Darüber macht man keine Witze!

 

Auf ihrer Facebook-Seite teilte eine deutlich impfgegnerische Heilpraktikerin einen Cartoon von Martin Perscheid. Da ich – offenbar im Gegensatz zu ihr – nicht über die Nutzungsrechte an der Zeichnung verfüge, kann ich diese hier leider nicht veröffentlichen. Man findet sie aber auf der Seite der betreffenden Dame:

https://www.facebook.com/martinacarmen.lamping (Post vom 25.8.21)  

Für Facebook-Fremde: Zu sehen ist eine Mutter mit zwei Kindern beim Arztbesuch. Der Doktor hinterm Schreibtisch tröstet sie:

„Nein, Sie müssen Ihre Kinder nicht impfen lassen. Sollte eine Epidemie ausbrechen, dann verbrennen wir einfach eine Hexe!“   

Die Heilpraktikerin lässt keinen Zweifel daran, dass ihr diese Satire missfällt:

„Bevor jemand denkt, dies hätte ich als Witz gepostet: NEIN! Ihr solltet mich soweit kennen...“

Im weiteren Verlauf steigert sie noch die Dramatik:

„Ja, Horror. Es scheint alles wiederzukommen. So schlimm! Und die Menschheit lernt einfach nicht dazu...“

„Für die, die es vielleicht nicht verstehen: Ich will mit diesem furchtbaren ‚Witzbild‘ aufzeigen, wie wir gesteuert werden. Ungeschlimmpfte gleich die Hexen von früher. Dazu im Hintergrund die gewollte Abschaffung der Naturheilkunde und ihren Anhängern. Es hat sich nicht viel geändert...die Menschen sind gleich geblieben: es braucht einen Sündenbock. Geld, Macht und Gier beherrscht unsere Welt.“

Die durch solche Cartoons sicherlich bald untergehen dürfte…

Ich gestehe, dass ich über diese Karikatur herzlich lachen musste. Übrigens auch über die Kritikerin, die den Scherz nicht mal ganz kapiert hat: Es ist egal, ob die „Hexen“ geimpft sind oder nicht – die müssen halt als Sündenböcke (wie gendert man das?) herhalten. Aber nicht jeder muss die Anspielung auf früheren Aberglauben bei Pandemien verstehen…

Die Kommentare auf dieser Seite schlagen erwartungsgemäß in die gleiche Kerbe:

„Kann ich nicht drüber lachen. So Hirnlos ist das. Man macht über gewisse Dinge keine Witze oder Cartoons. Aber für Geld scheinen viele selbst ihren Verstand zu verkaufen. Egal ob man es so oder so sieht. Aber Witze macht man damit nicht.“

„verstand wurde bereits im letzten jahr an irgenteiner gaderobe oder im spielparadies vergessen“

„Wenn man der Realität nicht gerecht wird und Lügen nicht mehr geglaubt werden, dann hilft nur noch alles ins lächerliche zu ziehen. Da viele Menschen echten Humor nicht von böswilliger Satire unterscheiden können, führt das manchmal sogar zum gewünschte Ergebnis.“

Bezeichnend ist, dass auf dieser FB-Seite am gleichen Tag ein kurzes Video veröffentlicht wurde, in dem sich ein Äffchen eine gefundene Stoffmaske aufsetzt. Das fand man eher lustig:

„Der kleine Affe zeigt dem homo sapiens wie affig das ist, das mit der Maske“ 

Ich gestehe, auch über dieses Video geschmunzelt zu haben. Künstlerisch wertvoller erscheint mir der Beitrag Perscheids, der ja nicht einfach eine Kamera draufgehalten hat, sondern selber schöpferisch tätig war.

Mir geht es in meinem Beitrag nicht um die obige Heilpraktikerin, weshalb ich sie auch nicht namentlich nenne, sondern um eine Haltung, die zweierlei verwechselt: die Beurteilung einer künstlerischen Leistung und die Frage, ob man mit der Meinung des Schöpfers konform geht.

Ich kenne den Effekt wahrlich genug von meiner eigenen Arbeit. Da werden auch schwächere Texte ausgiebig gelobt, nur weil sie zufällig der Einstellung des Betreffenden entsprechen. Andererseits kann ich noch so gute Artikel schreiben – was anderen von der Tendenz her gegen den Strich geht, wird erbarmungslos verrissen.

Daher sage ich: Manche Kritik trifft mich in keiner Weise – manches Lob allerdings ebenso wenig.

Einer der obigen Kommentatoren schafft es, in zwei aufeinander folgenden Sätzen gleich die beiden schrecklichsten Klischees dazu unterzubringen:

Man macht über gewisse Dinge keine Witze oder Cartoons. Aber für Geld scheinen viele selbst ihren Verstand zu verkaufen.“

Doch – man darf grundsätzlich über alles Witze machen. Die Frage ist eher, auf welcher Qualitätsstufe sie sich bewegen. Und dann könnte man sie auch mal gut finden, wenn man inhaltlich anders denkt. Und klar, wer etwas unternimmt, das einem gegen den Strich geht, macht das ja nur wegen des Geldes. Woher weiß man das? Ich würde es eher für naheliegend halten, dass ein Cartoonist versucht, von seinen Arbeiten zu leben – wie jeder andere Berufstätige auch.

Übrigens ist das Martin Perscheid nicht wirklich gelungen. Obwohl er ein sehr angesehener Künstler war, musste er seine Einkünfte mit Nebenjobs aufbessern. Vor einem Monat erlag er mit nur 55 Jahren einem Krebsleiden.

https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Perscheid

Ich weiß nicht, ob man darauf so anspielen muss wie ein Kommentator auf obiger Seite:     

„Perscheid braucht inzwischen keine 3. Pimpfung mehr..“

Darüber konnte ich weder lachen noch schmunzeln, bin aber weit davon entfernt, mich darüber aufzuregen. Auch in Cartoons wird der Tod als Thema nicht ausgeschlossen.

Was mich viel mehr aufbringt, ist das spießige Gedöns von „echten Humor“ und „böswilliger Satire“, dass lediglich beweist, dass man hierzulande offenbar Schulabschlüsse auch ohne Literaturunterricht erreicht. Ich hatte wirklich geglaubt, dass wir seit dem Ende der Regierung Kiesinger auf solchen öffentlich geäußerten Stuss verzichten könnten.

Das war offenbar ein Irrtum. Daher ist wohl heute wieder die Erinnerung nötig: Der Satz Man macht über gewisse Dinge keine Witze oder Cartoons“ rechtfertigt in vielen Ländern dieser Welt Einschränkungen der Kunst- und Pressefreiheit. Neu daran ist, dass er heute von Leuten geäußert wird, die sich um ihre „Grundrechte“ betrogen fühlen. Sie meinen offenbar nur ihre. 

P.S. Wer Perscheids „Abgründe“ noch nicht kennen sollte:

https://www.youtube.com/watch?v=WqttfwUyr0A

Kommentare

  1. Robert Wachinger31. August 2021 um 18:59

    Perscheid, ein wirklich genialer, bösartiger Cartoonist. Schade, dass er so früh von uns gegangen ist.
    (und was ich über die Leute denke, die den Cartoon nicht verstanden habe, schreib ich lieber nicht)

    Ciao, Robert (Perscheid-Fan)

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    1. Ich muss gestehen, dass ich zwar einige Karikaturen kannte, mir aber der Name Perscheid nicht wirklich etwas sagte.
      Gut, dass die oben zitierte Dame so ein Gedöns gemacht hat - wieder was dazugelernt!

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