Einen Baerbock geschossen

Bei Schützenfesten wurde (nachweislich bereits im 15. Jahrhundert) dem schlechtesten Schützen als Trostpreis ein Ziegenbock überlassen. In den Schützengilden des 16. Jahrhunderts bedeutete „Bock" „Fehlschuss".

https://www.redensarten-index.de/suche.php?suchbegriff=~~einen+Bock+schiessen&suchspalte%5B%5D=rart_ou

Ich habe mich längst von der Illusion verabschiedet, man könne den auf Facebook veröffentlichten Blödsinn nicht noch unterbieten. Überrascht hat mich dennoch, einen solchen Abbau auf der Seite eines Tangoveranstalters zu finden, den ich bislang für halbwegs vernünftig gehalten habe.

Gestern publizierte er auf seiner FB-Seite fettgedruckt eine Äußerung des Vorsitzenden der Jungen Union, Tilman Kuban:

„Erst den Lebenslauf mit wenig eigener Leistung und viel heißer Luft produzieren, jetzt beim Buch abschreiben. So kann man kein Land führen."

Dies kommentierte besagter Tanguero mit dem Satz:

„Der arme Armin, jetzt kriegt er's auch noch von den eigenen Leuten...“

Ein anderer Vertreter der Tangoszene, mir seit langem bekannt durch viele Beiträge im Stil von Intelligenz-Mimikry (und wütende Kommentare zu meinem Blog), legte sofort mit dem Link zu einem SPIEGEL-Artikel nach, der sich mit Armin Laschets Plagiat in seinem Buch befasst:

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/armin-laschet-cdu-raeumt-fehler-in-eigenem-buch-ein-a-83bbaeb0-0c3a-495e-b300-cd9674d2b0b8

Die facebooktypische Empöreria ließ nicht lange auf sich warten: Mehrere Leser beeilten sich, in diese Kerbe zu hauen:

„Das der von der Jungen Union nachtritt war klar, der hätte doch gerne den Neoliberalen Merz als Kanzlerkandidat gehabt!“

„Er hat doch Recht….Laschet hat das selbst zu verantworten, das er nicht wählbar ist.“

„Ach Merz, über diesen arroganten Fatzke müssen wir gar nicht reden….allein der Gedanke schüttelt mich….“

Mittels zweier Kotz-Emojis werden diese Aussagen untermauert.

Ich kam sofort ins Grübeln: Kann es wirklich sein, dass der Bundesvorsitzende der Jungen Union in der Endphase des Wahlkampfs den eigenen Parteivorsitzenden derart angeht? Und wieso Lebenslauf? Mir war nicht bekannt, dass der CDU-Chef seine Biografie geschönt hätte. Na gut, seine Lehrtätigkeit an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen erwähnt er anscheinend nicht mehr – wegen der Sache mit den Klausur-Bewertungen… Aber sonst? Da hat er doch auch ohne kosmetische Bearbeitungen einiges zu bieten: 1989 zog er mit 18 Jahren in den Aachener Stadtrat ein, 1994 wurde er Bundestagsabgeordneter, 1999 Mitglied des Europaparlaments, 2010 Landtagesabgeordneter, 2005 auch Landesminister in NRW. Seit 2017 ist er dort Ministerpräsident. Und nun CDU-Vorsitzender und Kanzlerkandidat… das muss man erstmal hinkriegen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Armin_Laschet#Politische_Laufbahn

Nach drei Mausklicks fand ich meinen Argwohn bestätigt: Tilman Kuban hatte diese Äußerung gegenüber dem FOCUS eindeutig nicht auf Laschet, sondern auf Annalena Baerbock bezogen.

