Offener Brief an Ralf Sartori

 

Lieber Ralf Sartori,

Sie haben gestern auf Ihrer FB-Seite – in einem farbigen Kasten und mit Fettdruck – einen Satz zitiert, der vor den Schäden warnt, die eine „schweigende Mehrheit“ anrichten könne, die sich nur füge und alles mitmache. Ich glaube, diesem Appell werden viele, wohl sogar die meisten, zustimmen – wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Sie haben diesen Satz der Widerstandskämpferin Sophie Scholl zugeschrieben. Dies hat große Empörung ausgelöst: Irgendwas zwischen peinlich, amoralisch und geschichtsvergessen sei es, die damalige Situation auch nur ansatzweise mit der heutigen zu vergleichen.

Noch schlimmer aber: Man wies Ihnen nach, das Zitat sei dem bekanntesten Mitglied der „Weißen Rose“ nur untergeschoben worden. Ein Verfahren übrigens, das in der Querdenker-Szene gängig ist.

Den Bock, den Sie da geschossen haben, versuchen Sie nun durch einen neuen Begleittext zu korrigieren:

Und ob das nun Sophie Scholl oder wer auch immer gesagt hat, es geht mir um den Satz dabei, den ich wichtig finde, als stete Mahnung zur Wachsamkeit, und nicht, wer ihn gesagt hat. (…) Weil ich ihn als so zutreffend, wahr, wichtig und zeitlos gültig ansehe.“

Weiter schreiben Sie:

„Ich vergleiche unsere jetzige Zeit durch diesen Satz nicht mit der Nazi-Diktatur, möchte aber vor Tendenzen des zunehmenden Verschwindens einer offenen Gesellschaftsform und ihrer ganz selbstverständlichen Meinungs-Pluralität in allen Bereichen warnen.“

Weiter unten klingt das dann schon wieder etwas anders:

„Man soll zwar die Lehren aus der Geschichte ziehen, darf aber zugleich die Parallelen nicht sehen, weil das dann angeblich Verharmlosung der NS-Zeit wäre.“

Als Experte für „unerlaubte Zitate“ kann ich Ihnen nur raten: Einen solchen Aussetzer kann man nicht uminterpretieren. Da hilft nur löschen und sich entschuldigen.

Nicht nur Kanzlerkandidat/innen verlieren durch unsaubere Verwendung fremden geistigen Eigentums an Glaubwürdigkeit. Zudem ist Ihre nunmehrige Stellungnahme unklar: Ist es Ihnen tatsächlich egal, von wem das Zitat stammt? Hätten Sie es auch verwendet, wenn Donald Trump oder Alexander Gauland der Urheber wäre? Oder wollten Sie doch einen historischen Vergleich ziehen? Nicht versuchen, einen Zauberkünstler anzuschwindeln, gell?

Kritische Kommentare, denen Sie sich nun zunehmend ausgesetzt fühlen, bügeln Sie regelmäßig in der Art ab:

„Ich hab keine Lust mehr, auf Beiträge zu antworten, die nur aus Behauptungen, Unterstellungen oder reinen Bekenntnissen bestehen, aber an keiner Stelle argumentativ das bisher Gesagte, also vorangegangen Argumentationen aufgreifen.“

Das kann ich grundsätzlich sehr gut verstehen – nur dürfen Sie das auf sozialen Plattformen wie Facebook nicht erwarten. Außerdem sollte man solche Ansprüche stets auch am eigenen Tun messen.

Aber gut – gehen wir mal hart an die Sache! Das angebliche Sophie Scholl-Zitat lautet:

„Der größte Schaden entsteht durch die schweigende Mehrheit, die nur überleben will, sich fügt und alles mitmacht."

„Der Begriff wurde von US-Präsident Richard Nixon in einer Fernsehansprache am 3. November 1969 populär gemacht, in der er sagte: Und deshalb bitte ich heute Abend - Sie, die große schweigende Mehrheit meiner amerikanischen Landsleute - um Ihre Unterstützung. In diesem Sprachgebrauch bezeichnete es jene Amerikaner, die sich damals nicht an den großen Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg beteiligten, die sich nicht der Gegenkultur anschlossen und sich nicht am öffentlichen Diskurs beteiligten.“

https://at.wikinew.wiki/wiki/Silent_majority

Die „schweigende Mehrheit“ hat Nixon nichts geholfen: Obwohl er 1972 noch mit großer Mehrheit wiedergewählt wurde, musste er 1974 wegen der Watergate-Affäre zurücktreten, der Vietnamkrieg wurde 1975 verloren.

Der schöne Begriff passt auch nicht auf die Nazizeit. Es waren durchaus redende und handelnde Mehrheiten, die Adolf Hitler an die Macht brachten und hielten: Bei der parlamentarischen Abstimmung über die Abschaffung der Demokratie am 24.3.1933 gab es für das Ermächtigungsgesetz 444 Ja-Stimmen bei insgesamt 538 gültigen Stimmen.

Bereits 1932 erzielte die NSDAP bei der Reichstagswahl gut 37 Prozent. Hätte es in der Folge Meinungsumfragen gegeben, hätten die Nazis bis Anfang der 1940er-Jahre wohl deutliche Mehrheiten erzielt. Der Stimmungsumschwung kam nach den hohen Verlusten im Russlandfeldzug und dem Bombardement der deutschen Städte. Selbst Sophie Scholl war zunächst begeisterte Scharführerin im „Bund deutscher Mädel“ – erst die Berichte und Erfahrungen von der Ostfront motivierten die Mitglieder der „Weißen Rose“ 1942 zu ihrer Widerstandstätigkeit.

