus dem Kopf gehen. Es waren Veranstaltungen mit rein traditioneller Musik – eigentlich für mich nichts Neues, da ich solche Events schon sehr oft besucht habe. Warum? Nun, wenn man in unserer Region öfter als alle 14 Tage tanzen gehen möchte, ist das unvermeidlich.

Ich kenne dann das Gefühl, wenn ich ein Musikprogramm höre, in dem es kaum eine Aufnahme gibt, zu welcher ich nicht schon hunderte Male getanzt habe. Es ist halt gepflegt langweilig – und nach höchstens zwei Stunden ist mein Toleranz-Vorrat meist aufgebraucht, also Heimfahrt angesagt.

Was ja nicht heißt, dass dabei positive Erlebnisse völlig ausbleiben. Man trifft dabei immer wieder nette Menschen und hat einige Tänze, die einen zwar nicht euphorisch machen, aber durchaus schön gestaltet werden können. Und nicht jede der gebotenen Aufnahmen ist so ausgelutscht, dass man am liebsten weinend aus dem Saal rennen möchte.

Damit verfüge ich über Erfahrungen, welche den meisten Anhängern des konservativen Tango fehlen. Die lassen sich nämlich überhaupt nicht darauf ein, mal die eine oder andere Tanda zu nicht angestaubter Musik zu tanzen. Nein: Die gehen sofort, wenn sie nicht eh solche Veranstaltungen meiden. Sie haben ja Auswahl genug.

Die beiden Events, um die es mir geht, hatten aber ein zusätzliches Gepräge, das sich schwer beschreiben lässt. Ich erlebte den Einmarsch einer Personengruppe, welcher die ganze Stimmung veränderte. Anscheinend kannten sich die Betreffenden von vielen Tanzabenden, was bei der Begrüßung zu heftigen und langwierigen Umarmungen führte. Als nicht Betroffener muss man dann halt ein wenig vor der Tür warten, bis das gegenseitige Abgeschlecke zur Neige geht.

Ein weiteres äußeres Merkmal: Die Herren bestachen in der Regel durch schicke, öfters gestreifte Bundfaltenhosen, modische, gerne geblümte Hemden sowie hochelegante Tangoschleicher. Der weibliche Dresscode: Kleid, Rock oder Satinhose – und selbstredend High Heels.

Das war es aber nicht allein. Es breitete sich plötzlich eine Stimmung aus, die mich an ein religiöses Zeremoniell erinnerte: Um mich herum und erst recht auf dem Parkett erlebte ich Menschen, welche von höheren Weihen gesegnet waren – durchdrungene, wissende Blicke, andächtige Augenaufschläge. Und selbstverständlich kein Blick für unbedeutende Andersgläubige oder gar Gottlose.

Der Andrang war an beiden Tagen riesig. Kein Zweifel: Wenn man mit dem Tango ein gutes Geschäft machen will, muss man genau dieses Format anbieten!

Die Musik erschien nicht einfach nur „traditionell“, wie ich es hunderte Male erlebt hatte, nein: eine durchaus gut zusammengestellte Auswahl schwer unterscheidbarer Titel, die meisten sehr langsam und ohne musikalische Dynamik wie Crescendos, Accelerandos, Pausen oder gar Stimmungswechseln. Insbesondere die Walzer und Milongas glichen langsam auslaufender Soße: Temperament, Spaß, Beschwingtheit? Forget it! Prinzip: mehr vom Gleichen...

Man musste halt zu Beginn einer Tanda sein Metronom auf die angesagte Schlagzahl einstellen, und bei der blieb es die ganze Runde über. Eine solch lähmende Monotonie hatte ich das letzte Mal als katholischer Jugendlicher in den Maiandachten beim Abbeten des Rosenkranzes erlebt.

Was mich die nächsten zwei Stunden geradezu mit Panik erfüllte: Wollte man diese Titel interpretieren, so konnte man sich tänzerische Extravaganzen, spontane Ideen oder lustige Einfälle sparen. Die Musik zwang einem die Monotonie geradezu auf.

Wie zu erwarten gab es in der beschriebenen Gruppe wenig tänzerische Unterschiede. Unbeholfene Anfänger sah ich ebenso wenig wie wirklich interessant tanzende Paare. Es wurde halt routiniert ein sich ständig wiederholendes Programm abgespult. Ich gehe jede Wette ein, dass man sich eine derartige Geläufigkeit auf Encuentros (oder Marathons) zuzieht: zehntausend Mal dasselbe – da rangiert die katholische Kirche mit den 59 Perlen des Rosenkranzes auf den hinteren Plätzen.

