Umarmung statt Tanzen

Die Umarmung (sagen wir besser „abrazo“) gilt heute als heilige Kuh des Tango. Wundersame Kräfte werden ihr nachgesagt. Klaus Wendel ist auf ein Video gestoßen, das schon im Titelbild höchst wissenschaftlich daherkommt: Wir sehen jede Menge biologische Schemata, Diagramme und auch nette mathematische Formeln. Titel: „Die Biologie einer 20 Sekunden-Umarmung“.  

Na, was mag da erst in dreieinhalb Minuten entstehen – zumal das schematisch abgebildete Paar auch noch nackig ist!

https://www.youtube.com/watch?v=_oT95q9Y7gA

Ich habe mir das Video nicht in voller Länge gegeben – schließlich muss ich mit meiner verbleibenden Lebenszeit ökonomisch umgehen. Mir reicht schon die Botschaft: Wenn man das nächste Mal jemanden umarme, solle man bis 20 zählen. Aber wenn ich eine Frau so lange umarme, komme ich mit dem Zählen durcheinander…

Sicher, eine Umarmung kann Herzfrequenz und Blutdruck senken. Für mich ist diese Wirkung größer, wenn ich dabei störende Musik ausmache. Gerne auch länger als 20 Sekunden. 

Der Kollege titelt: „Was macht eigentlich die Umarmung mit uns?“ Hoffentlich nichts. Wenn schon, möchte ich was mit der Umarmung machen!

Der Abrazo gehört heute zum unverhandelbaren Inventar des historischen Tango. Bereits Altblogger Cassiel hat uns vor 15 Jahren „Zum gefühlten Widerspruch zwischen umarmungsfokussiertem- und bewegungsfokussiertem Tango“ aufgeklärt. Zu dieser Blütezeit gab es zu solchen Themen noch 81 Kommentare… tempi passati.

Allerdings kamen damals noch Kommentare wie „Es hat noch niemand durch Besserwisser, Fundis und erhobene Zeigefinger zum ‚umarmungsfokusierten‘ Tango gefunden oder es auf eine traditionelle Milonga geschafft.“

Heute unvorstellbar!

https://tangoplauderei.blogspot.com/2011/06/zum-gefuhlten-widerspruch-zwischen.html (17.6.2011)

Ich möchte nicht weiter auf Wendels neuen Artikel eingehen. Ich glaube, er ist es wert, gelesen zu werden – und in vielen Punkten stimmt er sogar.

https://www.tangocompas.co/was-macht-eigentlich-eine-umarmung-mit-uns/

Ich habe nun länger darüber nachgedacht, warum es in den ersten Jahrzehnten meiner tänzerischen Laufbahn so wenig um die sagenhafte „Umarmung“ ging, die unsere Lehrkräfte schlicht als „Tanzhaltung“ bezeichneten – mit leichten Variationen je nach Art des jeweiligen Tanzes. Entscheidend waren die Bewegungen zur Musik, der Ausdruck des Paars.

Im Tango haben wir in mehr als einem Vierteljahrhundert erlebt, wie unterschiedlich der Kontakt im Paar sein kann: Da gibt es vieles zwischen inniger Nähe und größerem Abstand, ja sogar mit völliger Auflösung der physischen Verbindung. Letzteres macht übrigens mit sehr guten Tänzerinnen viel Spaß! Man agiert, als ob es unsichtbare Fäden zwischen den Partnern gäbe – und klar: Die existieren auch. Den Rest sagt uns die Musik.

Im Gegensatz zu meinem Kollegen meine ich: Man sollte Lernende zu Beginn nicht mit irgendeiner speziellen Art von „Umarmung“ belästigen.

Wie ist denn die Situation zu Beginn eines Anfängerkurses? Oft sind beide höllenmäßig aufgeregt. Dann erfahren die Damen, die vornehmste Pflicht des Weibes sei es, sich den Ideen des Mannes zu fügen. Auch wenn der keine hat. Auf der anderen Seite habe der Herr zu führen – wohin auch immer. Zur Vergrößerung der Katastrophe müssen die Frauen dann gleich mal in den Hemdkragen eines unbekannten Typs müffeln.

Und natürlich lockt unser Tanz jede Menge Männer an, welche das Angebot „Weiber anfassen für 10 Euro“ nicht ausschlagen.

Ja, so schön kann Tango sein!

Daher sage ich: Es ist anfangs völlig egal, wie die beiden Partner ihren Kontakt herstellen. Vom mir aus halten sie sich an einem oder zwei Händchen oder an den Unter- oder Oberarmen. Das Weitere entwickelt sich allmählich – je nach Erfolg oder Scheitern der Kommunikation. Das muss jeder und jede selber ausprobieren.