Als ich gerade per Kommentar auf diesen Lapsus hinweisen wollte, hatte dies bereits eine andere Leserin getan – ich schob den Link hinterher:

https://www.focus.de/politik/deutschland/bundestagswahl/teile-von-buch-abgeschrieben-union-und-spd-kritisieren-baerbock-wegen-plagiatsvorwuerfen-und-fordern-erklaerung_id_13449169.html

Der Urheber des Irrtums tat nun so, als sei ihm das von Anfang an klar gewesen: „Genau. Das macht es ja extra-pikant.“

Na ja, irgendwie schon…

Was mich dann aber wirklich fassungslos machte: Kein Mensch ging auf diesen fatalen Irrtum ein oder korrigierte seine Beiträge – nein, man diskutierte weiter fröhlich über Laschet und … Olaf Scholz! Ob der wohl auch ein Buch mit Plagiaten verfasst habe?

Was das Ganze noch pikanter macht: Offenbar ist an dem Vorwurf, der CDU-Chef habe in seinem 2009 (!) erschienenen Buch abgekupfert, so gut wie nichts dran. Der österreichische Plagiatsprüfer Stefan Weber, der die ganze Sache aufgebracht hatte, erklärt nun, dass die beanstandete Textstelle wohl die einzige sei, bei der eine saubere Quellenangabe fehlt: „Eine einzige Stelle ist der Debatte (noch) nicht wert und deren Veröffentlichung verwässert eher das Problem. Bei der Plagiatsidentifikation geht es immer um die Suche nach einem Muster und nicht um Singularität."

https://www.tagesschau.de/inland/laschet-buch-103.html

Daher bleibt mir nur zu sagen: Hätte ich in einem meiner Texte einen solchen Bock geschossen, wäre mir das saupeinlich – und ich hätte meinen Fehler sofort zugegeben. Aber so ist das halt nicht nur auf Facebook: Man liest das, was man lesen möchte – ob es nun dasteht oder nicht. Dabei bleibt man dann.  Und derzeit ist es halt schick, über Laschet herzuziehen. Irgendwas wird schon dran sein…

Was mich fast selber zum Kotz-Emoji greifen lässt: Das schreiben oft Leute, die selber in den sozialen Medien haufenweise geistiges Eigentum oder Bildmaterial Dritter veröffentlichen – teilweise unter abenteuerlicher Missachtung des Urheberrechts. Wer keine eigenen Ideen hat, bedient sich dann halt großzügig bei Dritten.“ Diesen einleitenden Satz des Statements von Tilman Kuban hätte man mit zitieren sollen.

„Der Einäugige ist unter den Blinden der König“, schrieb einer der Kommentatoren. Das kann man auch auf die Politiker und ihr Volk beziehen. Daher meine ich: Egal, welcher der drei Spitzenleute Kanzler wird – für diese Wähler wird es reichen.

Auf welchem Level man über Politik und Gesellschaft diskutieren könnte, hat der legendäre Günter Gaus unter anderem in seiner Sendereihe „Zur Person“ bewiesen, die ab 1963 im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Der Interviewer war nur anfangs kurz im Bild zu sehen, ansonsten ausschließlich der Gesprächspartner in verschiedenen Perspektiven. Zur Gepflogenheit gehörte es damals noch, den Politiker aussprechen zu lassen und ihm nicht mit Suggestivfragen und vorgefassten Meinungen zu kommen. Vor allem aber: über wirklich bedeutende Themen zu reden – unter Verzicht auf tagesaktuelle Skandälchen.

Wer diese Sternstunden eines längst dahingegangenen Journalismus nicht kennt und sich ein Stündchen Zeit nehmen möchte – hier ein Gespräch mit Helmut Schmidt aus dem Jahr 1966:


https://www.youtube.com/watch?v=x2xL0ZFaSFc

Quelle: https://www.facebook.com/christian.rothschild.18

Kommentare

  1. zu "Was mich fast selber zum Kotz-Emoji greifen lässt: Das schreiben oft Leute, die selber in den sozialen Medien haufenweise geistiges Eigentum oder Bildmaterial Dritter veröffentlichen – teilweise unter abenteuerlicher Missachtung des Urheberrechts. „Wer keine eigenen Ideen hat, bedient sich dann halt großzügig bei Dritten.“ Diesen einleitenden Satz des Statements von Tilman Kuban hätte man mit zitieren sollen." gibt es nur noch eine steigerung. man zitiert gegen den ausdrücklichen willen der autoren.