Nach dem Krieg erfand man die Mär, das deutsche Volk habe sich quasi im „inneren Widerstand“ befunden und es nur nicht gewagt, sich offen gegen die Nazis zu wenden. Mich gruselt es, wenn man heute das gesunde Empfinden" des Volkes für sich reklamiert.

Erst recht nicht ist dieses Zitat auf unsere heutige Situation anzuwenden. Ist es zu kritisieren, wenn Menschen „nur überleben“ wollen? Ich halte es für eine sehr verständliche und natürliche Reaktion, wenn man beispielsweise nicht an Covid-19 sterben möchte und daher Einschränkungen und Impfungen bejaht. Seit Beginn der Pandemie gab es immer Meinungsumfragen, in denen eine große Mehrheit – anonym und ohne Zwang – die jeweiligen Maßnahmen der Regierenden bejahte, sie sich teilweise noch strenger wünschte. Dies alles wird von Ihnen immer wieder mit der Behauptung einer diffusen „Angst“ erklärt:     

„Ja, die Angst führt wieder Regime. (…) Und diesmal kommt sie gleich von mehreren Seiten: als Angst vor dem Virus, als Angst vor weiteren Restriktionen auf allen Ebenen oder als Angst vor Repressalien und Mobbing. Aber ganz egal, solange all diese Ängste so sehr von der Politik instrumentalisiert werden, sollten wir uns besser anders orientieren als uns von irgend welchen Ängsten vor sich her treiben zu lassen wie eine panische Herde.“

Dazu gehört das ständige Beschwören von „Repressalien und Mobbing“. Klar, wer offen seine – vielleicht auch noch ziemlich extreme – Meinung sagt, muss mit Gegenreaktionen rechnen, die nicht immer fair sind. Nur war das noch nie anders und in unserer jüngsten Geschichte schon viel schlimmer. Was musste beispielsweise jemand in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik aushalten, wenn er die Homosexualität als menschliches Recht verteidigte? Zivilcourage gehört stets dazu.

Nein, wir leben heute in einer erstaunlich offenen und pluralistischen Gesellschaft. Im Deutschen Bundestag sitzen derzeit sieben Parteien – so viele wie noch nie in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Es gibt öffentlich-rechtliche, aber auch jede Menge private Medien. Und das Internet bietet nun wirklich alle Möglichkeiten, jede noch so abstruse Meinung hinauszuposaunen und Gleichgesinnte zu finden.  

Lieber Ralf Sartori,

wie Sie vielleicht merken, unterstelle ich Ihnen keine bösen Absichten und ordne Sie auch nicht pauschal irgendeinem „Lager“ zu. Mit Recht beklagen Sie:

„Bei vielen scheint einfach keinerlei Bereitschaft vorhanden zu sein, mal eine andere Perspektive, wenigstens versuchshalber einzunehmen, und sei es nur, den Blick mal zwischendurch zu erweitern.“

Ich kann Ihren Frust durchaus verstehen. Den kulturellen Bereich hat Corona wirklich schwer getroffen, wir vermissen alle den Tango und halten manche behördliche Entscheidungen gerade in unserem Bereich für wenig verständlich. Mir wäre es auch lieber gewesen, unsere Zauber- und Musikauftritte weiterführen zu können. Oder unsere privaten Milongas, die mir besonders am Herzen liegen.

Nur sollten Sie dann ebenso bereit sein, die Dinge mal aus der Perspektive der von Ihnen Gescholtenen zu betrachten. Dazu würde gehören, der Politik nicht reflexhaft böse Absichten und verschwörerisches Tun zu unterstellen. Für diese Pandemie gibt es halt keine Blaupause, und vielen Volksvertretern – von Gemeinderäten bis hin zu Bundestagsabgeordneten oder Ministern – wäre es sicher lieber gewesen, sich nicht seit bald anderthalb Jahren fast rund um die Uhr mit diesen Problemen herumschlagen zu müssen.

Aus meiner Sicht bedienen Sie da einen ruinösen Mechanismus: Jeder, der nicht in Ihrem Sinne den Weltuntergang beklagt, wird als träge, wenn nicht dämlich hingestellt. Statt von „schweigenden“ Mehrheiten zu fantasieren, muss man halt die realen Mehrheiten akzeptieren und sie nicht als Betriebsunfall deuten. Zudem beinhaltet Meinungsfreiheit auch, sich nicht zu allem eine Meinung bilden zu müssen - vielleicht, weil man behauptete Krisen gar nicht erkennen kann.

Zu einem echten Demokraten gehört es, Niederlagen anzuerkennen. Niemand will Ihnen Ihre Meinung nehmen. Sie sollten im Gegenzug wahrnehmen, dass die überwältigende Mehrheit derzeit nicht meint, wir steuerten geradewegs auf eine Diktatur zu.

Mit besten Grüßen

Ihr Gerhard Riedl

P.S. Sie dürfen auf meinen Brief gerne antworten. In Ihrem Fall akzeptiere ich sogar das Pseudonym.

Kommentare

  1. Ein sehr sachlicher, ausgewogener und wohlwollend wirkender Brief.

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    1. Na ja, Ralf Sartori wollte ja eine sachlich-argumentative Auseinandersetzung. Die kann er gerne haben. Voraussichtlich wird er dennoch nicht darauf antworten.

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  2. Danke. Meine uneingeschränkte Zustimmung.

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  3. Karl Peter Rücknagel12. August 2021 um 15:00

    Ich kann Ihnen nur beipflichten.

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  4. Lieber Peter Riedl,
    vielen Dank für diese so sehr wshren und klaren Worte, die bei einer Vielzahl der aktuellen Meinungsäusserungen treffend und angebracht sind! Dsnke!

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