Bei einer erfahrenen Tänzerin kriege ich in ein paar Sekunden heraus, wie nah und eng sie die Verbindung möchte. Leider gehen heute viele Damen gleich zu Beginn in den Vollkontakt – vielleicht, um zu zeigen, dass sie tangoideologisch auf dem neuesten Stand sind. Manche lernen dann innerhalb einer Tanda, dass mit etwas Abstand mehr geht. Dann packen sie teilweise Sachen aus, die ich anfangs nie erwartet hätte!

Klar ist natürlich: Die Frau bestimmt den Abstand – und wo und wie sie nicht von Jedermann angefasst werden möchte, hat uns damals doch Mutti schon so schön erklärt!

Viele in der Szene tragen diese „Verbindung“ wie eine Monstranz vor sich her. Man kann damit zeigen, zu den tangomäßig „Erleuchteten“ zu gehören. Inklusive Enge ums Brustbein.   

Doch lassen wir abschließend noch Meister Wendel zu Wort kommen:

„Ich habe in den letzten vierzig Jahren unzählige Stunden damit verbracht, Menschen das Gehen im Tango beizubringen. Heute glaube ich manchmal, dass ich viel früher hätte damit beginnen sollen, ihnen zuerst das Umarmen beizubringen. Vielleicht wären dann viele Schritte ganz von allein entstanden.“  

Ach, ich finde, das hat er schon richtig gemacht. Sonst verkommt der Tango zum „Geronto-Stehschmusen“:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2022/04/geronto-stehschmusen.html

Oder, um ein Lieblingswort des Kollegen zu variieren:

„Umarmen, während Musik läuft“

Kommentare

  1. Herr Riedl,
    es ist ja durchaus interessant, wenn Sie über meinen Artikel schreiben. Bitte ziehen Sie daraus aber nicht erneut falsche Schlüsse darüber, wie ich unterrichte.
    Eine Kapitelüberschrift meines Textes lautet ausdrücklich: „Warum ich die Umarmung im Unterricht langsam entstehen lasse“. Bei Anfängern bin ich damit nämlich sehr zurückhaltend, während andere Lehrende deutlich direkter und früher damit beginnen. In meinem Unterricht entwickelt sich die engere Umarmung über mehrere Monate hinweg. Die Schüler sollen sich langsam daran gewöhnen, ohne das Gefühl zu bekommen, dass Nähe ihre Bewegungsfreiheit einschränkt.
    Sie kennen außerdem meine bisherige Kritik an zu viel Umarmung und zu wenig Tanz. Nicht ohne Grund habe ich gelegentlich gespottet, man könne sonst auch gleich „Klammerblues-Unterricht“ anbieten.
    Ich selbst war einer sehr engen Umarmung im frühen Unterricht gegenüber lange skeptisch. Sie verlangt viel Übung, Körperverständnis und die Bereitschaft, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln. Für durchschnittliche Freizeittänzer, die vielleicht nur eine Stunde pro Woche Unterricht nehmen, kann das schnell überfordernd wirken. Nach meiner Erfahrung schreckt man Menschen damit eher ab, als dass man sie für den Tango begeistert.
    Viele Anfänger entdecken offenbar erst auf Milongas, dass die Umarmung innerhalb der Tango-Gemeinschaft als ein wesentlicher Bestandteil des Tanzes gilt. Dann beginnen sie häufig zu früh und ohne ausreichende Vorbereitung damit. Das kann tatsächlich zu jenem unbeholfenen Aneinanderhängen führen, das Sie als „Geronto-Schmusen“ bezeichnen. Diese Formulierung finde ich allerdings ziemlich herablassend. Schließlich sind nicht alle Tänzer so alt wie Sie.
    Wer die enge Umarmung grundsätzlich ablehnt, sollte sich zugleich mit Spott über diejenigen zurückhalten, die sie als schön und sogar als Inbegriff des Tangos empfinden.
    Ich denke, man kann erst dann ernsthaft über etwas urteilen, wenn man es selbst ausprobiert und sich bemüht hat, es wirklich zu verstehen. Danach kann man es immer noch ablehnen. Kritik aus Unkenntnis ist dagegen wenig glaubwürdig.
    Grüße
    Klaus Wendel

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    1. Lieber Kollege,
      ich habe kein Wort darüber verloren, wie Sie unterrichten. Das weiß ich nämlich nicht. Basis ist nur, was Sie in Ihrem Artikel schreiben. Ich empfehle, Texte so zu verfassen, dass man sie hinterher nicht wieder durch lange Dementis einfangen muss.
      Wer meinen Beitrag liest, sollte mitbekommen, dass ich die enge Umarmung , je nach Situation und Tanzstil der Partnerin, durchaus einsetze.
      Aber ich will mich nicht auch noch in Richtigstellungen ergehen.
      Wer meine Texte anders interpretieren will, soll es halt tun – ich kann es nicht verhindern.

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