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    1. Nein. Auch auf die Gefahr hin, dass Sie es weiterhin nicht kapieren: Es wäre grob verfassungswidrig, wenn man den Blödsinn, den einer erzählt oder schreibt, nur mit dessen Zustimmung zitieren dürfte.

      Das gilt auch im Privatleben: Viele Ehestreitigkeiten verlören ihren Schmelz ohne das Argument "du hast damals gesagt..."

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    2. P.S. Haben Sie eigentlich mein Einverständnis eingeholt, mich zitieren zu dürfen?

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    3. was ist an "zitiert gegen den ausdrücklichen willen der autoren" so unverständlich?

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    4. Gar nichts. Es ist nur Quatsch.

      Spaß beiseite - Sie dürfen mich jederzeit zitieren. Die Beschäftigung mit guten Texten kann stilbildend wirken.

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    6. Sorry - keine anonymen Kommentare!

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    7. du bist so unglaublich verkrampft! mach dich mal locker und geniesse das leben.
      die Zeiten haben sich geändert. deine autoritäre, spiessige, deutsche oberlehrerwelt ist vorbei.
      die menschen leben heute einfach - tu das auch, anstatt dich mit dingen wie rechtschreibung zu beschäftigen.
      die dinosaurier sind ausgestorben- und du?
      nutze die paar jahre noch um mal richtig aufzutauen und ja zum leben zu sagen, anstatt dich in deinem kleinkarierten universum zu verlieren.
      ziehe den stock aus deinem a.
      gehe einfach mal unverkrampft tanzen oder was auch immer, aber höre auf den besserwisserischen, rechthaberischen klugscheisser zu spielen.
      wenn du deine einzige lebensfreude aus dem rechthaben beziehst- nur zu, aber macht das glücklich, bro?
      YOLO.




      hug, dein Ben Dover

      p.s. ich muss es nochmal sagen: mach dich einfach mal locker, gerd! und alles wird fließen - glaub mir! selbst Dein tanz wird dann vom robostyle zum fluffigen dance-erlebnis. raus aus dem Kopf gerd- rein ins leben ;-) !

      pps dont forget: du bist nicht mehr der babo im postwilhelminischen klassenzimmer. Jeder honk darf dir jetzt sagen was er von dir hält, in jeder ausdrucksweise (ausser in deiner heilen zensurwelt hier) - deal with it.

      ppps: dein Layout hier ist soooooooooooooo lame. erinnert an kukident und veilchenduft

      pppps hast du mal beiträge wie diese ins verhältnis gesetzt zu zustimmenden Kommentaren?
      macht das nicht nachdenklich, du alter märtyrer ;-)



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    8. Tja, Bruder, was soll man dazu sagen?

      Was muss man für eine arme Sau sein, dass einem nachts um Zwei nichts Besseres einfällt, als solch pseudolockeren Müll zu produzieren? Was du da in die Tastatur hackst, ist verkrampft hoch drei. Wenn du einfach nur leben möchtest, tu es doch!

      Ich kann doch nichts dafür, wenn du dich stets zurückgesetzt und zu wenig beachtet fühlst und dich daher an meinen Texten abarbeiten, deine fehlende Lebensfreude mit Hasskommentaren ersetzen musst! Dass du dich nur noch unter Pseudonym zu äußern traust.

      Schau einfach nach vorne, statt dich mit Texten abzugeben, die dich nur in seelische Krisen stürzen. Glaub mir, das wird deine verwüstete Seele nicht heilen. Glaub deinen ehemaligen Freunden: Du brauchst eine Therapie, und zwar dringend.

      Gute Besserung!

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