Einige der Gäste dürften mich als Renegaten erkannt haben, daher war meine Furcht, irgendwen anzurempeln, größer als sonst. Wäre mir das unterlaufen, hätte ich auch gleich dem Pfarrer an Fronleichnam die Monstranz aus den Händen schubsen können. Ja nicht!

Daher also aufpassen, die Ronda beachten, nur überholen, wenn es wirklich niemanden behindern oder auch nur irritieren könnte! Was natürlich auch hieß: den Traum vom Vorwärtskommen, vom Flow beerdigen.

Ein seltsames Gefühl: Jede eigene Initiative, jede individuelle Tanzweise schien mir schrittweise abhanden zu kommen. Wie schrecklich:

Immer mehr tanzte ich so wie alle anderen!

Kaum erwähnenswert, dass es mir schon schwerfiel, mit meinen Begleiterinnen aufs Parkett zu gehen – auf weitere Partnerinnen hatte ich wirklich null Bock. Zu meiner Beruhigung merkte ich bald, dass zu Beginn einer Tanzrunde die Cabeceos hin- und herflogen. Das ist der einzige Vorteil solcher Glaubenstreffen: Man muss in den prekären Momenten nur in die Luft gucken, dann hat man seine Ruhe.

Und ich möchte natürlich niemanden an seiner Religionsausübung hindern. Was aber ist der Sinn solcher Ronda-Prozessionen? Vielleicht hilft uns die kirchliche Sichtweise weiter:

„Man war überzeugt: Je mehr der Beter durch die Wiederholung meditierend in die Sinntiefe eines Wortes eindringt, umso mehr macht er sich die darin ausgedrückte Haltung zu eigen. Das Gebetswort wird zur inneren Haltung, die auch noch bleibt und das Leben bestimmt, wenn das Gebet nicht gerade gesprochen wird.“

https://www.katholisch.at/aktuelles/2017/09/29/geschichte-des-rosenkranzes

Und man gehört natürlich zu den wahrhaft Rechtgläubigen.

Dennoch: Nachdem ich dem Stumpfsinn öder kirchlicher Rituale entkommen bin, werde ich nun nicht den Ronda-Rosenkranz abspulen.  

Wer dennoch mal ein paar Tandas mitbeten möchte:

https://www.youtube.com/watch?v=KbfXlYc42xo

Kommentare

  1. In dem von Dir verlinkten Video wird auch zu Lágrimas Y Sonrisas, Ariel Ramírez, 1996, getanzt. Und das ist nicht so Dein Ding?

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    1. Na ja, schon ein wenig schwerfällig im Tempo und halt ein tausend Mal abgenudelter Klassiker... aber besser als nichts. Dafür gab es dann auch Applaus.

      Dass man sich an solchen Details abarbeitet, bestätigt mir immer wieder, dass ich im Grundsatz richtig liege.

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    2. Bei der Walzer-Tanda sieht man sehr schön, dass die meisten von den rhythmischen Kapriolen überfordert sind.

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    3. Wenn der DJ etwas spielt, das die Tänzer überfordert, dann ist das seine Schuld. Wenn diese danach applaudieren, dann ist das deren Schuld.

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    4. Die Frage ist halt nur: Warum haben sie applaudiert? War es die letzte Tanda, oder waren alle froh, dass mal nicht das notorische Geplürre erklang?

      Und nein: Wenn der DJ etwas spielt, das die Tanzenden überfordert, kann es entweder an ihm oder an den Akteuren auf dem Parkett liegen. So ist das generell bei Überforderung.

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  2. Ich kann mir ja durchaus vorstellen, dass sich durch externe Umstände mal unerwartet viele konservative und erfahrene Tänzer auf einer Milonga einfinden. Aber dass dort zufällig auch ein DJ ist, der seine Musikauswahl spontan an die Situation anpassen kann, das erscheint mir doch recht unwahrscheinlich.

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    1. Ich hatte nicht den Eindruck von irgendwelchen Zufällen. In den entsprechenden Kreisen war wohl der DJ bekannt. Das führte dann zu gemeinsamen Verabredungen.

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